BOTTICELLI BABY

(c) Martin Hinse

Die nordrhein-westfälische Band Botticelli Baby konzentriert sich in ihrer am 14. Juli 2023 bei Unique Records / Schubert Music erscheinenden Single „Digge Digge Dig“ ganz auf ihren Punk. In „Digge Digge Dig“ bündelt die Ruhrpott-Formation ihren ungebändigten Rebellen-Spirit mit der Unberechenbarkeit des Rock ’n‘ Rolls und zeigt einmal mehr auf, dass sie sich musikalisch nicht in eine Schublade stecken lassen. „Digge Digge Dig“ zeichnet sich vor allem durch eine sehr lebhafte Instrumentierung aus. Die Orgel hämmert den Bass. Die Gitarre gar elektrisiert und die Drums stoisch. Der Text fordert indes ein Feiern mit Respekt, aber ekstatisch voller Witz. Alles unterfüttert von druckvollen Bläsern. Ein gekonntes Exempel einer Band, die sich treu bleibt und doch weiterentwickelt.

Botticelli Baby lieben das Experiment und die kreative Reibung. Mit fast akribischer Detailverliebtheit hantiert das Musikerkollektiv in seinem Essener Outer Rim mit stilistischen Gegensätzen und Widersprüchen. Botticelli Baby befreien den Jazz von seiner elitären Verkopftheit und den Punk von seinem Dosenbier-bekleckerten Schmuddelimage. Angereichert mit Elementen aus Blues, Folk, Funk, Balkan oder Pop entsteht so eine hochexplosive Fusion, für die sie auch praktischerweise gleich die passende Bezeichnung mitliefern: Junk – ein Mix aus Jazz und Punk, mit dem sich Botticelli Baby schnell einen stabilen Ruf als eine der eigenwilligsten und aufregendsten Formationen in Deutschland und darüber hinaus erspielt haben. Ein Breitwand-Mix, der von Frontmann Marlon Bösherz‘ bilderstarken Lyrics und seinen irgendwo zwischen Lou Reed, Jim Morrison, Jon Spencer oder The Cramps‘ Lux Interior pendelnden Vocals veredelt wird.

Im November und Dezember dieses Jahres sind Botticelli Baby auf Tour und machen in elf deutschen Städten Halt. (Die Tourtermine findet Ihr hier…) Wir sprachen mit Botticelli Baby über ihre neue Single, Helge Schneider im Publikum und Musizieren im Regen. 

Stellt euch doch mal vor. Wer seid ihr und was macht ihr? Wir sind Botticelli Baby, eine Band aus dem Ruhrpott. Wir machen Musik und alles was sonst wichtig ist, wenn wir denn wollen, dass die entsprechende Musik gehört werden soll. Von vielen anderen Menschen. Wir reisen also viel herum und spielen vor sehr unterschiedlichen und auf sehr unterschiedlichen Menschen und Bühnen, oder anders herum.

Euer Stil in einem Wort? Junk.

Wie und wann habt Ihr mit der Musik angefangen und wie habt Ihr Euch zusammengefunden? Die Band wurde von Alexander Niermann durch die Zusammenführung von Musiker*innen nach seinem Gutdünken gegründet, zusammengebracht und wuchs innerhalb von 10 Jahren zu dem Körper, der er jetzt ist. Musik spielt für alle in der Band seit Kindertagen eine sehr große Rolle.

Gibt es eine bestimmte Message, die Ihr mit Eurer Musik vermittelt möchtet? Worum geht’s in Eurer neuen Single? Wir wollen Freiheit verkörpern und eine weitere Komponente in die Musikwelt streuen. Wir möchten aber vor allem aber das tun, was uns beschäftigt und interessiert, weitestgehend unabhängig. Forschen, ausprobieren, transformieren, etwas empfinden. In Digge Digge Dig geht es darum, selbstbestimmt mit dem umzugehen, was wir mitbekommen haben in unserem Leben, was so leicht als humorvoll verstandene Floskel daher kommt in Form der Aussage, „Du musst nicht mit dem Popo wackeln für mich Junge, du musst nicht mit dem Popo wackeln für mich Kleines“. „Schüttle nie mit irgendwas für irgendwen, nur wenn du es wirklich willst“ soll vor allem sagen, nicht die Freude zu verlieren, die Freude aus sich selbst und vielleicht zu aller erst für sich selbst ohne Erwartungen zu erfüllen, die Dinge tun. Respektvolles, nachsichtiges Feiern zum Beispiel. Niemand sollte für jemand anderes verdinglicht werden. Konsensuelles Flirten wäre hier ein Stichwort.

