Embracing Realities

“Sei du selbst” ist eine Maxime, die jeder von uns so oder so ähnlich schon oft gehört hat. Denn in unserer Gesellschaft ist Authentizität ein hohes Gut, das von großen Denkern wie Sophokles, Friedrich Nietzsche, Henrik Ibsen und Oscar Wilde kultiviert wurde. Insbesondere heutzutage, in einer digitalen Welt voller “Fake News” und Selfie-Inszenierung, hat das Authentische einen Wert von allerhöchster Bedeutung. Aber was eigentlich genau bedeutet “authentisch sein”? Und wie misst man Authentizität aus der Perspektive des Selbst, das den Anderen sieht?

DAS BILD DES ANDEREN

Solche Fragen thematisierte Fadi Abdelnour am vergangenen Freitag, den 11. Oktober 2019, im Düsseldorfer Schauspielhaus. Der gebürtige Israeli, 1978 in Jerusalem geboren, ist studierter Archäologe, Sprach- und Kulturwissenschaftler sowie Kommunikationsdesigner und künstlerischer Leiter des ALFILM – Arabisches Filmfestival Berlin. Im Rahmen der in diesem Jahr gegründeten Veranstaltungsreihe “Embracing Realities” referierte er während er seiner Lecture Performance “Das macht man doch so bei euch, oder?!” über das, was als Eurozentrismus und/oder Orientalismus im Kultur- und Kunstmarkt seit längerem diskutiert wird. Den Auftakt des “Safe Open Fun Space” bildeten am Abend zuvor die französisch-kanadische Künstlerin Kapwani Kiwanga (“Afrogalactica: A brief history of the future”) und die DJane Senu. Initiiert wurde “Embracing Realities” von dem Diversitätsbeauftragten des Schauspielhauses, Guy Dermosessian, dessen Ziel es ist, gemeinsam mit Künstler*innen, Denker*innen und Aktivist*innen einen gelebten Pluralismus zu stimulieren.

Kurz vor 21 Uhr betrat Fadi Abdelnour die Unterhaus-Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses – im Schlepptau einen Einkaufstrolley, mit kleinen Blumen in Rosa, Gelb und Grün. Stillschweigend packte er eine Reihe von Büchern aus, darunter “Das Leiden anderer betrachten”, ein essayistischer Text, in dem sich die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag mit der Wirkung und Funktion von Kriegs- und Katastrophenfotografie beschäftigt. Das Publikum schaute ihm aufmerksam dabei zu, saß ruhig da, und lauschte interessiert, als er begann, ein paar Anekdoten zu erzählen: Zum Beispiel von der Konstruktion des authentischen Erlebnisses arabischer Küche. Oder von seinem Universitätsprofessor, der ihm riet, Goldpigmente zu benutzen, um arabische Musik besser zu visualisieren. Die Botschaft hinter Abdelnours Erzählungen war klar: Vorurteilsbeladene Perspektiven auf Islam geprägte Kulturen haben alle, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Sozialschicht, Bildungsniveau, Religion und so weiter.

DIE WESTLICHE ÜBERHEBLICHKEIT

Schubladen-Denken ist weit verbreitet, aber das Prinzip des Othering (“VerAnderung”) betrifft den “mysteriösen Orient” oft mehr als den “aufgeklärten Westen” – so der US-amerikanische Literaturtheoretiker und -kritiker Edward Said. Diese vielfach vertretene Hypothese veranschaulicht Fadi Abdelnour mit dem visuellen Erbe der arabischen Welt, denn es funktioniert als fingierte Authentizität. Er projiziert exotische und kulturalistische Ölgemälde an die Wand, beispielsweise ein Harem der Fantasie, das liefert, was gesehen werden will. Dann zeigt er Ausschnitte zweier Filme namens “Planet of the Arabs” und “Reel Bad Arabs”, welche anhand von Fernseh- und Filmclips verdeutlichen, wie Araber und Muslime stereotypisiert, marginalisiert und diffamiert werden. Kurz zusammengefasst und überspitzt gesagt: “People of colour” sind Terroristen, die in der Wüste leben, Frauen unterdrücken und durch ihre Religion zu Gewalt aufrufen.

Die letzte Bilderserie besteht aus einer Reihe von verpixelten Fotos, die verstorbene Menschen mit islamischer Herkunft zeigen – darunter die Leiche des syrischen Jungen Aylan Kurdi, drei Jahre alt, ertrunken im Mittelmeer. Fadi Abdelnours vermeintlich simple Frage, warum es von jüngsten Ereignissen wie in Paris (Charlie Hebdo) oder Orlando (Pulse Nightclub) keine derartigen Fotos gibt, bleibt unbeantwortet. Dies ist, so makaber das klingen mag, schon komisch. Denn was passiert, wenn es immer nur um das fremde Leiden geht? Bildet sich eine Kluft zwischen dem Subjekt und dem Betrachter? Die Antwort ist Ja, wir stumpfen ab.

RAUS AUS DEN SCHUBLADEN

Wie man orientalistische Muster durchbrechen kann, ist eine komplexe Frage. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, Menschen islamischer Abstammung als aktive, nicht passive Akteuren anzusehen – heißt: Sie selbst sollten zum Bezugspunkt und Kriterium für ihre Authentizität werden. Dies ist zumindest einer der vielen Schlüsse, die man aus Fadi Abdelnours Lecture Performance ziehen konnte. Und als wären seine wertvollen Denkanstöße nicht schon Grund genug, den monatlichen “Safe Open Fun Space” des Düsseldorfer Schauspielhauses nochmals zu besuchen, trat anschließend die DJane/Filmproduzentin/Kultclub-Chefin Hiba Salameh mit einem Live-Set auf, das verschiedene Sounds aus dem Nahen Osten mit Elektro, Samba und Afro-Beat kombinierte.

Am Donnerstag, den 28. November 2019, findet die nächste Veranstaltung der Reihe “Embracing Realities” statt. Mit dabei sind die Konzeptkünstlerin Natalie Anguezomo Mba Bikoro (“On a History of Lateness”) und die Musikerin Stella Chiweshe, auch “Königin der Mbira” genannt. Tickets und Infos findet Ihr im Netz: www.dhaus.de/programm/a-z/embracing-realities

Text & Fotos: Merit Zimmermann
© THE DORF 2019

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