AUREL DAHLGRÜN • ENTERING ANOTHER WORLD

Aurel Dahlgrün taucht im Kaiserteich vor dem Museum K21 und im grönländischen Eis. Der Konzeptkünstler beschäftigt sich mit Wasser in allen Aggregatzuständen und lässt uns die Welt durch seine Augen neu entdecken. Wir haben ihn in seinem Studio besucht, wo er Heliogravuren druckt und Expeditionen plant.

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Es ist kalt im Düsseldorfer Winter 2019. So kalt, dass der Kaiserteich vor dem Museum K21 zugefroren ist. Aurel Dahlgrün plant seit Wochen mit seinem Künstlerfreund Tomas Kleiner hier zu tauchen, hat mit Umweltamt und Wasserbehörde gesprochen und sich Genehmigungen eingeholt. Es sollen Fotos und Videos für eine Ausstellung in der Kunstsammlung NRW entstehen. Die beiden wollen Perspektiven der Fauna einnehmen, mit einer Drohne wie Vögel über dem Teich fliegen und die Welt unter der Wasseroberfläche aus Fischperspektive erkunden. 

Als alle Genehmigungen eingeholt sind, fangen sie mit ihren Erkundungen an und gehen mehrfach mitten in der Düsseldorfer Innenstadt tauchen. Im Januar ist es dann so kalt, dass der Teich für ein paar Tage zufriert. Was für ein Glück, denn das passiert hier wirklich selten. Sie holen ihre Tauchausrüstung, fahren zum Kaiserteich und tauchen unter die Eisfläche. Alles wirkt plötzlich ganz anders. Wenn sie durch ihre Atemregler ausatmen und die blubbernden Luftströme aufsteigen, können diese nicht entweichen. Sie bleiben unter der Eisdecke eingeschlossen und formen abstrakte Muster. Was unter Wasser passiert, kann nicht nach außen dringen. Diese völlige Isolation, der Stillstand und die gedämpfte Stille faszinieren Dahlgrün so sehr, dass er beschließt, in größeren Gewässern und tief unter dicken Eisschichten zu tauchen.

Er ließ sich in den kommenden Monaten im österreichischen Weißensee zum Eistaucher ausbilden und startete 2022 eine Expedition nach Grönland. Mehrere Jahre musste er sich auf diese extreme Reise vorbereiten. Bevor man unter arktischem Eis tauchen kann, müssen unzählige Tauchstunden absolviert und eine spezielle Kaltwasserausrüstung angeschafft werden: Trockenanzug mit Unterzieher, beheizbare Handschuhe und eine besonders starke Lampe, denn nur so kann man auch unter meterdickem Eis die tiefe Schwärze des Ozeans für ein paar Meter aufhellen. Und auch körperlich muss der Tauchgang in eiskaltem Wasser lange geübt werden.

Aurel Dahlgrüns Kunst ist eng mit dem flüssigen Element verbunden. Aufgewachsen ist er im seenreichen Schweden, wo er als Kind seine Zeit am Wasser und mit Angeln verbrachte und als Jugendlicher Diskusfische in selbst gebauten Aquarien züchtete. Von diesen Fischen war er derart fasziniert, dass er sich später im Amazonas auf die Suche nach ihnen in freier Wildbahn begab. Schon als Vierzehnjähriger wollte er professionelles Tauchen lernen und machte seinen ersten Tauchschein. Zu dieser Zeit wanderte er mit seiner Familie von Schweden nach Deutschland aus und blieb auch in Berlin der großen Passion treu. 

Fürs Studium an der Kunstakademie zog er vor zehn Jahren nach Düsseldorf und begann sich auch theoretisch mit der Unterwasserwelt auseinander zu setzen. Er las Bücher des Naturforschers Philip Henry Gosse, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Aquaristik populär machte. In diesem Zeitraum wurden die Möglichkeiten der Fotografie stark weiterentwickelt und plötzlich konnten Menschen Abbildungen von Orten sehen, die sie nie bereisen würden. 

Die Sehnsucht danach spiegelt auch der Hype um Aquarien wider, mit denen eine kleine wilde Welt ins heimische Wohnzimmer geholt und beobachtet werden konnte. Im 20. Jahrhundert bereisten Meeresforscher wie Jacques Cousteau die Ozeane und dokumentierten in ihren Filmen die Unterwasserwelt für ein breites Publikum. Dahlgrün beschäftigt sich intensiv mit den Werken der Forscher und sammelt ihre alten Bücher. Henri Bergsons Theorien um Zeit und Dauer wecken in ihm den Wunsch, den Zeitaspekt auch beim Tauchen zu untersuchen. Ohne technische Hilfsmittel beginnt er mit dem Apnoetauchen und gleitet minutenlang ohne Luft zu holen durch Pools, Seen und Meere. In einem See am Düsseldorfer Stadtrand geht er regelmäßig mit oder ohne Flasche tauchen und verbringt seine Sonntage gerne unter Wasser.

