RUOHAN WANG

Name: Ruohan Wang
Beruf: Illustratorin und Malerin
Ausbildung:
Visuelle Kommunikation an der UdK Berlin (Meisterschülerin)

Website: www.ruohanwang.com
Instagram: @ruo_han_wang

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Das Oeuvre von Ruohan Wang ist so vielfältig wie die Farbpalette, die ihre Werke prägt. Die in Peking geborene und in Berlin lebende Illustratorin und Malerin experimentiert mit einer Reihe unterschiedlicher Medien, die sich von Druckgrafik über Installation bis hin zu Mode, Animation und Kunst im öffentlichen Raum erstreckt. Wie ein kreativer Tausendfüßler hat sie gewissermaßen überall ihre Finger im Spiel. Charakteristisch für Ruohan Wangs künstlerische Sprache sind nicht nur knallig-bunte Farben, sondern auch träumerisch-abstrakte Bildwelten, geometrische oder organische Formen und Kompositionen von starker Rhythmik. Was auch immer sie entwickelt, es strotzt nur so von Leben und Vitalität. Nach Kooperationen mit Einzelhandel-Riesen wie Nike und diversen international renommierten Museen ist Ruohan Wang nun Gastprofessorin an der HS Düsseldorf, wo Designstudent*innen voraussichtlich bis März 2023 ihre Expertisen aufsaugen können. Im Schwerpunkt ihrer Lehre stehen nach eigener Aussage die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der Visualisierung.

Du kannst auf eine beeindruckende Reihe von Kollaborationen zurückblicken, die von Nike und Off-White bis zur New York Times und dem Goethe-Institut reichen. Welches Unternehmen würdest Du dieser Liste gerne noch hinzufügen? Eine Kooperation mit der NASA.

Du bist bekannt für Deine Zusammenarbeit mit Nike, wo Du Modelle wie den Nike Air Force 1 und den Nike Air Max 90 Schuh entworfen hast. Gibt es ein Kleidungsstück oder einen Gegenstand, den Du in Zukunft gerne entwerfen würdest? Den Schuh „Nike Jordan 1 Mid“ und ein Basketball-Trikot.

Könntest Du ein wenig darüber sprechen, was Dich an die HSD gebracht hat und was Deine Lehrtätigkeit umfasst? Eine persönliche Einladung brachte mich dazu, an der HSD zu unterrichten. Zuvor habe ich die Abschlussarbeiten von Student*innen an der SVA in New York betreut. Der Dialog mit jungen Menschen und die gemeinsame intensive Auseinandersetzung mit visueller Kommunikation war für mich eine wahre Bereicherung. Auch die Entwicklung der Student*innen an der HSD macht mich sehr stolz. Jedes Semester unterrichte ich vier Kurse im Bereich Illustration für Student*innen aus unterschiedlichen Jahrgängen. Die Student*innen des ersten und zweiten Semesters befassen sich mit Zeichnen, dem Experimentieren mit verschiedenen Materialien und handwerklichen Techniken. Die höheren Fachsemester sind eher im Bereich der visuellen Forschung angesiedelt und setzen sich akademisch-künstlerisch mit bestimmten Themen wie unserer Beziehung zu uns selbst auseinander.

Was sind drei wichtige Lektionen, die Du angehenden Designer*innen, Künstler*innen und Illustrator*innen gerne mit auf den Weg geben möchtest? 1. Wenn man zu den Besten gehören will, muss man auf viele Freizeitbeschäftigungen wie Partys usw. verzichten. Man erntet die Früchte dort, wo man Arbeit investiert. Daher ist es besonders in der Anfangsphase wichtig, der Karriere eine solide praktische Grundlage zu geben.
2. Ein wertvoller Mensch ist jemand, der in die Welt geht und irgendetwas wertvolles Neues hinzufügt, anstatt jemand, der das Ziel verfolgt, der oder die Beste in der etablierten Weltordnung zu werden. Es ist also wichtig, zu experimentieren und eine eigenständige, unersetzliche visuelle Sprache zu entwickeln und nicht etwa eine, die bereits verwendet wird. In kurz: Werde ein*e nicht austauschbare*r Künstler*in/Designer*in.
3. Ergreife die Initiative, Dinge besser zu machen, sie besser aussehen zu lassen. Lass Deine Ästhetik das Denken anderer Menschen beeinflussen.

