Dominik Geis

Dominik Geis ist Videokünstler und Absolvent der Kunstakademie (Klasse Marcel Odenbach). Im Sommer 2018 schloss er sein Studium mit dem Titel „Meisterschüler“ ab. Seitdem hat der 34-Jährige das Baker Tilly Künstler-Stipendium, das LKART Atelierstipendium der Julia Stoschek Collection und den NRW.Bank Preis 2019 erhalten. Seine Arbeiten wurden in Gruppenausstellungen wie „Watch Out!“ (KIT) und „Planet 58“ (K21) präsentiert. Die david behning galerie hat ihm in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Einzelausstellung mit dem Titel „PULSE“ gewidmet. THE DORF war zu Besuch bei der Finissage und hat mit dem Künstler über Kindheit, Selbstinszenierung und die Zukunft gesprochen.

Hallo Dominik, stell Dich bitte kurz vor! Ich heiße Dominik Geis, komme ursprünglich aus Würzburg und bin mit 21/22 Jahren nach Essen gezogen, um an der Freien Akademie der bildenden Künste Malerei und Bildhauerei zu studieren. Dort war ich drei Jahre, bin dann für einen staatlich anerkannten Abschluss nach Düsseldorf gezogen. Im Sommer letzten Jahres habe ich mein Studium bei Marcel Odenbach an der Kunstakademie Düsseldorf absolviert. Dann ging alles rasch los, das war sehr überraschend für mich.

Wieso war der Start überraschend? Man hofft, dass es nach dem Abschluss irgendwie weitergeht, aber sicher sein kann man sich nie. Ich habe mich in der Endphase voll und ganz auf meine Kunst konzentriert und meine Arbeitsweise in puncto künstlerischer Position und Haltung weiterentwickelt. Die Woche nach meinem Abschluss war eine Überraschung, denn auf einmal kamen mehrere Anrufe und E-Mails von Galerist*innen und Kurator*innen. Ich dachte: „Was ist denn jetzt los?“. Irgendwie scheint alles gut funktioniert zu haben.

Bevor Du Dein Studium an der Kunstakademie absolviert hast, warst Du an der Freien Akademie der bildenden Künste in Essen und hast Malerei und Bildhauerei studiert. Wie bist Du von diesem Bereich zu Videoinstallationen gekommen und inwiefern hat Dein erstes Studium Deinen jetzigen Werdegang beeinflusst? Da muss ich etwas weiter ausholen… Ich habe während meiner ganzen Kindheit und Jugend getanzt und im Theater gespielt. Während meines Studiums in Essen habe ich irgendwann angefangen, die Kamera aufzustellen und davor zu agieren. Ich habe kleine performative Momente festgehalten und so entstanden die ersten Videos. Ungefähr zur selben Zeit habe ich Videomaterial von meinem Vater wiederentdeckt, das mich als Kind auf der Bühne zeigt. Die verschiedenen Inszenierungsebenen haben mich interessiert – sprich die narrativen Strukturen, die sich aus dem Konzept des Regisseurs und dem Filter-Blick meines Vaters entwickeln. Somit fing ich an, dem Beziehungsgeflechte eine neue Dimension zu verleihen, indem ich meine Kindheitsstücke als Erwachsener reinszenierte. Irgendwann war das Material erschöpft und ich begann das Internet als Bildquelle zu nutzen.

Wie passt die Malerei ins Bild? Meine Auseinandersetzung mit der Malerei hat mir sehr geholfen, eine eigene Formsprache zu entwickeln und mit dem bewegten Bild umzugehen. Ab und an male ich immer noch.

War die Malerei also vielmehr der erste Berührungspunkt zur Kunst? Genau. Als 19-Jähriger dachte ich, dass Kunst gleich Malerei ist und dass man während eines Kunststudiums eben das Malen lernt. Ich war mit meinen Eltern kaum im Museum, denn das war in der dörflichen Umgebung um Würzburg auch nicht wirklich gegeben.

Die Kunstakademie ist… ein vielschichtiger Ort.

Deine aktuelle Einzellausstellung trägt den Titel „PULSE“. Kannst Du den Titel erklären und worum es Dir bei den Werken geht? Ich muss dazu meine Herangehensweise erklären: Bevor ich etwas beginne, kommt mir ein grobes Gefühl oder ein Gedanke in den Kopf. Dann fange ich an, zu diesem Thema zu recherchieren und Videos zu schneiden. Irgendwann kristallisiert sich heraus, was passt und was nicht. Bei „PULSE“ hatte ich den Gedanken, eine Arbeit über wiederkehrende kulturelle Phänomene zu schaffen, weil sogenannte Loops innerhalb von Gesellschaften ein sehr komplexes und spannendes Thema sind. Irgendwann merkte ich, dass mein gesammeltes Bildmaterial eher in eine Richtung ging, und zwar in die der Gewalt. Nichtsdestotrotz möchte ich davon absehen, meine Arbeit auf diesen schwierigen Begriff zu reduzieren, denn sie ist vom Grundsatz her weit offener. Ich probiere viel aus und werfe einiges weg, aber während des Prozesses hat sich ein sequenzieller Farb-Puls durchgesetzt und dieser wurde zum Namensgeber meiner Arbeit und der Ausstellung.

Gibt es einen thematischen Nenner, der alle Deine Arbeiten zusammenführt? Ich glaube, dass es sich immer um etwas Zwischenmenschliches dreht. Dabei spielen auf jeden Fall auch die bereits angesprochene Selbst- und Fremdinszenierung sowie Gestik, Tanz und Körperlichkeit eine Rolle. Bewegung ist das Element, das sich durch alle meine Arbeiten zieht. Die Videos sind auf eine sehr tänzerische beziehungsweise choreografische Art und Weise geschnitten.