Auch im Werk des Konzeptkünstlers ist Wasser das dominierende Thema. Seine erste große Expedition führte ihn in den Süd-Pazifik, wo er apnoetauchend mehrere Wochen auf offenem Meer mit Buckelwalen und Haien verbrachte und sie aus der Luft und unter Wasser fotografierte. Es entstand ein Buch, in dem beide Perspektiven gegenübergestellt werden. Dabei beschäftigte ihn die Frage, wie wir unterschiedliche Phänomene und wilde Tiere wahrnehmen, wenn wir sie aus der Ferne betrachten und wie sich unsere Wahrnehmung ändert, wenn wir ihnen unmittelbar begegnen.

Im Studium setzte sich Dahlgrün auch intensiv mit der Geschichte der Fotografie auseinander und stieß auf die Technik der Heliogravur. Bei diesem Tiefdruckverfahren wird das Fotomotiv auf eine speziell beschichtete Metallplatte belichtet. Auf der Platte befindet sich dann ein Positiv des Motivs, mit dem gedruckt werden kann. Mit kreisenden Bewegungen wischt Dahlgrün die selbst angemischte blaue Farbe auf die Metallplatten und prägt das Motiv mit seiner Druckpresse ins Papier. Jeder Druck wird bei ihm einzigartig, hat andere Farbtiefen und wirkt sehr malerisch. 

Es ist diese Technik, die zu seinem Erkennungsmerkmal geworden ist. Die Werke entstehen in seinem Atelier in den Ando Futures Studios im Düsseldorfer Norden, wo er auch eine Druckpresse stehen hat. Seine Motive entstehen immer im oder am Wasser: sprudelndes Kochwasser im Wasserkocher, die aufsteigende Luftblase eines Buckelwals oder ein Küstenabschnitt der Nordsee.

Die neueste Werkreihe zeigt Motive von seiner Grönland-Expedition. 2022 war er gemeinsam mit einem kleinen Team wochenlang in Ostgrönland unterwegs, um dort zu tauchen. Im grönländischen Eis verschieben starke Winde große Schollen und selbst gigantische Eisberge können driften. Ständig verändert sich die Landschaft und obwohl alles massiv und unendlich wirkt, ist diese Welt sehr fragil. Soweit das Auge reicht, sind weder Tiere noch Menschen zu sehen. Dahlgrün und das Team bewegten sich zu Fuß, mit Huskyschlitten oder einem kleinen Boot fort, immer auf der Suche nach geeigneten Einstiegstellen. 

War eine gefunden, hielten sie an und öffneten die Eisdecke mit einer Spitzhacke, wie der Künstler erzählt. Bei dickerem Eis sägten sie mit einer Handsäge ein Dreieck für den Einstieg. Dahlgrün stieg in die kleinen Löcher, ließ langsam die Luft aus dem Tauchjackett und glitt hinab: „Das Eis war so dick, dass ich eine Weile gebraucht habe, bis ich an der unteren Kante ankam. Meine Augen mussten sich an die Dunkelheit gewöhnen und erst nach und nach wurden feine Silhouetten sichtbar, die sich zu ganzen Eislandschaften geformt haben und unter der Eisdecke schwebten.“ 

Wie im Kaiserteich entdeckt er auch hier eine völlig neue Welt, die er aus verschiedenen Perspektiven untersucht und dokumentiert. Innen und außen, oben und unten, vertikal und horizontal – die Gegenüberstellung von Gegensätzen ist ein Schwerpunkt in seinem Werk. Bei Ausstellungen zeigt er diese Ansichten nebeneinander. Zum Beispiel links massive Eisschollen aus der Vogelperspektive und rechts ein Foto, das beim Tauchen unter dem Eis entstanden ist und die Schollen von unten zeigt. So entstehen Diptychen, die an denselben Koordinaten fotografiert wurden, unter Wasser und aus der Luft.

Außerdem bespielt er bei seinen Ausstellungen den ganzen Raum und entwickelt komplexe Installationen mit Wasser. Schon seine Abschlussausstellung an der Kunstakademie hat für Aufsehen gesorgt: Mitten im Raum befand sich ein rechteckiges flaches schwarzes Wasserbecken, das den Raum und jeden, der ihn betrat, spiegelte. Das Wasser sammelte er zuvor wochenlang mit Luftentfeuchtern und gab es für die Ausstellung in das Becken. Durch die Spiegelung sah das Becken wie ein Foto aus. So hat er es geschafft, aus der Luftfeuchtigkeit einen Bildträger herzustellen.

