A MODERN WAY TO SCHREBER • IM GESPRÄCH MIT ANNE PETER & JENS AMENDE

Muffige Schrebergärten mit gehisster Deutschlandflagge waren gestern – eine neue Generation hat das Kleingärtnern für sich entdeckt. Kreative Spielwiesen, grüne Oasen, naturnahe Rückzugsorte: Was einmal als spießig galt, stellt heute den perfekten Kompromiss dar zwischen Leben in der Stadt und Liebe zur Natur. Die Düsseldorferin Anne Peter und ihr Mann Jens Amende haben einen Schrebergarten in Flingern und haben dem Thema nun ein ganzes Buch gewidmet. „The Modern Way To Schreber“ ist am 24. Februar erschienen und zeigt moderne und meist beruflich im kreativen Kontext arbeitende Schrebergärtner:innen in Düsseldorf.

Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigen die Gärten in diesem Buch: von farbenfroher Blütenpracht über bunte Gemüsebeete und Gewächshausschätze bis zum selbst designten Laubentraum. Ergänzt werden die vielseitigen Gartengeschichten von Lieblingsrezepten, persönlichen Tipps und Projekten zum Selbermachen. Mit über 500 Fotos lädt das Buch zum Träumen vom eigenen Stückchen Grün ein. Wir sprachen mit Anne und Jens über die Entstehungsgeschichte des Buches, Lieblingspflanzen und den perfekten Tag im Schrebergarten.

Seit wann wohnt Ihr in Düsseldorf?
Wir sind beide 2008 zum Design-Studium an der HSD nach Düsseldorf gekommen und haben uns dort im ersten Semester kennengelernt. 2010 sind wir in unsere erste gemeinsame Wohnung nach Flingern auf die Birkenstraße gezogen. Wir haben lange im pinken Haus gegenüber vom türkischen Bäcker gewohnt und lieben Flingern bis heute sehr.

Seit wann habt Ihr Euren Schrebergarten in Flingern und wie kam es dazu? Wie lange habt Ihr gesucht und wie lange hat es gedauert, bis er so aussah, wie er jetzt aussieht?
2015 haben wir gemerkt, dass wir die Vorteile der Stadt, die Nähe zu unseren Freunden, die auch alle in Flingern wohnen und das kulinarische und kulturelle Angebot sehr schätzen, manchmal aber auch die Natur vermissen. Da wir beide ländlich aufgewachsen sind, fehlte uns einfach ein Ort, um mit den Händen in der Erde zu graben und einfach zu endschleunigen. Wir sind dann auf die Idee gekommen, uns über Schrebergärten in der Stadt zu informieren. Ohne Auto war uns wichtig, dass der Garten in Flingern liegt und schnell mit dem Fahrrad erreichbar ist. Wir haben uns 2015 bei zwei Vereinen auf die Warteliste setzen lassen. Nachdem wir vorher ein paar Gärten besichtigt haben, die nicht zu uns passten (da in einem sehr schlechten Zustand oder einfach zu teuer), fanden wir unser Nyponhus schließlich Ende 2018. Dann kamen erst einmal viele Monate, an denen wir zusammen mit unseren Freunden renoviert und im Garten gebuddelt haben und seit dem Sommer 2020 konnten wir das Fleckchen Grün mitten in der Stadt dann in vollen Zügen genießen. Natürlich gibt es immer auch Arbeit, aber wir verbringen hier inzwischen auch viele Stunden mit einem Buch auf der Outdoor-Couch oder mit Wein und Käse am Abend.

Wie nah liegt der Garten an Eurem Zuhause? Spielt die Nähe eine Rolle?
Wir leben inzwischen in Flingern-Süd und fahren mit dem Fahrrad circa 10 Minuten. Die Nähe spielt eine sehr ausschlaggebende Rolle. Wenn wir erst mit Bus und Bahn durch die halbe Stadt fahren müssten, um zum Garten zu gelangen, hätten wir wohl sehr viel seltener die Motivation, abends noch ein paar Stündchen in den Garten zu fahren.

