ÖSTRO 430

© privat/Tapete Records

Die erste Frauen-Punkband Deutschlands ist zurück: Seit zwei Jahren stehen Östro 430 wieder gemeinsam auf der Bühne und im Tonstudio. Ende der 1970er gehörten sie zur Stammkundschaft des Ratinger Hofs, haben sich selbstbewusst und unbehelligt patriarchale Steine aus dem Weg geräumt und mit Texten wie “Sexueller Notstand”, “S-Bahn” oder “Plastikwelt” für Unmut in der Gesellschaft gesorgt. In AK 47-Shirts eröffneten sie am vergangenen Samstag das Lieblingsplatte Festival im zakk und haben damit den Düsseldorfer Ur-Punk zurück auf die Bühne geholt. Kurz vor ihrem Auftritt hat THE DORF die beiden Gründerinnen Martina Weith und Bettina Flörchinger getroffen. Entstanden ist eine Unterhaltung über Feminismus, Hindernisse, Generationskonflikte und natürlich Punkmusik.

Beim Lieblingsplatte-Festival werden herausragende Alben aus der deutschen Musiklandschaft nach langer Zeit wieder auf die Bühne gebracht. Was geht Euch durch den Kopf, wenn Ihr an “Dick und Dünn” denkt? Was verbindet Ihr mit der Zeit? Martina: Wir waren wild. Das war die Zeit der Frauenbewegung in Deutschland und die hat versucht, uns auf ihre Fahne zu schreiben. Das hat uns aber nicht gefallen. Die Aktivistinnen der Frauenbewegung waren uns viel zu dogmatisch und humorlos. Da ging’s einfach nicht ab. Und umgekehrt waren wir ihnen auch viel zu direkt. Auf der anderen Seite wurden wir für Events gebucht, bei denen die Veranstalter dachten, wir seien eine Discoband mit Gogo-Tänzerinnen in Bikinis. Beide Lager haben wir nicht bedient und das wollten wir durch unser Albumcover ausdrücken. Das Cover geht einmal in die Breite und in die Länge. Das fanden wir symbolisch ganz passend und haben uns absichtlich von den beiden Lagern abgegrenzt. Als Band bekommt man oft nicht mit, wie die Musik bei den Menschen ankommt, aber die Presseresonanz bei unserem Re-Release hat uns sehr überrascht. Wir wurden zum Beispiel  bei Titel Thesen Temperamente thematisiert. Seit wann sind wir denn Hochkultur? Aber wir haben offensichtlich mehr bewegt als uns klar war. 

Ihr gehört zu den Ratinger-Hof-Legenden und geltet als die erste Frauen-Punkband Deutschlands. Welche Bedeutung hat der Ratinger Hof für Euch und was war die größte Herausforderung zu dieser Zeit? Martina: Der Ratinger Hof war mein Wohnzimmer. Wir waren jeden Tag da, bis der Laden zumachte. Der Hof war der einzige Laden, der unsere Musik gespielt hat. Da sind wir einfach hin und haben unsere Leute getroffen. Dass das jetzt ein Kulttempel ist, war uns überhaupt nicht klar. Das war einfach eine normale Kneipe, in die junge Leute gegangen sind, in der laute Musik lief und in der viel gesoffen wurde. 

Gab es weibliche Vorbilder, an denen Ihr Euch orientiert habt? Inwiefern habt Ihr Euch mit der zweiten Welle der Frauenbewegung identifizieren können? Martina: Wir fanden natürlich alle Nina Hagen großartig. Patti Smith und vor allem X-Ray Spex mit der Sängerin Poly Styrene. 

Bettina: Ihren Song „Identity“ haben wir mal gecovert. Da habe ich zuhause den Text noch auf Deutsch übersetzt. 

Martina: Wie schon gesagt, mit der zweiten Welle der Frauenbewegung konnten wir uns gar nicht identifizieren. Wir haben damals auch den Song “Normal” geschrieben, weil wir auf einem reinen Frauenfestival total aneinander gerasselt sind. Den Song spielen wir aber nicht mehr. 

