ZU TISCH MIT Reiner Michalke • Monheim Triennale

© Foto: Patrick Essex

Monheim am Rhein ist eine mittelgroße Stadt zwischen Düsseldorf und Köln. Hier hat sich in den letzten Jahren eine äußert lebhafte Kunstszene und Eventkultur etabliert. Die Stadt besitzt eine Sammlung an Kunst im öffentlichen Raum, die sich sehen – und vielleicht bald auch hören – lässt. Denn die Stadt ist im Gespräch mit der Künstlerin Angela de Weijer, ihre Arbeit „Collective Signal“ zu erwerben. Dieses Engagement haben wir der Monheim Triennale zu verdanken, die in 2024 vom 4. bis zum 6. Juli stattfindet. Wir haben uns mit dem Intendanten der Monheim Triennale, Reiner Michalke, unterhalten, um besser zu verstehen, welche Ziele das Festival verfolgt, und was Euch im Juli erwartet. 

Die Monheim Triennale ist ein im Jahr 2020 gegründetes internationales Musikfestival, das sowohl aufstrebenden als auch etablierten Künstler:innen im aktuellen Musikgeschehen eine Bühne bietet. Dabei werden komponierte, improvisierte und populäre Musik auf Augenhöhe miteinander in Dialog gebracht. Das Festival besteht aus mehreren Teilen, verteilt auf drei Jahre, die inhaltlich eng miteinander verwoben sind: The Sound, The Prequel und The Festival.

Anlässlich der letzten Edition der Monheim Triennale im Jahr 2022 ertönten in der Stadt zahlreiche Stimmen, Klänge und Geräusche, darunter auch das „Collective Signal“ von Angela de Weijer, ein Werk bestehend aus vier Stücken, das sie für die 12 Alarmsirenen der Stadt komponiert hat. Auch dieses Jahr wird die Stadt wieder in Musik gehüllt. Vom 4. bis 6. Juli 2024 folgt auf die im vergangenen Jahr stattgefundene Ausgabe von The Sound nun das zweite Kapitel der Monheim Triennale II: The Prequel.

Bei The Prequel 2024 treffen die Künstler:innen des Festivals erstmal aufeinander. Dieses Jahr sind es 16 nationale und internationale „Signature-Artists“ aus Ländern wie Australien, Schottland, Georgien und den USA. Das spannende Line-up umfasst eine Vielzahl von Musikgenres, darunter moderne Elektronik, Trompeteninstallationen, experimentelle keltische Musik und multimediale Konzertmusik.

Ähnlich wie Festivals der bildenden Kunst bietet die Monheim Triennale den Signature Artists die besondere Möglichkeit, die Stadt sowohl als Austragungsort als auch ihre Bewohner kennenzulernen. Aus dieser Auseinandersetzung heraus entstehen ortsspezifische Werke und temporäre Inszenierungen, die oft in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Institutionen umgesetzt werden. So gab der Signature Artist Heiner Goebbels am 7. April 2024 in der Villa am Greisbachsee in Monheim am Rhein ein Hauskonzert.

Seit der Wahl des Bürgermeisters Daniel Zimmermann im Jahr 2009 hat sich in Monheim am Rhein einiges getan. Die Stadt hat keine Schulden mehr, stattdessen mehr Arbeitsplätze und ein größeres kulturelles Angebot. Seit 2020 hat die Stadt nun auch eine Triennale, also ein wiederkehrendes internationales Kunstfestival. Was war die Ursprungsidee der Monheim Triennale?
Kurz nachdem ich meine Zusammenarbeit mit der Stadt Moers beendet hatte, kam Daniel Zimmermann mit der Frage auf mich zu, ob ich Lust hätte, für Monheim ein neues Musikfestival zu entwickeln. Wir waren uns schnell einig, dass es keinen Bedarf für ein neues Jazz-Festival gab, sondern für ein Musik-Festival des 21. Jahrhunderts, welches alle aktuellen Strömungen auf Augenhöhe in einem gemeinsamen Kontext zeigt. Auch waren wir uns schnell einig, dass es nicht darum geht, große Namen nach Monheim zu holen, sondern eher große Kunst zu zeigen. Also Ideen zu zeigen, die vielleicht erst in Zukunft auf große Zustimmung treffen. Letztlich war es mein Wunsch, keine inhaltlichen Kompromisse machen zu müssen.

