Journey through a body: Alicia Holthausen und Juliane Hoffmanns im Interview

Alicia Holthausen, Gregor Jansen und Juliane Hoffmanns sind die Kurator*innen der im Mai angelaufenen Ausstellung “Journey through a body”, die noch bis zum 1. August 2021 in der Kunsthalle Düsseldorf zu besuchen ist. Die Ausstellung befasst sich mit Fragen des fluiden Körpers, Geschlechtsidentitäten und der Sichtbarmachung und Auflösung auferlegter Rollenbildern und binären Strukturen. Damit nimmt sie am zeitgenössischen Diskurs über Gender- und Identitätskonzepten teil und eröffnet mit Werken von sechs jungen Künstler*innen neue diverse und internationale Perspektiven, die nachhaltig wirken.

THE DORF hat die beiden Kuratorinnen Alicia und Juliane für ein Briefing und zur Klärung von Begrifflichkeiten im Interview getroffen. Außerdem erzählen sie von ihrer Arbeit, die hinter der fürs Publikum zugänglichen Ausstellung und dem dazugehörigen Begleitprogramm steckt.

Was genau ist eigentlich unter dem Begriff “Identitätspolitik” zu verstehen?
Unserem Verständnis nach ist der Begriff heutzutage ziemlich problematisch, da er zum Teil ja auch schon von rechten Gruppierungen angeeignet wurde. So wird sich aus verschiedensten Richtungen hinter einer „Identitätspolitik“ versteckt, die so ausgelegt wird, wie es eben gerade passt und Personen und Diskurse auf eine vermeintliche Identität reduziert. Es müsste also eher um Antidiskriminierung und Sichtbarmachung von marginalisierten Gruppen gehen und eben ganz besonders um tiefgreifende strukturelle Veränderungen, die eine pluralistische Gesellschaft zum Ziel haben. 

Mit welchen klassischen Rollenverständnissen gilt es zu brechen? 
Nun, zunächst einmal ist der Begriff der Rollenverständnisse schwierig, da Rollen immer gespielt werden müssen. Und gerade da gilt es anzusetzen und aufzuklären, denn das ist ein strukturelles Problem, das in unserem System und der Art und Weise wie wir sozialisiert werden, verankert ist. Es gibt einfach zu viele externe Zuschreibungen, die schon vor der Geburt eines Menschen getroffen werden, sei es nur, in welcher Farbe das Kinderzimmer gestrichen wird, als dass man sich frei von diesen vermeintlichen Rollen entwickeln könnte. Diese gesellschaftlichen Normen und vermeintlichen Ideale, müssen gebrochen werden, insbesondere die, die Geschlechtsidentität, Körperform, Sexualität und race betreffen, damit eine wirklich selbstbestimmte Entwicklung möglich ist.  

Wie würdet Ihr ein zeitgenössisches Verständnis von Geschlechtsidentitäten beschreiben?
Geschlechtsidentitäten sind eine gesellschaftliche Konstruktion und es ist wichtig zu verstehen, dass es sich dabei um ein Spektrum handelt und die festgefahrenen binären Verständnisse von geschlechtlicher und sexueller Identität von Menschen gemacht sind und demnach auch von Menschen aufgelöst werden könnten. Wir sind in den letzten Jahren schon einige Schritte in diese Richtung gegangen, sind aber leider immer noch weit entfernt davon, dass jede*r die persönliche geschlechtliche und sexuelle Identität so ausleben kann, wie er*sie es möchte.

