Linnea Semmerling

Name: Linnea Semmerling
Alter: 31
Beruf: Direktorin Stiftung imai

Gelernter Beruf: Kunst- und Technologiewissenschaftlerin
www.stiftung-imai.de 

Das Inter Media Art Institute “imai” nimmt die besondere Aufgabe wahr, mehr als 3000 Werke der Videokunst, sowie Dokumentationen von sechs Jahrzehnten lebendig zu halten. Darüber hinaus ist die Forschung zur Erhaltung dieser Aufnahmen ein zentrales Thema der Stiftung. Denn so wie Magnetbänder mit der Zeit porös werden, bedürfen auch digitale Datenträger einer ständigen Instandhaltung und Restauration. Ihre junge Direktorin Linnea Semmerling zog mitten im Lockdown von Brüssel nach Düsseldorf. Sie betreut das Videoarchiv unter einem sowohl künstlerisch-kritischen als auch technologisch-wissenschaftlichen Aspekt. Eine wahre Bereicherung für internationale Künstler und Kulturinteressierte, als auch für die Stadt Düsseldorf, die damit eine in Deutschland einzigartige Position zur Distribution von Videokunst innehat.

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Wie ist die Stiftung aufgebaut? Das Einzigartige an der Stiftung ist, dass sie sowohl die internationalen Pionier*innen der 70er/80er Jahre zeigt und dazu den “rheinischen Untergrund” hat, besonders aus den 80er/90ern, aus denen viele Punk- und New-Wave Videos hervorgegangen sind. Es ist eine einzigartige Kombination, um die Entwicklung der Videopraxis über die Jahrzehnte nachvollziehen zu können. Das Archiv entwickelt sich ständig weiter, dadurch, dass wir jedes Jahr ungefähr fünf Künstler*innen neu ins Vertriebsprogramm aufnehmen. Die Stiftung imai ist nicht nur eine Sammlung für große, alte Namen aus der Kunst, sondern wir arbeiten auch mit jungen Künstler*innen zusammen, deren Arbeiten wir hier verbreiten, verkaufen und verleihen. 

Wie läuft die Vermittlung und der Vertrieb der Videos ab? Wir verleihen Videos in ganz Deutschland, sowie ins internationale Ausland. Kürzlich haben wir noch eine Anfrage aus Russland für ein Festival erhalten. Die Stiftung imai ist aus einer Medienkunstagentur, der “235 Media” in Köln erwachsen. Diese Agentur hat beispielsweise in den 80er Jahren noch richtig alte, große Kataloge gehabt, die nach Anfrage und dem Erhalt von Porto dann versendet wurden. Es hat sich wirklich alles aus diesem Underground-Kassetten-Vertrieb heraus entwickelt, dann kamen Musik- und später auch richtige Kunstvideos dazu und auf einmal waren sie ein Videokunstverleih. Bei uns stehen weniger große Installationen im Fokus, sondern Videoarbeiten, die reisen können und reisen sollen, um möglichst häufig gesehen zu werden. Heute läuft die Distribution wesentlich einfacher als früher ab: Alle Daten, die wir verwalten sind auf von uns gesicherten Servern und von dort gehen die Files hinaus in die Welt. 

Nach welchen Kriterien wird das Programm der Stiftung erweitert? Die Jury setzt sich jedes Jahr anders zusammen. Wir versuchen immer eine/n Künstler/in aufzunehmen, am liebsten jemanden, die/der schon in der Sammlung ist und dazu eine wissenschaftliche kuratorische Person, die sich auf dem Gebiet auskennt. Dann bringen die beiden, als auch ich und meine Mitarbeiter/innen, Vorschläge mit, die wir gemeinsam diskutieren um uns am Ende auf plus-minus fünf Positionen zu einigen, von denen wir glauben, dass diese sowohl zur Sammlung passen als auch, dass die Künstler*innen davon profitieren, dass sie von uns repräsentiert werden. 

