Das ist KRASS!

Letztes Jahr hatte THE DORF Redakteurin Merit eine folgenreiche Begegnung mit einem ganz besonderen Düsseldorfer Verein. Und das kam so: „Ein warmer Spätsommertag und ich spaziere durch meinen Kiez in Flingern. Dabei fällt mir ein bunter Bus ins Auge, der mitten auf dem Hermannplatz steht, drum herum einige Kinder, die an einem Tisch sitzen und malen. Neugierig nähere ich mich dem Geschehen. Wenig später sitze ich als einzige Erwachsene unter gut gelaunten Fünft- und Sechsklässlern und interpretiere mit Pinsel und Acrylfarben die berühmten Sonnenblumen von Vincent van Gogh. Das Ergebnis ist ein eher expressionistisches Bild von allenfalls mittelmäßiger Qualität, getoppt von einem weitaus dynamischeren Austausch mit Kindern, die sich abseits von Leistungs- und Notendruck künstlerisch frei entfalten“.

Der „KRASS-Bus“ tourt seit 2011 durch Düsseldorf und macht auf Spielplätzen, Schulhöfen und in Flüchtlingsunterkünften Halt. Er ist fester Bestandteil des kulturellen Angebots von KRASS e.V., einem gemeinnützigen Verein, der Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren einen schwellenfreien Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht. KRASS richtet sich vornehmlich an benachteiligte Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Haushalten, ist aber prinzipiell für alle Interessierten offen. Vielen Düsseldorfer*innen ist KRASS sicher schon bekannt, sei es aus persönlicher Erfahrung oder aufgrund der in Düsseldorf herumfahrenden Fahrzeuge, insbesondere Lastenräder, die das Vereinslogo ziert. Für alle Fälle hier eine kurze Zusammenfassung.

KRASS wurde 2009 von der bildenden Künstlerin Claudia Seidensticker gegründet. 2022 wurde sie für ihr ehrenamtliches Engagement mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Im Laufe seiner vierzehnjährigen Bestehenszeit ist der Verein KRASS auf eine beachtliche Mitgliederzahl gewachsen: Mehr als 60 Kunsttherapeut*innen, Erzieher*innen, Honorarkünstler*innen und Sozialpädagog*innen sowie rund 100 Ehrenamtliche sorgen mit Herzblut dafür, dass die KRASSen kulturellen Bildungsprojekte erfolgreich laufen. KRASS ist übrigens nicht nur in Düsseldorf tätig, sondern arbeitet länderübergreifend und ist stets auf der Suche nach neuen Standorten, Kooperationspartner*innen, Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen. Bis heute erhält der vielfach ausgezeichnete Verein keinerlei Unterstützung von Stadt oder Land, sondern ist zu 100% auf Spenden und Förderbeiträge angewiesen.

Um euch einen besseren Eindruck von der Arbeit von KRASS zu verschaffen, stellen wir heute die Initiative „NaKu“ (Nachhilfe trifft Kunst) vor. Auslöser für NaKu war die Coronapandemie. Als Lockdown-Projekt ins Leben gerufen, verfolgt NaKu das Ziel, benachteiligte Kinder und Jugendliche beim Aufholen von Lernrückständen zu unterstützten. Gleichzeitig geht es darum, das Wohlbefinden und die Lebensqualität derjenigen, die sich aus pandemischen oder anderen Gründen psychisch belastet fühlen, zu verbessern. Trotz der Rückkehr zu einem einigermaßen „normalen“ gesellschaftlichen Leben erfreut sich NaKu weiterhin großer Beliebtheit und läuft deshalb weiter. Ganz konkret heißt das wochentägliche Nachhilfe, Prüfungsvorbereitung und Hausaufgabenbetreuung inklusive kreativer Angebote von jeweils zwei Stunden an verschiedenen Standorten in Düsseldorf, wie der KRASSen Villa (Vennhauser Allee 188, 40627), der Gemeinschaftshauptschule Graf-Recke-Straße (Graf Recke Straße 230, 40235) und dem MediaLab (Hallbergstraße 8, 40239). Mehr Informationen zur Teilnahme erhaltet ihr von der NaKu-Projektleiterin Melanie Oberreuter (m.oberreuter@krass-ev.de).

Kennzeichnend für NaKu ist eine kindzentrierte Haltung und die konzeptionelle Einbindung von Kunst in den pädagogischen Ansatz. Jeder Standort ist mit frischem Obst, Knabberzeug, Wasser und Apfelsaft ausgestattet. Am Standort in Vennhausen gibt es sogar täglich eine selbstgekochte warme Mahlzeit, die verspeist wird, während die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit dem oder der Dozent*in — heute ist es der Sozialpädagoge Mathias Morche — und ehrenamtlichen Helfer*in ihren Schultag Revue passieren lassen. Manche sprühen nur so vor Energie, andere lassen manchmal aufgestaute Tränen fließen. Sobald alles aus den Kindern rausgeplatzt ist, kehrt Ruhe ein und es beginnt der erste Teil der NaKu: Die schulische Bildungsförderung. Je nach Kompetenz helfen die Dozenten und Ehrenamtlichen da, wo sie können. Egal ob Deutschdiktat, Englischvokabeln üben, Matheformeln abfragen oder Kurzgeschichten nacherzählen: Bei der NaKu erweitern die Kinder und Jugendlichen gezielt ihr Wissen, holen Defizite auf, entwickeln wichtige Fähigkeiten und stärken ihr Selbstbewusstsein.

Nach eineinhalb Stunden Hausaufgaben beginnt (endlich) der kreative Teil der NaKu. Je nach Laune und Jahreszeit variieren die Aktivitäten. Mal werden Fliegenpilze gebastelt, ein andermal alte CDs upgecyclet oder Porträts von berühmten Persönlichkeiten gezeichnet, die die Kinder und Jugendlichen inspirieren. Heute taucht NaKu in die Welt der abstrakten Kunst ein. Als Vorlage dient ein Bild von Kandinsky, farbenfroh und ausdrucksstark. Im Hintergrund läuft Musik zum Entspannen. Zur Belohnung für die harte Arbeit genießen alle die letzte halbe Stunde in vollen Zügen. Mit großer Konzentration widmen sich die Kinder und Jugendlichen ihren Leinwänden; ganz anders als bei den Hausaufgaben lassen sie sich vom künstlerischen Gestalten kaum ablenken. Dabei werden Wünsche, Träume, Sorgen und Ängste zum Ausdruck gebracht – jedes Kunstwerk erzählt eine persönliche Geschichte oder vermittelt eine Botschaft. Bei NaKu erkennt man deutlich, dass Kinder und Jugendliche durch Kunst gestärkt werden. Es wird klar, dass kreatives Spiel nicht nur einen hohen kultur- und gemeinschaftsstiftenden Wert hat, sondern auch persönlichkeitsfördernd und identitätsstiftend wirken kann. Ganz im Sinne von KRASS.

KRASS e.V. Kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche
Grafenberger Allee 269
40237 Düsseldorf
www.krass-ev.de

Text: Merit Zimmermann
Fotos: Michelle Duong
© THE DORF 2023

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