Die Ausstellung “Journey Through A Body” untersucht Körperwahrnehmungen und -verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation und versucht so stereotypische, hetero-normative Strukturen aufzubrechen. Erklärt doch noch einmal genau, wofür die Ausstellung steht. 
Es geht darum, Perspektiven aufzuzeigen, was jenseits von hetero- und cis-normativen Strukturen, jenseits von binären Verständnissen, jenseits der gesellschaftlichen Norm liegt und dies sichtbar zu machen. Wir möchten Künstler*innen und Werken, die den Körper in all seinen Potentialen zeigen, eine Plattform bieten. Den Körper als Spielraum von Möglichkeiten auf allen Ebenen und in jeglicher Ausprägung, um so auch dazu aufzurufen, die eigenen Vorurteile und Zuschreibungen zu hinterfragen. Kunst ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und viele Institutionen sind nach wie vor von weißen cis-Männern dominiert und spiegeln demnach patriarchale Strukturen wider. Das gilt es langfristig zu durchbrechen und so die Pluralität der Gesellschaft auch in der Kultur angemessen zu repräsentieren.  

Mit welchen Gedanken und Vorstellungen seid Ihr an das Kuratieren herangegangen? Was war Euch besonders wichtig?
Wir haben versucht, in der begrenzten Anzahl von künstlerischen Positionen ein größtmögliches Spektrum an Perspektiven und unterschiedlichen Medien abzubilden. Einerseits wollten wir zeigen, wie sich in klassisch-affirmativen Medien, wie Malerei oder Bildhauerei an die Thematik angenähert wird, andererseits aber natürlich auch die Möglichkeiten der neueren Medien, wie Videoanimation oder Virtual Reality, aufzeigen.

Das Projekt ist in ganz enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Protagonist*innen entstanden und es war uns wichtig, dass sie jeden Schritt mit uns gemeinsam entscheiden und sich selbst absolut mit dem Thema identifizieren können. Wir haben auch ein umfangreiches Begleitprogramm geplant, das ebenso wichtig wie die Ausstellung ist und dafür einen Open Call ausgerufen, sodass eben auch Vereine, Initiativen, Einzelkünstler*innen, Kollektive und weitere Gruppen die Möglichkeit bekamen, mitzugestalten. 

Was ist Euer persönliches Lieblingswerk der Ausstellung? 
Das ist eine sehr schwierige und natürlich auch nicht ganz faire Frage. 😉 Alle Werke sind uns über die Planungszeit sehr ans Herz gewachsen und haben eine extrem wichtige Bedeutung für das gesamte Ausstellungsprojekt. Natürlich gibt es aber immer Dinge, die man ganz persönlich hervorheben kann. Cajsa von Zeipels Skulptur wurde z.B. extra für unsere Ausstellung neu geschaffen und wir waren maßgeblich am Entstehungsprozess beteiligt, was natürlich ungemein spannend ist. Sie ist knapp neun Meter hoch und jeder Schritt von den ersten Entwürfen über den Transport aus den USA bis zur schwindelerregenden Installation hier vor Ort war großartig. Sowas bleibt einem natürlich ganz besonders in Erinnerung. Aber auch mit allen anderen Künstler*innen hatten wir viele spannende Gespräche und tolle Erlebnisse rund um die Ausstellungskonzeption, daher sind die Werke zu diesem Zeitpunkt für uns viel mehr als nur ästhetisch „schöne“ Arbeiten und daher eigentlich gar nicht mehr objektiv zu betrachten.  

Für das Begleitprogramm habt Ihr einen Open Call for Participation gestartet, bei dem ihr Einzelkünstler*innen, Gruppen, Initiativen, Vereine und Kollektive gesucht habt, die sich mit ihren Ideen am Programm beteiligen können. Wie groß war die Resonanz und nach welchen Kriterien wurden die Protagonist*innen ausgesucht? 
Es haben sich insgesamt über 150 verschiedene Künstler*innen, Vereine, Initiativen, Kollektive und Gruppen beworben, die eine große Bandbreite an Projekten und Veranstaltungen vorgeschlagen haben. Wir waren absolut begeistert, dass unser Open Call eine so große Resonanz ausgelöst hat und haben uns dadurch natürlich auch bestätigt gefühlt, dass das Thema einen Nerv trifft. Leider konnten wir natürlich nicht alle Einreichungen berücksichtigen und die Auswahl war nicht einfach. Wir haben im Projektteam abgestimmt und uns dabei daran orientiert, ob die Einreichungen zum Ausstellungskonzept passen, wie gut durchführbar sie in der Kunsthalle sind und wie divers die Zielgruppe ist, die davon angesprochen werden soll. Zudem haben wir regionale Einreichungen bevorzugt, um den vor Ort ansässigen Protagonist*innen eine größere Plattform und Sichtbarkeit zu bieten.  

