ZU TISCH MIT • EVGENIYA PODUGOLNIKOVA

Auf Instagram ist Evgeniya Podugolnikova hinter dem DJ-Pult zu sehen, in Nachtclubs und auf Hausdächern oder bei der Fashionweek in Kiew. Ab März bricht diese Serie von Bildern, auf denen sie in die Kamera lächelt oder in ausgefallener Kleidung posiert, plötzlich ab. Die junge ukrainische DJ und Stylistin befindet sich seit Ende Februar 2022 auf der Flucht vor dem Krieg, der die Welt erschüttert hat. Ihr Weg hat Evgeniya vor drei Wochen nach Düsseldorf geführt, wo wir sie interviewen durften. Für THE DORF hat sie diesen Weg in einem Video dokumentiert. Im Interview erzählt die Ukrainerin von der turbulenten Reise nach Deutschland, von Freunden, die noch immer in der Ukraine sind und von der Gastfreundschaft der Düsseldorfer. Hier hofft sie, bald als DJ Fuß zu fassen und ihre Leidenschaft für die Musik mit dem Dorf zu teilen.

Stell Dich doch bitte kurz vor. Mein Name ist Evgeniya und ich wurde in Lugansk in der Ukraine geboren. Ich bin DJ und Stylistin und liebe es zu reisen.

Wo in der Ukraine hast du gelebt? Ich wurde in Lugansk geboren und habe dort auch gewohnt. Das bedeutet, dass ich fliehen musste, als der Krieg 2014 in der Donbassregion begann. Meine Flucht brachte mich nach China und schließlich zurück nach Kiew.

Wie lange hast du in Asien gelebt? Etwa acht Jahre lang. Nach China lebte ich in Malaysia, Tunesien, Thailand und Kambodscha. Asien gefällt mir sehr gut. Im Sommer 2021 bin ich zurück nach Kiew gegangen, zum ersten Mal nach acht Jahren. In Düsseldorf bin ich seit drei Wochen.

Wie hast Du die Anfänge des Krieges erlebt und wann hast Du dich dazu entschlossen, die Ukraine zu verlassen? Das ist der zweite Krieg, vor dem ich fliehe. Beim ersten Mal, als ich meine Heimat verlassen musste, war ich nicht darauf vorbereitet. Beim zweiten Mal kannte ich diese Situation bereits etwas besser. Als Frau hatte ich keinen so großen inneren Konflikt, aus dem Land zu fliehen. Ich musste meine Emotionen kontrollieren, weil ich um mein Leben kämpfte.

Erinnerst Du Dich an den Moment, als der Krieg begann? Natürlich wurde darüber gesprochen und man hörte in den Nachrichten davon, aber niemand glaubte, dass der Krieg wirklich ausbrechen würde. Die Menschen waren mental nicht dazu bereit und dachten, dass Russland nur einen kleinen Teil bei Lugansk einnehmen und seinen Angriff damit beenden würde. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar begannen die Bombeneinschläge und uns wurde bewusst, dass der Krieg begonnen hatte. 

Wir beschlossen, zunächst zu warten, in der Hoffnung, dass in zwei oder drei Tagen die Verhandlungen beginnen würden. Allerdings stellten wir schnell fest, dass diese Verhandlungen keinen guten Ausgang nehmen. Als nach Putins Ansprache die Sanktionen Europas und der USA folgten, verstanden wir schnell, dass Putin nichts zu verlieren hat – und wir keine andere Option haben. Deshalb haben wir uns entschieden, das Land zu verlassen, um unser Leben zu retten.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, nach Düsseldorf zu kommen und wie war Dein Weg hierher? Wir sind von Kiew mit dem Auto bis zur polnischen Grenze gefahren, das sind knapp 500 Kilometer. Es war kein leichter Weg. Nach zwei Nächten Fahrt verbrachten wir weitere vier Nächte im Auto vor der Grenze. Der Stau vor der Grenze war 18 Kilometer lang. Wir sahen tausende Menschen mit und ohne Auto, die dasselbe Ziel hatten. 

Wenn man das mit eigenen Augen sieht, ist es etwas anderes als die Berichte im Fernsehen zu sehen. Nachdem wir die Grenzen überquerten, haben wir uns auf die beinahe aussichtslose Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft begeben. In einem Hostel konnten wir wegen der schlechten Bedingungen nur eine Nacht bleiben. Der nächste Stopp Warschau war von geflüchteten Menschen überlaufen. Alle günstigen Hotels waren belegt, es war sehr schwierig, einen Platz zum Schlafen oder Duschen zu finden. 

