The Other Me

Als an Darios achtzehntem Geburtstag das Telefon klingelte und sich dort nicht Oma, sondern Olivia Jones meldete, um ihm eine Stelle als allererster „Dragtikant“ auf der Reeperbahn anzubieten, war spätestens das ein Indiz: Dario ist ein Pionier. Und ab jetzt wird’s bunt!

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Dario ist mittlerweile 21, zurück im Dorf und selbstständiger Travestiekünstler. Lasse ist ein Jahr jünger und angehender Fotograf. Beide wuchsen in Düsseldorf auf, besuchten dieselbe Schule, kannten sich vom Hören und Sehen, bekamen aber sonst wenig voneinander mit. Bis Lasse sich Anfang des Jahres entschied, Fotojournalismus in Hannover zu studieren. Für die strenge Eignungsprüfung brauchte er ein überzeugendes Portfolio. Er dachte an Dario, kontaktierte ihn und begleitete ihn im März zu einer der letzten Shows vor Corona. Daraus ist ein bemerkenswerter Fotoessay entstanden, den wir exklusiv zeigen.

Der Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover ist berühmt dafür, der einzige journalistisch geprägte Fotografiestudiengang Deutschlands zu sein. Lasse hatte gerade eine lange Indien-Reise hinter sich. Seine Mappe für die Aufnahmeprüfung war damit eigentlich schon gut gefüllt. Doch er spürte, da fehlt noch was, um den hohen Ansprüchen der Prüfer*innen gerecht zu werden und inmitten der vielen Mitbewerber*innen positiv aufzufallen. Als er seinen ehemaligen Mitschüler Dario fragte, ob er ihn zu seiner Travestie-Show begleiten und fotografieren dürfe, sagte der sofort zu.

Dario bediente sich schon als Kind am Kleiderschrank seiner älteren Schwester. Nun ist sie seine Dresserin, wenn er Shows spielt und sich in Dyana Dyamond oder andere Rollen verwandelt, die er bis ins kleinste Detail entwickelt, um sie dann in Perfektion auf die Bühne zu bringen. Seine Auftritte sind ein Mix aus Kabarett, Musik und Tanz. Um ihn herum wuselt ein echtes Familienunternehmen. Nicht bloß seine Schwester, auch Vater, Mutter, Bruder und sein Freund sind involviert, im Ausschank, der Tontechnik, im Catering.

Die Fotoreihe zeigt die vorletzte Show vor den Corona-Maßnahmen. Sie porträtiert Darios Kunstfiguren nicht bloß aus der Publikumsperspektive, sondern auch hinter der Bühne. Lasse dokumentiert mit seiner Kamera die gesamte Palette eines Abends, die Freude und die Anstrengung, die Vorbereitung und Erschöpfung, die ausgelassene Stimmung und ganz zum Schluss dann Dario. Verschwitzt, abgeschminkt, in Unterhose. Es ist das Abschlussritual bei jedem seiner Auftritte. Sich vor aller Augen des Kostüms entledigen, nahbar und ungeschützt offenbaren: seht her, all das bin ich. Das alles darf sein und alles daran ist gut. „Spätestens da habe ich gespürt“, sagt Lasse, „was für ein Kraftakt das ist, die Show und alles, was dazu gehört. Ich habe an dem Abend viel über Travestiekunst gelernt. Und als da am Ende die nackte Erschöpfung und gleichzeitig das Hochgefühl auf der Bühne standen, ein absoluter Gänsehautmoment. Das ist mein Lieblingsfoto.“ Die Reihe ist in schwarz-weiß gehalten, wodurch ein spürbarer Sog, eine Tiefe entsteht. Lasse bringt das Andere im Eigenen zum Vorschein, das Vielfarbige mit Nichtfarben. Das Schillernde, der Glanz und das Bunte des Abends gehen dabei nicht verloren.

Aktuell muss Dario, wie viele Künstler*innen, ohne Bühne auskommen. Auf die Frage, was er am meisten vermisst, antwortet er: Lachen und Applaus. Die Interaktion mit dem Publikum und dass man für einen Moment gemeinsam die Sorgen vergisst. Das sei der beste Lohn, das schönste Kompliment. Aber er ist eine ratternde Ideenfabrik. Er füllt die unfreiwillig leere Zeit mit Spaziergängen und träumt dabei von einem Künstler*innencafé und anderen neuen Konzepten, während Lasse dank „The Other Me“ an der Hochschule in Hannover mit offenen Armen empfangen wurde und dort nun seinen Weg geht. Wir finden: zu Recht!

Dario auf Instagram: www.instagram.com/dariogianpiero

Text: Anne Florack
Fotos: Lasse Branding
© THE DORF 2020

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