Cathleen Baumann

Name: Cathleen Baumann
Alter: 46
Beruf: Schauspielerin

Gelernter Beruf: Kinderpflegeausbildung / Schauspielern
Instagram | Portrait: D’haus

Nach einer unfreiwilligen, aber auch willkommenen Pause, kommt für Cathleen der Theateralltag wieder voll zurück. Nach Monaten der Corona-bedingten Schließung öffnen sich die Türen des Düsseldorfer Schauspielhauses im September 2020 endlich wieder. Doch auch zuvor herrschte eigentlich schon seit längerer Zeit der Ausnahmezustand für das Ensemble, da sich die Umbau- und Renovierungsarbeiten der Spielstätte am Gustaf Gründgens Platz länger hinzogen als erwartet – ganze vier Jahre.

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Cathleen hat als Schauspielerin ein sehr spontanes Naturell und ist an Veränderungen gewohnt. In ihrem Leben hat sie sich schon mehrmals neu orientieren müssen. Ursprünglich aus Thüringen, hat es sie über Umwege immer wieder zurück in die Umgebung von und nach Düsseldorf geführt, wo sie heute mit ihrer Tochter in Angermund wohnt. Für sie ist das Schauspielern mehr als nur eine persönliche Berufung: ”Das Theater muss versuchen herauszufinden, wer in der Stadt lebt, wer die Menschen im Publikum sind, mit welchen Themen sie sich beschäftigen, welche Sehnsüchte und Ängste sie haben. Es ist ein Ort, wo alles Menschliche verhandelt und auch ein bisschen gezaubert wird.”

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Die ersten Impulse kamen tatsächlich in der Schule, meine damalige Klassenlehrerin leitete eine AG, in der wir uns mit Lyrik und Balladen beschäftigt haben. Der Mann meiner Lehrerin hat dann später auch eine Schauspielgruppe ins Leben gerufen, in die ich in der 10. Klasse auch mit eingestiegen bin. Meine ersten Rollen waren der Fuchs und der Laternen-Anzünder im Stück “Der kleine Prinz”. Meine Lehrerin schrieb zum Schluss der Schule in mein Zeugnis, dass es schön wäre, wenn meine Neigung zur Literatur und Darstellung mein Leben weiter begleiten würde. Nach der Schulzeit bin ich dann aber erst einmal anderen Dingen nachgegangen, bis mich eine gute alte Freundin mit 24 Jahren quasi wieder daran erinnert hat und mich ermutigte zur Schauspielschule zu gehen. Das habe ich dann auch gemacht und wurde sofort an der Folkwangschule in Essen angenommen.

Du bist in deinem Leben mehrmals vom Osten in den Westen und umgekehrt gezogen. Wie hast du die verschiedenen Orte erlebt? Die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands scheint ein bisschen in mein Leben geschrieben zu sein, ich bin eigentlich fifty/fifty sozialisiert, halb Ossi, halb Wessi. Als ich 16 Jahre alt war, hat für mich der Westen angefangen zu existieren und die meiste Zeit meines Lebens habe ich dann tatsächlich dort verbracht. Daher fühle ich mich vor allem mit dem Ruhrgebiet sehr verbunden. Damals bin ich von meiner Heimat Bad Salzungen in Thüringen durch meine alte Freundin nach Bochum in den Westen gekommen, lebte danach eine Weile in Berlin und hatte mein erstes Engagement in Meiningen, also wieder zurück in Thüringen. Ich habe das Glück gehabt, direkt mit super interessanten Leuten zu arbeiten, mit einer besonderen Dynamik und in einer Umgebung, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Dort habe ich dann u.a. auch den Theaterregisseur Sebastian Baumgarten kennen gelernt, der einer meiner längsten Wegbegleiter wurde und immer noch ist. Ich probe ja auch gerade mit ihm und wir kennen uns mittlerweile 18 Jahre. 2006 hatte ich dann mein Engagement in Düsseldorf unter Amélie Niermeyer. Dann ging es 2009 nach Dresden ins Ensemble von Wilfried Schulz. Von Dresden hat mich Wilfried Schulz dann 2016 wieder mit nach Düsseldorf genommen.

