“Theater der Welt” zu Gast in Düsseldorf >> ***UPDATE: Verlegung des Festivals auf Juni 2021 geplant

X, Farnaz Arbabi & Unga Klara © Marguerite Seger

***UPDATE: Zum Internationalen Festival „Theater der Welt Düsseldorf 2020“***
Verlegung des Festivals auf Juni 2021 geplant
Das Internationale Festival „Theater der Welt“ wird nicht wie geplant vom 14. bis 31. Mai 2020 stattfinden, sondern soll auf den Juni 2021 verschoben werden. Diese Entscheidung haben die Förderer des Festivals (das Land Nordrhein-Westfalen und die Landeshauptstadt Düsseldorf in Abstimmung mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien) mit den Veranstaltern des Festivals (Internationales Theaterinstitut/ITI und Düsseldorfer Schauspielhaus) vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen durch das Corona-Virus getroffen.

Eine weitere Planung und Umsetzung des umfangreichen internationalen Programms mit rund 400 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern von allen Kontinenten ist unter den derzeit verhängten Bestimmungen zum internationalen Reiseverkehr und für die Visa-Vergabe nicht mehr möglich. Internationale Koproduktionen und Kooperationen sind ein wesentlicher Bestandteil des Festivals. Viele der bereits begonnen Projekte und Produktionen setzen aber voraus, dass sich Gruppen von Künstlerinnen und Künstlern an verschiedenen Orten international treffen und zusammenarbeiten. Aufgrund der aktuellen Ausreise- und Einreiseverbote müssen diese künstlerischen Kooperationen nun auf nicht absehbare Zeit ausgesetzt werden.
Mit der Entscheidung einer Verlegung auf Juni 2021 folgt das Festival auch den gegenwärtigen Maßnahmen von Bundesregierung, Bundesländern und Kommunen zum umfänglichen Schutz der Gesundheit aller Bürgerinnen und Bürger sowie der Gäste aus aller Welt.

Jubiläen soll man feiern – und das zünftig: So zumindest hat es den Anschein in Düsseldorf, denn mit dem Festprogramm zum 50-jährigen Bestehen des Schauspielhauses ist noch lange nicht Schluss. Sozusagen als Zugabe hat Intendant Wilfried Schulz das Rennen im Wettbewerb um den Austragungsort des Renommierfestivals “Theater der Welt” gemacht. Vom 14. bis zum 31. Mai werden 400 internationale Künstler*innen von allen Kontinenten einen Einblick in ihr kreatives Schaffen geben. Von der Literaturbearbeitung über zeitgenössisches Stück bis hin zu Film-vorführungen und Performancedarbietungen im öffentlichen Raum: Das vielfältige und spannende Programm von Theater der Welt lässt die Herzen von Kulturliebhaber*innen höher schlagen – die Vorfreude ist groß! 

1981 vom deutschen Zentrum des Internationalen Theaterinstituts gegründet, gastiert „Theater der Welt“ im Drei-Jahres-Turnus in einer anderen deutschen Stadt. Zum Jubiläumsjahr 2020 macht das angesehene Theater- und Performancefestival erstmals in Düsseldorf halt. Schon seit Monaten laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, denn Programmdirektor Stefan Schmidtke hat in 18 Festivaltagen Großes vor: Zusammen mit den Akteur*innen sollen Zuschauer*innen auf “eine Reise durch die Welt und durch höchst unterschiedliche Theaterformen” gehen. Um dies zu ermöglichen, besuchte er rund 400 verschiedene Vorstellungen rund um den Globus. Seine Erkenntnis daraus: Trotz geographischer Entfernung sind wir gedanklich sehr nah aneinander. Deswegen ist es ihm wichtig, “nicht einfach nur wegweisende neue Leistungen und Entwicklungen im Theater zu präsentieren, sondern auch gemeinsam Themen zu diskutieren, die uns verbinden”.

