André Szardenings

Auch Umwege führen zum Ziel. André Szardenings ist ein wunderbarer Beweis dafür, dass es sich lohnt seine Passion zu verfolgen. Der junge Filmregisseur war nach dem Schulabschluss erst einige Jahre in der Werbebranche tätig, bevor er ein finanzielles Risiko einging und ein Studium an der internationalen Filmschule Köln begann. Es hat sich gelohnt: Sein Abschlussfilm BULLDOG wurde direkt für den anerkannten First Steps Award, ein Preis der Deutschen Filmakademie, nominiert und hat branchenintern Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wir besuchten André in seinem Studio in Bilk.

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In seinem ersten Langfilm BULLDOG erzählt André die Geschichte einer eng vertrauten Mutter-Sohn-Beziehung. So lange der 21-jährige Protagonist Bruno sich erinnern kann, gab es immer nur ihn und die bedingungslose Liebe seiner Mutter Toni, die 15 Jahre älter ist als er. Nichts anderes scheint im chaotischen Leben der beiden dazwischen zu kommen. Erst als Hannah, Toni’s neue Freundin, in den Bungalow einzieht, den sie auf Ibiza bewohnen, sieht Bruno sich der Gefahr ausgesetzt, die Liebe seiner Mutter zu verlieren. Aus ihrem gemeinsamen Bett verscheucht, muss Bruno realisieren, dass sein bisheriges Verantwortungsbewusstsein für Toni eine größere Belastung für ihn ist als gedacht. Konfrontiert mit der Zerrissenheit zwischen seinem eigenen Leben und der schlechter werdenden Beziehung zu seiner Mutter erkennt Bruno, dass er zum ersten Mal in seinem Leben selbst entscheiden muss. 

André konzipierte die Geschichte komplett darauf aufbauend, Julius Nitzschkoff für die Rolle des Bruno zu bekommen. So bekam die Filmidee erst ihr sprichwörtliches Gesicht. Der Schreibprozess falle ihm leichter, wenn er weiß, wer eine Rolle spielt. Um unbedingt den aufstrebenden Schauspieler engagieren zu können, mussten die Dreharbeiten noch vier Mal verschoben werden. Ihre finale Form nahm die Story jedoch erst an, als André von einer befreundeten Regisseurin die Schauspielerin Lana Cooper empfohlen wurde, die aufgrund ihres Alters die Idee einer jungen Mutter in ihm weckte. 

Im Schreibprozess kristallisierte sich sein Interesse für junge Eltern und vor allem Abhängigkeiten in Beziehungen heraus. „Ich mochte den Gedanken der Parentifikation, dass der Sohn die Elternfunktion hat und die Mutter sich darauf ausruht, Kind sein zu dürfen, weil sie selbst nicht lange genug Kind war. Die daraus entstehende Abhängigkeit fasziniert mich. Der Film ist ein Porträt eines Jungen. Wir sehen alles aus seiner Sicht. Ich habe mir ihn immer als einen bulligen Typen vorgestellt, der aber wie ein Hund noch der Mutter hinterherrennt“, erklärt der Düsseldorfer Regisseur.

Dass sich die Handlung auf Ibiza abspielt, entschied André schon früh. Er wollte die Geschichte der abhängigen Beziehung auf einer Insel erzählen, um die Blase, in der die zwei Hauptcharaktere stecken, auch physisch darzustellen. Später entpuppte sich Ibiza als passender denn je, denn die Dreharbeiten fanden in genau dem Bungalow statt, in dem André selbst schon mal als kleiner Junge Ferien gemacht hatte. Dies trug maßgeblich zu der spürbar intimen Atmosphäre des Films bei.  

Authentizität spielt für André Szardenings eine sehr wichtige Rolle und lässt sich erstaunlich oft im Film wiederfinden. BULLDOG beschränkt sich sowohl bezüglich der Anzahl an Drehorten als auch der Anzahl an Charakteren auf das Minimum. „Es ist fast wie ein Kammerspiel, denn wir sind nur dreimal außerhalb der Wohn-Anlage, in der sich die ganze Handlung abspielt. Das Bungalow, in dem die Charaktere wohnen, haben wir eingerichtet, aber ansonsten sind fast alle Sets Orte, die es so gibt. Auch das Zimmer des Mädchens haben wir nicht umgebaut. Für mich ist das Wichtigste, dass ich den Figuren alles glaube, denn ihre Echtheit ist das, was den Film am stärksten macht. Alle, bis auf die vier Hauptfiguren, waren Leute, die wirklich vor Ort leben und Lust hatten bei unserem Film mitzumachen.“

