RuhrpottAG

Vom 8. bis zum 15. Dezember 2018 präsentiert das Lieblingsplatte Festival im zakk im dritten Jahr eine Auswahl der wichtigsten Alben deutscher Popgeschichte live auf der Bühne. Mit „Pop“ hat das Album „Unter Tage“ der deutschen Rap-Combo RuhrpottAG eher weniger zu tun. Tatsächlich zählt die Scheibe aus dem Jahr 1998 zu den wichtigsten Alben deutscher Rap-Geschichte. Gefeiert wird das 20-jährige Platten-Jubiläum aber nicht im Pott – die Re-Union findet in Düsseldorf statt. Die Gründungsmitglieder Aphroe, Mr. Wiz und Pahel bestreiten am 15. Dezember mit „Unter Tage“ das Abschlusskonzert des Lieblingsplatte Festivals, was innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Wir trafen Karsten Stieneke aka Aphroe zum Gespräch.

Stell dich ganz kurz vor!
Ich bin Karsten Stieneke, bekannt als Aphroe aus der Formation RAG, vormals Raid. Damals war ich zusammen mit Curse und den Stieber Twins und den Kollegen von STF bei La Familia. In diesen Formationen war ich als Texter und Rapper unterwegs und bin in diesem Bereich bis heute aktiv. Privat bin ich ein Musik-Nerd, sammele Platten und lege die auch gerne mal irgendwo auf.

Wer ist die RuhrpottAG in einem Satz?
RAG ist eine Konstellation, die 1997 entstanden ist, um Rap-Kräfte zu bündeln und unsere Region als Einheit zu repräsentieren. Die Gruppe besteht aus Pahel, der in Washington lebt, Mr. Wiz (Beat Sampraz), der die Beats zum Großteil produziert hat, und mich. Mr. Wiz und ich bildeten zusammen Raid. Wir schlossen uns mit Pahel und Galla von den Filo Joes zusammen und konstruierten diese neue Formation. Galla ist leider bereits vor sieben Jahren verstorben.

Im Dezember geht’s bei euch auf Jubiläums-Tour. Euer Album „Unter Tage“ wird 20 Jahre alt. Wie kam das zustande und geht Ihr mit Original-Formation auf die Bühne?
Durch das Jubiläum der LP und das Lieblingsplatte-Konzert hat das alles gut zusammen gepasst. Da das Konzert innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, fassten wir schnell den Entschluss, noch mehr zu spielen. Deshalb starten wir jetzt in der verbliebenen Dreierkombination in Wiesbaden und Stuttgart. Dann gibt es noch einen Überraschungsgig im nördlichen NRW und den Rest der kleinen Tour: Berlin, Hamburg und Leipzig. Dadurch das Pahel extra aus den USA eingeflogen wird, lohnt sich eine Tour natürlich umso mehr.

Die Initialzündung kam aber bereits beim letztjährigen Lieblingsplatte Festival. Dort war ich als Gast bei den Stieber Twins auf der Bühne und habe mit zakk-Musikplaner Miguel Passarge gesprochen. „Hör mal, nächstes Jahr machen wir 20-jähriges und ich könnte mir da was vorstellen…“ Er hat es direkt verstanden und ich musste gar nicht mehr groß weiterreden. Ursprünglich hatten wir geplant, irgendwas im Pott zu machen, aber so war halt schnell klar: Ne, das machen wir jetzt in Düsseldorf. Das Lieblingsplatte Festival ist eine super Plattform, das ganze Konzept ist sehr wertschätzend. Du wirst auf einmal wieder im Atemzug mit anderen deutschen Popgrößen genannt.


Was ist das für ein Gefühl, nach so langer Zeit wieder gemeinsam als RAG auf der Bühne zu stehen?
Einfach top! Es fühlt sich sehr gut an, die Platte noch einmal gemeinsam live zu präsentieren. Bei meinen Solo-Auftritten rappe ich auch mal den ein oder anderen Part, aber das ist nicht das gleiche.