Nach zwei Nächten in einem sehr teuren Hotel haben wir versucht herauszufinden, welche Unterstützung es seitens der polnischen Regierung für Flüchtlinge gibt. Diese stellte sich als sehr dürftig heraus und ich las im Internet, dass die Bedingungen in Berlin besser sein sollen. Dort angekommen, sahen wir uns mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Große Mengen an geflüchteten Menschen, keine preiswerten Unterkünfte. Also mussten wir wieder in ein recht teures Hotel. Uns war klar, dass das Geld knapp wird, sollten wir keine andere Lösung finden. Ein Desaster! Also haben wir uns in Gruppen auf Social Media nach Lösungen umgesehen. 

Dort haben wir Kontakt zu einer sehr lieben Familie in Bonn aufgenommen, bei denen wir für ein paar Tage unterkommen sind und die uns sehr mit dem deutschen Papierkram geholfen hat. Die Familie hat drei kleine Kinder – ich als Person des Nachtlebens fand mich also plötzlich inmitten dieses Familienalltags wieder und habe in einem der Kinderzimmer zwischen Spielsachen geschlafen. Sie waren so hilfsbereit! Als kleine Gegenleistung habe ich mit den Kindern zusammen Musik gemacht. Das Paar hat ein paar Tage später geheiratet und ich habe sogar bei ihrer Hochzeit aufgelegt! 

Natürlich konnten wir hier nicht dauerhaft bleiben. Meine Gastgeberin ist mit zum Amt gegangen, wo wir erfuhren, dass der Status der aus der Ukraine geflüchteten Menschen in Deutschland noch nicht klar ist. Mittlerweile heißt es, dass es sich bei uns nicht um Flüchtlinge handelt und wir temporäre Unterstützung erhalten. Über Social Media haben wir also weitergesucht nach einem Platz in Deutschland, wo wir bleiben können. Wir schrieben sehr viele Emails an unterschiedliche Menschen, dass wir einen Platz zum Unterkommen oder zur Miete suchen. Dabei stießen wir auf ein supernettes Mädchen in Düsseldorf. Sie selbst hatte keinen Platz mehr frei, hat aber zwei Freundinnen gefragt. So hat sie uns mit unseren zwei „Supergirls“ connected – zwei Designerinnen aus Düsseldorf, bei denen wir aktuell für drei Wochen leben. Et voila! So sind wir in Düsseldorf gelandet.

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Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass das alles in vier Wochen passiert ist. Hast Du einen Plan, wohin Du als nächstes gehen kannst? Ja! Nach den drei Wochen kommen wir bei jemandem unter, der ein freies Zimmer für sechs Wochen hat. Ich freue mich sehr, weil mir Düsseldorf sehr gut gefällt. 

Düsseldorf ist oft wirklich wie ein kleines Dorf, in dem die Menschen sich kennen und gegenseitig helfen. Das merkt man an den Vibes, die die Stadt hat. Ich hätte nie gedacht, so viel Liebe von der deutschen Bevölkerung zu erfahren, aber nirgendwo anders habe ich so viel Unterstützung und Hilfsbereitschaft erlebt. Die Düsseldorfer*innen sind solche interessanten, vielseitigen und offenherzigen Menschen. Die Stadt hat meine Idee von Deutschland oder das, was andere Menschen davon erzählen, völlig verändert. Ich habe schon viele Länder und Städte dieser Welt besucht, aber nirgends Menschen wie hier getroffen. Jede Person hier ist so toll und anders. Jede Straße in Düsseldorf erzählt eine andere Geschichte, die Stadt ist voller Kunst und wird auch kommende Generationen begeistern. 

Auf Deinem Instagramprofil kann man sehen, dass Du vor einigen Wochen auf Hausdächern Musik gemacht, die Fashionweek besucht und eben all die “normalen” Dinge getan hast, die man auf Instagram postet. Was hat sich seit Beginn des Krieges für Dich verändert? Im Moment fühle ich mich leer. In den letzten drei Wochen habe ich versucht, mich zu erholen und mich mit Kunst zu befassen. Kunst ist das, was ich vor diesen dramatischen Veränderungen produziert habe. Ich war eine gefragte DJ und das Leben war normal. Ich habe große Hoffnungen, dass diese Stadt mit ihrer Kunst und Kultur die Leere in mir füllen kann. 