Wer wenig Mittel hat, muss auf kreative Weise Wege finden, seine Ideen umzusetzen. Jeder im Team habe vier Jobs erledigen müssen, damit der Plan funktioniert. André selbst war nicht nur für die Regie, sondern auch für Drehbuch, Kamera und Szenenbild verantwortlich. Er folgt seinen Visionen, bleibt hartnäckig und empfindet Umwege nicht als unbedingt negativ: „Ich wollte so drehen. Ich finde der deutsche Film ist manchmal so steif, ich spüre die Struktur, die dahintersteht und die Art, wie gedreht wird. Alles ist immer so groß und bis man umgebaut hat, verliert man so viel Zeit, in der man drehen könnte… Unsere Dreharbeiten haben 14 Tage gedauert und wir haben pro Tag viel mehr Szenen als üblich gedreht. Das kann man aber nicht dauerhaft machen.“

André schreibt bereits an seinem nächsten Film. Dieses Mal sei es eine Vater-Tochter-Geschichte mit einem noch jüngeren Vater als die Mutter bei BULLDOG. Bei einem Roadtrip durch Europa findet die Tochter heraus, wer ihr Vater ist. Der Autor arbeitet an einer Reisetrilogie, bei der alle Teile im Ausland spielen und Deutsche aus dem Exil erzählen. Wenn er Figuren im Kopf hätte, die passen, könnte er sich prinzipiell aber auch vorstellen, eine Geschichte in Düsseldorf zu erzählen, denn er lebt gerne in seiner Heimatstadt. 

Auch als junger Kreativschaffender genießt er die Größe der Stadt und hält Abstand von stressigen Hotspots wie Berlin. „Wenn ich Düsseldorf verlassen würde, dann nur, um den deutschen Winter irgendwo im Süden zu verbringen und danach wieder zurückzukehren. Für eine deutsche Stadt stand Berlin immer wieder im Raum, weil sich das beruflich eben eignet. Aber ich mag die Stadt einfach nicht und glaube, dass ich da nicht glücklich würde. In Berlin braucht man immer mindestens eine Dreiviertelstunde, um irgendwohin zu kommen. In Düsseldorf ist man spontan.“

BULLDOG kommt zwischen Ende 2022 und Anfang 2023 in die Kinos. Der verspätete Start ist wichtig für André, um seinen Abschlussfilm auf queeren Filmfestivals zeigen zu können, die bisher immer weiter verschoben wurden. Auch in dieser Hinsicht verfolgt der kreative Kopf das, was ihm wichtig ist. Mit BULLDOG erzählt er eine queere Geschichte, ohne sie in den Fokus zu rücken und die Handlung zu steuern:

„Früher gab es viele Filme, in denen queere Menschen die Lachnummer waren oder Probleme mit sich selbst hatten. Das suggeriert jungen, queeren Leuten, dass auch sie Schwierigkeiten haben werden. Es gibt immer noch viele Probleme und es ist wichtig, dass es Filme gibt, die Kritik aussprechen. Gleichzeitig brauchen wir auch Filme, die ein Abweichen der Heterosexualität gar nicht thematisieren, stattdessen queeres Leben zeigen und einfach so akzeptieren.“ 

Gibt es Orte in Düsseldorf, die Dich zu Deiner Arbeit inspirieren? BULLDOG habe ich zu großen Teilen im IKEA-Café in Kaarst geschrieben! (lacht) Ich war im Studium, hatte nicht viel Geld, Starbucks war zu teuer und bei IKEA kannst du den Kaffee immer nachfüllen und es gibt schnelles Internet!

Mit wem (tot oder lebendig) würdest Du gerne mal ein Altbier trinken gehen? Ich bin ein riesiger Andrea Arnold Fan, der Regisseurin von Fishtank. Sie macht auf eine ähnliche Art Filme, wie ich das versucht habe zu machen. Bei ihrem Roadtrip-Film American Honey hat die Filmcrew auch einfach Leute und Kinder angesprochen, ob sie mitmachen wollen. Darüber würde ich gerne mit ihr reden. Ich glaube sie ist ziemlich rock’n’roll mäßig unterwegs, das finde ich total spannend.

Wo und wann fühlst du dich wie ein „richtiger Düsseldorfer“? In der Altstadt in einer der Brauereien. Ich mag es, dass da jung und alt zusammenkommen. Auch Wenn ich Besuch habe, kann man dort direkt mit diesem Schickimicki-Stereotypen abschließen und zeigen, dass Düsseldorf nicht nur so ist. 

Deine drei Worte, um Düsseldorf zu beschreiben, sind: Klein und groß.

Text: Maren Schüller
Fotos: Lasse Rotthoff / André Szardenings / Urs Kusche
© THE DORF 2022

English version:

A visit to the studio of the up-and-coming young director

Even detours can lead you to your goal. André Szardenings is wonderful proof that it pays to pursue your passion. After leaving school, the young film director first worked in the advertising industry for a few years before taking a financial risk and beginning his studies at the International Film School in Cologne. It paid off: his graduation film BULLDOG was directly nominated for the prestigious First Steps Award, a prize of the German Film Academy, and has attracted attention within the industry. We visited André in his studio in Bilk. 