Wir beobachten Botticelli Baby bereits seit einiger Zeit; Euer Bandmitglied Marlon Bösherz trafen wir zuletzt beim Rundgang der Kunstakademie, bei der er seine Abschlussarbeit präsentierte. Welche Relevanz hat der Bezug zur bildenden Kunst und die Nähe zur Kunstakademie für Euch? In der Kunstakademie hatten wir schon oft die Möglichkeit aufzutreten und haben diese wahrgenommen. Es waren tolle Parties. Marlon hat als einziger bildende Kunst studiert und nicht Musik. Dieser Autodidakt konnte sich ja nur auf die Kunst als Aspekt seines Platzes in der Band stürzen. Die bildende Kunst umfasst für ihn das Schreiben, Ästhetik, Performance/ Bühne und Künstler*innenkonzept/Kunstfigur (was ihn nicht weniger authentisch macht), aber doch Fragen der Kunst mit einwirft, die sich reine Musiker*innen nicht unbedingt stellen. Andere Themen sind wichtig und werden in den Texten verarbeitet zum Beispiel.

Habt Ihr musikalische Vorbilder? Wir als siebenköpfige, demokratische, streitbereite Gruppe Nerds, haben gewisse Stilüberschneidungen und feiern diese auch. Dennoch bringen wir jeweils zehn weitere, ganz andere Einflüsse mit in unser musikalisches Arbeiten, mindestens.

Wie beschreiben Euch Eure Fans? Das dürfen sie uns gerne alle mal schreiben und mitteilen. Ihr seit echt krass! Wie geil ist das denn?! Hören wir schon oft. Auch, ausgefeilt, grenzgenial und sehr unkonform kreativ… life viel besser als auf Platte.

Was war euer eigener Lieblingskonzertbesuch bzw. welches Konzert von welcher Band hat Euch am meisten beeindruckt? Das war gerade vor kurzem eine Zusammenkunft von ein paar tschechischen Musiker:innen, die traditionelle Musik aufführten. Unverstärkt mit Geigen, Kontrabass und Hackbrett, umringt von mitsingenden Menschen unter einem Zelt und es regnete. Das ist pur. Und auch wir machen so gern einfach mal Musik, ohne den Anspruch, dass das gehört werden muss.

Was ist das Schrägste, was Euch bei Auftritten passiert ist? Wir wurden für ein Musikvideo professionell beim Straßenmusikmachen gefilmt und jemand Fremdes kam auf uns zu und sagte mit dem Smartphone in der Hand zu dem Kameramann, er solle doch mal bitte weggehen, weil er ein Bild machen will. Wir haben uns kaputt gelacht und mochten diese Art sehr.

Sonst gab es schon Stromausfälle und wir spielten akkustisch weiter.  Mir ist der Steg am Bass weggekracht und es ging ohne Bass weiter. Alex verließ mal die Bühne, ging kotzen und war für sein Solo wieder da. Helge Schneider war im Publikum und hat nach dem Gig eine CD gekauft und wir hatten einen schönen Fotomoment zusammen. Mir sind meine Absätze am Schuh abgebrochen. Leute sind im Publikum eingeschlafen oder haben uns unverhohlen angegähnt.

Ein Konzert wurde abgebrochen weil ein Zuschauer betrunken von einem Biertisch fiel und es sah wirklich übel aus. Das kam uns zugute, weil einige in der Band bestimmten Kuchen gegessen hatten und wir sehr wilde Temposchwankungen hatten…

Wo kann man in Düsseldorf am besten Musik hören/finden? Gibt es Orte, die Euch – insbesondere in Düsseldorf – besonders inspirieren? Ich gehe sehr gerne in den Plattenladen Hitsville.

Wenn Ihr gerade keine Musik macht, dann… knutschen, essen, schlafen, reisen, weinen, lachen, arbeiten, zocken, lesen, lieben etc… wir.

Mit welchem Musiker, tot oder lebendig, würdet ihr gerne mal ein Altbier trinken gehen? Ich würde gerne mal mit Iggy Pop, Nina Simone, Django Reinhardt, Frederic Chopin, Antonio Vivaldi und Grace Slick ein Altbier im Engelchen trinken.

Was bringt die Zukunft? Letztendlich den Tod und dann sehen wir weiter. Erstmal leben.

Ist zur Veröffentlichung ein Release-Konzert geplant? 
Wir teilen die Termine auf unserer Homepage, danke Chris, und auf Instagram. Aber ja, wir werden BOAH! verbreiten.

Vielen Dank!

(c) THE DORF, 2023
Text: PR
Interview: Tina Husemann
Fotos: Martin Hinse

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