Ausstellungstipp für Februar: “degree_show – out of KHM”

Das KIT – Kunst im Tunnel zeigt aktuell (Abschluss-)Arbeiten einer internationalen Gruppe von Student*innen und Absolvent*innen der Kunsthochschule für Medien Köln. “degree_show – out of KHM” ist die bereits dritte gemeinsame Ausstellung von Gertrud Peters und Mischa Kuball

Gerade im Feld der Kunst bedeutet Berufseinstieg oftmals eine einschneidende geographische Veränderung. Denn Abschlüsse einer Akademie oder Kunsthochschule geben Absolvent*innen kaum Garantie, Erfolg ortsgebunden zu gestalten. Damit junge Künstler*innen auf dem lokalen und globalen Markt längerfristig Fuß fassen können, ist es wichtig, ihnen berufliche Perspektiven und Zukunftschancen zu eröffnen. Das KIT ist in dieser Hinsicht vorbildlich aufgestellt, denn es ist ein Ort, der den Diskurs über junge Kunst lebhaft hält und an dem Nachwuchskünstler in den Kunstbetrieb eingefädelt werden.

Ein Katalysator für das kreative Potenzial der nordrhein-westfälischen Kunstszene ist auch die aktuelle Ausstellung: Unter dem Titel “degree_show – out of KHM” zeigen sechs Student*innen und Absolvent*innen der Kunsthochschule für Medien Köln ihre (Abschluss-)Arbeiten im unterirdischen Ausstellungsraum an der Rheinpromenade. Alle in der Ausstellung gezeigten Filme, Bilder, Performances und Installationen greifen die individuelle Beziehung zwischen Menschen und Orten auf. Da der identitäts- und sinnstiftende Raum ein vielfältiges Konstrukt ist, unterscheiden sich auch die Werke in ihrer Komplexität und Interpretierbarkeit.

Die Frage nach Authentizität stellt Anna Ehrenstein in ihrem Werkkomplex “A Lotus Is A Lotus”. Basierend auf mehrjähriger Recherche, entwickelt sie ortsspezifisch angelegte Arbeiten, die mithilfe verschiedener Medien untersuchen, wie Spiritualität und Machtbalancen in der materiellen Kultur verkörpert werden. Ihre Überlegungen wie sich kommerziell produzierte und vertriebene Folkloredarbietungen auf exotifizierende Fremdbilder auswirken, kulminieren im KIT in eine inhaltlich wie formal überzeugende Video-Installation sowie kontraststarke Textilarbeiten und Lentikulardrucke (Wackelbilder). Letztere betreiben eine Art Selbst-Exotifizierung, denn sie zeigen indische Textilien, die mit einer pseudo-japanischen Origami-Technik gefaltet und anschließend auf ägyptischen Märkten fotografiert wurden. Bewusst arbeitet Anna mit subtiler Täuschung, um eine neue Sicht auf den Umgang mit Objekten zu eröffnen. Im Zuge dessen schärft sie unser Bewusstsein für die Beziehung zwischen Original und Kopie, Echtheit und Fälschung, Wahrheit und Lüge.

Auch Denzel Russell und Viktor Brim werfen einen kritischen Blick auf den Kapitalismus – aber die Kontexte ihrer Arbeiten sind weniger geistig-kulturell als vielmehr gesellschafts- und wirtschaftspolitisch: Während Denzel auf selbst programmierten Bildschirmen zeigt, welche unheimliche Wahrheit sich hinter den harmlos wirkenden Werbespots von börsenorientierten Unternehmen verbirgt, bietet Viktors fast zwanzig-minütiger Film “Dark Matter” eine komplexe Betrachtung der Auswirkungen des sowjetischen Regimes auf die Landschaft rund um das Diamantbergwerk “Mir”. Gedreht in breitem Cinemascope-Format und angereichert mit selbst komponierten Sounds, bietet die bestechende Ästhetik der Naturaufnahmen im tiefen Sibirien einen Einblick in das Nichtgeheuer-Geisterhafte dessen, was naturzerstörender Rohstoffabbau mit sich bringt.

Céline Bergers dagegen erforscht aus künstlerischer Perspektive das Konzept der Kollaboration in Unternehmen. Ausgangspunkt ihres Films “Rare Birds in These Lands” ist ein Risikoanalyse-Workshop, in dem sie zusammen mit Künstlern, Managern und einem Kurator bestimmten Fragen nachging, wie beispielsweise, welche Risiken eine Kunst-Unternehmens-Kooperation beinhalten. Textausschnitte aus diesen Gesprächen hat sie extrahiert und von einer Schauspielerin vorlesen lassen, um die Aussage ihres Bewegbildes akustisch zu untermalen.

Derweil lädt Kerstin Ergenzinger ein, dem Klang des Regenrauschens zu lauschen. Zusammen mit einem Physiker entwickelte sie eine skulpturale Rauminstallation, die anhand von achtzig selbstgefertigten, digital gesteuerten Trommeln Wettergeräusche akustisch erfahrbar macht. Auf Fatboy-Sitzkissen können Besucher*innen meditativ verweilen und beobachten, wie sich das wolkenartige Mobile spürbar hebt und senkt.

Wo die Grenzen unseres Hörens liegen, untersucht András Blazsek in seiner lautlosen Geräuschkulisse. Die von ihm selbst gebauten Gips- und Glasmodelle von Lautsprechern erinnern an kreisförmige Sinuswellen und rufen bei Betrachter*innen Klanggefühle hervor, einzig indem sie eine lebhafte Vorstellung von Sound vermitteln.

Wer die 30-minütige Performance von Søren Siebel am Eröffnungsabend miterleben durfte, kann sich glücklich schätzen. Denn seine konzipierte Zusammenarbeit mit dem Musiker Bas Grossfeldt und den Tänzern des ZZT, des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz in Köln, fand einmalig statt und wurde nicht dokumentiert. Eine minimalistische und dennoch wuchtige Techno-Erfahrung, von der großformatige Stoffbahnen zurückbleiben.

Ein Besuch der aktuellen KIT-Ausstellung lohnt sich! “degree_show – out of KHM” läuft noch bis zum 17. Mai 2020. Mehr Informationen findet ihr hier.

Text: Merit Zimmermann
Fotos:
Katja Illner
© THE DORF 2020

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