Langen Foundation

Weshalb in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Das Gute, das ist in diesem Fall ein (architektonisches) Kleinod und befindet vor den Toren der Landeshauptstadt. Die 2004 eröffnete Langen Foundation liegt geographisch im Kulturraum Hombroich. Für einen Ausflug hierher solltet ihr genügend Zeit einplanen, um das Besondere an diesem Kulturraum, dem Zusammenspiel von Architektur, Kunst und Natur, auf euch wirken zu lassen. Dabei kommt es nicht selten zu einer Duplizität der Wahrnehmung. Ein Mehrwert, für den es sich lohnt, den Rhein zu überqueren und sich auf diese Trilogie einzulassen.

So wie THE DORF es an einem Tag im September getan hat. Wir hatten das Vergnügen, diesem Ort und zwei seiner profiliertesten Gesichter zu begegnen: Karla Zerressen, die Geschäftsführerin und Enkelin von Marianne Langen, Initiatorin und Stifterin der Langen Foundation, und der Projektmanagerin des Hauses, Kunsthistorikerin Mara Stock. Mit ihnen sprachen wir über die Entstehungsgeschichte dieser privaten Kunstsammlung (die, mittlerweile ein Alleinstellungsmerkmal, bereits in dritter Generation geführt wird), ihre Architektur, den Japanschwerpunkt sowie über die aktuelle Ausstellung „How to see (what isn´t there)“. Die Eindrücke, die wir erhielten, sollten uns nachhaltig faszinieren.

Es beginnt schon, wenn man vom Parkplatz hierhin läuft. Dass man alles Weltliche, alle Last draußen lässt und wenn man die Tür aufmacht und rein geht, dass man dann offen und frei ist, was Neues zu entdecken. (Karla Zerressen)

DIE ARCHITEKTUR
Es ist als würde man eintauchen in eine andere, ferne Welt. Weit weg liegen der Trubel, die Hektik, das Autohupen. Man kommt an und ist sofort da. Drinnen. In der Natur. In der Ruhe. In der Abgeschiedenheit. Fast schon meditativ, ja magisch, mystisch ist dieser Ort, der dich sofort innehalten und verweilen lässt. Ausgelöst durch die Erhabenheit der Architektur, die einem hier begegnet. Wie sagt es Karla Zerressen so passend: „(…) man kommt zu diesem Bau und dieser Bau umarmt einen so richtig.“

Überhaupt der Bau. Entworfen wurde er vom japanischen Stararchitekten Tadao Ando, einem Autodidakten, den die besondere Geschichte des Ortes, der Raketenstation als belgisches Natobasislager, in den Bann zog. Noch heute ist diese Geschichte anhand eines alten, von einer Künstlerin bewohnten Turms und zwei Hallen, die als Atelier und Veranstaltungsort genutzt werden, präsent. Das Vergangene wird so gegenwärtig und durch die Neubespielung reinszeniert.
Aber auch Andos Vorliebe für die Landschaft steht dem Besucher buchstäblich vor Augen: „Er ist ein Architekt, der mit seinen Bauten direkt auf die Landschaft reagiert.“ (Mara Stock)

Karla Zerressen, die seit der Geburtsstunde der Langen Foundation mit dabei ist, erzählt, dass vom ersten Entwurf bis heute kaum etwas verändert wurde. Was ihrer Familie besonders gefällt ist, dass der Bau sich selbst nicht so wichtig nimmt und sich in die umliegende Landschaft einbettet. Diese Bescheidenheit kennt sie von ihren Großeltern, die selbst sehr zurückhaltende Personen gewesen sind, daher passe dieser Bau mit seiner Architektur sehr gut zu ihrer Art und Weise zu denken.

