DAN DAW

Foto: Sabrina Weniger

Vom 31. August bis 3. September treffen sich auf der 14. internationale tanzmesse nrw Künstler:innen und Tanzschaffende aus über 45 Ländern in Düsseldorf. Als Teil einer vierköpfigen Jury hat der australische Künstler Dan Daw das hochkarätige Programm der Tanzperformances mitentwickelt und die Sichtbarkeit der vertretenen behinderten Künstler:innen erhöht. Dan ist queer und behindert, nennt sich offensiv ”Crip“ („Krüppel“) und thematisiert das in seinen eigenen Stücken. Als Direktor der in Sydney ansässigen Performance-Kompanie Murmuration vergibt er Auftragsarbeiten an behinderte Künstler:innen, entwickelt und produziert diese. Dan begann seine Arbeit als Performer mit dem Restless Dance Theatre im Jahr 2002 und hat seitdem mit vielen Kompanien, Künstler:innen und Tanzinstitutionen gearbeitet, wie dem Australian und Scottish Dance Theatre und Skånes Dansteater aus Schweden. Seine Ambition als behinderter Künstler ist es, die Diskussion über Tanz und Behinderung zu beeinflussen und anzuführen.

Für Leute, die Dich und Deine Kunst nicht kennen, wie würdest Du deine Arbeit beschreiben? Ich bin ein britisch-australischer Queer- und Crip-Künstler, der mit einem wachsenden Netzwerk von Unternehmen und Künstlern zusammenarbeitet, um neue Arbeiten für das britische und internationale Publikum zu entwickeln. Unter dem Banner von Dan Daw Creative Projects mache ich Arbeiten, die die Grenzen zwischen Theater und Tanz verwischen und meine abweichende Funktionalität nutzen, um zu untersuchen, was es für meinen und andere queere Crip-Körper, also Körper mit Behinderung, bedeutet, in nicht behinderten Räumen Raum zu besetzen, einzunehmen und rechtfertigungslos zu sein.

Wie bist Du zu Tanz und Performance gekommen? Ich wuchs in Whyalla auf, einer kleinen Stadt am Rande des australischen Outbacks, und begann, an Tanz- und Theaterworkshops teilzunehmen, die von Gastkünstlern aus der nächstgelegenen Hauptstadt Adelaide geleitet wurden. Das war, als ich etwa dreizehn Jahre alt war. Durch diese Workshops kam ich mit dem Restless Dance Theatre in Kontakt, mit dem ich tanzte, als ich mit achtzehn Jahren zum Studium nach Adelaide zog. Dort lernte ich Phillip Channels kennen, der mich mit Adam Benjamin bekannt machte und mir den Weg in die professionelle integrierte Tanzpraxis im Vereinigten Königreich zeigte.

Du hast bereits in vielen Kompanien und Theaterinstitutionen mitgewirkt und regst dabei die Diskussionen über Tanz und Behinderung an. Was sind Deine persönlichen Erfahrungen? Mein neuestes Werk „The Dan Daw Show“ ist monumental in seiner Funktion als ein Werk, das mein Selbstbild und das Bild, das andere von mir haben sollen, verändert hat. Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich endlich furchtlos meinen Körper und die Art, wie ich mich bewege, lieben kann. Durch die ‚The Dan Daw Show‘ bin ich in der Lage, meine Cripness als Erweiterung meiner Queer-Identität auf eine Art und Weise zu umarmen, wie es meine Erfahrungen im Tanz nie zuvor erlaubt haben. Nach dem Motto: „Genau so möchte ich, dass du mich siehst“.

Deine Performances brechen mit normativen Strukturen, zeigen Diversität und schaffen ein Bewusstsein für queere, nonbinäre und marginalisierte Lebensrealitäten. Gibt es eine Message, die Du dem Publikum mit auf den Weg geben möchtest? Ich finde es zutiefst unangenehm, dass immer dann, wenn wir über die Einbeziehung derjenigen sprechen, die ausgeschlossen sind, davon ausgegangen wird, dass wir „normative Strukturen aufbrechen“. Als ich die Rolle des assoziierten Kurators übernahm, war ich begeistert, dass dies eine echte Chance ist, dem Publikum zu zeigen, was in der Kunstform weltweit tatsächlich passiert und dass der Tanz sich ständig weiterentwickelt, von allem abweicht und alles in Frage stellt, was wir zu wissen glaubten.

Gemeinsam mit Julia Asperska, Natacha Melo und Quito Tembe bildest Du die Jury der internationalen tanzmesse nrw und bist einer der Kurator:innen. Gab es bestimmte Kriterien bei der Programmauswahl?  Wir haben gemeinsam mit Isa Köhler und Katharina Kucher, den Co-Leiterinnen der internationalen tanzmesse nrw, daran gearbeitet, Düsseldorf und der internationalen Tanzszene ein Programm zu bieten, das uns begeistert. Wir wollten Raum für Künstler schaffen, die vielleicht nicht so bekannt sind, die oft durch die vorbereiteten Risse fallen, die durch das weiße, nicht behinderte, cis-gendered Privileg geschaffen werden, und die wirklich davon profitieren könnten, dass ihre Arbeit im Rahmen dieses Programms gezeigt wird. Für mich geht es bei diesem Programm vor allem darum, zusammenzukommen, um endlich das Licht in diese Ritzen zu bringen und zu sehen, wer und was dabei herauskommt.

