DC Open-Bilanz: Düsseldorf still got it 

Sies+Hoeke

Düsseldorf hat für Freunde der zeitgenössischen Kunst viel zu bieten. Neben den international bekannten Museen leisten auch verschiedene etablierte und aufstrebende Galerien sowie nichtkommerzielle Offspaces einen wesentlichen Beitrag zur blühenden Kunstszene der Stadt. Es sind spannende Orte, an denen Neues entsteht; beliebte Anlaufstellen, die dem Diskurs der zeitgenössischen Kunst wichtige Impulse geben. Ebenso wie Köln galt Düsseldorf schon Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre als Hotspot für die künstlerische Avantgarde Europas.

Waren Düsseldorf und Köln im späten 20. Jahrhundert als Dreh- und Angelpunkte des kreativen Schaffens unumstritten, so hat sich um die Jahrtausendwende das deutsche Zentrum der Kunst in die Hauptstadt verschoben. Doch die Rheinmetropolen sind stets in Bewegung geblieben und nehmen weiter Fahrt auf. Wenngleich gewisse kulturell-kreative Unterschiede zu Berlin bestehen, scheint es kaum Zweifel daran zu geben, dass die Rheinmetropolen nach wie vor einen festen Platz in der Kunstwelt haben – das zeigt auch ein Blick auf die diesjährige DC Open.

Vergangenes Wochenende war es wieder so weit: Düsseldorf Cologne Open Galleries, kurz DC Open, stand vor Tür. Zum elften Mal ballte sich in Düsseldorf und Köln die Kunst, welche zwei “Rivalen” auf schönste Art und Weise miteinander verbindet. Mit zahlreichen Ausstellungseröffnungen hat das städteübergreifende Galerienwochenende die Herbstsaison erfolgreich eingeläutet. Für diejenigen, die bisher noch keine Gelegenheit hatten, Düsseldorfs aktuelle Galerieausstellungen zu besuchen, haben wir ein paar erste Eindrücke gesammelt.

Carlstadt und Bilk

Auf dem Carlsplatz pulsiert das Leben. In unmittelbarer Nachbarschaft machen Beck & Eggeling
neugierig auf unsere menschliche Existenz, von der wir mehr erahnen, als dass wir von ihr wissen. Unter dem Titel “Identität und Gelände” zeigt die Galerie Werke des Malers Heribert C. Ottersbach (*1960), in dessen künstlerischen Interesse es liegt, dem Erleben der Zeit auf den Grund zu gehen. Eingehend befasst sich der gebürtige Kölner mit digitalen Bildwelten, die er in einen biographischen und gesellschaftlichen Kontext bringt. Seine Sinnbilder wirken befremdlich und setzen sich den üblichen Sehgewohnheiten des Betrachters entgegen: Auf den ersten Blick erscheinen sie wie Negative, sind aber in Wirklichkeit Fotos mit Pinsel und Acrylfarbe in Malerei umgesetzt. Irreal, rätselhaft und entfremdet lassen Ottersbachs Bilder Spielraum für die eigene Spurensuche.

Bei Sies+Hoeke um die Ecke hat Marcel Dzama eine parallele Traumwelt aus figurativer Kunst in surrealistischen Situation erschaffen. Der international renommierte und in New York lebende kanadische Künstler (*1974) ist bekannt für seinen unverwechselbaren visuellen und narrativen Stil. In der Galerie auf der Poststraße referenziert er die Vergangenheit und bringt sie in die Zukunft: Die Ausstellung “Be good little Beuys and Dada might buy you a Bauhaus” präsentiert eine kritische, aber humorvolle Wandarbeit, sowie bemalte Keramiken, ein handgeschnitztes Schachfiguren-Set, Pappmaché-Skulpturen mit Farbe besprüht und politisch-poetische Zeichnungen.

Nicht weit entfernt rückt die auf junge Kunst ausgerichtete Dependance der Galerie Setareh die Bonner Malerin Bettina Marx (*1981) in den Fokus. In ihrer ersten Einzelausstellung “A solid into a liquid” lädt die junge Künstlerin zu einer Entdeckungsreise ein. Inspiriert von der Landschaft und Kultur Skandinaviens benutzt sie Dinge aus der Natur oder Industrie zum Auftragen von Farbe. Leuchtende Baumdrucke und Objekte aus bemalter Rinde verwandeln die Galerie in einen assoziativen Raum, der unterschiedliche Naturerlebnisse in Erinnerung ruft. Hier findet die Landschaftsmalerei eine neue, unverfälschte Ausdrucksform.

Im Umkreis von einem Kilometer gibt es noch viel mehr zu entdecken: Zum Beispiel bei Hans Mayer (“Surprise”, u.a. Peter Hutchinson), Markus Lüttgen (“Village Lawyer”, Chris Evans), AedT (“The Dilated Body”, Roman Schramm) und Kunst & Denker Contemporary (“Biophilia”, Thomas Musehold, Katja Tönnissen und Angelika J. Trojnarski).