Das Gebäude der Langen Foundation ist das größte Kunstwerk, das ich jemals erworben habe. (Marianne Langen)

Wie sehr sich das Kunstverständnis der Stiftungsgründerin mit dem des japanischen Architekten deckte, zeigt sich in diesem berühmten Zitat. So hat Tadao Ando auf ganz ähnliche Weise seinen Bau nicht als Gebäude für die Kunst gesehen, sondern als begehbare Skulptur.  Andos charakteristische Raffinesse sei es, die Elemente mit einzubeziehen, ein aus der japanischen Philosophie entlehnter Ansatz. Luft, Licht und Wasser prägen das Ambiente dieses Ortes und führen den Besucher hindurch. Eine kleine Dramaturgie, wie Mara Stock es beschreibt, die einen hier durch das Haus geleite:  „(…) Der Gebäudekomplex ist ummantelt mit Glas, das Licht fällt hinein, an den Seiten am Boden sind offene Lüftungsschächte(…) Ando wollte, dass man die klimatischen Verhältnisse spürt, wenn man durch das Gebäude geht.“

Typische Charakteristika sind für ihn darüber hinaus hellgrauer Sichtbeton, Stahlträger und Glas, seine drei wichtigsten Materialien, aber auch sein stilistisches Mittel der Verbindung von Höhe und Tiefe, indem er in den Boden geht und dabei trotzdem den Blick nach oben hin eröffnet. Das gelingt ihm zum Beispiel durch eine Treppe, die aus ihrer Tiefe, in die Höhe, in Richtung Himmel ragt. Nach den Besonderheiten dieses Ortes gefragt, sind sich beide Gastgeberinnen einig: Es sind die Architektur und die geographische Einbettung in die Insel Hombroich mit der Skulpturenhalle von Thomas Schütte, die diesen Ort so einzigartig machen. Die Vielfalt dieses Ortes: An einem Tag kann man sich hier quasi drei bis vier Ausstellungen anschauen, umgeben von diesem Naturschauspiel und mit der Bewusstmachung dieses historischen Bodens. Kunstexperten aus Japan, China oder das Künstlerdorf Marfar in Texas nehmen sich an dieser Art von Ausstellungskonzept ein Beispiel. Karla Zerressen bringt es auf den Punkt: „Die Insel Hombroich gab es zuerst. Das ist schon sehr besonders.“

Im Wohnzimmer stellt man nicht aus, da lebt man mit der Kunst. Das ist gerade auch das Besondere, dass sich das hier vermischt. Man lebt mit der Kunst und gleichzeitig wird sie ausgestellt. (Mara Stock)

DIE KUNST
Jedes Museum hat seine Kunst. Dabei sind es die Sammlungsstücke, die das Herz eines Hauses bilden. So schlägt das Herz der Langen Foundation in ihrer Japan – Sammlung, die in ihrem Umfang und in der Auswahl der Exponate ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland und ganz Europa bildet. Doch woher rührt die Affinität zu dem ostasiatischen Staat und seiner Kunst? Karla Zerressen klärt uns auf: „Mein Großvater war Automobilzulieferer und einer seiner Kunden waren japanische Automobilfirmen und so sind sie 2-3 x im Jahr in Japan gewesen. (…) Während des Aufenthalts ist er in die Galerien gegangen und hat so überhaupt erst den Kontakt zur japanischen Kultur und Kunst bekommen.“

Zu dieser Zeit waren Japan und sein Kunstmarkt noch wesentlich mehr nach außen gerichtet. Dort habe man eher europäische und amerikanische Kunst gesammelt, weswegen es damals überhaupt möglich war, eine so besondere Sammlung in Deutschland zusammen zu tragen. Heute wäre es undenkbar, solche Exponate zu erwerben, da Japan darauf bedacht ist, seine eigenen Kunstschätze zu wahren. Das Besondere an dieser Sammlung ist vor allem ihre Auswahl. Gesammelt und gekauft wurde hier nämlich nicht nach wirtschaftlichen Prämissen, sondern ganz nach dem persönlichen Geschmack von Marianne und Viktor Langen. Ein ganz besonderes Stück der etwa fünfhundert Werke umfassenden Japansammlung sind die so genannten Rollbilder, die hier in Gänze gezeigt und ausgestellt werden. „Sie liegen hier ausgerollt auf 30m in einer Vitrine, das ist höchst selten, dass man die so sieht. Das ist eine Erzählung. Wie ein Comic heute. So erzählen sie ihre Geschichte auf einem 30m Rollbild.“

