Melissa Christov-Tanriverdi

Nach wie vor hält der Konflikt in der Ukraine an und die humanitäre Situation scheint sich täglich zu verschlimmern. Viele von uns haben sich in den letzten Wochen gefragt, wie sie helfen können. Wir haben mit Melissa Christov-Tanriverdi gesprochen, die diese Frage beantwortet. Die gebürtige Düsseldorferin ist Gründerin des Projekts “Stayindus”, das sich dem Sammeln von Spenden und der Vermittlung zwischen hilfsbedürftigen Menschen und Unterstützer*innen widmet. Melissa ermöglicht damit eine adäquate Organisation effektiver Hilfe für betroffene Menschen in Düsseldorf. Wie genau sie das schafft und wie es zur kurzfristigen Entstehung des Projekts kam, erzählt sie im Interview.

Wie kam es zu der Gründung von “Stayindus”? Stayindus ist eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die aus dem Gefühl der Machtlosigkeit entstanden ist. Mein Ziel war es, sofort handlungsfähig zu sein und mit einem bunten Potpourri an Maßnahmen den Menschen aus der Ukraine zumindest hier das Ankommen zu erleichtern.

Philipp kenne ich sicher schon sechs Jahre, als ich sah, dass auch er engagiert war, haben wir schnell zusammengefunden. Mit seiner Hilfe kamen auch Andreas und Alex dazu, die viel Hintergrundarbeit leisten. Andreas hat in Nullkommanichts eine Website gebaut, die Plakate feingeschliffen und Flyer entworfen. Alex ist in Charkiw geboren, lebt schon lange in Deutschland und hat uns unter anderem bei der Übersetzung geholfen. Gemeinsam konnten wir eine Menge großer und kleiner Hilfsangebote zusammenstellen und freuen uns über die riesige Resonanz.

Was empfindest Du in Anbetracht der aktuellen Krisensituation in der Ukraine? Es tut weh. Wie in jedem bewaffneten und gewaltsamen Konflikt empfinde ich großes Unverständnis. Kriege entstehen, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden. Ich habe Politikwissenschaften studiert und hinterfrage den Wechsel von Sprache zu Gewalt schon lange.

Kannst Du erklären, was “Stayindus” ist und wie es funktioniert? Was bietet “Stayindus” geflüchteten Ukrainer*innen? Stayindus soll das Ankommen erleichtern und die Menschen mit all ihren schlimmen Erfahrungen im Gepäck warm willkommen heißen. Unseren Instagramkanal nutzen wir, um Spendenwünsche zu vermitteln, die Homepage stellt ein kostenloses Freizeitangebot zur Verfügung.

Wie beeinflusst Deine bisherige Erfahrung im Bereich Flüchtlingshilfe die Arbeit an “Stayindus”? Letztlich überhaupt nicht. Jede Situation muss individuell betrachtet werden. Das Verständnis für syrische oder afghanische Geflüchtete ist nicht mit dem für ukrainische zu vergleichen. Während im ersten Fall viel Aufklärungsarbeit geleistet werden musste, erfordert die jetzige Zeit eher Mechanismen, um organisatorisch zu helfen. Das Engagement der Düsseldorfer*innen ist hoch, wir versuchen das Potenzial der Helfenden mit den Bedürfnissen der Geflüchteten zu verbinden.

Ich persönlich wünsche mir, dass die Spenden- und Bereitschaftskurve noch lange anhält. Dass sich das Freizeitangebot erweitert und die Menschen aus der Ukraine sich stets willkommen fühlen.

Wie wird das Angebot sowohl von Spender*innen als auch von Hilfsbedürftigen angenommen? Sehr gut. Sowohl das Spendenaufkommen als auch die Freizeitangebote steigen stetig. Wir konnten angefangen von jeglichen Kinderbedarf, Mobiliar, Wohnungen bis hin zu Katzen nahezu alles vermitteln. Es haben sich ganze Firmenabteilungen zum Helfen in den Stockumer Höfen gemeldet. Wir haben Menschen gefunden, die Yoga anbieten, sogar einer der seine Fortuna Karte teilt. Die Menschen sind unfassbar dankbar für die vielen helfenden Hände und die tollen Angebote.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei einem Projekt wie “Stayindus”?  Die größte Schwierigkeit ist das Tempo. Um ausreichend helfen zu können, müsste sicher ein zehnköpfiges Team Vollzeit daran arbeiten. Wir sind alle berufstätig, haben ein oder zwei Kinder und haben weitere Verpflichtungen. Dabei wäre es eine schöne Vorstellung alle Bedarfe gleich abdecken zu können.

Welche Pläne hast Du für “Stayindus” noch? Ich persönlich wünsche mir, dass die Spenden- und Bereitschaftskurve noch lange anhält. Dass sich das Freizeitangebot erweitert und die Menschen aus der Ukraine sich stets willkommen fühlen.

Wie können Menschen Euer Projekt unterstützen? Stayindus funktioniert über die Power und den Zusammenhalt der Menschen. Während wir hinter den Kulissen die Bedarfe orchestrieren, brauchen wir weiterhin das enge Netzwerk der Düsseldorfer*innen. Wir alle kennen das gute alte Vitamin B, mit dem wir Jobs finden, Wohnungen vermitteln und Menschen treffen. Wir freuen uns, wenn wir gemeinsam unser Vitamin B zur Verfügung stellen und so ein Netzwerk schaffen, indem die hier ankommenden Menschen gut ongeboardet werden.

Welche Wünsche und Hoffnungen hast Du für die Zukunft? Zum einen wünsche ich mir faire Friedensgespräche und eine bessere Völkerverständigung. Ich bin der Meinung, dass unsere Sprache ein breites Spektrum an Lösungen bietet. Zum anderen freue ich mich über den weiteren Zuwachs an Diversität für Düsseldorf. Ich wünsche mir, dass die Erfahrung uns alle wieder näher zusammenbringt und wir von dem positiven Vibe des Zusammenhalts lange zehren.

Vielen Dank!

www.stayindus.de
instagram.com/stayindus

Interview: Anna Dittberner/Antonia Lauterborn
Fotos: Alexander Christov, Plakat oben: Igor Renko, Gestaltung: Andreas Kuschner
(c) THE DORF, 2022

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