Auch heute noch sind Frauen in der Musikbranche unterrepräsentiert. Was muss Eurer Meinung getan werden, um dies zu ändern? Martina: Es ist schwierig, hochzukommen. Ich habe lange als Musikjournalistin gearbeitet und in den Chefetagen sitzen Typen, die Typen unterstützen. Das ist einfach so. Dasselbe findet in den Musikstudios statt, überall Typen! Es gibt dort viel zu wenig Mädchen. Das wird sich hoffentlich in den nächsten zehn bis 20 Jahren noch verschieben. Das Wichtigste ist, sich nicht aufhalten zu lassen. Wir haben damals auch nicht nachgedacht und keine großen Pläne geschmiedet. Zum Beispiel hatten wir keine Gitarristin, dann haben wir das Keyboard als Hauptinstrument genommen. Das war eine Notlösung, hat aber funktioniert. Nicht labern, sondern machen!

Bettina: Ich habe damals Medizin studiert und war Mitglied im Asta. Ich wollte dort eine Frauenband gründen und die Räumlichkeiten nutzen. Die Frauen im Asta haben uns ausgelacht. Die Frauen haben sich selbst nicht getraut. 

Martina: Frauen werden ja auch immer noch von der Gesellschaft klein gehalten. Zum Beispiel liegen in den gynäkologischen Praxen Zeitschriften, wie die Gala oder Brigitte, wo es nur um Diäten, Klamotten, Styling oder die heimische Einrichtung geht. Einen Spiegel oder zur Not auch einen Stern finde ich da  ganz selten. Ich hatte das Glück, dass ich zuhause nie gehört habe, ein Mädchen kann dieses oder jenes nicht. Das hat mir wahrscheinlich den Mut gegeben. Ich konnte Blockflöte und Akkordeon spielen und habe mir dann selbst Saxophon beigebracht. Bettina hat zehn Jahre lange immer klassisches Piano gespielt und von heute auf morgen was anderes gespielt. Musik machen ist nicht einfach und viel Arbeit. Da gehört auch der Mut und das Wissen zu, eventuell nicht anzukommen und dann nicht aufgeben, sondern sich etwas anderen zu überlegen. 

“Dick und Dünn” beinhaltet Songs, die von Klassengesellschaft, Konsum und sexueller Befreiung erzählen. Eigentlich alles Themen, die auch den heutigen Zeitgeist treffen. Nehmt Ihr dennoch einen Wandel wahr? Martina: Ja, aber einen ganz langsamen Wandel. Beim Thema sexuelle Befreiung bewegt sich viel, aber es werden auch wieder Rückschritte gemacht. Neuerdings sei es zu sexistisch, wenn Männer mit entblößtem Oberkörper auf die Bühne treten, das würde heißen Iggy Pop dürfte nicht bei Rock gegen Rechts auftreten. Langsam wird’s dubios. Wir haben einen Text geschrieben, der sich gegen das Gendern ausspricht. Wenn du etwas ändern willst, mach es da, wo es etwas bringt. Eine Nachsilbe bringt da unserer Meinung nach nichts. An Equal Pay und gleiche Aufstiegschancen muss gearbeitet werden, oder auch zuhause innerhalb der Familien. Während der Lockdowns standen plötzlich wieder alle Mütter am Kochtopf. Um diese Dinge geht es. Wir haben einen Kernsatz in dem Song “Toleranz wird gelebt” und so ist es und das leben wir. Ich habe auch immer gesagt, ich bin Journalist. Ich habe nie von mir als Journalistin gesprochen. 

