Alexandra Wehrmann • Mischpoke. Familienangelegenheiten

© Markus Lezaun

Die Düsseldorfer Journalistin und Autorin Alexandra Wehrmann hat es schon wieder getan: Nach ihrer Liebeserklärung an den Stadtteil Oberbilk in Form des Buches „Oberbilk. Hinterm Bahnhof“ erscheint am 11. April ihr neuestes Werk „Mischpoke. Familienangelegenheiten.“ Bei der Publikation agiert Alexandra Wehrmann dieses Mal nicht nur als Autorin, vielmehr gründete sie ihren eigenen Verlag und überließ das Geschichtenschreiben auch anderen. Wie der Titel verrät, geht es um die bucklige Verwandtschaft – und einen einzigartigen Garagenfund.

Eine Kiste mit Familien-Dias aus den 1970er und 1980er Jahren. Dias von Reisen mit dem Wohnwagen, Picknicks unter Bäumen, von üppigen Büfetts, Strandurlauben und Kellerpartys. Dias von Müttern und Vätern, Onkeln, Tanten, Omas, Opas, Cousins und Cousinen. Bilder, wie es sie in vielen Familien gibt. Und doch war etwas anders. Im Sommer 2021 ist die Garage mit den Dias beim Jahrhunderthochwasser überflutet worden – und die Flut hatte mutmaßlich Chemikalien mitgebracht. Sie machten die Bilder einzigartig.

Für Alexandra Wehrmann war der Plan schnell gefasst: Den Lichtbildern sollten Texte zur Seite stehen. Eine Auswahl von 24 Texten zu Bildern von Autor:innen, Dichter:innen, Journalist:innen, aber auch Theatermacher:innen, Comiczeichner:innen und Maler:innen versammelt nun die Anthologie „Mischpoke. Familienangelegenheiten.“, die am 11. April 2023 im von Alexandra selbst gegründeten Connaisseur Verlag erscheint. Der Wahrheit war bei dem Projekt selbstredend niemand verpflichtet. Und mit den abgebildeten Personen haben die Texte rein gar nichts zu tun. Aber sie alle handeln von jenen, die man sich bekanntlich nicht aussuchen kann und die Familie sind. Wir sprachen mit Alexandra Wehrmann über ihr neuestes Buchprojekt.

Wie bist Du auf die Kiste mit den Dias gestoßen? Die Dias stammen aus der Familie von meinem Freund Markus. Nach dem Tod seiner Mutter im November 2021 standen sie plötzlich in seiner Küche. Markus hatte sie aus der Garage geholt, um sie durchzuschauen. Er wollte einige davon im Rahmen der Beerdigungszeremonie zeigen. Ich war auf Anhieb fasziniert von den Dias. Viele Stunden verbrachte ich damit, sie auf einem kleinen Leuchtkasten zu sichten und die in meinen Augen interessantesten auszusortieren. Das waren ungefähr 100 Stück.

Was war daran das Faszinierende für Dich und der Grund, Dich weiter damit zu beschäftigen? Zunächst mal mochte ich die Motive. Wohnwagen vor Gewitter-Himmel. Mann auf Kamel. Kind mit Fahrrad und Kopfverband. Büfetts gab es auch reichlich. Sogar Frühstücksbilder. Am allerbesten gefiel mir, dass die Dias so ramponiert waren, verschmutzt, zerkratzt. Und dann waren da noch die Farbkränze. Die Dias lagerten lange Jahre fast vergessen in der Garage. Und die war während des Jahrhunderthochwassers im Sommer 2021 überflutet worden. Das Wasser hatte Substanzen mitgebracht, Chemikalien vermutlich, die wiederum Farbkränze auf die Bilder gezeichnet hatten. Die verliefen nunmehr quer durch Gesichter, machten Details unkenntlich, manche wirkten aber auch wie Rahmen. Diese Verfremdung war es, die die Bilder unverwechselbar machte.

Du hast etwa 100 Bilder an potenzielle Autor:innen verschickt. Wie lief der Auswahlprozess der Bilder und eingegangenen Texte ab? Aus den von mir ausgewählten 100 Motiven durfte sich jede:r der Angefragten ein Bild aussuchen – und sich davon zu einem Text inspirieren lassen. Die Texte sollten, so der ursprüngliche Plan, nicht allzu lang sein. Ich wollte gerne, dass Bilder und Texte möglichst gleichberechtigt nebeneinander stehen. Letztendlich haben dann doch die Texte ein Übergewicht bekommen. So ist das manchmal, die Dinge entwickeln sich. Inhaltlich war die einzige Vorgabe, dass es im weitesten Sinne um das Thema Familie gehen soll. Aber das haben die Schreibenden auch unterschiedlich weit gefasst.