Wie geht es Deinen Freunden und Deiner Familie? Wo leben sie im Augenblick? Während des ersten Krieges, aus dem ich geflohen bin, ist mein Vater gestorben. Meine Mutter lebt noch, aber ich habe sie seit acht Jahren nicht gesehen. Wir sind lediglich über das Telefon in Kontakt. Die meisten meiner Freunde haben im weitesten Sinne mit Kunst, Kultur oder Musik zu tun. Die Männer unter ihnen dürfen die Ukraine nicht verlassen, und wenn sie es doch tun, müssen sie mit einer Haftstrafe von zehn Jahren rechnen. Sie helfen dem Land und dem Militär, wo es geht. Die meisten von ihnen können nicht mit Waffen kämpfen und backen stattdessen Brot, nähen Uniformen oder bereiten Munition vor. Ein Großteil meiner Freund*innen hat die Ukraine verlassen. 

Bist Du noch mit Deinen Freunden in Kontakt, durch Whatsapp-Gruppen zum Beispiel? Ja, ich spreche mit ihnen über Instagram, Telegram. Durch Elon Musk haben sie in Teilen der Ukraine gutes Internet, vor allem in Kiew. 

Weißt Du, wohin Deine Freunde geflohen sind? Sie sind nach Italien, Deutschland, Norwegen, Polen und in die Türkei gegangen und damit in ganz Europa verteilt. 

Du bist selbst viel gereist und hast lange Zeit in Asien als DJ gearbeitet. Ist es eine Option für Dich, weiterhin im Ausland zu arbeiten? Natürlich habe ich vor irgendwann international zu arbeiten, aber das braucht seine Zeit. Zu reisen, inspiriert mich, meine Musik und meine Kunst. 

Wie würdest Du Deine Musik beschreiben? Ich habe in den letzten Jahren in vielen verschiedenen Clubs gespielt und dementsprechend vielseitig ist auch die Musik, die ich beruflich mache. In meinem Herzen finden vor allem House und die dazugehörenden Genres Platz. Ich experimentiere mit vielen verschiedenen Arten von Musik in meinen Sets, damit es nicht langweilig wird und Spaß macht. Musik kann von schlechter Qualität sein, aber nie schlecht an sich.

Was hast Du noch für die Zukunft geplant? Ich möchte neben der Musik weiter in der Modeindustrie arbeiten, das ist eine meiner Leidenschaften. Und natürlich freue ich mich, wenn ich hier in Düsseldorf als DJ arbeiten und Musik machen kann.

Gibt es etwas, das Du in Düsseldorf gern sehen und erkunden würdest? Ich freue mich, neue Kunst zu entdecken. In Düsseldorf gibt es so viel und jeden Tag begegnet mir Neues. Das berührt mich sehr. Besonders gern würde ich neue Verbindungen zur Musik- und Modeszene in Düsseldorf knüpfen, da das Kreise sind, in denen ich mich schon immer bewegt habe. 

Gibt es eine Organisation oder Hilfsaktion, die Deiner Meinung nach unterstützt werden sollte? Mir haben Social Networks geholfen, eine Bleibe in Bonn und Düsseldorf zu finden. Für Bonn hat uns die Ukrainische Orthodoxe Kirche Patriarchat Kiew geholfen.Für die Suche in Düsseldorf waren die Plattformen bzw. Seiten Ukraine Now, Shelter for UA, I can Help und Hospitality helps sehr hilfreich.

Welche Wünsche hast Du für die Zukunft? Ich helfe Ukrainer*innen, indem ich meine Reichweite nutze und Informationen über meine sozialen Medien wie Tiktok oder Instagram verbreite. Aber sobald es mir persönlich besser geht und ich Kontrolle über meine eigene Situation habe, möchte ich andere Menschen noch viel mehr unterstützen.

Vielen Dank!

Evgeniya auf Instagram…

Wer Evgeniya live erleben möchte:
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Interview: Tina Husemann
Text: Antonia Lauterborn/Tina Husemann
Fotos & Video: privat, Evgeniya Podugolnikova
© THE DORF, 2022

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