Welche Aufgabe kommt Deiner Meinung nach dem Theater als öffentlicher Schauplatz zu? Es ist wichtig, diese Distanz – wie sie vor dem Fernseher gegeben ist – abzubauen und die Bühne und das Publikum zu vermischen. Das Theater wird lebendig durch die Begegnung und im besten Fall wird dadurch etwas bei den Zuschauern angeregt, was sie vielleicht gar nicht erwartet hätten. Theater ist immer relevant und es gibt auch keinen Ersatz dafür. Die Welt ist so kompliziert geworden, dass man fast nichts mehr versteht und ich finde, dabei hilft das Theater, das sich immer mit dem Hier und Jetzt, unseren Wünschen und Sehnsüchten auseinandersetzen will und damit etwas ganz Menschliches und Ur-Archaisches anspricht, das auch im Jahr 2020 noch so ist und immer so sein wird. Ich selbst gehe immer aus dem Theater heraus und habe neue Gedanken, die mich begleiten oder neue Fragen aufwerfen, die mich neu inspirieren.

Seit dem Umbau des Schauspielhauses und der Corona Pandemie herrscht eigentlich Ausnahmezustand. Was kannst du über diese Zeit berichten? Seitdem ich in Düsseldorf bin hat es eigentlich keine Normalität am Schauspielhaus gegeben. Damals als mich Wilfried hier her zurückgeholt hat, haben wir damit gerechnet, dass es ungefähr ein halbes Jahr dauern würde, bis wir wieder ins Schauspielhaus einziehen könnten. Dann fingen die Umbauten aber erst richtig an und es hat ganze vier Jahre gedauert, in denen wir dann im Central waren, bis auf einige einzelne Premieren, die dann trotz Baustelle im Schauspielhaus stattgefunden haben. Es war wirklich eine besondere Leistung des Leitungsteams, das sich um die ganze Abwicklung und Gestaltung des Theaters gekümmert hat und gleichzeitig sozusagen das Baustellenmanagement betrieben hat. 

Und dann war es endlich soweit, Ende des Jahres 2019 konnten wir zurück ins Schauspielhaus. Anfang 2020 wurde noch das 50. Jubiläum gefeiert und dann kam Corona und das Haus lag plötzlich still. Ich erinnere mich an den 20. April, den Tag, an dem ich eigentlich die Premiere des Stückes “Gott” von Ferdinand von Schirach gehabt hätte. Ich war in der Stadt und kam mir vor wie nach einem Atomschlag. Die ganze Stadt war Zombie-artig leer, niemand war in diesem riesigen Schauspielgebäude und ich fühlte mich wie die einzige Überlebende, wirklich sehr dystopisch. 

Ich bin in dieser Zeit in eine starke Selbstbefragung gegangen, mich betrachtend als Person Cathleen, aber auch als Schauspielerin und habe mich gefragt was passiert, wenn Theaterspielen vielleicht nie mehr möglich sein wird. In dieser gespenstischen Stille habe ich festgestellt, dass sie auch etwas Wunderbares an sich hat. Es gibt sonst eigentlich nichts, was mich zum Stillstehen bringen könnte. Schauspielern ist für mich ein sehr sportiver Beruf, vergleichbar mit Hochleistungssport. Als Mutter einer kleinen Tochter ist das wirkliche eine tägliche Herausforderung, wodurch ich die Corona-Zeit auch ein Stück weit genossen habe, weil ich gemerkt habe, wie viel Druck von mir abfällt. Auf der anderen Seite ist das Gefühl auf der Bühne, nach einem langen anstrengenden Tag, für mich so re-energetisierend, dass ich nach dem Auftritt wacher und erholter als vorher bin – etwas, was mein Beruf mir wieder zurück schenkt.

Was vermisst du am meisten, wenn du nicht in Düsseldorf bist? Ich würde die schönen Brücken vermissen, den Blick, wenn ich nach Oberkassel über die Brücke fahre und auf die Silhouette der Stadt schaue. Die verzückt mich immer wieder.