Neben der Ausstellung und dem Begleitprogramm ist ein dazugehöriger zweisprachiger Ausstellungskatalog entstanden, der nähere Infos zu den Künstler*innen und ihren Werken, aber auch Begleittexte und visuelles Material verschiedenster Autor*innen rund um das Thema “Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation” enthält. Was genau steckt hinter dem Konzept des Readers?
Der begleitender Reader, der nicht nur auf die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten und Künstler*innen eingeht, sondern auch weitere Perspektiven aufzeigt, war uns von Anfang an sehr wichtig. Sowohl die Künstler*innen als auch die Protagonist*innen des Begleitprogramms haben die Möglichkeit bekommen, in Form eines Einlegers in die Taschen, aus denen der Reader besteht, einen Teil dazu beizutragen. Bei den Einlegern handelt es sich um Texte, Gedichte, weiterführende Literatur, aber auch visuelles Material, wie Poster, Postkarten, Fotos und sogar eine Vinyl-Single. Es ist also ein bewusst offenes Katalogkonzept, an dem sich viele verschiedene Stimmen beteiligt haben und noch beteiligen können (denn nicht alle Einleger liegen von Anfang an dem Reader bei, sondern können im Laufe der Ausstellungslaufzeit beim Begleitprogramm hinzugefügt werden) und spiegelt für uns so absolut das Thema wider, dass sich nach wie vor stark in Bewegung befindet. 

Die Ausstellung und das dazugehörige Begleitprogramm eröffnet Neudefinitionen des Körperlichen und schafft ein Bewusstsein für marginalisierte Gruppen und Lebensentwürfe jenseits der dominierenden Heteronormativität. Wie nehmt Ihr die Stadt Düsseldorf bezüglich der LGBTQIA*- Community wahr? 
Die Frage ist für uns schwer zu beantworten, da wir beide selbst nicht Teil der Community sind, aber unser Eindruck ist, dass gerade in struktureller Hinsicht, auch was Institutionen betrifft, noch ganz viel passieren muss. Es gibt viele selbstorganisierte und freie Projekte und Initiativen, aber in bestehenden (institutionellen) Strukturen ändern sich Dinge leider immer noch unheimlich langsam.

Welche Wünsche habt Ihr für den weiteren Verlauf der Ausstellung? 
Natürlich wünschen wir uns erst einmal, dass uns Corona keinen Strich durch die Rechnung macht, was das Begleitprogramm betrifft. Es wäre einfach zu schade, wenn die geplanten Veranstaltungen nicht in Präsenz stattfinden können. Momentan sieht es, unter diversen Auflagen, aber ganz gut aus, dass wir die meisten Veranstaltungen vor Ort in der Kunsthalle durchführen können.

Der größte Wunsch und auch unsere Hoffnung des gesamten Projekts ist aber natürlich, dass die Besucher*innen zum Weiterdenken und Hinterfragen angeregt werden und wir einige Denkanstöße, aber natürlich auch, das darf man in der Kunst nie vergessen, eine spannende ästhetische Erfahrung liefern konnten.

 
Vielen Dank!

Journey through a body
Kate Cooper, Luki von der Gracht, Christina Quarles, Nicole Ruggiero, Tschabalala Self, Cajsa von Zeipel

24. Mai 2021 bis 1. August 2021 @ Kunsthalle Düsseldorf 

Interview: Franka Büddicker
Fotos: David Holtkamp 
© THE DORF 2021

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