Du lebst in Berlin und reist für Deine Arbeit an der HSD häufig nach Düsseldorf. Hast Du bestimmte Rituale, die Du bei Deiner Ankunft in Düsseldorf wiederholst oder Orte im Sinn, an die Du immer zurückkehrst? Die Zugfahrt zwischen Berlin und Düsseldorf dauert fünf Stunden. Bevor ich in den Zug steige, kaufe ich etwas zu essen und wenn die Fahrt losgeht, nehme ich es zu mir und arbeite dann am Computer oder schlafe. Im Zug hat man immer Zeit, sich aktiv oder passiv neues Wissen anzueignen. Man hört zum Beispiel jemanden am Telefon, der sich über seinen Chef beschwert, oder sieht jemanden, der seinen Kindern bei den Hausaufgaben hilft, seine Katze auf dem Gang Gassi führt, mit einem großen Blumentopf im Speisewagen sitzt, und und und. Das sind Szenen, denen wir manchmal nicht viel Aufmerksamkeit schenken, aber im Zug sind sie auf einmal extrem wahrnehmbar. Ich glaube, diese besonderen Situationen regen immer das Denken und die Phantasie an. Wenn die Leute mich im Zug sehen, eine junge Asiatin, die modisch gekleidet ist und Deutsch mit Akzent spricht, können sie sich bestimmt nur schwer vorstellen, was genau ich in Deutschland mache und wohin ich gerade fahre. Für mich führt dies alles dazu, dass ich das Leben als ein wenig poetischer empfinde und es besser verstehe. Solche Situationen sind oft der Ursprung der künstlerischen Idee für Illustrator*innen.

Der Moment, in dem ich aus dem Zug steige, ist immer ein angenehmer Moment. Er steht symbolisch dafür, dass ich zwei Tage lang an einem Ort arbeiten kann, an dem meine eigenen Projekte keine Rolle spielen. Ich liebe das Gefühl, zwischen zwei Identitäten zu wechseln und in zwei Städten zu sein, die ich liebe. Jeden Freitag überarbeite ich die Illustrationen meiner Schüler*innen und wenn ich eine kleine Verbesserung oder einen Fortschritt erkenne, freue ich mich immer. Dann lohnt sich die wöchentliche 10-Stunden-Reise. Die Rückfahrt nach Berlin am Freitagabend bringt mich zurück zu meiner anderen Identität mit neuem Input aus Düsseldorf.

Zu guter Letzt möchte ich noch anmerken, dass ich die Stadt Düsseldorf liebe, zum Teil, weil der Name auf Chinesisch so schön und intelligent ist: 杜塞尔多夫. Das klingt jetzt womöglich ein bisschen vorurteilsbehaftet, aber es hört sich wirklich einfach toll an. Die Menschen in Düsseldorf sind zart und zugleich ernst, diese Ernsthaftigkeit finde ich süß. Seit 10 Jahren lebe ich nun schon in Berlin und die Stadt hat meine Weltanschauung komplexer und vielfältiger gemacht. In Düsseldorf sind Kunst und Kultur zwar auch vielschichtig, aber die ursprüngliche deutsche Strenge und das kulturelle Erbe sind gegenwärtiger als in Berlin. Das gefällt mir.

Wenn Du eine Illustration von Düsseldorf entwerfen würdest, welche urbanen Element würdest Du miteinbeziehen? Meine Aktivitäten liegen hauptsächlich zwischen dem Hauptbahnhof, der HSD und meinem Hotel. Ich würde gerne den wundervollen HSD-Campus und die Aktivitäten rund um den Rhein illustrieren.

Was kann Düsseldorf von Berlin lernen und umgekehrt? Ich denke, die Kultur einer Stadt hängt von ihrer Bevölkerung und Geschichte ab. Düsseldorf hat eine Menge deutscher Kultur, aber auch viele andere ethnische oder kulturelle Essenzen. Ich glaube nicht, dass Düsseldorf etwas von Berlin lernen muss. Wenn ich etwas sagen müsste, dann wäre es die improvisierte Kunstszene und der Lebensstil Berlins. Berlin wiederum sollte zurück zur deutschen Sprache finden. Die Leute in Berlin kommen und gehen, vor allem wenn sie sich nicht wirklich in die Kultur vor Ort integrieren. Düsseldorfer*innen machen das sehr gut. Ich denke, das Erlernen der Landessprache ist eine Möglichkeit, dem Ort, an dem man lebt, den nötigen Respekt zu erweisen.

