PULAD MOHAMMADI • STRATEGIEN GEGEN DIE KUNST

Was kann Kunst eigentlich für unsere Gesellschaft tun? Dieser Frage sah Pulad Mohammadi sich in den letzten Jahren zunehmend kritisch gegenübergestellt. Er selbst hat an der Kunstakademie 2016 als Meisterschüler den Abschluss gemacht. Zur gleichen Zeit stellte er als Mitglied der Band Ivory Clay ein Album fertig und merkte, dass die große Freude über den Erfolg ausblieb. Mit der Diagnose eines Burnout war die Kraft, künstlerisch tätig zu sein, verbraucht. In dieser Situation ergab sich allerdings die Möglichkeit, als Künstler seinen Blick von außen auf die Kunstwelt zu richten. In „Strategien gegen die Kunst“, das am 30. März 2023 erscheint, zieht Pulad eine entglorifizierende Bilanz. Er plädiert für einen Paradigmenwechsel der Wertmaßstäbe künstlerischen Erfolgs; vom Kunstunterricht bis hin zu beruflichen Werdegängen. Im Interview erzählt Pulad, warum für ihn beim Schreiben gerade Parkspaziergänge in Düsseldorf inspirierend waren und was er sich für den Umgang mit Kunst und kreativem Schaffen in der Gesellschaft wünscht.

Wir haben Dich bereits 2017 im Kontext Deiner damaligen Band ‚Ivory Clay‘ getroffen. Außerdem bist Du Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie und hast klassische Malerei studiert. Gib uns trotzdem noch einmal einen Einblick in Deine Arbeit. Was ist seitdem passiert? Nach meiner künstlerischen Abschlussprüfung an der Kunstakademie 2016, für die ich 8 Monate lang an einem riesigen Panoramabild gearbeitet hatte, begannen gleich die Aufnahmen zu unserem Debütalbum „Doubt“. Mein Akkustand war ziemlich niedrig, aber es gab keine Zeit zum Luft holen. Über ein Jahr rieben wir uns bei der Album-Produktion auf, weil unsere Ansprüche so hoch waren. Ich wollte zwischendurch mehrmals aufgeben. Als das Album doch fertig wurde und wir viel Anerkennung dafür bekamen, hatte ich keine Kraft mehr, mich zu freuen. Dann hieß es, Konzerte spielen und das Album vermarkten.

Zeitgleich versuchte ich mich als Maler zu etablieren. Der Kunstbetrieb war mir damals schon zuwider. Alles kam mir aufgesetzt, lebensfremd und sinnlos vor, doch ich dachte, ich müsste mich einfach mehr zusammenreißen. Ich entwarf neue Gemälde für eine Einzelausstellung und quälte mich mit der Band durch Konzerte, bis ich irgendwann im Atelier stand und der Pinsel nur noch an der Leinwand runterrutschte. Da war keine Kraft mehr, stattdessen bekam ich Panikattacken und Angstzustände. Die einfachsten Dinge funktionierten plötzlich nicht mehr. Ich musste alle Projekte abbrechen, zog mich aus Ivory Clay zurück und bat unseren Booker Julian Janisch alle weiteren Konzerte abzusagen. Ich fühlte mich unendlich schuldig. Vor allem gegenüber meinem Bandkollegen Nino Peschel und Henry Storch von Unique Records, die ich am meisten enttäuscht hatte. Nach einem Ärztemarathon blieb Burnout als einzige Diagnose übrig. Davon erzählte ich aber niemandem, weil ich es als Versagen empfand.

Gab es einen bestimmten Moment, an dem Du das Schreiben für Dich entdeckt hast? Während dieser Phase war ich eigentlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich konnte keine Gitarrengriffe mehr halten, keine Pinsel richtig führen und ins Atelier ging ich auch nicht mehr, weil ich dort Beklemmungen bekam. Ich musste etwas finden, woran ich mich hochziehen kann und Kreativität hat mir immer Halt gegeben. So kam ich zum Schreiben und es funktionierte, weil ich durch die Sprache sowohl malerisch als auch musikalisch sein konnte. Ich fühlte mich beim Schreiben wieder wie ein Maler. Das fühlte sich selbstverständlich an.

Wie kam es zu der Idee des Essays „Strategien gegen die Kunst“? Durch den Burnout war ich wie aus dem Leben geworfen und hatte gezwungenermaßen Zeit mir die Kunstwelt als Unbeteiligter anzuschauen, quasi wie ein Geist. Ich sah, wie die Wege anderer Künstler:innen verliefen, wie sich ihre Kunst nach der Akademie veränderte, wie sie sich nach außen präsentierten, wie manche einfach von der Bildfläche verschwanden und sich gerade nicht die begabtesten oder originellsten durchsetzten, sondern diejenigen mit Geschäftssinn, die ihre Arbeit geschickt an die Erwartungen des Marktes anpassten.