Die Größe und Vielzahl ihrer Exponate waren einer der Gründe, weshalb aus dieser Privatsammlung ein Museum wurde. Das Hauptmotiv für diesen Entschluss lag vor allem darin, die Japansammlung in ihrer Einzigartigkeit zusammenzuhalten. Ihrer Großmutter sei es ein großes Anliegen gewesen, dass die Exponate einen Platz erhalten, an dem sie regelmäßig gezeigt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wichtig für das Kunstverständnis der Familie Langen ist, dass sie die Kunst immer als Schlüssel zum Verständnis der Welt gesehen hat. Die Kunst eröffnet uns den Zugang zu anderen Kulturen und ermöglicht über ihren Vermittlungscharakter auch ein globaleres Denken. Kunst habe einen Bildungsauftrag, der Weltoffenheit suggeriert und das Interesse und die Akzeptanz von Unterschieden innerhalb der Kulturen. Gerade das spiegelt eine solche Sammlung, die nicht nur ausschließlich auf ein Land hin konzipiert sei, wider.

Exemplarisch zeigt die Langen Foundation dies mit der Verbindung japanischer, auch historischer Kunst und zeitgenössischer Arbeiten weltweiten Ursprungs. Diese ergänzen sich nicht allein, sie bilden auch für die jeweils andere eine Art Hintergrund, eine Folie, die nicht nur Kontraste, sondern auch Gemeinsamkeiten erscheinen lässt. Dieser Blick über den eigenen Tellerrand ist es, was Kunst im besten Fall leistet. Dabei ist sie nicht immer nett, sondern führt ins Zentrum der gesellschaftspolitischen Debatte. Auf die ihr eigene Weise zeigt sie Themen auf, die mitunter gar nicht ausdrücklich genannt werden, sie vibriert gewissermaßen auf dem Resonanzboden dessen, was die Betrachtenden in den Dialog mit ihr einbringen.

Kunst wird zu einer Darstellungsweise, die es ermöglicht, dem Nicht-Vorhandenen eine Form zu geben. (Gianni Jetzer)

DIE AUSSTELLUNG
Die Fokussierung auf diesen Dialog, auf den Anteil, den die Rezipientin bei der Kunstbetrachtung ausmacht, ist auch das Thema der aktuellen Gruppenausstellung „How to see (what isn´t there)“. Kein anderer als einer DER Kuratoren der aktuellen Stunde zeichnet für diese verantwortlich: Gianni Jetzer. Ausgangspunkt für seine kuratorische Tätigkeit bot ihm die Burger Collection, eine Privatsammlung zeitgenössischer Kunst, die in HongKong beheimatet ist und Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus Europa, Asien und den USA umfasst.

Als Jetzer zum ersten Mal die Langen Foundation betrat, war er begeistert von diesem Ort, seiner Geschichte und den sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten. Wie er sie genutzt hat, zeigt seine aktuelle Ausstellung. Deren Titel sei für die gezeigten Werke programmatisch, erzählt Mara Stock. Gianni Jetzer zeige immer wieder Arbeiten, in denen etwas nicht sofort sichtbar ist, wenn man es aus dem Zusammenhang rausnimmt. So sei how to see wirklich erst mal das, was tatsächlich da ist, aber das Wesentliche verberge sich dahinter. Nämlich das eigentlich Anwesende, was nur durch das Tatsächliche in Erscheinung treten kann. Sein Ansatz sei von „presence made of absence“ geprägt. Was bedeutet, dass etwas, das nicht oder nicht mehr da ist (ob Personen, Gegenstände etc.) im oder durch das Kunstwerk sichtbar werden kann. Dieser Ansatz zieht sich konsequent durch das Ausstellungskonzept. Und das in den verschiedenen Kunstsparten, sei es Malerei, Installation, Skulpturen oder eine erstmals hier auf das Haus ausgerichtete Video-Reality.

Wenn man die Ausstellung durchläuft, lässt sich der Titel erschließen. Durch Sprache, Worte, Personen kann etwas sichtbar gemacht werden, das nicht mehr da ist und so erhält die Vergänglichkeit eine eigene Präsenz. Deutlich erkennen lässt sich dies im Japanraum, wo im Eingangsbereich das Werk „Mandi XXI“ von Kris Martin ausgestellt ist. Zu sehen ist eine Informationstafel, wie sie uns vom Flughafen oder Bahnhof vertraut ist. Die Irritation ergibt sich aus den fehlenden Buchstabenanzeigen. Martins Anzeigentafel ist komplett schwarz. Zu hören ist lediglich das typische klackernde Geräusch der kleinen schwarzen Plaketten. Eine Fahrt ins Nirgendwo? Etwas einst vertrautes wird hier zum fremden, fast gespenstischen Nicht-Ort. Und stellt dabei die Frage nach der Geschichte dahinter.

