Projekt “K22”: Im Gespräch mit der Plantwerkstatt

Das Dorf ist bekannt für seine schönen Seiten: von den Kunstmuseen K20 und K21 über der Rheinuferpromenade bis hin zu architektonischen Glanzleistungen wie dem Schauspielhaus Düsseldorf stellt Düsseldorf für viele Touristen eine kulturelle Pilgerstätte dar. Eine Schattenseite der Stadt zeigt sich vor allem ihren Bewohner*innen: der Wohnungsmarkt ist hart umkämpft, die Mietpreise steigen und viele Flächen bleiben ungenutzte Spekulationsbrachen. Um dem entgegenzuwirken, arbeitet die Planwerkstatt an dem Projekt “K22” auf der Kiefernstraße in Flingern-Süd. Der Verein möchte Bürger*innen die koproduktive Entwicklung ihrer eigenen Stadt ermöglichen und nach der Fertigstellung einen Ort des aktiven Zusammenlebens und der Partizipation schaffen. Im Interview erzählt die Planwerkstatt von den Anfängen des Projekts, der Vision, die dahinter steckt, und wie man diese unterstützen kann. 

Vielleicht stellt Ihr Euch erstmal vor: Wer seid Ihr und was macht Ihr im Rahmen des K22-Projekts?
Wir als Planwerkstatt sind die ausführende Kraft hinter der Umsetzung des K22. Hervorgegangen sind wir aus dem Engagement von Bürger*innen, die aktiv an der Gestaltung ihrer Stadt mitwirken wollen. Im Vordergrund steht die Idee, dass sich die Zivilgesellschaft den urbanen Raum zurückerobert. Das geschieht, indem die unterschiedlichen Bedürfnisse von Anwohner*innen wie auch aller übrigen Akteur*innen offen verhandelt werden, anstatt dass Stadtentwicklung einseitig bestimmten Interessengruppen oder Konsumzwecken dient.

Wie nehmt Ihr das Thema Wohnraum in Düsseldorf wahr? Welche Entwicklungen gab es dahingehend in den letzten Jahren?
Düsseldorf wächst und der Wohnungsmarkt ist spekulativ überladen; die Folgen sind steigende Mieten und der Verlust urbaner Nischen. Hier in Flingern-Süd konzentrieren sich diese Entwicklungen, da das Quartier durch viele ehemalige Industrieflächen gekennzeichnet ist und aufgrund seiner Lage unweit der Stadtmitte Begehrlichkeiten weckt. So wurde hier vor einigen Jahren das Flincarré mit Wohnungen im gehobenen Preissegment fertiggestellt, während hinter dem Bahnhof an der Stelle des alten Postgebäudes eine riesige Spekulationsbrache klafft. Ein kleiner Teil des Geländes wird zwar nun bebaut, doch es ist offen, wann der Rest entwickelt wird und statt Bauzäunen wieder nutzbare Flächen entstehen. Und auch an anderen Stellen stehen tiefgreifende Veränderung an, zum Beispiel auf dem Gelände des B8-Centers. Wir werden uns dafür einsetzen, dass diese Veränderungen tatsächlich auch sozial vertretbar sind. Hinzu kommt, dass bis Mitte des Jahrzehnts von den rund 300 Wohnungen mit Mietpreisbindung in Flingern-Süd etwa 190 verloren gehen werden. All das hat beachtliche Konsequenzen für diesen vielfältigen Stadtteil, ist aber auch eine generelle Entwicklung, die sich in ganz Düsseldorf beobachten lässt.

Was ist das K22 und welche Vision steckt dahinter?
Das K22 soll ein Ort für Vielfalt, Off-Kultur und gesellschaftliche Teilhabe sein. Was zunächst abstrakt klingt, steckt voller Leben: Im Erdgeschoss soll es ein Café ohne Konsumzwang geben, ein Quartierswohnzimmer zum gemeinsamen Austausch. Außerdem bietet das K22 Räume für offene Nutzungen an, wie zum Beispiel ein Repair-Café, Ausstellungen, Workshops oder Treffen von Initiativen. Doch das Haus ist nicht nur Begegnungsstätte der Nachbarschaft, sondern auch ein Ort für kooperative und koproduktive Formen der Stadtentwicklung – sowohl symbolisch als auch ganz praktisch. Das K22 demonstriert, wie eine kritische Zivilgesellschaft gemeinsam mit Politik und Wirtschaft, mit Verwaltung und Fachplanung ein anderes Bild dieser Stadt entwerfen kann.

Wie entstand die Idee für das Projekt? Könnt Ihr von dessen Anfängen erzählen?
2017 kaufte der Projektentwickler Cube Real Estate das Gelände zwischen Kiefernstraße und Erkrather Straße, um dort u.a. 150 Mikroappartements und zwei Hotels zu planen. Dagegen wehrten wir uns mit unterschiedlichsten Aktionen. Wir forderten, dass die Bewohner*innen mitreden können, wenn sich ihre Stadt verändert. So gelang es uns erfolgreich, den Bürgerbeteiligungsprozess „Planwerkstatt 378“ nicht nur einzufordern, sondern auch umzusetzen und schließlich ein neues städtebauliches Ergebnis auszuverhandeln: Ohne Hotels, aber dafür mit sozial gefördertem Wohnraum, Ateliers, einer öffentlich zugänglichen Grünfläche – und eben dem K22. Seitdem arbeiten wir an der Realisierung des K22 und setzen uns darüber hinaus ganz allgemein mit der Teilhabe von Bürger*innen an Veränderungsprozessen ihrer Stadt auseinander. Mittlerweile ist unsere Initiative als Verein (Planwerkstadt Düsseldorf e.V.) organisiert, wobei die Herzkammer der Prozesse nach wie vor das hierarchielose und offene Plenum bildet.