Wie viel Zeit investiert Ihr in den Garten? Wieviel Zeit verbringt Ihr zu den unterschiedlichen Jahreszeiten im Garten?
Wenn die ersten Frühblüher die Köpfe durch den Boden stecken (also quasi jetzt), beginnt unsere Gartensaison und wir schneiden die Stauden zurück, bereiten die Beete vor und planen unser Gemüse. Auch auf unserer Fensterbank in der Wohnung dürfen dann die ersten Samen (Chili, Paprika und Tomaten) in die Erde. In der Hochsaison (also ab Mai bis September) sind wir mindestens ein Mal pro Woche im Garten, bei schönem Wetter verbringen wir aber auch das gesamte Wochenende dort. Im Winter brauchen wir dann immer eine Pause von der Gartenarbeit und genießen in der Zeit unsere Wohnung. Dafür ist die Vorfreude auf den Frühling anschließend besonders groß!

Das Buch zeigt leichtfüßig, wie man 2022 schrebergärtnern kann: Mit ganz viel Kreativität und Geschmack. Goldfischteiche, Gartenzwerge und dunklen Lauben werden gegen helle Wochenendhäuser, wilde Blumen und Flammlachs auf offenem Feuer getauscht und der Garten wird als eine Erweiterung des eigenen Zuhauses in eine echte Wohlfühloase verwandelt.

Wie sieht ein perfekter Tag im Garten aus?
Der perfekte Gartentag ist ein warmer Junitag und beginnt damit, im Garten zu erwachen und von Vogelgezwitscher geweckt zu werden. Dann koche ich uns einen Milchkaffee und wir machen die erste Gartenrunde barfuß auf dem nassen Rasen. Morgens ist der Garten besonders magisch. Dann wird er von den Tieren, den Vögeln, Igeln uns Insekten übernommen und die ganze Gartenanlage ist friedlich und still. Nach ein wenig Gartenpflege und gemütlichem Lesen unter unserem Pflaumenbaum würden wir Besuch von unseren Freunden bekommen und mit ihnen zusammen einen kühlen Weißwein in der Sonne genießen. Aber auch ein Arbeitstag im Garten, an dem gemeinsam geschuftet und anschließend gegrillt wird, kann ein perfekter Tag sein.

Könntet Ihr euch jetzt noch ein Stadtleben ohne Schrebergarten vorstellen? Was würde Euch ohne Euren Schrebergarten fehlen?
Na klar, wäre auch ein Leben ohne Schrebergarten möglich, solange wir einen netten Außenbereich zum Gärtnern und Entspannen hätten – denn das „Draußen sein“ ist uns einfach wichtig. Aber es würde doch ein großer Teil fehlen und unser Garten ist für uns der perfekte Ausgleich zum stressigen Schreibtischjob.

Wenn jemand mit dem Gedanken spielt, sich einen Schrebergarten anzuschaffen, was würdet Ihr ihm/ihr raten – hinsichtlich der Suche und hinsichtlich der Versorgung? Muss man schon vorab ein Pflanzenkenner und Gardeding-Guru sein, bevor man einen Schrebergarten pachtet oder kommt das mit der Zeit?
Wir waren auch absolute Garten-Neulinge, als wir den Garten übernommen haben und man lernt erstaunlich viel beim Gärtnern selbst. Wenn man dennoch eine Einstiegshilfe braucht, kann man sich durch tolle Gartenbücher oder Blogs lesen. Also: Nein. Ein Gardening-Guru musst du natürlich nicht sein, wenn du einen Garten übernimmst. Interesse am Gärtnern und Zeit sowie Motivation solltest du aber auf jeden Fall mitbringen.

Wir sind den klassischen Weg über die Warteliste der Vereine gegangen, haben uns vorher die Gartenanlagen in unserer Umgebung angeschaut und dann Kontakt aufgenommen. Mein Tipp ist hier natürlich Engagement: Immer mal wieder freundlich nachfragen und vielleicht auch schon im Vorhinein Hilfe anbieten und nicht davon ausgehen, dass sich der Vorstand irgendwann meldet, wenn man selbst kaum präsent ist. Es werden auch immer mal wieder Gärten auf Kleinanzeigen inseriert – dann muss man aber meistens etwas mehr Geld in die Hand nehmen.

