Natalia Liersam

Foto by Kurt Heuvens

Es ist eine neue Realität, der sich die Menschen in der Ukraine seit einigen Wochen stellen müssen. Sie ist geprägt von einem Krieg, von dem sich jeder wünscht, er möge möglichst bald sein Ende finden. Natalia Liersam erzählt von diesem neuen Alltag, den ihre Familie und sie durchleben, und dem Wert demokratischer Ideale. Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Ukrainerin in Düsseldorf. Sie studierte Kommunikationsdesign an der HSD und ist jetzt als Freelance Fotografin und Filmemacherin tätig.

Du bist als Kreative in Düsseldorf tätig. Seit wann arbeitest Du als Freelance Filmemacherin und Fotografin? Wie sieht Deine Arbeit in diesem Bereich aus? Wo und wie hast Du das gelernt? Ich bin seit 2016 als Freelance Filmemacherin und Fotografin tätig, größtenteils erstelle ich Werbevideos und Arbeiten im kulturellen Bereich. Gleichzeitig arbeite ich an dokumentarischen Filmprojekten. Wie viele Freiberufler*innen wahrscheinlich, versuche ich, eine Balance zu schaffen zwischen freien und kommerziellen Arbeiten. Für größere Projekte arbeite ich meistens im Team, für persönliche brauche ich viel Zeit, Freiraum und Ruhe, um diese wachsen zu lassen. Mein erstes Studium, Politologie und Internationale Beziehungen, habe ich noch in der Ukraine abgeschlossen Hier habe ich dann Kommunikationsdesign bis 2017 an der Hochschule Düsseldorf studiert und mich früh auf Foto und Film spezialisiert.

Ursprünglich kommst Du aus der Ukraine. Wo genau sind Deine Wurzeln und wie lange lebst Du schon in Düsseldorf? Ich komme aus Lviv, der Stadt im Westen der Ukraine, die gerade ein Zufluchtsort für viele Ukrainer*innen ist. In Düsseldorf bin ich seit zehn Jahren. Seit dieser Zeit genieße ich die Möglichkeit, zwischen zwei Ländern zu leben.

Hast Du noch Familie in der Ukraine? Wo lebt sie? Meine gesamte Familie lebt in der Ukraine, ein Großteil im Westen, aber auch in Kiew, Cherson und in fast in jeder Region gibt es Personen, die man kennt und liebt.

Wie haben Du und Deine Angehörigen die letzten Wochen erlebt? Welche Entwicklungen habt Ihr durchgemacht? Die Welle der Warnungen in den Nachrichten war wie ein wachsender Tsunami. Trotzdem hat man sich bis zuletzt gewehrt, viel Raum für Angst zu lassen. Als die ersten Bomben gefallen sind, musste man schnell handeln. Ein Teil meiner Familie ist jetzt in Deutschland, der größte Teil befindet sich weiterhin in der Ukraine.

Was empfindest Du angesichts der Nachrichten, die aus der Ukraine und von Deinen Angehörigen nach Deutschland dringen? Seit Beginn des Krieges fühlen sich die Wochen wie ein einziger langer Tag an, die Zeit ist wie gestaucht. Meine Liebsten beschreiben mir einen Alltag, den ich mir nicht zu hundert Prozent vorstellen kann. Im Westen der Ukraine sind Schulen und Kindergärten, Sporthallen etc., auch in kleinen Städten und Dörfer, inzwischen voller Menschen. Viele haben ihren normalen Beruf gegen den eines Volunteers getauscht: Sie fahren Medikamente und Produkte in andere Städte, tiefer in der Ukraine. Sie holen die Menschen dort ab und bringen sie in den Westen, schmieden Panzerigel, sortieren humanitäre Hilfen, empfangen Flüchtlinge; Selbst die Kinder im Dorf meiner Oma knüpfen gerade Tarnnetze. Viele Freund*innen von mir, die, die noch können, arbeiten weiter, um die Arbeitsplätze und Investoren aus dem Ausland zu sichern.

Wie sieht Die nahe Zukunft für Dich und Deine Familie aus? Welche Pläne habt Ihr? Für mich sieht die nahe Zukunft so aus: Das Handy klingelt und man sucht gemeinsam nach einer Lösung; Eine Bleibe oder Zwischenbleibe, einen Transport, einen Generator, eine Schutzweste, dringend benötigte Medikamente. Man freut sich zu hören, wenn eine Freundin nach zwei Wochen Horror erzählt, dass ihre Familie es geschafft hat, aus Mariupol rauszukommen.

In letzter Zeit entstehen viele Aktionen, um der Not in der Ukraine Abhilfe zu leisten. Auch von Seiten der Künstler*innen und Kreativen gibt es Engagement. Wie siehst Du als Künstlerin diese Bemühungen und das Potenzial der Kunst, in dieser Situation zu helfen? Ich bin dankbar, das gibt Kraft. Vor allem psychisch. In den letzten zwei Wochen konnten wir Geld für Medikamente sammeln und diese mit zwei Transportern schnell in die Ukraine liefern. Ein dritter ist auf dem Weg. Das war auch durch unser gemeinsames Netzwerk möglich. Großartig! Ich freue mich über jede Initiative, die es gibt. Zusammen können wir uns dem Horror auf verschiedensten Wegen widersetzen. Alles zählt: Sichtbarkeit, Wachsamkeit, Dringlichkeit in der Not, Solidarität. Das tut allen Seiten gut.

Was empfiehlst Du Menschen, die sich solidarisch mit der Ukraine zeigen und helfen wollen? Die Solidarität ist riesig, ich danke für jedes offene Herz. Es bleibt weiter überlebenswichtig, die Lage nicht aus den Augen zu verlieren. Gemeinsam demonstrieren, unterstützen, für demokratische Werte aktiv einstehen.

Gibt es Organisationen oder Bewegungen, die Deiner Meinung nach unterstützt werden sollten? Es gibt so viele! Malteser UA, Blau Gelbes Kreuz e.V. Hier in Düsseldorf kann man über den Verein Ridne Slowo helfen, der betreibt gemeinsam mit der ukrainischen Kirche und dem Generalkonsulat in Düsseldorf das Lager an der Messe, Stockumer Höfe 200. Dort kann man täglich von 9 bis 18 Uhr Sachspenden abgeben, aber auch selber beim Packen und Verladen helfen. Auch über www.stayindus.de findet man Hilfsangebote oder Gesuche.

Welche Hoffnungen und Wünsche hast Du für die Zukunft? Dass die Bomben nicht mehr auf die Erde fallen. Und die Gesellschaft wachsam auf Propaganda reagiert, im Kleinen wie im Großen.

Text & Interview: Anna Dittberner
Fotos: Titelbild oben: Kurt Heuven, Textteil: Nina Wilkesmann
© THE DORF 2022

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