Wer ist am K22 beteiligt? Wie finanziert Ihr Euer Vorhaben?
Aus einer Vielzahl Engagierter im Verein hat sich ein Kern von etwa 15 Leuten herausgebildet, die mit viel Eigeninitiative dabei sind. Wir füllen das Projekt mit Leben, versuchen, es trotz aller Widrigkeiten zu realisieren, und tragen die Idee und die Möglichkeit, an diesen Prozessen teilzuhaben, in die Stadtgesellschaft. Doch natürlich können wir ein derart ambitioniertes Projekt nicht im Alleingang stemmen. Daher kooperieren wir mit der Stadt Düsseldorf und dem Projektentwickler Cube Real Estate hinsichtlich der finanziellen Realisierung des K22 und haben uns hierzu im Dezember auf umfangreiche Fördermittel des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung beworben. Das architektonische Konzept haben wir gemeinsam mit dem Architekturbüro Fritschi+Stahl entwickelt. Ganz wichtig ist aber auch die Beratung durch das Kölner Büro startklar a+b, mit deren Hilfe in den vergangenen Jahren zahlreiche gemeinwohlorientierte Projekte in NRW realisiert wurden.

Wie hat die Pandemie Eure Arbeit beeinflusst?
Die Pandemie stellte für uns eine enorme Herausforderung dar. Sie traf uns mitten in einer Phase, in der wir mit Anwohner*innen und Interessierten unzählige Gespräche führten, um ihre Ideen zur Quartiersentwicklung aufzugreifen. Im Rahmen der großen Planwerkstatt im März 2020 sind viele Modelle entstanden, die wir vor Ort leider nicht mehr präsentieren konnten. Die Ergebnisse ließen wir zwar über unsere Social-Media-Kanäle streuen, doch ohne Zweifel haben die Einschränkungen der Pandemie, sowohl unseren Austausch untereinander als auch unseren Austausch mit den Menschen in der Stadt gehemmt.

Welches Ziel verfolgt Ihr mit dem Projekt? Wer wird davon profitieren?
Alle! Zunächst einmal sind es natürlich die Bewohner*innen unserer Stadt, die vom K22 profitieren. Gleichzeitig ist es die Zivilgesellschaft allgemein, die im Rahmen der kooperativen Stadtentwicklung ihr Umfeld auf Augenhöhe mit Politik und Investor*innen gestaltet. Verwirklichte Teilhabe ist gelebte Demokratie. Und natürlich würde Düsseldorf davon profitieren: Welch enormer Prestigegewinn wäre es, wenn ein Prozess, der hier modellhaft erprobt wurde, eines Tages von anderen Kommunen übernommen würde!

Wie können Interessierte das Projekt unterstützen?
Grundsätzlich kann uns jede*r ganz einfach unterstützen, schon allein dadurch, anderen vom Projekt zu erzählen. Wir freuen uns auch über alle, die eigene Ideen haben oder an Aktionen teilnehmen möchten. Neue Gesichter sind in unserer Planungsgruppe immer willkommen. Und natürlich brauchen wir Geld, um das K22 zu bauen. Crowdfunding oder direkte Spenden helfen sehr.

Wie könnte ein Tag im K22 aussehen, wenn es fertig ist?
Der Tag beginnt am Morgen mit der Öffnung unseres Quartierswohnzimmers, das Besucher*innen aus dem ganzen Viertel anzieht. Während unten Kaffee, Brötchen und Kuchen serviert werden, herrscht in der Fahrradwerkstatt und in der öffentlichen Nähstube reger Betrieb. Ein Stockwerk darüber ist heute eine Schulklasse zu Gast, die einen Workshop in Videoschnitt belegt. Nachmittags kommen Kinder zur Hausaufgabenbetreuung – und bleiben anschließend gern zum Spieleabend oder machen mit beim Urban Gardening auf dem Dach. Das Büro der Planwerkstatt ist derweil Anlaufpunkt für alle, die ihre Stadt aktiv mitgestalten wollen, plant an diesem Abend aber auch das anstehende Sommerfest, während von der Terrasse Gitarrenklänge den Feierabend einläuten…

Warum braucht Düsseldorf das K22?
K22 steht zwar für die Kiefernstraße Nr. 22, spielt aber natürlich auch auf K20 und K21 an. Während dort die Kunst des 20. bzw. 21. Jahrhunderts gezeigt werden, wollen wir der Kunst der urbanen Zukunft ein Zuhause geben. Wo Stadtentwicklung dem Primat des Profits folgt, verschwinden Freiräume, das bunte und selbstbestimmte Leben verliert seine Bühne. Dem wollen wir aktiv entgegentreten mit einem solidarischen Haus, das urbaner Vielfalt Raum gibt. Von hier wird ein Impuls ausgehen, der Möglichkeiten eröffnet, das Selbstverständnis Düsseldorfs neu zu formulieren: mehr Partizipation statt private property, die Stadt wird offener und bunter, gesellig und sozialer, kurz: schöner!

Weitere Infos zum Projekt „K22“ und der Planwerkstatt bekommt Ihr auf www.planwerkstatt-duesseldorf.de

Vielen Dank!

Interview & Text: Antonia Lauterborn
Fotos: Planwerkstatt

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