Die Pandemie warf viele Künstler:innen in ein tiefes Loch. Bis dahin dachten sie, ihre Arbeit sei wertvoll, aber die Gesellschaft schien ganz gut ohne sie zurechtzukommen. Es war deprimierend, mit anzusehen, wie die kreativsten Menschen, die ich kannte, mit ihrer Arbeit überhaupt keinen gesellschaftlichen Impact hatten, weil sie in einer Blase gefangen waren. Ohne die Kunstwelt waren sie verloren. Das führte mir vor Augen, dass irgendwas ganz grundsätzlich nicht stimmt mit der Rolle der Künstler:innen in der Gesellschaft. Auch nach der Pandemie änderte sich in der Frage nichts. Wie denn auch? Die Künstler:innen stecken wieder im Hamsterrad, das Kunstsystem ist selbstgenügsam und die Kulturpolitik macht nichts anderes, als den Status-Quo zu stützen.

Als ich letztes Jahr gefragt wurde, ob ich zur Nacht der Museen einen Vortrag im Off-Space des ES365 halten würde, wusste ich, dass es bei der Veranstaltung nur darum ging, die Rückkehr zum Partymodus zu feiern. Das wollte ich nicht hinnehmen, auch wenn ich dadurch zum Spielverderber werden würde. So schrieb ich den Vortrag „Strategien gegen die Kunst“, den ich später zum Essay ausarbeitete, als der mikrotext Verlag daran Interesse gezeigt hat.

Dem Essay zufolge ist der gesellschaftliche Mehrwert von Kunst verloren gegangen. Vor allem bildende Kunst sei zweckentfremdet und in der Marktwirtschaft gefangen. Kannst Du uns einen Einblick in das Essay geben?
Was muss für Dich passieren, damit Kunst wieder einen Sinn hat? Ich glaube, der Versuch den Kunstbetrieb zu verändern ist vergeudete Mühe. Das ist schade für diejenigen, die an einer Verbesserung der Kunstvermittlung arbeiten, aber an der Kunstwelt ist etwas ganz Grundsätzliches faul. Sie ist ein Relikt aus einer alten Klassengesellschaft und die Meinungshoheit darüber, welche Kunst bedeutend ist, liegt bei Expert:innen, die dadurch spekulative Werte nach Belieben produzieren können. Weder der Großteil der Künstler:innen profitiert davon, noch die Gesellschaft, sondern der Statuserhalt einer elitären Minderheit. Das wird sich nie ändern und das muss es meiner Meinung auch nicht. Man kann den Kunstbetrieb als eine von Romantik und Mythen verklärte Industrie stehen lassen und ignorieren, solange sie sich nicht mit öffentlichen Geldern finanziert.

Viel wichtiger ist es, das verlorene Potenzial der Künstler:innen zu befreien. Wenn sie nämlich ihre ganze kreative Energie dafür verwenden, Werke zu schaffen, die kaum ausgestellt in Sammlerkellern verschwinden oder niemals beachtet werden, weil sie nicht in den aktuellen Kunstdiskurs passen, ist ein Großteil ihres Potenzials vertan. Sie dienen bloß noch einem Elitarismus, dem Narzissmus von Sammler:innen und einer Masche zur Geldwäscherei. Die Gesellschaft braucht aber die Künstler:innen, um in all ihren Parzellen mitgestaltet zu werden. Indem sie Bewusstsein schaffen für die vielfältigen Möglichkeiten, wie Dinge sein können, indem sie Umgebungen und Atmosphären kreieren, indem sie kreative Lösungen in allen Bereichen des Alltags anbieten. Sie können das alltägliche Leben bewegen, so wie Musik es tut. Stattdessen jagen viele einem klischeehaften Rollenbild nach, was aus Mythen der Kunstgeschichte hervorgegangen ist und glauben, dieses erfüllen zu müssen, um in der Kunst erfolgreich zu sein.

