Stefan Marx

„I woke up on a sofa a few weeks later“ steht da Weiß auf Schwarz auf der linken Foyerwand der Kunsthalle. Konkret aber auch irgendwie abstrakt. Das Schwarz bildet einen neuen Raum vor dem die Buchstaben tanzen. Hausherr Gregor Jansen hat den in Berlin lebenden Künstler Stefan Marx eingeladen, die Wand als Leinwand zu interpretieren. Wir haben uns vor der Eröffnung mit ihm zum Gespräch getroffen.

Schnell ist klar: Mit Stefan Marx kommt man von Höcksken auf Stöcksken. Er erzählt ganz entspannt drauflos. Ein bisschen als würde man sich auf einer Party kennen lernen oder ein Bier oder einen Kaffee zusammen trinken gehen. Allerdings ohne das Bier und ohne den Kaffee. Nur reden eben. Der Mann ist einfach so vielseitig und passt in keine Schublade.

Da ist direkt etwas Vertrautes. Vielleicht, weil er nicht den weltgewandten Künstler raushängen lässt. Er ist nahbar, sympathisch. Genauso unkompliziert bewegt er sich zwischen Mode, Design und Kunst. Ein Flaneur zwischen den Welten, mit offenen Augen und Ohren. Der beobachtet und aufzeichnet. In Worten und witzigen Bildern. Mit viel Leichtigkeit und doch tiefgründig.

Die Worte im Kunsthallen-Foyer hat Stefan Marx in 20 Einzelbahnen mit Kohlepapier von dreimal einem Meter auf die Wand gepaust und anschließend von einem Gerüst aus bemalt. Der Text stammt aus einem Buch von Otessa Moshfegh: „My year of Rest and Relaxation“. Marx hat das ausgewählte Zitat ein winziges Bisschen, aber ganz entscheidend, verändert: Aus Tagen werden bei ihm Wochen.

 Schon springt das Kopfkino an. Was um Himmels Willen ist da passiert? Und was bringt einen dazu, Wochen zu verschlafen? Aber das kennt wohl jeder. Da verrinnt die Zeit im Tun, wie Sand zwischen den Fingern und eh man wieder richtig zu sich kommt, sind Monate ins Land gegangen.

„Ist eigentlich wichtig, was in den letzten Wochen passiert ist?“, fragt sich Stefan Marx dann auch häufig. Naturgemäß sind nicht alle Tage unseres Lebens gleich intensiv. Manche scheinen vermeintlich verzichtbar. Doch das sagt wohl viel über unsere Leistungsgesellschaft aus, in der jede Minute sinnvoll und maximal verplant sein soll. Corona hat manch einem die Langweile zurückgebracht.

Auch auf Marx’ Leben hatte das Virus einen Einfluss. Eine Ausstellung in Tokyo, die im März starten sollte, wurde abgesagt, eine Gastprofessur an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) ins Netz verlegt.  „In den ersten drei Wochen, als keiner wusste, wo oben und wo unten ist, habe ich auch zu sehr auf die News geschaut, mich von der allgemeinen Aufregung anstecken lassen und erst mal nur reagiert.“

Im Nachhinein ärgert ihn das. „Ich bin dann zu KPM gegangen.“ Für die Königliche Porzellanmanufaktur hat er die zeitlos schöne Vase „Halle“ bemalt, entworfen von der Bauhaus-Künstlerin Marguerite Friedlaender. Und das Teeservice „Urbino“ von Trude Petri, Vertreterin der Neue Sachlichkeit.

In der Porzellanmalerei von KPM am Berliner Tiergarten hat Stefan Marx seit 2017 einen eigenen Arbeitsplatz, den nennt er sein „Hide-Out“. Hier sitzen rund 40 Porzellanmalerinnen und -maler. Dort kann er in Ruhe arbeiten. Malt direkt auf Porzellan. „Oberflächen interessieren mich von jeher“, sagt er.

Nicht nur die von Porzellan. Schön findet er auch, wenn sich seine Kunst bewegt, ihren Aufenthaltsort ändert, mit einem lebt, wie das bei Skateboards und T-Shirts naturgemäß der Fall ist. Seinen ersten Objekten. „Ich mag es, wenn eine Kunst aus der anderen hervorgeht.“

Die Lieblings-Lyrics seiner Lieblingsbands wollte er bei sich im Raum haben, ohne dass die Musik gerade lief. Die erste Zeile, die zu einer Papierarbeit wurde, stammte aus einem „Pavement“-Stück. Eher selten sind es eigene Sprüche, aber immer häufiger. Meist auf Englisch. Stefan Marx arbeitet oft mit hohen Stückzahlen und hat keinerlei Berührungsängste mit kommerziellem Design. So gab es schon einige Kooperationen mit großen Modemarken, wie Uniqlo, Comme des Garçons, Supreme oder jetzt in Düsseldorf, mit Carhartt. Und auch mit Plattenlabels.