Die Monheim Triennale unterscheidet sich von anderen Triennalen, weil sie nicht alle drei Jahre stattfindet, sondern sich über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt. Warum wurde diese Entscheidung getroffen, und wie sind die verschiedenen Phasen des Festivals — The SoundThe Prequel und The Festival — begründet? Genau genommen war es die Corona-Pandemie, die den ursprünglichen Plan, nur alle drei Jahre ein Festival zu machen, verändert hat. Aufgrund der massiven Reiseeinschränkungen in der Pandemie, haben wir mit The Prequel eine Workshop-Ausgabe entwickelt, zu der wir nur die 16 Signature Artists ohne ihre Projekte eingeladen haben. Und das hat allen so viel Spaß gemacht, dass wir uns entschlossen haben, dies auch nach der Pandemie fortzusetzen. Und für das dritte Jahr bot es sich an, das hochinteressante Thema Klang im öffentlichen Raum hochwertig zu bearbeiten. So entstand der Dreiklang als The Sound, unserem Klangkunstfestival als erstem, der Workshop-Edition The Prequel als zweitem und dem eigentlichen Festival als drittem Ereignis und Höhepunkt einer Triennale.

Während der zweiten, anstehenden Phase der Monheim Triennale — The Prequel — treffen die Signature Artists erstmals aufeinander und lernen sich untereinander sowie die Stadt Monheim und ihre Menschen kennen. Welche spezifischen Merkmale bietet Monheim als Experimentiergrund für Künstler:innen? Was sind räumliche und soziale Gegebenheiten, die andere Städte möglicherweise nicht bieten? Es sind interessanterweise eher kleinere Orte, in denen wichtige Musikfestivals entstanden sind. Denkt z.B. an Bayreuth, Donaueschingen oder Moers. In einer kleineren Stadt ist es einfacher, die Konzentration zu erhöhen. Allein schon deshalb, weil das kulturelle Angebot nicht so groß ist wie in einer Großstadt. Das macht es auch einfacher, Publikum anzusprechen, das sich sonst eher weniger für avancierte Kultur-Angebote interessiert. In Monheim kommt dazu, dass hier das Thema Kultur auch weit über die Musik hinaus eine große Aufmerksamkeit erfährt. Ganz besonders die Themen Literatur und Kunst im öffentlichen Raum fordern die Monheimer Stadtgesellschaft immer wieder heraus, sich aktiv mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen.

Den kuratorischen Ansatz, Künstler:innen an den Austragungsort des Festivals einzuladen, damit sie ortsspezifische Kunstwerke schaffen, kennt man von anderen Biennalen, Triennalen und Dezennialen wie den Skulptur Projekten in Münster. Welche Idee steht dahinter und inwiefern unterscheidet sie sich von anderen Festivals mit ähnlichem Ansatz?  Das stimmt. Künstler:innen einzuladen, ortsspezifisch zu arbeiten, haben wir bei der bildenden Kunst abgeguckt. Sehr inspiriert hat mich z.B. die „Manifesta“, die Kasper König 2014 in Petersburg geleitet hat. Hier wurden sowohl bereits existierende Arbeiten in einem neuen Kontext gezeigt als auch ortsspezifische Arbeiten entwickelt, denen mehrwöchige Residenzen vorausgegangen sind. Im Musikbereich betreten wir damit als Festival Neuland. Genau genommen haben wir bei Prequel und Festival 16 Residenzen mit Künstler:innen, die alle zu Auftragswerken eingeladen sind.

Wie gestaltet sich der Austausch und die Auseinandersetzung der Künstler:innen mit der Stadt Monheim während der Vorbereitung ihrer Signature-Projekte? Gibt es organisierte Events oder erfolgt die Erkundung der Stadt eigenständig? Hier muss ich unterscheiden zwischen unserem Klangkunstfestival The Sound und unseren beiden performativen Formaten The Prequel und The Festival. Bei The Sound ist es von allergrößter Bedeutung, dass die Künstler:innen sich unmittelbar vor Ort mit der Stadt als Klangraum beschäftigen. Dies setzt in der Regel mehrfache, unterschiedlich lange Besuche voraus. Für das eigentliche Festival, bei dem die von uns eingeladenen Künstler:innen ihre „Signature-Projekte“ präsentieren, ist The Prequel der Einstieg in Monheim. Was natürlich nicht ausschließt, dass viele auch schon vorher in der Stadt waren. Wie z.B. Heiner Goebbels, der aktuell oft in Monheim ist, da wir ihn gebeten haben, für die Eröffnung des Festivals in 2025 eine Open-Air-Inszenierung vorzubereiten.