Womit Du wieder an Deine Kindheit anknüpfst… Das stimmt. Als Kind wollte ich immer Choreograf werden. Auch wenn das Tanzen in meinem Leben keine aktive Rolle mehr spielt, fließt es in vielerlei Hinsicht weiter in meine Arbeit ein – zum Beispiel beim Umgang mit Rhythmus und Musik, welche ich mittlerweile selber produziere.

Ich habe gesehen, dass Du manchmal Gitarre spielst und in einer Band gesungen hast. Gibt es Überschneidungen bei Deinen künstlerischen Projekten? Musik begleitet mich schon mein Leben lang. In meiner Band habe ich für fünf Jahre guten alten Rock’n’Roll gesungen, doch unsere Wegen haben sich getrennt, weil es zeitlich einfach nicht mehr gepasst hat. Inzwischen sitze ich viel zu Hause am Klavier und arbeite musikalisch im Solo-Gang.

Du hast Deine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Was würdest Du machen, wenn nicht Kunst? Na ja, wenn ich keine bildende Kunst studiert hätte, wäre es eine andere Art Kunst geworden. Meine Mutter wollte immer, dass ich Musicals mache. Sonst, so ganz ohne Kunst, würde ich wahrscheinlich mit Menschen arbeiten. Vielleicht wäre ich Erzieher geworden – wie auch meine Mutter.

Was das Zwischenmenschliche wieder aufgreift… und das Kreative natürlich auch, denn ganz ohne geht es bei mir einfach nicht. Mit Web- und Grafikdesign habe ich auch schon mein Geld verdient, also wäre das ebenfalls eine berufliche Möglichkeit gewesen. Tatsächlich war ich sogar kurz davor, gemeinsam mit meinem Bruder ein Start-Up zu gründen, aber alleine am Computer zu sitzen und vor mich hin zu programmieren ist mir zu einseitig und langweilig geworden. Es hat einfach der menschliche Kontakt gefehlt, wobei Kunst machen ja auch einsam sein kann…

Was können wir in Zukunft von Dir erwarten? Ich plane nicht so viel, bin eher impulsiv und intuitiv. Erstmal geht es weiter mit den Videoarbeiten. Ich archiviere zu Hause weiterhin performative Elemente, also könnten Live-Momente kommen. Lust zu malen habe ich aber auch. Die nächste Videoarbeit entsteht so langsam in meinen Gedanken, aber erstmal gönne ich mir eine kleine Pause.

Die hat er sich auch verdient. Lange kann sich Dominik aber nicht ausruhen, denn am 30. Januar 2020 geht es bereits weiter mit einem Screening in der Julia Stoschek Collection.

Wie würdest Du Leuten, die Dich nicht kennen, Deine Arbeiten beschreiben? Ich mache hauptsächlich Found-Footage-Videocollagen, die durch schnell geschnittene, choreografierte Bilder ein assoziatives, dramaturgisches Geflecht ergeben und unter anderem als Installation auf mehreren Bildschirmen oder Beamern präsentiert werden.

Wie bist Du zur Kunst gekommen und wann hast Du damit angefangen? Ich habe schon als Kind mit Tanz und Schauspiel angefangen. Irgendwann wurde für mich dann die bildende Kunst interessant.

Welche Künstler haben Dich geprägt und tun es noch heute? Da gibt es viele, von Bruce Nauman über Bill Viola bis hin zu Elizabeth Price.

Was schätzt Du an Düsseldorf ? Die Mischung aus Spießigkeit und Punk.

Wie siehst Du die Düsseldorfer Kunstszene? In Schichten: Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht. Nicht falsch verstehen, das soll kein künstlerisches Urteil sein.

Guten Morgen – wo trinkst Du Deinen Espresso, um wach zu werden? An schönen Tagen bekomme ich ihn ans Bett gebracht.

Lecker, gesund und frisch lunchen gehst Du in Düsseldorf… an meinem Kühlschrank.

Drei Plätze in Düsseldorf, die Du Deinen Gästen unbedingt zeigen musst: Auf jeden Fall die Rheinuferpromenade. Ansonsten hängt es von meinen Gästen ab. Mit Mama gehe ich spazieren, mit anderen eher ins Museum.

Wo verbringst Du am allerliebsten einen gemütlichen Abend mit Freunden oder der Familie? Am liebsten auf der Dachterrasse.

Dein absoluter Gastro-Geheimtipp, den Du hier mit allen teilen möchtest? Sawatdy in Bilk. Ein super Preis-Leistungs-Verhältnis.

Deine Top 3 Shopping-Adressen sind… Fair Haus Bilk, Fair Haus Flingern und Severin (in Würzburg).

Wo oder wobei kannst Du am besten entspannen? Beim Spaziergang am Rhein oder in der Badewanne.

Dein Lieblingsreiseziel ist? Griechenland: poli orea!

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachttisch? „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ von Clemens J. Setz und „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit.

Welchen Kinofilm hast Du zuletzt gesehen? Ich glaube, es war „Der Junge muss an die frische Luft“ im Freilichtkino Volksgarten.

Aktuell läuft auf Deiner Playlist oder Deinem Plattenspieler? Beethoven, sämtliche Klaviersonaten von Igor Levit und Harry Styles.

Dein All-Time-Favorite-Song? Äh, wie heißt nochmal der, wo „Love“ drin vorkommt?

Vielen Dank für das Gespräch! 

Text: Ole Spötter
Fotos: Kristof Puller
© THE DORF 2019

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