Was baut Ihr im Garten an und was ist Eure Lieblingspflanze?
Wir haben viele bunte Staudenbeete mit bienenfreundlichen Pflanzen, wie Lavendel, Verbene, Fette Henne, Sonnenhut, Wiesenknopf und einjährigen Wiesenblumen. Jens‘ Herz schlägt für unsere Tomatenpflanzen, die er im Gewächshaus anbaut – jedes Jahr bis zu 15 unterschiedliche Sorten, die unschlagbar gut schmecken – gar kein Vergleich mit den Supermarkttomaten.

Welche Rolle spielt Selbstversorgung und gesunde Ernährung für euch? Wie sehr lässt sich das mit Eurem Garten umsetzten? Wo bezieht Ihr ansonsten Eure Lebensmittel her?
Das Anbauen von Gemüse hat für uns einen großen Stellenwert und wir finden, dass es kein besseres Gefühl gibt, als mit einem Korb durch die Hochbeete zu gehen, Gemüse zu ernten und anschließend zum Salat oder der besten Pastasauce zu verarbeiten. Es ist aber nicht nur die geschmackliche Komponente, die uns überzeugt, eigenes Gemüse anzubauen, sondern auch der regionale und saisonale Gedanke. So kurze Wege vom Beet auf den Teller hat man sonst nirgendwo – ganz ohne Verpackungsmüll. Um Tomaten, Gurken oder Rote Bete auch im Winter genießen zu können, muss man sie konservieren und freut sich dann im Dezember ein Glas Brombeermarmelade zu öffnen, das nach Sommer durftet.

Wir versuchen auch sonst, unsere Lebensmittel regional zu beziehen. Unser Freund Benedikt Heupel ist Imker (seine Bienen standen letzten Sommer in unserem Garten), das Brot kaufen wir bei der Bulle in Flingern, unseren Kaffee bei Kaffeehandwerk, Rösterei Schvarz oder Rösterei Vier, Gemüse auf dem kleinen Wochenmarkt am Hermannplatz und wenn wir uns ganz selten Fleisch gönnen, kaufen wir es ausschließlich bei Grefges in Flingern.

Wie hat sich Euer Leben, seit dem Ihr Euren Schrebergarten habt, verändert?
Wir verbringen sehr viel mehr Zeit an der frischen Luft und bewegen uns mehr. Ich würde sagen, dass wir ausgeglichener sind, denn die Zeit im Garten ist der perfekte Ausgleich zum Arbeitsalltag. Trotzdem versuchen wir alles, was uns vorher glücklich gemacht hat, auch zu erhalten, z.B. reisen, Konzerte und Theater oder Samstage auf dem Wochenmarkt am Hermannplatz zu starten.

Was hat Euch dazu bewogen, Euer Buch zu schreiben? Für wen ist das Buch gedacht, beziehungsweise wen möchtet Ihr damit ansprechen?
Mit der Übernahme des Gartens starteten wir auch unseren Instagramaccount „nyponhus“ zur Dokumentation der Entwicklung des Gartens und lernten viele interessante andere (Schreber-) Gärtner:innen kennen. Es ist so toll zu sehen, wie das eingestaubte Schrebergartenimage langsam weicht und durch viele kreative junge Gärten abgelöst wird. Im Mai 2021 kam uns die Idee, diese besonderen Menschen in ihren Gärten zu besuchen und ihre Geschichten zu erzählen. Fast alle haben einen kreativen beruflichen Background – so wie wir. Es gibt Selbstversorgergärten, Naturgärten und Familiengärten – alle Gärten sind unterschiedlich und entwickeln sich mit ihren Besitzer:innen – passen sich sich ihren aktuellen Bedürfnissen an. Zum Glück fanden wir innerhalb weniger Tage einen großartigen Verlag, der spontan war, mit uns das Abenteuer Buch zu realisieren.