Warum ist die Konservierung von Videokunst, die die Stiftung betreibt, so wichtig? Es ist sowohl eine gemeinnützige Arbeit, als auch eine Arbeit sehr im Sinne der Künstler*innen. Es kommen viele KünstlerInnen zu uns, die teilweise sehr schmerzhaft feststellen mussten, dass Videoarbeiten aus den 80er/90ern, die auf alten Bandformaten aufgenommen wurden und im Zweifelsfall nicht immer unter trockenen, kühlen Bedingungen gelagert wurden, möglicherweise gar nicht mehr abspielbar sind. 

Ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit ist, dass wir nicht nur archivieren, sondern Langzeit-archivieren und dafür sorgen, dass Bänder spielbar bleiben. Wir sorgen dafür, dass alle Bänder digitalisiert werden und, dass auch die digitalen Formate weiterhin abspielbar bleiben. Es ist ein immerwährender Auftrag, diese Arbeiten spielbar und damit zugänglich zu halten. 

Darüber hinaus konzentriert sich unser letztes Archivprojekt stärker darauf, dass man nun auch in den Arbeiten annotieren kann, also Stichworte und Themen setzen kann. Somit kann man inzwischen, wenn man unser Online-Archiv durchsucht, bei vielen Arbeiten nicht nur sehen, dass ein bestimmtes Stilmittel gebraucht wurde, sondern auch an welcher Stelle genau dieses im Video verwendet wurde. Das ist natürlich für Forscher*innen super, da man dadurch diese schwierigen, zeitbasierten Medien ganz anders durchdringen kann. 

Was ist dein persönlicher Antrieb? Kunst entwickelt sich durch alle Technologien hindurch. Öl auf Leinwand ist beispielsweise eine Technologie und Magnetband ist eine andere Technologie. Und was ich an dieser Stiftung so toll finde ist, dass sie wirklich die ganze Bandkultur seit den 70er Jahren abbildet, die dieses intrinsische demokratische Kunstverständnis hatte. Bänder waren verhältnismäßig billig aufzunehmen, man konnte sie verschicken, jeder konnte damit arbeiten, man hat daran herumgeschnitten und gespielt, auch auf Bändern von anderen wieder neue Sachen überspielt. Es ist eine ganze Kultur daraus entstanden, von der wir heute auch immer noch eine Evolution sehen. Zum Beispiel was heute auf YouTube passiert und wo es auch nicht immer darum geht, ob es sich dabei um große Kunst handelt, sondern vielleicht nur um eine visuelle Kulturpraxis, die wir gerade betreiben – das finde ich ein enorm spannendes Feld, das mich schon immer sehr fasziniert hat und auch die verschiedenen Kanäle, die damit einhergehen. 

Kannst du uns einen Tipp zum Einstieg in die Sammlung der Stiftung imai geben? Da würde ich zunächst einmal Alternativ Television (ATV) empfehlen. 1977 haben sich die Künstler*innen Ulrike Rosenbach, Klaus vom Bruch und Marcel Odenbach zusammengetan und den ersten Piratenfernsehsender in Deutschland, genauer gesagt in Köln, gegründet. Anstatt darauf zu hoffen, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre Videos zeigen, haben sie einfach illegal auf einem der freien Kanäle gesendet und damit immerhin eine Reichweite von 100 m um ihr Atelier gehabt. Wir haben viele Videos dieser Pionierin und ihrer beiden Mitstreiter im Programm, die man unbedingt gesehen haben muss.

Wie hast du Düsseldorf bisher als dein neues zu Hause erlebt? Da ich das letzte Jahrzehnt viel in den Niederlanden und in Belgien gewohnt habe, habe ich immer wieder mal nach Düsseldorf herüber geschielt und gedacht, dass wenn ich zurück nach Deutschland ziehen sollte, ich gerne ins Rheinland gehen würde, da es dort auch all dieses Gelassene, Entspannte und Freundliche gibt wie in den Nachbarländern. Ich komme ursprünglich aus Hannover und die Stadt ist dagegen eher ein unterkühlter Norden. Natürlich konnte ich seit meiner Ankunft in Düsseldorf nicht alles so erleben, wie ich es mir vorgestellt hatte aufgrund der Covid-19 Situation, aber so langsam nähert sich Düsseldorf ja wieder dem an, was es einmal war. 

