Warm Breath – Des Menschen warmer Atem | Angelika J. Trojnarski

Am 18. November 2022 endete die UN-Klimakonferenz COP27, während in Düsseldorf die Künstlerin Angelika J. Trojnarski und die Journalistin Laura Dresch die in Ägypten (nicht) beschlossenen Klimaverbesserungen verfolgten. Noch im September recherchierten die beiden zu den schmelzenden Gletschern der Zugspitze direkt vor Ort und setzten im Anschluss der Reise die künstlerische Website warmbreath.org, die für den rapiden und irreversiblen Eisschwund sensibilisieren soll, auf. Wir sprachen mit Angelika über die Arbeit und die Reise zur Zugspitze.

Aktuelle Fotos, Videos und 3D-Scans des einst eindrucksvollen Gletschers sowie ein Interview mit einem Wissenschaftler der dortigen Umweltforschungsstation ergeben ein wertvolles Zeitdokument – insbesondere dann, wenn in circa 15 Jahren alle deutschen Gletscher für immer abgeschmolzen sind. Trojnarskis physische Arbeiten sind noch bis zum 18. Dezember in der Gruppenausstellung INHALE/EXHALE bei Kunst & Denker Contemporary zu sehen.

Trojnarski, die sich in ihrer Kunst mit wissenschaftlichen Naturprozessen und den Folgen des Klimawandels beschäftigt, hat zudem Papier-Collagen geschaffen, in deren Motiven heiß glühende Wolken mit kalten Eis- und Schneelandschaften kollidieren. Indem die Künstlerin Teile der Oberfläche mit Feuer bearbeitet und so mit Ruß überzieht, setzt sie das Werk selbst Hitze und Zerstörung aus. Das Ergebnis sind ambivalente Motive voller poetischer Reflexionen.

Angelika, Du beschäftigst Dich in Deiner Kunst schon lange mit Naturprozessen. Was war für Dich der ausschlaggebende Punkt, Dich mit dem Thema „Gletscher“ auseinanderzusetzen? Wie kam die Zusammenarbeit mit Laura Dresch zustande? Bereits 2018 stand ich im Rahmen einer Arbeits-Residency erstmalig auf einer mächtigen Gletscherzunge des Vatnajökull in Island. Das Eis war hochgetürmt und gleichzeitig von Gletscherspalten, in denen unten Wasser floss, durchzogen. Es war sehr emotional, aber trotz eines erfahrenen Guides auch recht gefährlich, dort zu sein, da man aus Unerfahrenheit oder Unachtsamkeit leicht in diese Spalten rutscht und unters Eis gespült wird. Mich hat das Erleben des blanken, eisblauen Gletschers seitdem nicht mehr losgelassen. 

Dass diese Eislandschaften global immer schneller – und vor allem irreversibel – schmelzen, schmerzt sehr. Das Ewige Eis der Zugspitze, das mit seiner Anmut und seiner Magie so viele Generationen in den Bann zog und überdauerte, findet in meiner Generation sein jähes Ende, weshalb ich ihn vor seinem Verschwinden porträtieren wollte. Laura ist Journalistin sowie Kunsthistorikerin und ich kenne sie bereits von anderen gemeinsamen Projekten. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt zudem auf Kunst und Natur, was bei der Gletscher-Recherche nicht hätte besser passen können. Perfekt, dass wir dieses spannende Abenteuer zusammen erlebt haben.

Wie lange habt Ihr Eure Reise zur Zugspitze geplant? Das war ein langer Prozess, der bereits ein Jahr zuvor mit der Mittelakquise begann. Als die Projektförderung vom BBK Bundesverband Berlin bewilligt wurde, ging es weiter mit der Planung der Aktivitäten vor Ort: beispielsweise Anfrage der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus für ein Interview, damit das Projekt nicht nur künstlerisch-sinnlich sondern gleichzeitig wissenschaftlich-fundiert war.

Des Weiteren planten wir, an welche Gletscher wir nah herankommen können und über welche Wanderwege wir auf die Zugspitze gelangen, da wir uns statt einer 10-minütigen Seilbahnfahrt für einen Slow Travel entschieden hatten. Neben dem territorialen Ziel, hatten wir auch das Ziel, intensiv in der Natur zu sein, sodass wir zwei Tage von Garmisch-Partenkirchen über das Reintal zum Nördlichen Schneeferner wanderten.

Was war die größte Herausforderung an / während der Reise? Für mich war es genau dieser Fußmarsch! Ich muss dazu sagen, ich bin keine Trekkerin, dazu war ich noch nie zu Fuß auf einem 3000er, aber dann direkt den höchsten Berg Deutschlands anzupeilen mit 10 kg Gepäck und zudem bei überwiegend Schlechtwetter wie Regen und Schnee, war schon… schonungslos 🙂  Das wahnsinnige Bergpanorama und die tollen Mit-Bergsteiger glichen diese Anstrengung jedoch mehr als aus.

Was war Euer schönster Moment? Als wir oben waren – das Gefühl, die Zugspitze aus eigener Kraft erreicht zu haben, war unbezahlbar. Richtig begeistert und geehrt fühlten wir uns aber auch beim Besuch der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus, die James-Bond-mäßig und futuristisch als höchstgelegenster Forschungsort Deutschlands auf dem Fels des Zugspitzengipfels thront.  Dr. Till Rehm gab uns eine sehr lehrreiche Führung durch die Station und sogar ins Innere des Berges, sowie ein elaboriertes Interview.

Ihr habt Euch sicherlich bereits im Vorfeld ausgiebig auf die Reise und das Thema vorbereitet. Gab es trotzdem Momente oder Erkenntnisse, die überraschend für Dich waren oder die Dich z. B. während der Gespräche mit dem Wissenschaftler vor Ort berührt haben? Für mich war es die bittere Erkenntnis, dass es für die deutschen Gletscher keine Hoffnung mehr gibt. Sie werden verschwinden und dies ist unausweichlich, auch wenn wir ab morgen klimaneutral leben würden. Dafür haben die Gletscher inzwischen zu viel Masse und Fläche verloren, um eine Regenerationsphase zu erreichen. Das Positive ist, dass der Schmelzprozess bei großen Gletschern wie in Island, Grönland oder den Polkappen verlangsamt werden kann, wenn wir die Erderwärmung laut dem Pariser-Abkommen bei 1,5 Grad stoppen können. Bei den diesjährigen COP-Beschlüssen ist dies jedoch sehr fraglich – und somit dramatisch.

In circa 15 Jahren werden alle deutschen Gletscher für immer abgeschmolzen sein. Ist die Arbeit zum jetzigen Zeitpunkt abgeschlossen und stellt eine Momentaufnahme dar oder planst Du, sie hinsichtlich weiterer klimatechnischer Entwicklungen / Veränderungen fortzuführen? Die Gletscher mögen verloren sein, aber es gibt noch genug zu tun – wir haben es in der Hand. The future is now.

Vielen Dank.

Die Website zum Gletscher-Projekt ist unter warmbreath.org aufrufbar.

(c) THE DORF, 2022
Text: PR, Angelika J. Trojnarski
Interview: Tina Husemann
Foto: Angelika J. Trojnarski, Ausstellungsansicht im Beitrag: Kai Werner Schmidt

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