Das Konzept des Wasserbeckens als Spiegelbild setzt er immer wieder in verschiedenen Kontexten um. In der Kölner Christuskirche, im World Sculpture Museum in der chinesischen Metropole Changchun oder in der Kunsthalle Bremerhaven, die er mit Meerwasser geflutet hat. In ein riesiges Becken wurden mithilfe der Feuerwehr 4800 Liter Wasser gepumpt, die während der Ausstellungslaufzeit langsam verdunsteten. Zurück blieb eine krustige Salzfläche, die ein wenig an die grönländischen Eisstrukturen erinnert.

Immer wieder integriert er in seinen Installationen auch technische Hilfsmittel, wie die silbernen Tauchflaschen, die ihm Atemluft spenden und er baut Apparaturen, die Wasser zum Thema machen. So auch bei einer Soloausstellung im Kunstpalast, für die er Wasserräder in Wasserbecken stellte. Die Räder waren durch Seile mit riesigen Spiegelflächen verbunden und haben diese stetig vor und zurück gezogen. Alles war in Bewegung und wer zwischen den wandfüllenden Spiegeln stand, fühlte sich wie auf einem Schiff, das sich sanft auf und ab bewegt. Ewig steht das Publikum bei seinen Ausstellungen völlig gebannt vor seinen bewegten Installationen, Videos und Heliogravuren. Aurel Dahlgrün schafft es, unsere Sehgewohnheiten aufzubrechen und zeigt uns völlig neue Perspektiven auf die Natur.

Als Nächstes steht ein Großprojekt an, wieder mit seinem Künstlerfreund Tomas Kleiner. In den kommenden Monaten realisieren sie an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft ein multimediales Kunstwerk im öffentlichen Raum und – selbstverständlich – steht auch hier Wasser im Mittelpunkt.

English version:

Aurel Dahlgrün dives in the Kaiserteich in front of the K21 museum and in Greenland ice. The conceptual artist explores water in all its states and lets us rediscover the world anew through his eyes. We visited him in his studio, where he prints heliogravures and plans expeditions.

It’s cold in the Düsseldorf winter of 2019, so cold that the Kaiserteich in front of the K21 museum is frozen over. Aurel Dahlgrün has been planning to dive here for weeks with his artist friend Tomas Kleiner, has spoken to the environmental agency and water authority and obtained permits. Photos and videos are to be made for an exhibition in the Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. The two want to look at the fauna, fly over the pond with a drone like birds and explore the world below the water’s surface from a fish’s perspective.

Once all the permits have been obtained, they begin their explorations and go diving several times in the middle of Düsseldorf ’s city centre. Then in January it is so cold that the pond freezes over for a few days. What luck because that really rarely happens here. They get their diving equipment, drive to the Kaiserteich and dive under the ice surface. Everything suddenly seems very different. When they exhale through their regulators and the bubbling air
currents rise, they cannot escape. They remain trapped under the ice sheet and form abstract patterns. What happens under water cannot penetrate to the outside. This complete isolation, motionlessness and muted silence fascinate Dahlgrün so much that he decides to dive in larger waters and deep under thick layers of ice.

He trained as an ice diver in the coming months in Lake Weißensee in Austria and started an expedition to Greenland in 2022. He had to prepare for this extreme journey for several years. Before diving under Arctic ice, countless diving hours must be completed and special cold-water equipment has to be acquired: a dry suit with underwear, heated gloves and a particularly powerful torch, because this is the only way to illuminate the deep blackness of the ocean for a few metres, especially under metre-thick ice. Diving in icy cold water also requires a lot of physical training.

Aurel Dahlgrün’s art is closely connected to the liquid element. He grew up in Sweden, a country rich in lakes, where he spent his childhood by the water and fishing, and as a teenager he bred discus fish in aquariums he built himself. He was so fascinated by these fish that he later went in search of them in the wild in the Amazon. At the age of fourteen, he wanted to learn scuba diving and obtained his first diving licence. At that time, he emigrated with his family from Sweden to Germany and remained true to his great passion in Berlin.

Ten years ago, he moved to Düsseldorf to study at the art academy and began studying underwater theory as well. He read books by the naturalist Philip Henry Gosse, who popularised aquatics in the mid-19th century. At this time, the possibilities of photography were greatly developed and suddenly people could see images of places they would never travel to.