Wie lange habt Ihr daran gearbeitet? Was umfasste die Arbeit alles?
Die Recherche und Planung startete Ende Mai, den ersten Garten besuchten wir Ende Juni und dann folgten 19 weitere Gärten bis Mitte September. Wir verbrachten in jedem Garten mindestens 4 Stunden, bei einigen Gärtner:innen versackten wir aber auch bei einem Glas Wein und verbrachten den gesamten Tag zusammen. Wir führten die Interviews, machten die Fotos und schrieben anschließend die Portraits. Da wir das Buch im zweiten Step auch gelayoutet und die Illustrationen erstellt haben, ist es wirklich ein sehr ganzheitliches Herzprojekt – das hat uns daran sehr gereizt. Mit Ende des Jahres 2021, also circa 8 Monate nach der Idee haben wir die Druckdaten abgegeben.

„A modern way to Schreber“ – Wie genau sieht der denn aus? Inwiefern liefert das Buch Inspiration für einen eigenen Schrebergarten?
Das Buch zeigt leichtfüßig, wie man 2022 schrebergärtnern kann: Mit ganz viel Kreativität und Geschmack. Goldfischteiche, Gartenzwerge und dunklen Lauben werden gegen helle Wochenendhäuser, wilde Blumen und Flammlachs auf offenem Feuer getauscht und der Garten wird als eine Erweiterung des eigenen Zuhauses in eine echte Wohlfühloase verwandelt. Mit über 500 Fotos lädt das Buch zum Träumen vom eigenen Stückchen Grün ein und bietet ganz viel Inspiration für die eigene Gartengestaltung. Es ist vielmehr ein gemütliches „Coffeetable-Book“, das die individuellen Geschichten der Gärtner.innen erzählt und weniger ein Garten-Ratgeber.

Woher bezieht Ihr Eure Inspiration für Euren Garten?
Vor der Reise haben wir und durch den Austausch mit den anderen GärtnerInnen, schöne Gartenbücher und Pinterest inspiriert und im Winter jegliche Sendung mit dem englischen Gärtner Monty Don geschaut. Letzten Sommer haben wir natürlich so viele wunderschöne Gärten besucht, dass wir für die nächsten Jahre genug Inspiration gesammelt haben.

Wo ist das Buch erhältlich?
Wir sind natürlich dafür, lokal zu kaufen und raten deshalb bei Rikiki in Flingern vorbeizuschauen. Aber man kann es auch in allen anderen üblichen Buchhandlungen bekommen oder dort bestellen.

Wenn Ihr nicht selber kocht, wo geht Ihr in Düsseldorf am liebsten essen?
Unsere liebsten Restaurants in Flingern sind das „Okra“ für köstliche, authentische äthiopische Küche, die Pizzeria „Principale“ für die beste Pizza mit Gorgonzola, Birne und Walnüssen und der Laote „Luang Prabang“ dessen Currys, Lab und Kokos-Klebreis mit Mango uns an unsere Laos-Reise erinnern und sofort Fernweh auslösen. Den besten Kaffee gibt es bei Marko im Kaffeehandwerk und das beste Brot bei der Bulle – beides auf der Birkenstraße.

Wo seid Ihr am liebsten in der Natur, wenn es nicht gerade Euer eigener Schrebergarten ist?
Spazieren im Grafenberger Wald oder Steine flippen auf der anderen Rheinseite – das ist immer ein wenig, wie am Meer zu spazieren.

Mit wem, tot oder lebendig, würdet Ihr gerne ein Altbier trinken?
Na mit Monty Don natürlich! Stilecht in Gummistiefeln.

„A Modern Way to Schreber“ – Das Buch über Laubentraum & Gartenglück
Mit vielseitigen Gartengeschichten und Lieblingsrezepten, persönlichen Tipps und Projekten zum Selbermachen. Mit über 500 Fotos lädt das Buch zum Träumen vom eigenen Stückchen Grün ein, 28 €, erhältlich ab sofort im THE DORF THE SHOP!

Interview: Anna Dittberner, Tina Husemann
Fotos: Anne Peter & Jens Amende, sowie Autorenfoto: Marina Joosten, Fotos von Jens und Anne im Garten: Nick Wolff
© THE DORF 2022

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