Bettina: Wir hatten damals auch ganz andere Probleme, die es heute gottseidank nicht mehr gibt. Ich habe Medizin studiert und der Professor kam in den Hörsaal, lies den Blick schweifen und sagte: “Meine Damen, schämen Sie sich eigentlich nicht, dass Sie hier den männlichen Kollegen die Studienplätze weggenommen haben. Sie stehen doch am Ende eh alle nur am Herd und erziehen die Kinder“. Ob da ein Sternchen oder ein Binnen-I stand, hat uns nicht interessiert. Das sind alles Nebenkriegsschauplätze. Es soll jeder leben, wie es für einen selbst am besten ist, solange man anderen Leuten damit nicht schadet, egal, welcher Religion, Klasse oder Geschlecht sie angehören. 

Wie seid Ihr darauf gekommen, Euch wieder zusammenzufinden? Martina: Tapete Records hat uns das Angebot gemacht, die alten Songs wieder zu veröffentlichen. Das war eigentlich eine Schnapsidee im Backstage-Bereich eines Fehlfarben-Konzerts. Zwei Jahre danach wurde „Keine Krise kann mich schocken“ mit all unseren Songs geboren. Die anderen beiden Frauen der alten Besetzung können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein. Ich bin in der Hamburger Punkszene sehr gut verwurzelt und habe dann Anja und Sandy kennengelernt. 

Bettina: In der Phase wurde das Haus der Jugend in Düsseldorf abgerissen und wir sollten bei der Abrissparty als Reunion spielen. Das hätte sehr gut gepasst. 

Welches Gefühl habt Ihr, nach so vielen Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen? Martina: Das macht einfach sehr viel Spaß. 

Bettina: Wir sind immer wieder erstaunt, wie viele Leute vor uns stehen und unsere Songs mitsingen können. Das hätte ich nie für möglich gehalten.

Martina: Unser Publikum ist sehr gemischt. Die junge Generation entdeckt uns neu und kennt unsere Texte auswendig. Beim Gender-Song gehen sie allerdings öfter raus. Das ist auch okay. Danach kommen sie auch wieder rein und nach den Konzerten diskutieren wir dann. Man muss auch nicht alles gut finden, was wir machen. 

Was ist Eure all-time favourite Lieblingsplatte? Martina: Ich habe einen Lieblingssong, das ist der geilste Punksong ever. Full Metal Jackoff von Jello Biafra with D.O.A. Er geht über 15 Minuten und bläst einem den Kopf weg. Ich bin auch ein total großer David-Bowie-Fan. Da habe ich total viele Lieblingslieder. 

Bettina: Ich höre zur Abwechslung auch gerne Ethno-Musik, so etwas wie Fado oder Cesária Évora.

Worauf können wir uns bei zukünftigen Konzerten von Euch besonders freuen? M & B: Wir versprühen immer gute Laune. 

Mit wem (tot oder lebendig) würdet Ihr gerne ein Altbier trinken gehen und worüber würdet Ihr sprechen? Martina: Ich trinke kein Altbier. Ich habe auch früher in Düsseldorf schon immer König Pilsener aus Duisburg getrunken. Als Musikjournalistin habe ich leider nie David Bowie treffen können. Da wäre ich, glaube ich, danach in Ohnmacht gefallen. Iggy Pop hätte ich auch gerne mal interviewt. Ansonsten habe ich schon sehr interessante Leute getroffen. Alice Cooper zum Beispiel war spannend, weil er so ein abgeklärter Musiker mit guten Ansichten ist. L7 war auch super. Mit denen würde ich gerne mal ein Bier trinken gehen. 

Vielen Dank!

Vom 10. – 17. Dezember 2022 präsentiert das Lieblingsplatte Festival zum sechsten Mal wichtige Alben der Popgeschichte live im Zakk.

Programmübersicht:
10.12. Östro 430: Durch Dick & Dünn
12.12. To Rococo Rot: The Amateur View
13.12. Peaches: The Teaches Of Peaches
15.12. Toni L: Der Funkjoker
17.12. Philip Boa & The Voodooclub: Helios
Ort: zakk Düsseldorf
Tickets für alle Veranstaltungen unter zakk.de/tickets

Interview: Franka Büddicker
Foto: siehe Bildbeschreibung
© THE DORF 2022

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