Meiner Meinung nach müsste dem Narrativ der Kunst und dem Geniekult um die Künstler:innen Aufklärungsarbeit über die realen Verhältnisse der Kunst entgegengestellt werden und eine Vermenschlichung der Künstler:innen stattfinden. Ich sehe die Kulturpolitik in der Verantwortung, einen Paradigmenwechsel mitzutragen. Zum Einen durch die Einbindung von Künstler:innen ins Arbeitsleben und Integration in öffentliche Projekte, statt Förderungen und Workshops, die sie zu Karrierist:innen im Kunstmarkt formen. Zum Anderen durch eine andere Vermittlung von Kunst an Heranwachsende, einem Kunstunterricht mit dem Ziel, das kreative Denken und Handeln aller zu fördern, anstatt sie in Künstler:innen und Nicht-Künstler:innen zu sortieren und ihnen Rollenbilder der Bohème zu indoktrinieren. Also kurz gesagt: Förderung von kreativem Potenzial in allen Bereichen des Schaffens, statt Pilgerfahrten zu Museen und Kult um Mythen, Idole und Genies. Dafür bräuchte es auch eine Aufwertung des Berufs der Kunstlehrer:innen, denn er hat viel mehr Relevanz verdient, als der ungeliebte Notnagel für gescheiterte Künstler:innen zu sein.

Wichtig ist mir dabei die Aufwertung der Schöpfungskraft jedes Einzelnen in der Gesellschaft. Kunst führt unweigerlich zur Unterscheidung von Kunst und Nicht-Kunst. Das führt zu einer Überhöhung bestimmter kreativer Akte, die dann in heilige Hallen von Museen gestellt werden, und Geringschätzung anderer kreativer Akte, die als zu alltäglich und kulturell unbedeutend übergangen werden. Es gilt also diese Unterscheidung zu überwinden und ein Bewusstsein zu schaffen, dass jeder gestalterisch an der gemeinsamen Welt partizipieren kann und das keine exklusive Superkraft von anerkannten Künstler:innen ist.

Du nimmst einen Spaziergang im Düsseldorfer Volksgarten als Ausgangspunkt für Deine Gedanken. Welche besondere Rolle spielt der Ort für Dich? Während der Pandemie wurden öffentliche Parks zu Orten der Zuflucht und der Besinnung. Damals war unsere erste Tochter wenige Monate alt. Ich schob den Kinderwagen stundenlang durch den Volksgarten und hatte viel Zeit zum Beobachten. Ich bemerkte, wie der Park alle Besucher:innen auf Augenhöhe brachte. Er bot jedem gleichermaßen Erholungsfläche. Besonders bewunderte ich die Gärtner:innen, die dafür sorgten, dass dieser gemeinschaftliche Ort aufblühte und gepflegt war. Im Café im Südpark, der betrieben wird von der Werkstatt für angepasste Arbeit, beschämte mich die Freundlichkeit des Personals regelrecht. Es war beeindruckend, wie dankbar und demütig sie dort zusammen arbeiteten. Dieses gegenseitige Stützen in der Gemeinschaft, das hatte mir im egoistischen Kunstbetrieb gefehlt. Der Südpark mit dem kleinen Bauernhof wurde schnell unser liebster Ort in Düsseldorf, an den wir regelmäßig zurückkehren.

Gibt es etwas, was Du jungen Kunstschaffenden mit an die Hand geben möchtest? Ich glaube, dass es nichts bringt, ihnen väterlich zu raten, mehr auf ihren eigenen Körper zu hören, ihre Energie besser einzuteilen, weniger perfektionistisch zu sein. Wer jung ist und vollgepumpt mit Koffein, Taurin oder anderen Mitteln, kann seine Grenzen nicht einschätzen oder seinen Ehrgeiz kontrollieren. Ich glaube aber an ihre Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und sich neu zu erfinden. Das ist eine Qualität von künstlerisch Denkenden. Sie sollten ihren eigenen Antrieb infrage stellen, ihr Selbstbild, den Entwurf, den sie von sich selbst machen. Wer wollen sie sein und warum wollen sie so sein? Wer sind ihre Idole, wer hat diese Idole erschaffen und warum? Auch auf der wirtschaftlichen Seite sollten sie nicht naiv sein. Wer wird von ihrer kreativen Arbeit profitieren und wie wichtig oder unwichtig ist ihnen das? Sie sollten sich bewusst werden, dass ihre Entscheidungen immer auch eine politische Komponente haben, daher empfehle ich jedem, sich mit der „Vita Activa“ von Hannah Arendt zu beschäftigen. Welche Rolle wollen sie in der Gesellschaft einnehmen? Wie wollen sie partizipieren? Wenn sie eine Antwort darauf gefunden haben, wünsche ich ihnen den Mut sich daran zu halten, ganz gleich welche Konsequenzen das für sie bedeutet.