Welche Orte in Düsseldorf suchst du gerne auf? Ich bin tatsächlich während meiner Doktorarbeit schon nach Düsseldorf gekommen, um im Archiv der Kunsthalle herumzuwühlen. Ich finde die Kunsthalle, allein vom Bau her schon einen Wahnsinnsort und habe dort in den letzten Jahren auch immer wieder spannende Ausstellungen gesehen. Das ist für mich schon immer ein Düsseldorf-Anker gewesen. In den ersten Monaten, in denen ich hier wohne, habe ich viel in Flingern, um die Stiftung herum entdeckt. Ein spannender Ort ist beispielsweise die Ant!foto-Bar bzw. die Awa-Bar im Studio for Artistic Researach auf der Ackerstraße.

Dein Lieblingsreiseziel (unabhängig von Corona)? Mein Mann kommt aus Offenburg und ich aus Hannover und wir haben unseren nächsten Amerika-Roadtrip von New Hanover in North Carolina nach New Offenburg in Missouri geplant. In New Offenburg gibt es sogar noch “Badish people who speak Badish, apparently!”.

Mit wem tot oder lebendig würdest du gerne mal das Archiv durchstöbern? Ich glaube, das wäre Conrad Schnitzler, ein Schüler von Beuys. Auch weil wir gerade ein Projekt mit seinen Arbeiten planen zum 100. Geburtstag von Beuys im Jahr 2021.

Danke!

Text: Lisa Damberg
Foto: Felix Brauner
(c) THE DORF 2020/21

English version:

The special task of the Inter Art Media Institute ‘imai’ is the preservation of more than 3,000 pieces of video art and documentaries made during the last six decades keeping their value and appreciation alive. Additionally, the institute’s main objective is the research into the conservation of these recordings. Digital data carriers require constant maintenance and restoration, just as magnetic tapes become porous over time. The foundation’s young director Linnea Semmerling moved from Brussels to Düsseldorf in the middle of the lockdown. She looks after the video archives in the contexts of artistic-critical examination and scientific technology. She is therefore a true asset to international artists and people interested in culture, and to Düsseldorf itself, which thus accommodates the only German Videoart distribution. 

How is the foundation structured? The unique thing about the institute is that it not only presents the international pioneers of the ‘70s and ‘80s, but that it also holds works from the ‘rhine valley underground’, in particular from the ‘80s and ‘90s, which gave rise to numerous Punk- and New Wave videos. It’s an unparalleled combination with which to track the development of video works over the decades. The archive is being continuously developed by taking on about five new artists into our distribution roster every year. The imai institute is not only a collection of big, long- standing names from the world of art, but we also collaborate with young artists, whose work we promote, sell and lend.

How do you place and distribute the videos? We distribute videos within Germany and also internationally. Just recently we had a request from Russia for a festival in Yekaterinburg. Actually our distributional work has a long tradition and emerged from the media-and art agency ‘235 Media’ based in Cologne. In the 80s this agency held huge, old collections which were sent out on request and upon the receipt of postage costs. Basically this underground tape-distributer was at the beginning of it all, then music and later true art videos were added, and then suddenly they had become a video-art rental agency. We don’t focus so much on large art installations, but video works that can travel and should travel to be viewed as much as possible. Nowadays the distribution process is considerably easier than then. Meanwhile also older videos have been digitalised and are kept secure on our own servers. An email is sufficient and the files are sent out into the world.