Flingern

Seit sich Gil Bronners Sammlung Philara vor zwei Jahren auf der Ackerstraße niedergelassen hat, ist die Galeriendichte in Flingern so hoch wie nirgendwo sonst. Die im vergangenen Jahr umgezogene Galerie Rupert Pfab scheint sich hier sichtlich wohl zu fühlen – genauso wie die fadenbasierte Wandarbeit der Frankfurter Künstlerin Haleh Redjaian (*1971), die dort den Raum zum Bild werden lässt. Ausgangspunkt für die aktuelle Ausstellung “Cross the Line – Zeichnungen und Zeichen im Raum” ist der Grundgedanke des Antirealismus. Redjaian arbeitet mit perspektivistischer Zeichnung; Alfonso Hüppi (*1935), Julia Bünnagel (*1977) und Elisabeth Sonneck (*1984) hingegen beschäftigen sich unter anderem mit indikativen oder implikativen Zeichen.

Ein paar Häuser weiter bei Petra Rinck dreht sich alles um die Untersuchung der Möglichkeiten der Malerei. “verstimmt” heißt die zweite Einzelausstellung des in Brackenheim geborenen Künstlers Jugoslav Mitevski (*1978), dessen Ästhetik sich durch das Austesten materieller Gegebenheiten definiert. Seine zurückhaltenden, aber doch ausdrucksstarken Wandobjekte und freistehenden Skulpturen sind das Ergebnis eines aufwendigen Bildfindungsprozesses. Durch das Experimentieren mit Beton und Styropor gibt der Künstler alten Strukturen eine neue Identität und bringt so Dynamik in sonst eher statische Formen. Im besonderen Ambiente der Räumlichkeiten der Galerie kommen Mitevskis Arbeiten tadellos zum Ausdruck.

Kadel Willborn setzt auf energetische Abstraktion und räumliche Illusion. Die Galerie zeigt eine Reihe von großformatigen Leinwänden der amerikanischen Malerin Keltie Ferris (*1977), deren Bildwelten eine ungeheure Leuchtkraft und Expressivität besitzen. Aus gesprühter, gebürsteter und von Terpentin verdeckter Malerei sowie reliefartigen Elementen kombiniert sie spielerisch geometrische und organische Formen. Die Werke mit ihren weichen Übergängen und gleitenden Konturen imitieren weniger die Realität, als dass sie der Phantasie freien Lauf lassen.

Bei Schönewald punktet Stefan Vogel (*1981) mit einer Mischung aus feiner Tiefsinnigkeit und unbeschwertem Humor. Der in Fürth geborene Künstler verwebt Alltagsobjekte, Naturmaterialien und Baustoffe zu komplexen Assoziationsgeflechten, die es in der Ausstellung “Bis der Kopf den Geist aufgibt” zu entschlüsseln gilt. Eigenwillige Ambivalenzen und absurde Behauptungen sind prägend für die hier präsentierten Arbeiten aus Stoff, Silikon, Haar, Kaffee, Dreck und Rotwein. Welche Schlüsse man zieht, entscheiden Besucher selbst.

Der Weg zu Konrad Fischer lohnt sich immer. In einer der ältesten und geschichtsträchtigsten Galerien Düsseldorfs verlangsamt die belgische Künstlerin Edith Dekyndt (*1967) das Tempo dramatisch. Ihr minimalistischer Ansatz beruht darauf, zeitbasierte Prozesse und Zustände einzufangen. Sie dokumentiert nicht wahrnehmbare Phänomene, indem sie Materialien chemischen und physikalischen Umwandlungen unterwirft. Die stillen Kräfte natürlicher Transformationsprozesse lässt sie unter anderem durch Filme, Fotografien und Toninstallationen sichtbar werden. Auf der Platanenstraße werden Erde, Salze und Textilien lebendig und zum Objekt der Debatte. Die objektive Analyse tritt in den Hintergrund, das Feingefühl der Besucher ist gefragt.

Zu guter Letzt ein weiteres Highlight: Der Offspace Capri-Raum auf der Ackerstraße präsentiert eine kleine, aber feine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Doreen Garner (*1986). Ihre Praxis erforscht schwarze Geschichte; genauer gesagt, was passiert, wenn Macht und Gewalt auf Leib und Leben treffen. Durch Körperplastiken, die aus membrandünnem Glas, Silikon, Perlen, Kunsthaar, Polyesterfasern und anderen Materialien bestehen, erzählt sie berührende Geschichten rassistischer Diskriminierung und historischer Versäumnisse.

Weiter Sehenswertes liegt auf kurzer Strecke: Max Mayer (Klaus Merkel), VAN HORN (Paul Morrison), Linn Lühn (Dike Blair), CONRADS (Tim Freiwald), COSAR HMT (Glen Rubsamen), Lucas Hirsch (Kinke Kooi).

Etwas abseits vom Zentrum liegt Ute Parduhn, die definitiv einen Abstecher wert ist. Gezeigt werden hier große Namen und charmante Grenzgänger wie Ayse Erkmen, Mona Hatoum, Thomas Ruff und Thomas Schütte.

Unser Fazit: Düsseldorf ist und bleibt eine pulsierende Kunststadt.

Text & Fotos: Merit Zimmermann
© THE DORF 2019

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