Deine Connection zu den Stiebers ist ja allgemein bekannt. Wie kam es aber zum Gastauftritt  und wie war’s?
Da wir der harte Kern von La Familia waren und eh viel zusammen machen, bin ich bei den Stiebers quasi sowas wie der dritte Bruder geworden. Da das Konzert in NRW war und auf deren einzigem Album viele Features drauf sind, war klar, dass sie dabei Unterstützung gebrauchen können.

Wird es auch in diesem Jahr Überraschungsgäste auf der Bühne geben? Letztes Jahr bei den Stieber Twins war neben dir noch Curse auf der Bühne, Torch hat nach dem Konzert aufgelegt. Kannst du schon was verraten?
Es wird auf jeden Fall Gäste geben. Genaueres möchte ich noch nicht verraten. Wer von den üblichen Verdächtigen wahrscheinlich da sein wird, bleibt spannend. Außerdem wird Dj Mirko Machine auf der Aftershow Party auflegen. Nach dem Abschlusskonzert der ganzen Lieblingsplatte Reihe wird noch weitergefeiert, um eins geht hier sicher nicht das Licht an, sodass wir das alles entspannt nach Hause schaukeln.

Wie laufen die Vorbereitungen für die Tour?
Anfang des Jahres gab es eine Underground-Jam in Dortmund, zu dem um die 1.000 Leute gekommen sind. Das war quasi unsere Generalprobe für die Tour und es hat sehr gut funktioniert. Davor hatten wir ein paar Tage echte Probe und so wird das jetzt auch wieder laufen. Wir haben in jedem Fall alle richtig Bock drauf.

Könntest du dir eine allgemeine Rückkehr mit der aktuellen Konstellation vorstellen oder ist das alles nur für die Mini-Tour?
Dadurch, dass wir nicht mehr zu viert sind, würde dies dem Anspruch nicht gerecht werden. Vielleicht entsteht noch mal ein Song oder eine EP zu dritt. Aber ein Comeback im klassischen Sinne wird’s da in keinem Fall geben. 20 Jahre fühlt sich eh schon so an, als wären wir Led Zeppelin, mit Rockstar-Status – ganz seltsam.

Was bedeutet Euer Album „Unter Tage“ für Dich persönlich?
Es hat für mich einen ganz hohen Stellenwert. Was es im Nachhinein für Türen geöffnet hat, das war einfach gut fürs seelische Wohlbefinden. „Unter Tage“ gilt als Meilenstein in der Deutsch-Rap-Historie und im Nachhinein wird dem Album ja noch viel mehr Bedeutung beigemessen als zu Entstehungszeiten oder in der Zeit danach. Man hört of: „Oh wow, ihr habt da ja ein Top-5-Album gemacht“ und so Dinge.

Allein zu wissen, dass diese Wertschätzung da ist, ist toll. Wir haben immer noch echte Fans und die sind wahrlich „die hard“. Es gab letztens eine limited Special-Box vom Album in der Pre-Order – die war online innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Zur Tour bringen wir zum ersten Mal seit 20 Jahren die Platte als Re-Issue raus. Bei solchen Sachen merkt man immer ganz stark, was das den Leuten bedeutet. Unter dem Strich ist das alles dem Album geschuldet. Unsere Herangehensweise war einfach ein bisschen anders damals. Das Ganze war überhaupt nicht auf Erfolg getrimmt oder hat sich irgendwelcher funktionierenden Mechanismen bedient. Im Nachhinein gibt einem das einfach noch einmal Recht.

Wird es das Re-Release beim Lieblingsplatte Festival zu kaufen geben?
Ja, sollte jetzt nicht noch Feuer im Presswerk ausbrechen, dann müsste das alles funktionieren.