What principles are applied to expand the program of the foundation? Every year the jury is put together differently. We always try to include one artist, preferably someone who is already part of the institute’s portfolio and on top of that a curator from the world of science, who has the relevant knowledge. Then the two of them, as well as myself and my colleagues make suggestions, we discuss the body of ideas to then agree on around five positions of which we believe would suit our collection and moreover generate some profit for the artists by being represented by us.

Why is the institute’s conservation of video art so important? It is work for the common good but also work in the spirit of the artists. We have been approached by many artists who found out, sometimes painfully so, that their video art from the ‘80s and ‘90s, recorded in old tape formats and possibly not always stored in dry, cool conditions, could not be played any more.

An important aspect of our work is that we do not only serve as an archive, but as a long-term archive that makes sure that formats remain usable. We make sure that all tapes are being saved in a digital format and also, that these very same digital formats remain intact. It is a never-ending quest to keep the works playable and thus accessible.

Additionally, our archive project is focused to make it possible to annotate within the work, so that keywords and topics can be placed. This way it is possible to search our online-archive and to not only find out that in some of the works a certain stylistic means has been used, but where exactly it has been used within the video. This is particularly useful for researchers, as it enables them to penetrate these difficult, time-based media in a totally different way.

What is your personal motivation? Art grows and passes through all technologies. Oil and canvas, for example, is one technology and magnetic tape is a different technology. What I really like about this institute is that it truly represents tape culture since the ‘70s, which has this intrinsically democratic understanding of the arts. It was relatively cheap to record on tapes, and one could post them, anybody could work with them, one could splice them and play around, recordings were made on top of recording others had made. An entire culture developed from this and even today we still see the evolution continuing. I think what is currently happening on YouTube for example – where it is not always the aim to produce real art but perhaps just to exercise a visual cultural experience – is a hugely exciting area which has always fascinated me, just as the different channels that go hand in hand with it.

Could you give us an idea of where we should start when accessing the collection of the imai? First of all, I would recommend Alternativ Television (ATV). In 1977 the artists Ulrike Rosenbach, Klaus vom Bruch and Marcel Odenbach got together and founded the first pirate TV station in Germany, in Cologne to be precise. Instead of hoping that one of the public service broadcasting stations was going to air their videos, they simply illegally broadcasted them on one of the unused channels, and therefore had at least a reach of 100m radius from their studio. We have a lot of videos made by this female pioneer and her comrades-in-arms available, which are essential viewing.

What has been your experience of Düsseldorf as your new home so far? As I have been predominantly living in the Netherlands and Belgium for the past decade I have always had Düsseldorf in my mind and an inkling that – if I was ever to move back to Germany – I would want to be in the rhine valley region, as here just as in the neighbouring countries one gets a feeling of relaxation, calm and friendliness. I am originally from Hannover and it is the cool North in comparison to here. Of course, since my arrival in Düsseldorf I have not been able to experience everything as I had imagined, due to COVID-19, but Düsseldorf seems to be slowly coming back to what it was before.

Which places in Düsseldorf do you enjoy visiting? Actually, when I was working on my doctorate I used to come to Düsseldorf in order to dig in the archives of the Kunsthalle. Even just its architecture makes this an awesome location, and over the years I have visited many exciting exhibitions. In the first months that I lived here, I set out to discover a lot in the vicinity of the institute, which is situated in the Kulturhof on Birkenstraße in Flingern. Here, some interesting conceptual bars have opened up, such as the Ant!foto Bar or Awa-Bar situated in the Studio for Artistic Research on Ackerstraße.

Corona aside, what is your favourite travel destination? My husband is from Offenburg and I am from Hannover and we have planned our next US-roundtrip starting from New Hanover in North Carolina to New Offenburg, Missouri. In New Offenburg there are even still ‘Badish people who speak Badish, apparently!’

With whom, dead or alive, would you like to rummage through the archive? I think that would be Conrad Schnitzler, a student of Beuys. One reason is that we are planning a project with his works to commemorate Beuys’ 100th birthday in 2021.

THE DORF • THE MAG is part of the #urbanana project by Tourismus NRW

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