Theater der Welt soll soziale, kulturelle und politische Impulse geben. Aber wirft man zu viele Steine gleichzeitig ins Wasser, kann keiner mehr seine Kreise ziehen. Deshalb hat Stefan Schmidtke alle Programmpunkte von Grund auf so konzipiert, dass sie “nicht nur einen diskursiven, sondern auch einen stark metaphysischen Wert haben”. Ausgangspunkt seiner kuratorischen Überlegungen ist die Stadt Düsseldorf, deren Geschichte und aktuellen Gegebenheiten. Zum Lokalkolorit gehören zum Beispiel die elektronische Musik und Kunst im öffentlichen Raum – das ist klar. Weniger verbreitet ist unter anderem das Wissen um die zur Kolonialzeit beliebten Völkerschauen, die Zuschauer*innen einen vermeintlich authentischen Einblick in das Leben sogenannter “exotischer Völker” präsentierten. Um das kollektive Gedächtnis der Stadt zu beleuchten, nutzt Schmidtke die historisch überkommene Konstruktion des kulturell “Anderen” als zentralen Referenzpunkt für Theater der Welt. Es geht ihm darum, im 21. Jahrhundert klar zu machen, dass es einzig für uns Unbekanntes gibt: “Alle Menschen sind im Grunde gleich, sie leben aber unter unterschiedlichen Bedingungen, dennoch zusammen in einer Welt”. Weitere Programmschwerpunkte bilden aktuelle Themen unserer globalen Gesellschaft wie zum Beispiel Geschlechtergerechtigkeit, Migration und Umwelt.

Erstmals in der Geschichte von “Theater der Welt” wird es auch ein Programm für junges Publikum geben. Das sei “eine höhere professionelle Weiheprüfung”, erzählt Stefan Schmidtke. Denn Kinder- und Jugendtheater verfügen über eine andere institutionelle Struktur und werden in vielen europäischen Ländern eher als Sozialprojekt statt als künstlerisch zu fördernde Größe wahrgenommen. Im Hinblick auf die Förderung von Nachwuchstalenten ist Düsseldorf ein leuchtendes Vorbild und auch das Junge Programm von „Theater der Welt“ lässt nichts zu wünschen übrig: Neben neun Theaterarbeiten wie “Die Geschichte von der Geschichte” in der Regie von Jetse Batelaan gibt es ein Modellprojekt im Bereich Bildung und Vermittlung, das durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt wird.

Um den Dialog zwischen Generationen zu fördern, hat Stefan Schmidtke für Theater der Welt Berührungspunkte geschaffen, die Begegnungen zwischen Jung und Alt ermöglichen: Statt sich am Gustaf-Gründgens-Platz einzukapseln, greifen zahlreiche ortsspezifische Projekte direkt in den Stadtraum ein – so zum Beispiel in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K21), dem NRW-Landtag, dem Dreischeibenhaus, im Forum Freies Theater (FFT) und im tanzhausnrw. Darüber hinaus bietet Theater der Welt in Zusammenarbeit mit nordrhein-westfälischen Fach- und Hochschulen insgesamt neunzehn Formate von Seminaren über praktische Arbeit bis hin zu öffentlichen Kunstaktionen an.

Ein besonderes Highlight von Theater der Welt ist die Europapremiere von “Siren Song”. Die Sound-Installation von Byron J. Scullin, Thomas Supple und Hannah Fox wird an allen 18 Festivaltagen einmal täglich das Kulturareal um das Schauspielhaus in außergewöhnliche Klänge einhüllen. Inspiriert vom Ton als eine Form der autoritären Kontrolle, erforscht Siren Song die sinnliche, psychologische und soziale Wahrnehmung von Lautsprechersystemen im öffentlichen Raum – also Ohrstöpsel raus!

Außerdem empfehlenswert ist die radikal feministische 24-Stunden-Performance “The Second Woman” und der avantgardistisch angehauchte European Philosophical Song Contest. Letzterer ist eine Art popmusikalischer Wettbewerb, in dem zehn Lieder, dessen Texte von Intellektuellen aus europäischen Ländern geschrieben wurden, vom Orchester vertont vor einer ausgewählten Jury vorgetragen werden. Moderiert wird der Abend vom künstlerischen Tausendsassa Massimo Furlan und der deutschen Schauspielerin Pegah Ferydoni.

Doch das ist bei weitem nicht alles: Euch erwarten insgesamt 128 Theater- und Musikveranstaltungen mit Künstler*innen aus 48 Ländern! Wer mehr über die verschiedenen künstlerischen Sparten, Festivalorte und Programmpunkte von Theater der Welt erfahren möchte, findet alle Infos auf www.theaterderwelt.de und www.dhaus.de.

Text: Merit Zimmermann
Fotos: siehe Bildtitel | Titelbild by © Marguerite Seger
© THE DORF 2020

Mehr von MERIT

CARSTEN NICOLAI IM K21

Highlights über Highlights: Nach der bislang größten Düsseldorfer Schau des chinesischen Kunst-Weltstars...
Weiterlesen