Philipp Holstein, Kulturredakteur der „Rheinischen Post“, hat zum Beispiel über eine Freundschaft geschrieben. Zwei Jungs, 11, 12 vielleicht, die sich jeden Tag nach der Schule treffen, um auf dem Kleiderschrank zu hocken und die ewig gleiche LP zu hören: „Fragezeichen“ von Nena. Irgendwann zieht dann der eine weg, gar nicht mal besonders weit. Aber die 60 Kilometer Distanz, die nunmehr da sind, überlebt die Freundschaft nicht. Der Text trägt übrigens einen Titel, der aus Nenas Song „Fragezeichen“ geborgt ist: Er heißt „Gestern, das liegt mir nicht“. Insgesamt habe ich ungefähr 40 Textbeiträge geschickt bekommen. Eine Auswahl von 24 hat es letzten Endes ins Buch geschafft.

Warum war es Dir wichtig, eine solche Bandbreite an Textgestalter:innen zu haben? Ich wollte möglichst viele unterschiedliche Geschichten, Herangehensweisen, Perspektiven und Tonalitäten. Und ich fand es spannend, zu sehen, wie Leute die Aufgabe angehen, die nicht von Berufs wegen schreiben, die also keine Journalist:innen, Schriftsteller:innen oder Dichter:innen sind. Das Thema „Familie“ ist in meinen Augen ein sehr dankbares. Insgesamt ist der Ton des Buchs eher leise und melancholisch, manchmal auch traurig. Aber all das kann Familie natürlich auch sein.

Was erwartet Leser:innen? Die Autor:innen hatten beim Schreiben nur die Vorgabe, sich mit dem Thema Familie zu beschäftigen und die Fotos haben keine direkten persönlichen Bezüge zu den Texten. Wie werden die Abbildungen trotzdem wieder mit Leben gefüllt? Das gelingt nach meinem Empfinden ziemlich gut. Aber ich bin natürlich auch voreingenommen. Ich selbst kenne außer Markus, der auf vielen Bildern zu sehen ist, keine der abgebildeten Personen. Dazu kommt, dass ich bei den Texten, die alle eigens für das Projekt entstanden sind, weiß, ob sie vom Leben geborgt sind – oder doch komplett erfunden. Hat Felix Krakau einen Onkel namens Danny, der immerzu vom Mount Everest spricht, aber es letzten Endes nur auf den Toten Mann schafft? Hatte der Bruder von Katja Vaders wirklich einen so exzellenten Musikgeschmack wie in ihrem Text beschrieben? Und: War mein Vater wirklich Hobby-Ornithologe? Das alles soll bewusst im Ungewissen bleiben. Es wird nicht aufgelöst. Aber trotzdem hat man natürlich eine Ahnung – oder meint sie zu haben.

Du zeigst mit dem Buch, dass hinter vermeintlich Verlorengegangenem viel mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet. Ist es Deine Absicht zu zeigen, dass man bei solch unscheinbaren Funden öfter mal genauer hinsehen sollte? Eine echte Absicht verfolge ich mit dem Projekt nicht. Aber ich denke, dass ich ein gewisses Talent habe, die Schönheit in kleinen Dingen ausmachen zu können. In diesen Dias zum Beispiel. Mich haben die Bilder einfach von Minute eins an gefesselt. Ich wusste sofort: Damit möchte ich etwas machen. Wenig später war dann die Idee da.

Heute, fast anderthalb Jahre, nachdem die Dias aufgetaucht sind, begeistern sie mich noch genauso wie an Tag eins. Außerdem gefällt mir die Idee, dass aus einem ursprünglich natürlich sehr traurigen Ereignis, dem Tod von Markus’ Mutter, letztendlich etwas Schönes entstanden ist, an dem im besten Fall nicht nur ich Freude habe, sondern auch andere Menschen. Besonders gespannt bin ich übrigens darauf, wie die Menschen, die fotografiert wurden, auf das Buch reagieren. Felix zum Beispiel, ein Onkel von Markus, der in Bilbao lebt. Er dürfte das Buch natürlich mit völlig anderen Augen sehen, weil es Bilder aus seinem Leben zeigt, aus seiner Vergangenheit, von Menschen, die ihm lieb waren – und von denen viele heute nicht mehr sind.