Kannst Du ein paar Tipps nennen, die Deiner Erfahrung nach aufstrebenden Kreativen dabei helfen könnten, unternehmerischen Erfolg zu erlangen?
1.      Erkenne deine einzigartigen Fähigkeiten
2.     Mach dir bewusst, was du zur Gemeinschaft/Gesellschaft beitragen kannst
3.     Handle und reagiere positiv
4.     Entwickle eine konstante Stresstoleranz
5.     Hab keine Angst vor Ablehnung
6.     Helfe anderen Talenten dabei, sich weiterzuentwickeln

Düsseldorf hat viele international anerkannte Kreative hervorgebracht und/oder war dessen (Wahl-)Heimat. Gibt es jemanden, den Du besonders interessant findest und mit dem Du gerne mal ein Altbier trinken würdest? Joseph Beuys. Ich würde gerne mehr über die Erfahrungen wissen, die er während seinen zwei Jahren auf dem Land gemacht hat.

Hast Du außer Kunst und Design noch andere (geheime) Talente, die Du mit uns teilen möchtest? Tauchen und Gewehrschießen.

Wie Du weißt, ist die PBSA (Peter Behrens School of Arts) ein eigenständiger Fachbereich für Architektur und Design an der HSD (Hochschule für Technik und angewandte Wissenschaft). Wo genau würdest Du Design ansiedeln – in der Wissenschaft, Kunst oder im Handwerk? Architektur und Design sind immer rational und wissenschaftlich. Ich stimme zu, dass eine wissenschaftliche Herangehensweise und technische Grundlagenbildung den Studierenden nicht nur ermöglicht, ihre künstlerischen Ideen besser umzusetzen, sondern auch nach dem Studium besser eingesetzt zu werden. Sobald man diesen Anforderungen gerecht wird, kann man eine künstlerische Komponente hinzufügen und beides gleichzeitig praktizieren. Das ist zumindest mein Ziel in der Lehre. Als Illustratorin repräsentiere ich einen Beruf, der zwischen Kunst und Design angesiedelt ist. Ich versuche, Student*innen dabei zu helfen, ein eigenes künstlerisches Thema zu finden und ihnen gleichzeitig wichtige Dinge wie Professionalität zu vermitteln.

Kannst Du uns ein bisschen über Deine Anfänge als Illustratorin erzählen, zum Beispiel über Deine Inspirationsquellen? Ich glaube, es war wichtig für mich, eine Figur zu schaffen, die meiner persönlichen Ästhetik der Illustration entspricht. Deshalb habe ich die einfachste menschliche Figur gewählt, die es gibt, eine, die darüber hinaus die typische Frisur meines Vaters in den frühen 2000er Jahren aufgreift. Außerdem habe ich meine Figur eher neutral als weiblich oder männlich gestaltet, damit sie für jede alltägliche Situation geeignet ist.

Du bist mit der asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Kultur aufgewachsen und hast in allen Erfahrungen sammeln können. Gibt es nennenswerte kulturelle Unterschiede, die Du aufgeschnappt hast Ich glaube, diese kulturellen Einflüsse haben mich zu einem globalen Menschen gemacht. Es gibt asiatische Kultureigenschaften wie zum Beispiel Bescheidenheit, Respekt, Gerechtigkeit und Weitblick, die mich sehr geprägt haben. Werte wie diese spiegeln sich in vielen Gemälden chinesischer Meister wider, oft sind große Berge und Flüssen mit kleinen Menschen davor zu sehen, die ehrfürchtig zum Himmel blicken.

Meine Zeit in den USA hat mich gelehrt, dass so ziemlich alles seine historischen, sozialen und umweltbedingten Gründe hat, und dass wir als Gesellschaft mehr Toleranz gegenüber dem Spektrum an Existenzen und Individualität haben könnten. Ich liebe, dass Amerikaner*innen ihre Gefühle zeigen und wie ermutigend sie sind.

Die deutsche Kultur war in den letzten 10 Jahren der wichtigste Input in meinem Leben. Ich finde es toll, wie verantwortungsbewusst und mit welcher Ernsthaftigkeit die Menschen hier mit kleinen gesellschaftlichen Details umgehen – das ist echt niedlich. Das Vertrauen und die Sympathie zwischen den Menschen hier ist größer als überall sonst, wo ich bisher gewesen bin. Mir scheint, als würden diese und andere wertvollen Eigenschaften von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ich bin dankbar, dass ich von den Student*innen der HSD mehr über die deutsche Lebensweise erfahren kann.