The longing for this was also reflected in the hype about aquariums, which allow people to bring a small wild world into their living rooms and observe it. In the 20th century, marine explorers like Jacques Cousteau travelled the oceans and documented the underwater world for a wide audience in their films. Dahlgrün is intensively involved with the works of these explorers and collects their old books. Henri Bergson’s theories about time and duration awakened in him the desire to investigate the aspect of time in diving as well. Without any technical aids, he began apnoea diving and glides through pools, lakes, and seas for minutes without taking a breath. In a lake on the outskirts of Düsseldorf, he regularly goes diving with or without a tank and likes to spend his Sundays underwater.

Water is also the dominant theme in the conceptual artist’s work. His first major expedition took him to the South Pacific, where he spent several weeks apnoea diving in the open sea with humpback whales and sharks, photographing them from the air and underwater. The result was a book in which both perspectives are juxtaposed. He was preoccupied with the question of how we perceive different phenomena and wild animals when we look at them from a distance and how our perception changes when we encounter them directly.

During his studies, Dahlgrün also dealt intensively with the history of photography and came across the technique of heliogravure. In this intaglio printing process, the photo motif is exposed onto a specially coated metal plate. On the plate there is then a positive of the motif that can be printed with. With circular movements, Dahlgrün wipes the self-mixed blue ink onto the metal plates and embosses the motif into the paper with his printing press. Each print he makes is unique, has different colour depths and appears very painterly.

It is this technique that has become his trademark. The works are created in his studio at the Ando Futures Studios in the north of Düsseldorf, where he also has a printing press. His motifs are always created in or near water: bubbling boiling water in a kettle, the rising blow of a humpback whale or a coastal stretch of the North Sea.

The latest series of works shows motifs from his Greenland expedition. In 2022, he and a small team spent weeks diving in East Greenland. In the Greenland ice, strong winds shift large floes and even gigantic icebergs can drift. The landscape is constantly changing and although everything seems massive and infinite, this world is very fragile. As far as the eye can see, there are neither animals nor people. Dahlgrün and the team moved around on foot, with husky sleds or a small boat, always looking for suitable entry points.

Once one was found, they stopped and opened the ice sheet with a pickaxe, as the artist tells us. If the ice was thicker, they sawed a triangle with a hand saw for the entrance. Dahlgrün climbed into the small holes, slowly let the air out of the diving jacket and slid down: “The ice was so thick that it took me a while to get to the bottom edge. My eyes had to get used to the darkness and only gradually did fine silhouettes become visible, formed into whole ice landscapes, floating below the ice sheet.”

As in the Kaiserteich, he discovers a completely new world here, which he examines and documents from different perspectives. Inside and outside, above and below, vertical and horizontal – the juxtaposition of opposites is a focal point in his work. At exhibitions, he shows these views side by side. For example, on the left massive ice floes from a bird’s eye view and on the right a photo taken while diving under the ice showing the floes from below. This creates diptychs photographed at the same coordinates, underwater and from the air.

In his exhibitions, he also plays with the whole room and develops complex installations with water. His graduation exhibition at the art academy already caused a sensation: in the middle of the room was a rectangular shallow black water basin that reflected the room and everyone who entered it. He collected the water for weeks beforehand with dehumidifiers and put it into the basin for the exhibition. The reflection made the basin look like a photograph. In this way, he managed to create an image carrier out of the humidity in the air.

He uses the concept of the water basin as a mirror image again and again in different contexts. In the Christuskirche in Cologne, in the World Sculpture Museum in the Chinese metropolis Changchun or in the Kunsthalle Bremerhaven, which he flooded with sea water. With the help of the fire brigade, 4,800 litres of water were pumped into a huge basin, which slowly evaporated during the exhibition. What remained was a crusty salt surface, somewhat reminiscent of Greenland’s ice structures.

Again and again, he integrates technical aids into his installations, such as the silver scuba tanks that provide him with breathable air, and he builds apparatuses that make water a theme. This was also the case in a solo exhibition at the Kunstpalast, where he placed water wheels in water basins. The wheels were connected by ropes to huge mirror surfaces and constantly pulled them back and forth. Everything was in motion and whoever stood between the wall-to-wall mirrors as if they were on a ship. Forever, the audience at his exhibitions stands completely spellbound in front of his moving installations, videos and heliogravures. Aurel Dahlgrün manages to break our visual habits and shows us completely new perspectives on nature.

Next up is a major project, again with his artist friend Tomas Kleiner. In the coming months, they will realise a multimedia artwork in public space at the interface of art and science and – of course – water will be the focus here as well.

Text: Laura Dresch
Fotos Studio: Sabrina Weniger
Fotos Expedition: Aurel Dahlgrün
© THE DORF 2023

 

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