Welche Orte in Düsseldorf inspirieren Dich noch? Seitdem ich Kinder habe, achte ich vor allem auf das Angebot für Kinder. Wenn ich in den Veranstaltungskalender der Stadt schaue, ist es manchmal schon frustrierend, wie viele Kunstausstellungen es gibt, aber verschwindend wenige Events für Kinder. Aber es gibt auch Lichtblicke. Vor allem in den Stadtbüchereien. Mit meiner Tochter klappere ich die Büchereien in verschiedenen Stadtteilen ab und habe mich auch schon als Lesepate gemeldet, um demnächst Kindern vorzulesen. Die neue Zentralbibliothek am Hbf ist ein wirklich gelungenes Projekt. Ein sehr inspirierender Ort, wie der Volksgarten, bloß mit Büchern statt Bäumen. So viele Geschichten, so viel Wissen versammelt und jedem frei zugänglich. Das ist ein Reichtum, den wir viel zu wenig zu schätzen wissen. Im Gegensatz zu Kunsträumen sehe ich da tatsächlich einen Querschnitt der Gesellschaft zusammenkommen. Unabhängig von Alter, Vermögen oder Herkunft. Dazu gibt es dort integriert das tolle Café „Xafé“ mit einem vielfältigen, gesunden Angebot, das zum Verweilen einlädt.

Abgesehen davon lieben wir den neuen Spielplatz im Florapark. Für den sind viele Familien dankbar. Nach dem Spielen mache ich mit meiner Tochter dort oft noch einen kleinen Spaziergang durch den Park, an den afrikanischen Wildgänsen vorbei und über die schöne Brücke, die von einer Trauerweide überdacht wird. Es gibt genau eine weiße Ente im Park. Wir suchen sie immer so lange, bis wir sie gefunden haben.

Was bringt die Zukunft? Der Essay war mir persönlich sehr wichtig, weil mich das einseitige Narrativ der Kunstwelt genervt hat. Der literarische Diskurs über Kunst wird von Leuten geprägt, die selbst keinen Pinsel halten können. Dem wollte ich einmal die Sicht eines Künstlers entgegenstellen und aussprechen, was viele Künstler:innen denken, aber nicht offen ansprechen können, weil sie sonst ihre Perspektive in der Kunst gefährden. Da ich kein Bedürfnis mehr habe, in der Kunst Karriere zu machen, macht es mir nichts aus, mich in der Kunst damit unbeliebt zu machen.

In der Zukunft will ich mir wieder Stück für Stück ein vielfältiges, kreatives Leben erarbeiten. Den Spaß an der Musik wiederfinden, ob wieder mit ,Ivory Clay’ oder unter anderem Namen. Das Schreiben werde ich definitiv weiterführen. Einen Roman habe ich mir vorgenommen, der nichts mit der Kunst zu tun haben wird. Ich freue mich außerdem darauf, eines Tages wieder zu malen. Auf Leinwänden, weil ich die Stofflichkeit gerne mag, und hoffentlich auch für öffentliche Räume. Letztlich bleibe ich Maler, auch wenn ich derzeit nicht male. Ich hoffe, mit dem richtigen Gefühl in die Praxis zurückzukehren, ohne mit meinem Schaffen den bestehenden Kunstbegriff und das System zu legitimieren.

Auch die Vermittlung von kreativem Denken, wie ich sie im Buch fordere, könnte für mich noch ein Thema werden. Ehemalige Mitstudent:innen, die nun in Lehrberufen arbeiten, erzählten mir, dass Schulen derzeit händeringend nach Kunstlehrer:innen suchen. Ich fände es spannend, mit Kindern ihr kreatives Potenzial zu entwickeln. Darum habe ich letztens im Studentensekretariat der Kunstakademie nachgefragt, ob ich die fehlenden Didaktik-Scheine fürs Lehramt nachholen kann. Mir wurde gesagt, ich solle mich komplett neu bewerben. 10 Jahre an der Kunstakademie? Meisterschüler? Denen völlig egal! Eine Mappe müsste ich abgeben, um meine künstlerische Eignung nachzuweisen. Das ist nicht nur völlig absurd und despektierlich gegenüber einem Absolventen, sondern auch eine dieser unnötigen Barrieren, die Künstler:innen vom Arbeitsleben fern halten.

Strategien gegen die Kunst ist ab Donnerstag, den 30. März 2023 über den mikrotext Verlag als E-Book für 2,99 € erhältlich. Außerdem findet an dem Tag zum Release um 20 Uhr ein Livestream bei Youtube statt.

Weitere Infos über Pulad und seine Arbeit findet Ihr auf dem Instagram-Kanal @pulad.mohammadi und auf seiner Website.

Vielen Dank!

Text: Franka Büddicker/ Lisa-Marie Dreuw
Fotos: Jana Schwarze
© THE DORF 2023

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