Welches ist Dein persönliches Lieblingsfoto und warum? Ist es möglicherweise das Coverbild des Buches? Warum genau ist dieses Foto der Titel des Buches geworden? Ich mag das Foto „Auto mit angehängtem Wohnwagen vor Gewitter-Himmel“ sehr gerne. Beim Anblick dieses Bildes geht das Kopfkino bei mir sofort los. Ausgewählt hat es Anne Florack, die einen ganz wunderbaren Beitrag dazu verfasst hat. Er heißt „Bessere Hälfte“ und erzählt anhand aneinander gereihter Erinnerungen vom verstorbenen Bruder der Ich-Erzählerin. Der Text hat mich sehr berührt. Das Wohnwagen-Motiv war zunächst auch für den Titel des Buchs angedacht. Markus Luigs, der die Gestaltung des Buchs übernommen hat, und ich haben bestimmt zehn unterschiedliche Motive ausprobiert, da waren auch echt schräge Sachen dabei. Letzten Endes fanden wir aber, dass das Gruppenbild mit dem Blumenstrauß das Thema „Familie“ am besten transportiert. Außerdem hat es so einen fantastischen, rahmenartigen Farbkranz.

Du hast im Zuge der Arbeit an dem Buch einen Verlag gegründet, bei dem es als erste Veröffentlichung erscheint. Wie kam es zur Entstehung des Connaisseur Verlags? Nun, wenn du ein Buch veröffentlichen möchtest und das nicht als print on demand tun willst, brauchst du einen Verlag. Ich hätte mit der Idee natürlich auch an bereits bestehende Verlage herantreten können, glaube aber, das wäre sehr mühselig geworden. Die Idee hinter „Mischpoke“ ist nun mal keine für ein breites Mainstream-Publikum. Eher ein leises, poetisches Projekt für Liebhaber:innen. „Eine Pretiose“, wie Markus Luigs gesagt hat. Letztendlich habe ich mich dann dafür entschieden, selbst einen Verlag zu gründen. So ist sichergestellt, dass ich keine Kompromisse eingehen muss. Aber ich habe natürlich auch alles an der Backe: Pressearbeit, Vertrieb, Veranstaltungsorganisation und vor allem Buchführung. Ich bin grottenschlecht in Buchführung! Falls das hier jemand lesen sollte, der unbändige Lust verspürt, mich ehrenamtlich bei der Buchführung zu unterstützen, freue ich mich über eine Nachricht.

In welche Richtung möchtest Du in der Zukunft damit gehen und welche Veröffentlichung steht als nächstes an? Ich habe kein ausgearbeitetes Konzept für den Connaisseur Verlag in der Schublade. Bei mir ist es eher so, dass sich die Dinge entwickeln. Ich fange einfach erst mal an. Tatsächlich arbeiten wir aber schon an einer Idee für ein zweites Buch. Wir, das sind in dem Fall die Düsseldorfer Schriftstellerin Vera Vorneweg und der Fotograf und Designer Markus Luigs. Vera und Markus haben die eigene Stadt bereist – mit der U-Bahn, immer bis zur Endstation. Wir haben gerade ein Exposé fertiggestellt und versuchen jetzt, die Finanzierung des Ganzen auf die Beine zu stellen. So ein Buch zu produzieren ist nämlich – nicht zuletzt auch durch die steigenden Papierpreise – sehr teuer geworden. Auch wenn die Finanzierung klappt, wird es aber noch eine Weile dauern. Vor nächstem Frühjahr wird Buch Nummer zwei nicht erscheinen. Macht aber nichts, ich habe es nicht eilig.

Die Release-Lesung „Mischpoke. Familienangelegenheiten“ findet am 28. April 2023 um 19 Uhr auf der Kölner Straße 240 in Düsseldorf statt. Dabei sind die Autor:innen Sven-André Dreyer, Philipp Holstein, Vera Vorneweg, Anne Florack, Felix Krakau, Katja Vaders und Alexandra Wehrmann.

„Mischpoke. Familienangelegenheiten“ erscheint am Dienstag, den 11. April 2023 im Connaisseur Verlag und ist ab 25 Euro erhältlich. Vorbestellungen können an schalom@mischpoke-online.com gesendet werden.

Vielen Dank!

Mischpoke. Familienangelegenheiten
11. April 2023
www.mischpoke-online.com

Interview/Text: Lisa-Marie Dreuw/Alexandra Wehrmann
Bilder: © Markus Lezaun 
© THE DORF 2023

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