Mina Richman

Anzug, Ukulele, Feminismus: Die 24-jährige Deutsch-Iranerin Mina Richman singt über ihr Leben als junge Frau, übers Verlieben, Trennen und zerbrochene Freundschaften. Ihr Song „Baba said“ über den Tod von Jina Mahsa Amini ging viral. Ihr Vater habe sie aus Versehen zur Feministin erzogen, sagt sie. Der Wunsch nach Gleichberechtigung inspirierte auch ihren Künstlernamen: „Richman“ entnahm sie dem bekannten Cher-Zitat „Mom, I am a rich man“. Am 28. Januar tritt sie im FFT auf und wird Lieder aus ihrem ersten Album singen, das in diesem Jahr erscheinen wird.

Mina, in Deinem Lied „Baba said“ singst du davon, wie du als Kind das Kopftuch deiner Tante bewundert hast. Im Refrain forderst Du dazu auf, es ins Feuer zu werfen. Was hat sich durch den Tod von Jina Mahsa Amini verändert? Mina: Ich bin nicht gegen das Kopftuch, ich bin für die Freiheit aller Frauen, selbst zu entscheiden, ob sie es tragen möchten oder nicht. Im Iran ist es zu einem Symbol für die Unterdrückung von Frauen geworden. Der Tod von Jina Mahsa Amini hat mich tief getroffen, ich habe Familie im Iran und mache mir große Sorgen. Ich habe als Kind viel Zeit dort verbracht und das Land mit Urlaub, persischer Kultur und Geschichte verbunden. Der Tod hat mir klargemacht, dass ich mein Bild vom Iran neu überdenken muss. Meine Gefühle habe ich in „Baba said“ verarbeitet und es auf Instagram hochgeladen, um den protestierenden Frauen zu zeigen, dass ich hinter ihnen stehe. Es hat Menschen auf der ganzen Welt erreicht. Das war mir wichtig, ich wollte sensibilisieren, weil ich das Gefühl hatte, dass ihr Tod in den westlichen Medien am Anfang gar nicht stattgefunden hat.

Du hast früher in einer Altherren-Rockcoverband gesungen. Wann hast Du angefangen, Deine eigenen Songs zu schreiben und als Solo-Künstlerin zu arbeiten? Mina: 2020 hatte ich eine schlimme Sinneskrise. Ich habe mir beim Poledance den Rücken gebrochen und lag monatelang im Bett. Ich hatte Schmerzen, draußen wütete Corona und ich war alleine in meiner WG. Ich lag da und dachte mir: Es gibt nichts, worauf ich mich freuen kann. Irgendwann habe ich angefangen, Lieder zu schreiben. Ich habe schon immer gerne geschrieben, aber eher Lyrik, keine Songs. Zu Weihnachten habe ich dann eine Ukulele bekommen und mir das Spielen beigebracht. Das hat mir geholfen, mit mir alleine sein zu können.

Jetzt bist Du zwei Jahre im Geschäft. Was hast Du gelernt, als Frau in der männerdominierten Musikbranche? Mina: Niemand wird auf mich zukommen und mich darum bitten, einen Gig zu spielen. Wenn ich etwas möchte, muss ich danach fragen. Männer müssen das auch, aber Frauen zehn Mal öfter. Dazu gehört auch, mit Ablehnung umgehen zu können. Ich habe am Anfang hunderte Mails rausgeschickt und maximal zwei Antworten bekommen, das ist ziemlich ernüchternd. Mir ist auch aufgefallen, mit wie vielen Vorurteilen weibliche Künstlerinnen zu kämpfen haben. Letztens war ein Techniker total erstaunt, dass ich ein Kabel richtig aufrollen konnte. Generell sind Menschen überrascht, dass ich etwas kann, mit anpacke und mich nicht wie eine Diva verhalte.

Wie bekommen wir mehr Frauen auf die Bühnen? Mina: Es gibt Labels, bei denen keine einzige Frau gesignt ist, vor allem im Hip-Hop. Ich finde das krass, weil es so viele gute Rapperinnen gibt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele gar nicht wissen, wie viele Künstlerinnen es gibt. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen, uns erwähnen, nach freien Slots für andere Musikerinnen fragen. Einige Frauen fühlen sich besonders, wenn sie es in der Männerdomäne geschafft haben, aber auch das ist der falsche Ansatz – wir dürfen keine Konkurrentinnen sein, das bringt uns nicht weiter.

Du singst poetisch über harte Themen wie consent, red flags und Trennung. Was geht in Dir vor, wenn Du schreibst? Mina: Wenn ich Musik höre, habe ich Bilder im Kopf. Ich kann nicht hören, ohne zu sehen. So entstehen auch meine Lieder: Wenn ich etwas fühle, baue ich mit meinen Worten das Bild, das ich im Kopf habe. Ich bin ein großer Fan von Intertextualität, wenn sich zwei Lieder aufeinander beziehen. Ich habe das in zwei meiner Songs gemacht: In „Down easy“ bitte ich die Person, in die ich verliebt bin, die mich aber niemals zurücklieben wird, darum, mich nett zurückzuweisen. „I tried“ ist das Gegenstück, da spreche ich über den Trennungsschmerz. Aber nicht alle meine Songs haben eine tiefere Bedeutung, manchmal stimmen einfach der Vibe und die Melodie.

Neben deiner Ukulele sind bunte Anzüge Dein Markenzeichen auf der Bühne. Gehört das zu deiner Bühnenpersona oder ist das die echte Mina? Mina: Ich bin queer, das möchte ich auf der Bühne zeigen. Ich habe schon als Kind die Anzüge meines Vaters anprobiert und nicht die Schuhe meiner Mutter. Als ich zwölf war, hat er mir eine Fliege geschenkt. Ich bin großer Fan von Marlene Dietrichs Stil, der Anzug hat sie feminin, aber nicht schwach wirken lassen. Und mein musikalisches Vorbild Joan as Policewoman trägt auch Anzug auf der Bühne. Das bin ich, zu hundert Prozent.

Vielen Dank!

Weitere Informationen zum Konzert findet Ihr hier… www.fft-duesseldorf.de/spielplan/mina-richman

Mina Richmann live im FFT
Samstag, 28. Januar 2023, 22 Uhr
Konrad-Adenauer-Platz 1
40210 Düsseldorf
www.fft-duesseldorf.de

Mehr zu Mina Richman findet Ihr hier:
Instagram @mina.richman | Spotify | YouTube

Text: Danina Esau
Fotos: Michelle Duong
© THE DORF 2023

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