In his first feature film BULLDOG, André tells the story of a close mother-son relationship. For as long as the 21-year-old protagonist Bruno can remember, there has only ever been him and the unconditional love of his mother Toni, who is 15 years older than him. Nothing else seems to come between them in their chaotic lives. It’s only when Hannah, Toni’s new girlfriend, moves into the bungalow they live in on Ibiza that Bruno finds himself in danger of losing his mother’s love. Scared out of their shared bed, Bruno has to realize that his previous sense of responsibility for Toni is more of a burden than he thought. Confronted with the turmoil between his own life and the deteriorating relationship with his mother, Bruno realizes that for the first time in his life he must make his own decisions. 

André conceived the story entirely based on getting German actor Julius Nitschkoff for the role of Bruno. That’s how the film idea got its proverbial face. The writing process was easier for him when he knew who was playing a role. In order to be able to engage the up-and-coming actor, the shooting had to be postponed four more times. However, the story only took on its final form when André was recommended the actress Lana Cooper by a director friend who, due to her age, awakened the idea of a young mother in him. 

The writing process crystallized his interest in young parents and especially dependencies in relationships. “I liked the idea of parentification, of the son being the parent and the mother resting on being allowed to be a child because she wasn’t a child long enough herself. I’m fascinated by the dependency that results from that. The film is a portrait of a boy. We see everything from his point of view. I always imagined him as a beefy guy, but still running after his mother like a dog,” explains the Düsseldorf director. 

André decided early on that the action would take place on Ibiza. He wanted to tell the story of the dependent relationship on an island in order to physically represent the bubble in which the two main characters are stuck. Later, Ibiza turned out to be more fitting than ever, as the filming took place in the bungalow where André himself had once vacationed as a young boy. This contributed significantly to the film’s palpably intimate atmosphere. 

Authenticity plays a very important role for André Szardenings and can be found surprisingly often in the film. BULLDOG keeps both the number of locations and the number of characters to a minimum. “It’s almost like a chamber play, because we’re only outside the apartment complex three times. We set up the bungalow where the characters live, but otherwise almost all the sets are locations. We also didn’t change the girl’s room. For me, the most important thing is that I believe everything the characters say, because their genuineness is what makes the film the strongest. All but the four main characters were people who really live locally and felt like being in our film.” 

If you have few resources, you have to find creative ways to implement your ideas. Everyone in the team had to do four jobs to make the plan work. André himself was responsible not only for directing, but also for the screenplay, camera and production design. He follows his visions, remains persistent and doesn’t see detours as necessarily negative: “I wanted to shoot like that. I think German film is stiff sometimes, I feel the structure behind it and the way it’s shot. Everything is always so big and by the time you’ve rebuilt, you lose so much time in which you could be shooting… Our shoot lasted 14 days and we shot many more scenes per day than usual. You can’t do that permanently, though.” 

André is already writing his next film. This time it will be a father-daughter story with an even younger father than the mother in BULLDOG. On a road trip through Europe, the daughter finds out who her father is. The author is working on a travel trilogy with all parts set abroad and Germans telling from exile. If he had characters in mind that fit, he could in principle also imagine telling a story in Düsseldorf, because he likes living in his hometown. 

Even as a young creative, he enjoys the size of the city and keeps his distance from stressful hotspots like Berlin. “If I were to leave Düsseldorf, it would only be to spend the German winter somewhere in the south and then return. For a German city, Berlin was always on the cards because it’s just suitable professionally. But I just don’t like the city and I don’t think I’d be happy there. In Berlin you always need at least three quarters of an hour to get somewhere. In Düsseldorf, you’re spontaneous.” 

BULLDOG will be released between late 2022 and early 2023. The delayed start is important for André to be able to show his graduation film at queer film festivals, which have been postponed so far. In this respect, too, the creative mind is pursuing what is important to him. 

With BULLDOG, he tells a queer story without putting the focus on them and controlling the plot: “There used to be a lot of films where queer people were the laughing stock or had problems with themselves. That suggests to young queer people that they’re going to have trouble too. There are still a lot of problems and it’s important that there are films that are critical. At the same time, we also need films that don’t address a deviation from heterosexuality at all, and instead show queer life and just accept it as it is.” 

Are there places in Düsseldorf that inspire your work? I wrote BULLDOG in large part at the IKEA café in Kaarst! (laughs) I was in college, didn’t have much money, Starbucks was too expensive and at IKEA you can always refill the coffee and there’s fast internet!

Who (dead or alive) would you like to have an Altbier with? I’m a huge Andrea Arnold fan, the director of Fishtank. She makes films in a similar way to what I’ve been trying to do. With her road trip film, American Honey, the film crew also just approached people and kids to see if they wanted to be in it. I’d love to talk to her about that. I think she’s pretty rock ’n‘ roll about it, so I find that totally exciting.

Where and when do you feel like a „real Düsseldorfer“? In the old town in one of the breweries. I like the fact that young and old come together there. Even when I have visitors, you can directly put an end to this chic stereotype there and show that Düsseldorf isn’t just like that.

Your three words to describe Düsseldorf are: Small and large.

THE DORF • THE MAG is part of the #urbanana project by Tourismus NRW

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