Der Japanraum ist mitunter auch das Herzstück der Langen Foundation, der eigens für die japanischen Rollbilder der Sammlung gebaut wurde. Dieser ist angelehnt an „Ma“ aus der japanischen Philosophie, die eine Leere bezeichnet, aber eine positiv konnotierte Leere. „Das heißt, hier ist Leere ein positives Phänomen, wo sich etwas öffnen und eröffnen kann“, erklärt uns Mara Stock. Diese Leere hat Jetzer perfekt genutzt, indem er den Raum nicht überfüllt hat, er lässt ihm seine Leere, die sein Bedeutungsrefugium auszeichnet. Damit hat er die Verbindung, die Tadao Ando hier mit dem Japanraum ausdrücken wollte gezogen, indem Jetzer es verstanden hat, die Kunst in die Räume einzubinden und nicht die Räume in die Kunst.

Ein weiteres Beispiel für das abwesende Anwesende ist die Arbeit „Words Thou Said“ von Ho Sin Tung. Anders, wie im vorherigen Beispiel sind hier die Buchstaben zwar sichtbar, aber dessen Verfasser abwesend. Zu sehen ist ein Mülleimer mit vielen chinesischen Buchstaben. Wie uns erläutert wird handelt es sich dabei um einen Liebesbrief, der einst als Email an die Künstlerin gesendet wurde. Der Verfasser dieses Briefes ist verstorben und die Empfängerin hat zur Verarbeitung ihres Schmerzes die chinesischen Schriftzeichen des Liebesbriefes als dreidimensionale, schwarze Plastikbuchstaben produziert und diese anschließend symbolisch und ganz plastisch im Mülleimer entsorgt. Dabei verweisen die Buchstaben auf ihren Verfasser. Er wird durch sie sichtbar.

Es ist einerseits die Schrift, das Wort das etwas wiedergibt, dass gar nicht da ist, aber hier hinter ist eben auch die Person, die es nicht mehr gibt. (Mara Stock)

Zuletzt sei auf die Arbeit von Nadia Kaabi–Linke verwiesen und ihrer „nervösen Bank“. Eine klassische Museumssituation. Sitzend auf einer Museumsbank vor einem Gemälde. Das Auge wird vom offensichtlich Sichtbaren geleitet. Erst im zweiten Moment ist das Klopfen, fast Schlagen aus dem Hohlraum der Bank zu erspüren. Wie die Beiden uns erzählen besteht das Klopfen aus Kompositionen nervöser Ticks (z.B. Fuß- und Beinwippen), die Alltagssituationen aus Wartesälen öffentlicher Institutionen nachempfunden sind. Durch „das sich auf die Bank setzen“ wird ein unsichtbarer Mechanismus in Gang gesetzt, der Vibrationen auslöst, so hat es den Anschein als ob die Bank die innere Beklemmung der Personen verinnerlicht hat und so selbst als Beklemmung wahrgenommen wird. Anders als bei den anderen Ausstellungsexponaten wird hier das körperliche Anwesend gemacht, obwohl es nicht zu sehen ist. Und so wird eine Bank aus dem Museum zu einer nervösen Bank, ein Alltagsgegenstand wird so subjektiviert und erhält ein Eigenleben.

Drei Beispiele aus einer Vielzahl unterschiedlichster Kunstwerke. Drei Leerstellen, exemplarisch skizziert aus männlicher und weiblicher Perspektive. Der Blick wurde geschult für das Nichtzusehende und weckte das Interesse für die Leerstellen des Alltags. Wir werden wiederkommen und uns erneut auf dieses Fleckchen Erde einlassen, das uns nach dessen Verlassen vorkommt, als wären wir auf Reisen gewesen. Spätestens im April 2019 sind wir zurück, wenn es nach einer einjährigen Abstinenz wieder eine Japanausstellung geben wird. Und bis dahin sind wir mit Farben, Bildern und Wörtern versorgt, die uns Raum lassen für das Nichtzusehende und die eigene Imagination.

Vielen Dank!

Text & Interview: Theresa Naomi Hund
Fotos:
 Sabrina Weniger

Produktion: David Holtkamp
© THE DORF 2018

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