Arbeiten die eingeladenen Künstler:innen alleine an ihren Projekten oder kooperieren sie auch miteinander und mit den musikbegeisterten Bürger:innen der Stadt? Werden Kooperationen mit verschiedenen Institutionen angestrebt, ähnlich wie bei The Sound mit Gymnasien, Hochschulen und Kunstwerkstätten? Die Einbeziehung der Monheimer:innen und hier besonders der Kinder und Jugendlichen war von Beginn an wichtiger Bestandteil unserer konzeptionellen Überlegungen. Aus diesem Grund haben wir den Musiker und Pädagogen Achim Tang gebeten, seinen Wohnsitz nach Monheim zu verlegen und die Inhalte des Festivals auf alle möglichen Arten in die Kindergärten, Schulen und in die Stadtgesellschaft hineinzutragen. Aktuell erarbeitet Achim Tang gemeinsam mit vier Signature-Artists verschiedene Projekten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Monheim. All diese Projekte werden im Umfeld von The Prequel öffentlich aufgeführt.

Vor welchem Hintergrund haben Sie und das Kuratorium Signature-Artists der Monheim Triennale II ausgewählt? Nachdem das Kuratorium für die zweite Triennale besetzt war, begann der Arbeitsprozess mit regelmäßigen Treffen und der Erstellung einer sogenannten Longlist. Zu dieser Longlist hat jede:r Kurator:in ca. 20 Namen von Künstler:innen beigesteuert. Das einzige Kriterium für eine Nennung war die jeweilige Relevanz im aktuellen Musikgeschehen – über alle Alters-, Genre- und sonstigen Grenzen hinweg. Danach begann der schmerzvolle Prozess, daraus eine Shortlist zu erstellen. Dabei haben wir besonders darauf geachtet, dass nicht nur die durchkommen, auf die sich alle einigen konnten, sondern auch Außenseiter eine Chance hatten.

Bei der letzten Prequel gab es außergewöhnliche Spielstätten wie die MS Rheinfantasie und Inszenierungen wie den „Round Robin“, ein Konzert, bei dem Signature-Artists nacheinander solo und zusammen mit Kolleg:innen improvisierten. Welche Austragungsorte und Formate erwarten die Besucher dieses Jahr? Wie bereits erwähnt, hat das Prequel in 2021 allen so viel Spaß gemacht, dass wir möglichst vieles erhalten werden. Auch wenn hier gerade noch vieles in Bewegung ist, kann ich versprechen, dass das Schiff „Rheinfantasie“ wieder der Hauptspielort sein wird und das Wochenende wieder mit einem „Round Robin“ eröffnet wird. Ebenfalls steht fest, dass jede:r der eingeladenen Künstler:innen in verschiedenen Konstellationen mindestens einmal am Tag auf einer der Bühnen auftreten und in verschiedenen zusätzlichen Formaten, wie z.B. Artist Talks, zu hören und zu sehen sein werden.

Seit 2017 baut Monheim den Bereich Kunst im öffentlichen Raum aus, unter anderem mit einer Arbeit der bekannten Künstlerin Alicja Kwade. Wird die Stadt in Zukunft auch Klangkunst akquirieren oder hat sie das bereits getan? Werden Bürger:innen in diesen Entscheidungsprozess einbezogen? Geplant ist alle unsere Aktivitäten in den kommenden Jahren ungeschmälert fortzusetzen, bzw. sie noch auszubauen. Und dazu gehört auch das Thema Klangkunst. So kann ich berichten, dass die Stadt mit Angela de Weijer im Gespräch ist, ihre Arbeit „Collective Signal“ zu erwerben. Angela de Weijer hat für das letztjährige The Soundvier Stücke für die 12 Alarmsirenen der Stadt komponiert. Das war eine spektakuläre Inszenierung, die es weltweit so noch nicht gegeben hat und wahrscheinlich auch nur in Monheim möglich ist. Wenn alles klappt, werden wir diese Arbeit zum kommenden Prequel wieder aufführen können.

Welche langfristigen Ziele und Visionen verfolgt die Monheim Triennale? Unser Ziel ist es, die Triennale sowohl international als auch regional und vor Ort weiter zu entwickeln. Denn nur wenn das Festival Wurzeln in der Stadt schlägt, hat es die Chance, sich zu einem allseits beachteten Ort ambitionierten Musikschaffens zu etablieren und eine ähnliche Karriere wie die eben genannten Städte Bayreuth, Donaueschingen und Moers zu machen.

Vielen Dank!

Weitere Informationen zu den Signature Artists von The Prequel findet Ihr hier.

Habt Ihr bereits ein Festivalticket? Wenn nicht, schaut mal hier vorbei. Für diejenigen, die das gesamte Programm von The Prequel erleben möchten, gibt es den Festivalpass zum Preis von 98€, ermäßigt für 49€. Alternativ stehen Tagestickets zur Verfügung, die ebenfalls online erhältlich sind. Die Preise der Tagestickets variieren je nach Art des Tickets und dem gewünschten Festivaltag.

(c) THE DORF, 2024
Text: Merit Zimmermann
Fotos: siehe Bildbeschreibung

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