Vielleicht hilft ihm dabei, dass er nie Kunst studiert hat. Wollte er nicht. Lieber Typographie und Kulturphilosophie in Hamburg. „Ich wollte mehr Menschen erreichen.“ Stefan Marx hat sich seinen Weg zur Kunst über Jahre erarbeitet. Das fing schon als Kind an. Er  ist in der Nähe von Kassel aufgewachsen. „Auf dem Dorf“, sagt er. Die Documenta war da immer Thema, auch in der Schule. „Ich habe mich früh für Bilder interessiert.

Die fand er als Skater eben auch auf Skateboards oder Plattencovers. „Dann habe ich andere Künstler kennengelernt und geguckt, warum gefällt mir das und das andere nicht.“ Damals gründete er sein eigenes Label Lousy Livin und bedruckte zunächst den weißen Stoff von T-Shirts mit Sprüchen. Auch während des Gesprächs schaut Stefan Marx genau hin, hört gut zu. Nimmt alles auf. Was genau, weiß man nicht. Aber sofort ist man gewahr, dass auch dieses Gespräch in seinem Gehirn, wie in einer Waschtrommel herumdreht.

Was so sympathisch ist an Stefan Marx, ist diese offene Unvoreingenommenheit und seine Begeisterung für die Welt. Gerade ist er in Kaiserswerth zu Gast, bei der Galeristin Ute Parduhn. Die hat ihn einst bei einer Ausstellung in Hamburg entdeckt und für ihre Galerie gewonnen. „Ich lerne hier viel“, sagt er. Seine Bescheidenheit ist echt. Das macht ihn nur noch sympathischer.

Bei Ute Parduhn eröffnet am Freitag, 4, September ab 11 Uhr (bis 22 Uhr) eine Schau mit seinen Arbeiten. Die Kunsthalle zeigt seine Wandmalerei ab Samstag, 5. September 16 Uhr (bis 21 Uhr). DJ Lawrence legt dazu auf – ein guter Freund aus Hamburg. „Das ist schon eine kleine Tradition.“ Die Karyatiden – die vier Musen der bildenden Künste – die vor dem brutalistischen Bau stehen, als Reminiszenzen, der im Zweiten Weltkrieg zerstörten alten Kunsthalle – hat der Künstler auf die ihm typische Art gezeichnet und auf Carhartt-T-Shirts gebannt.

Die gibt’s pünktlich zur Eröffnung für 25 Euro zu kaufen (Auflage 150). Wer will, kann einem Teil von ihnen einen individuellen Touch geben – mit selbst aufgetupften Farben. So demokratisch ist Stefan MarxKunst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Text & Interview: Katja Hütte
Fotos: Kristof Puller
Produktion: David Holtkamp
© THE DORF 2020

Infos zum Künstler und zur Ausstellung:
Stefan Marx (*1979 in Schwalmstadt) ist Zeichner. Er studierte Typographie, Kommunikationstheorie und Kulturphilosophie an der HAW Hamburg. Seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe für seine alltägliche Umwelt zeigt er in intelligenten und oft witzigen Zeichnungen und Designs auf Skateboards, T-Shirts, aber auch Leinwänden, Porzellan und Häuserfronten. In seinen Schriftarbeiten vereinnahmt er die Betrachter*innen mit prägnanten und humorvollen Zitaten oder Sprüchen in einer starken visuellen Sprache und ungewöhnlichen Schreibweise. In der Kunsthalle Düsseldorf zeigt Marx eine eigens für die Foyerwand gestaltete Schriftarbeit und ist der zweite Künstler in der neuen Reihe IM FOYER, die mit „Klasse A. R. Penck. BLUE IS HOT AND RED IS COLD“ im Oktober 2019 begann.

Zur Ausstellung hat Stefan Marx in Kooperation mit Carhartt Work in Progress ein Artist Edition T-Shirt gestaltet, welches in der Kunsthalle Düsseldorf und im Carhartt WIP Store Düsseldorf (Mittelstraße 16, 40213 Düsseldorf) erhältlich ist.

Eröffnung mit T-Shirt Release und Musik am 5.9.2020, 16 bis 21 Uhr.
Bitte beachten Sie die Hygiene- und Einlassregeln.

Kunsthalle Düsseldorf

Stefan Marx. Eine Wandzeichnung
5.9. – 1.11.2020
Grabbeplatz 4
40213 Düsseldorf

Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag, Feiertage: 11 – 18 Uhr

Jeden 2. Sonntag im Monat: Familientag bei freiem Eintritt. Jeden letzten Donnerstag im Monat laden die Stadtwerke Düsseldorf von 18 bis 20 Uhr bei freiem Eintritt in die Kunsthalle und den Kunstverein ein.

Autor
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