Mitte der 90er ging es bei euch los. Wie war das damals mit Rap und wie siehst du die Veränderungen zu heute? Was hältst du von der „New School“, mit Trap und alle diesen neuen Einflüssen?
Es hat sich deutlich verändert. Zu dieser Zeit mussten die Türen noch mühsam eingetreten und auf diversen Gebieten Pionierarbeit geleistet werden. Alles, was seit ein paar Jahren selbstverständlich ist, also die Art zu reimen, komplizierte Metaphern, zum Nachdenken anregen oder abstraktes Sprechen, das war damals neu und bahnbrechend. Heute, 20 Jahre später, ist das alle selbstverständlich. Der textliche Anspruch der breiten Masse hat zwar auch wieder nachgelassen. Dadurch, dass der Baum aber so groß und verästelt ist, gibt’s immer noch viel, was an der Basis passiert und echt hochwertig ist. Auf der anderen Seite lässt alles, was an der Oberfläche kratzt oder den Mainstream widerspiegelt, oft arg zu wünschen übrig. Pauschalisieren lässt sich das natürlich nicht.

Ich bin jetzt auch keiner, der immer nur nach Gestern schaut. Zum Beispiel ein Dendemann, der gerade sein neues Album veröffentlicht hat, bekommt in dem Song „Keine Parolen“ ganz gut die Brücke geschlagen zwischen dem modernen, trappigen Soundgerüst und den klassischen Elementen. Ich habe sein Album noch nicht ganz gehört und weiß noch nicht, inwieweit das auf die ganze Länge funktioniert. Es ist immer wünschenswert, den berühmten Spagat wirklich zu schaffen. Man darf nicht so tun, als gäbe es kein Gestern, man darf aber auch nicht steckenbleiben. Wenn so alte Jungs wie wir versuchen, krampfhaft modern zu sein, kann das auch arg nach hinten los gehen.

Was hörst du privat gerade für Musik? Nur Rap oder hat sich das irgendwann mal geändert?
Das ist eine relativ bunte Mischung. Ich habe eine ziemlich ausgeprägte Plattensammlung. Ich bin seit einigen Jahren wieder massiv dran, mit immer mehr Vinyl meinen Wohnraum zu schmälern. Aber da geht’s dann auch echt von 60s, Psychedelic bis 70s Funk und Soul, 80s Boogie-Kram. Alles was grooved und moved interessiert mich. Mich fasziniert es, auf irgendwelchen Plattenbörsen oder Flohmärkten Perlen zu entdecken. Man denkt immer, dass 2018 längst alles discovered ist und es nichts mehr Neues bzw. Altes neu zu entdecken gibt – und dann findest du immer wieder irgendwelche großartige Musik, die noch keiner auf dem Schirm hatte und die teilst du dann mit der Außenwelt. Finde ich klasse dieser „Diggin’ Kosmos“.

Zum Abschluss: Deine Lieblingsplatte?
Das ist schwer zu sagen, bei 8.000 Platten im Regal. Wenn ich mich jetzt auf eine Rap-Platte einschießen würde, wäre es spontan die „School of Hard Knocks“. Eine großartige 90er-Rap-Platte, die damals ziemlich unterm Radar geflogen ist und einfach ein geiles relaxtes Storytelling hat. Außerdem die Diamond D „Stunts, Blunts & Hiphop“, das sind meine beiden „This is how it should be done“-Platten des Moments.

Von links nach rechts: Pahel, Mr. Wiz (Beat Sampraz) und Aphroe 

Vielen Dank.

Lieblingsplatte Festival 2018
8. bis 15. Dezember 2018
www.lieblingsplatte-festival.de

Hier findet ihr das komplette Programm und
zu den Tickets geht’s hier…

Vorab schon mal reinhören könnt ihr übrigens
hier mit der 
Lieblingsplatte Spotify Playlist.

zakk
Fichtenstraße 40 | 40233 Düsseldorf

Interview & Text: Tina Husemann & Ole Spötter
Fotos: RAG
© THE DORF 2018

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