Worauf habt Ihr besonderen Wert gelegt? Ich habe die Stelle bei der Tanzmesse angenommen, weil ich wusste, dass ich mich darauf konzentrieren würde, die Zahl der im Programm vertretenen behinderten Künstler zu erhöhen und damit auch die Zugangsmöglichkeiten zu verbessern, damit sich diese Künstler unterstützt und befähigt fühlen, genauso viel Raum einzunehmen wie die nicht behinderten Künstler, die ihre Arbeiten zeigen.

Auf welchen Programmpunkt freust Du Dich am meisten? Ich bin unheimlich stolz auf alle Arbeiten, die wir für diese Ausgabe ausgewählt haben, und freue mich besonders auf die Gespräche, die wir nach einer langen Zeit der Trennung führen werden.

Was ist Deine Vision für die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes? Die Arbeit, die wir jetzt machen, gibt uns Aufschluss darüber, wie der zeitgenössische Tanz in Zukunft aussehen wird. Über die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes zu sprechen, ist viel zu abstrakt, und ich ziehe es vor, dass wir bei dem bleiben, was jetzt geschieht. Dazu gehört ein tiefes Hineinhorchen in die Dinge, die sich in der Kunstform verändern und verschieben müssen, damit wir alle in eine Zukunft hineinleben, an der wir alle teilhaben wollen und von der wir begeistert sind.

Was ist Deine erste Assoziation, wenn Du an Düsseldorf denkst? Wenn ich nach Düsseldorf komme, habe ich immer eine starke Verbindung zum Tanzhaus NRW, so dass mir die Stadt immer sehr vertraut ist. Ich habe auch ein Faible für Little Tokyo, weil ich während meiner Schulzeit in Japan war und ich schon plane, in welche Restaurants ich zurückkehren werde. 

14. internationale tanzmesse nrw
31. August bis 3. September 2022
Veranstaltungsorte: NRW Forum, tanzhaus nrw, FFT, Capitol Theater, FREIRAUM, Weltkunstzimmer, Zentralbibliothek, Balletthaus der Deutschen Oper am Rhein, öffentliche Plätze im Stadtraum
Tickets gibt es hier…

www.tanzmesse.com 

Andrea Peña & Artists – 6.58: MANIFESTO
Wie sehr sind Technologie und Künstlichkeit Teil unserer Welt, unserer Realität? In 6.58:
MANIFESTO interagieren die Tänzer:innen mit einem Computer, einer Sopranistin und einem
DJ, während sie Formen von Künstlichkeit und Nachahmung untersuchen, die unser Leben
bestimmen.
31. August // 18:30 Uhr // Capitol Theater // Düsseldorf
Eröffnung der internationalen tanzmesse nrw

Peggy Baker Dance Projects – Her body as words
her body as words ist eine Erkundung und Auseinandersetzung mit weiblicher Identität und
Körperlichkeit. Für diese Installation hat die Choreografin Peggy Baker eine Gruppe von Frauen
gebeten, aktuelle Aussagen über Identität zu thematisieren, wie sie in Bewegung und Worten
zum Ausdruck kommen.
31. August – 4. September // 09 – 21 Uhr // Zentralbibliothek// Düsseldorf
Eintritt frei

Company 605 – Looping
Für die internationale tanzmesse nrw präsentiert die Company 605 eine 90-minütige
Adaption ihrer ursprünglich als Durational Installation konzipierte Performance Looping. In
dieser durchstrukturierten Improvisation folgen die Tänzer:innen einer Bewegungspartitur, die
sich mit jedem Loop weiterentwickelt.
2. September // nachmittags // im Stadtraum // Düsseldorf
Eintritt frei

Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula – The Ecstatic
Was entsteht, wenn zwei bedeutende südafrikanische Subkulturen aufeinandertreffen? Auf der einen Seite steht Pantsula, eine Subkultur, die sich unter anderem in einer kraftvollen Tanzform ausdrückt, auf der anderen Seite lässt sich der Choreograf Jeremy Nedd von Praise Break inspirieren, einer überschwänglichen Form des Lobpreises.
2. September // 19:00 Uhr // Capitol Theater // Düsseldorf

Laura Murphy Dance – Abacus
Neun Frauen, 18 Eimer – durch Heben und Schwingen, Wirbeln und Klirren erschaffen sie die
Rhythmen unseres täglichen Lebens. Abacus feiert die weibliche Arbeit in Landwirtschaft und
Industrie als Teil unserer zeitgenössischen Kultur.
3. September // 15:00 // 16:00 // 17:00 // Gustav-Gründgens-Platz // Düsseldorf
Eintritt frei

Interview: Franka Büddicker | Karolina Landowski
Fotos: siehe Bildbeschreibung
© THE DORF 2022

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