Edvard Munch neu entdecken im K20 

Er ist weltberühmt, “Der Schrei” von Edvard Munch. Das Meisterwerk des norwegischen Künstlers aus dem Jahr 1893 zeigt einen Moment des puren Wahnsinns: Ein kleines Wesen, das in Länge gezogene Gesicht schmerzerfüllt zum Betrachter gewandt, vor einem orangen bis blutroten Himmel in Szene gesetzt. In puncto Bekanntheit ist das Gemälde wohl vergleichbar mit kunstgeschichtlichen Ikonen wie Da Vincis “Mona Lisa” oder Van Goghs “Sonnenblumen”, denn es wurde millionenfach gedruckt, kopiert und nachgemacht – man denke nur an Wes Cravens Kult-Horrorfilm “Scream” (1996) oder das Emoji “Gesicht schreit vor Angst”.

Zum Symbolbild für Verzweiflung wurde es jüngst in zahlreichen Brexit- und Trump-Karikaturen. Der Grund, warum Munchs Werk bis heute fasziniert, ist nicht nur, dass ihm eine existentielle Bedeutung zugeschrieben wird, sondern auch, dass die Gestalt ohne jegliche Individualität wahrgenommen wird. Egal wie autobiografisch “Der Schrei“ auch sein mag, er ist eine Art Projektionsfläche, in die jeder Mensch seine Ängste, Verletzlichkeiten und Sorgen hineinlegen kann.

Dass Edvard Munch noch viel mehr zu bieten hat als den “Schrei”, zeigt bald das K20: Am 12. Oktober eröffnet im Haus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die Ausstellung “Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård”. Letzterer gilt als der bekannteste und wichtigste norwegische Schriftsteller der Gegenwart. Sein monumentaler, sechsbändiger, 3600 Seiten umfassender autobiografische Roman “Mein Kampf” wurde in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Dieses Jahr veröffentlichte der Autor (und studierte Kunsthistoriker) das Buch „So Much Longing in So Little Space: The Art of Edvard Munch”. Dafür besuchte er Orte, an denen der außergewöhnliche Fin-de-Siècle-Künstler gelebt und gearbeitet hat. Ursprünglich stammt Knausgård aus Munchs Heimat Oslo – oder “Kristiania”, wie die Stadt damals hieß. Aufhänger der Schau ist die Frankfurter Buchmesse (26. September 2019 bis 12. Januar 2020), die Norwegen als Ehrengastland in den Mittelpunkt stellt.

Ziel des Gastkurators Karl Ove Knausgård ist es, im K20 einen “unbekannten Edvard Munch” zu präsentieren. Mit rund 140 selten oder noch nie in Deutschland gezeigten Werken soll die Ausstellung möglichst wenig an den “Schrei” und seinen Mythos erinnern. Stattdessen werden Bilder gezeigt, die eine frische Perspektive auf den Künstler eröffnen. Ähnlich wie im Munch Museum in Oslo, wo die Ausstellung erstmals im Sommer 2017 vorgestellt wurde, ist auch die Schau im K20 “fast wie ein Buch” gegliedert. In vier Kapitel – besser gesagt Themenbereiche – unterteilt Knausgård seinen subjektiven Zugang zu Munch: “Licht und Landschaft”, “Der Wald”, “Chaos und Kraft” und “Die Anderen”. Zu sehen ist ein breites Spektrum an Gemälden, Druckgrafiken und Skulpturen von lebhaften Motiven der Natur Norwegens bis hin zu düsteren Sujets der gequälten Seele.

Schaut man sich das turbulente Leben der wohl berühmtesten Kulturfigur Norwegens genauer an, wird klar, dass “Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård” eine Ausstellung ist, die man unbedingt besuchen sollte. Denn der 1863 in Ådalsbruk geborene Künstler war eine komplexe Persönlichkeit, die inmitten von Armut, Puritanismus und Krankheit aufwuchs. Seine Kindheit war mit traumatischen Verlusterlebnissen behaftet, im Erwachsenenalter litt er unter Paranoia und Alkoholismus. Persönliche Tragödien und psychologische Eigenheiten prägen Munchs Kunst mit ihrem farbenprächtigen Melodrama und all ihrer grafischen Kraft. Seine Bilder wecken große Emotionen und sprechen eine universelle Sprache – ihr Wirken hallt bis heute nach.

Die Ausstellung “Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård” läuft bis zum 1. März 2020.
Weitere Informationen: www.kunstsammlung.de/entdecken/vorschau

Fotos: Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård by © Kunstsammlung NRW

 

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