English version:

Name: Ruohan Wang
Profession: Illustrator and painter
Professional education: Visual communication at UdK Berlin (master student)
URL: www.ruohanwang.com
Social media: ruo_han_wang

Ruohan Wang’s oeuvre is as manifold as the palette of colours that adorns her works. A creative centipede, the Beijing-born, Berlin-based illustrator and artist experiments with media ranging from print and painting to public art, installation, fashion, public art, and animation. Organic shapes, playful imaginaries, and bold compositions character- ise her artistic language, oozing a vibrancy that pulsates with life and vitality. After collaborations with retail giants like Nike and exhibitions at internationally acclaimed museums, she now is a visiting professor at the HS Düsseldorf, University of Applied Sciences, where design students can soak up her expertise on the possibilities of visualisation until March 2023.

Can you tell us a little bit about your beginnings as an illustrator, for example, your sources of inspiration? I think it was important for me to create a character that matches my personal aesthetic for illustration. So I chose the simplest human hairstyle there is, which was also my father’s typical haircut in the early 2000s. I also made my character way more neutral than female so that it could help describe every common situation.

You’re well known for your sneaker collaborations with Nike. What other piece of clothing or item would you like to design in the future? Nike Jordan 1 Mid and basketball jersey

Can you talk a little about what brought you to the HSD and what your teaching activities encompass? An invitation led me to teach at HSD. Before the HSD, I supervised the graduation works of students at SVA in New York. Having a dialogue with younger people and helping them find their way with visual communication and visual expression was a great experience for me. I’m very proud of the growth of students at HSD-Illustration. Each semester, I have four different courses for students from different years. My task for first-to-second semester students is drawing, experimenting with diverse materials, and transitional handwork techniques under certain themes. With the more advanced students, we focus more on academic visual research and realisations related to specific topics like our relationship to ourselves.

You’ve grown and become accustomed to Asian, European, and North American culture. What are some noteworthy cultural differences that you’ve picked up on? I think these cultural influences made me into a global human. I’m impacted a lot by Asian attributes of culture such as humility, respect, justice, and wide vision. Values like these are reflected in Chinese master paintings where we always see big mountains and rivers with small people looking up to the sky.

From my experiences in the US and social media, I’ve learned that everything has its historical or environmental reasons and that as a society, we could have more tolerance toward special existences and individualities. I love how Americans express their true emotions and how encouraging they are. German culture has been the most important input in my life over the past 10 years. I love how serious and responsible many people are about small details in society — it’s cute. The trust and sympathy between those here are higher than anywhere else I’ve been; they’re precious qualities handed down from generation to generation, it seems. I’m grateful to be able to learn more about the German way of life from students at HSD.

You’re based in Berlin and frequently travel to Düsseldorf for your work at the HSD. Do you have any special rituals upon arriving here or a place in mind that you always return to? I love the city of Düsseldorf because the name is so nice and intelligent in Chinese: 杜塞尔多夫. It sounds a bit preconceived but it’s truly nice in the Chinese language. Many people in Düsseldorf are very delicate and serious and I think serious people are very cute. After staying in Berlin for 10 years, one’s worldview is diverse and complex, but Düsseldorf still has the original German rigor and heritage, while at the same time it’s very diverse in culture and art. Every Friday I would revise illustrations for my students and each time a little improvement and progress made my weekly 10-hour-trip worthwhile. The trip back to Berlin on Friday night brings me back to my other identity with new inputs from Düsseldorf.

If you were to create an illustration of Düsseldorf, what urban elements like buildings, spaces, or activities would you include? My activities are mainly between Hauptbahnhof, HSD and my hotel in Düsseldorf. I would love to illustrate the beautiful HSD campus and activities around the river Rhine.

Based on your experience, what are some ways for aspiring illustrators, artists, and designers to promote themselves to entrepreneurial success? Recognise your unique abilities. Understand what you can contribute to your community and society at large. Positive action and reaction. Consistent stress toler- ance. No fear of rejection. Help talented people grow.

Düsseldorf has brought forth and hosted many internationally recognised creatives. Is there anybody you find particularly interesting with whom you would like to drink an Altbier? Joseph Beuys, I would like to ask him about his experience during the two years he spent in the countryside.

Besides art and design, do you have any (secret) talents you would like to share with us? Diving and shooting guns.

Fotos: Lexi Sun 
Text: Merit Zimmermann
© THE DORF 2023

THE DORF • THE MAG is part of the #urbanana project by Tourismus NRW

 

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