Mit wem (tot oder lebendig) würdest du gerne mal ein Altbier trinken gehen? Ich möchte mit Helge Schneider gern ein Altbier trinken gehen!

Dein Lieblingsreiseziel ist? Mein nächstes Reiseziel wäre wahrscheinlich Island. Ich steh’ sehr auf solche verwunschenen Orte, die irgendwie so sind, als wären sie nicht von dieser Welt.

Danke!

Text: Lisa Damberg
Foto: Sofia Zwokbenkel
© THE DORF 2020/21

English version:

Name: Cathleen Baumann
Age: 46
Profession: Actress

Professional Education: Childcare training / Acting
Instagram
Cathleen Baumann the D’haus

After an involuntary, but also welcome break, Cathleen’s everyday theatre life is coming back to life. After months of closure due to the corona pandemic, the doors of the Düsseldorf Schauspielhaus are finally opening again in September 2020. But even before that, the ensemble had actually been in a state of emergency for quite some time, as the conversion and renovation work on the theatre at Gustaf Gründgens Platz took longer than expected – a full four years.

As an actress, Cathleen has a very spontaneous nature and is used to change. She has had to reorient herself several times in her life. Originally from Thuringia, she has always taken detours to get back to Düsseldorf, where she now lives with her daughter in the borough of Angermund. For her, acting is more than just a personal vocation: “The theatre has to investigate what kind of population lives in a city, who the people in the audience are, what issues they deal with, what their longings and fears are. It is a place where everything human is negotiated and also a little bit of magic happens”.

How did you get into acting? The first impulses actually came at school, my class teacher at the time was leading a study group in which we dealt with poetry and ballads. My teacher’s husband later founded a drama group, which I also joined in the 10th grade. My first roles were the fox and the lantern lighter in the play “The Little Prince”. When I graduated, my teacher wrote in my report that it would be nice if my inclination for literature and acting would continue to accompany my life. After school, however, I went on to pursue other things until a good old friend of mine reminded me of this at the age of 24 and encouraged me to go to drama school. That’s what I did and was immediately accepted at the Folkwangschule in Essen.

You have moved from East to West and vice versa several times in your life. How did you experience the different places? The division and reunification of Germany seems also to be written into the story of my life a bit, I am actually fifty/fifty socialised, half “Ossi”, half “Wessi”. When I was 16 years old, the West came into existence for me and I actually spent most of my life there. That’s why I feel very connected to the Ruhr area. At that time, I came to the West from my home town Bad Salzungen in Thuringia to Bochum due to a connection with an old friend. After that I lived in Berlin for a bit and had my first engagement in Meiningen, so back in Thuringia. I was lucky to work immediately with super interesting people, with a special dynamic and in an environment where I felt very comfortable. There I met, among others, the theatre director Sebastian Baumgarten, who became and still is one of my longest companions. I am rehearsing with him right now and we have known each other for 18 years. In 2006 I had my engagement in Düsseldorf under Amélie Niermeyer. Then in 2009 I went to Dresden to join the ensemble of Wilfried Schulz. From Dresden Wilfried Schulz took me back to Düsseldorf in 2016.

In your opinion, what role does the theatre play as a public venue? It is important to reduce this distance – as it is in front of the television – and to let the stage and the audience mingle. The theatre becomes alive through the encounter and in the best case, something is stimulated in the audience that they might not have expected. Theatre is always relevant and there is no substitute for it. The world has become so complicated that one understands almost nothing and I think that theatre helps with this, because it always wants to deal with the here and now, our wishes and desires and thus addresses something very human and archaic, which is still the same in 2020 and will always be so. I myself always leave the theatre and have new thoughts that accompany me or raise new questions that inspire me anew.

Since the reconstruction of the Schauspielhaus and the corona pandemic, there is actually a constant state of emergency. What can you tell us about this time? Since I’ve been in Düsseldorf, there hasn’t really been any normality at the Schauspielhaus. Back when Wilfried brought me back here, we expected that it would take about half a year before we could move back into the Schauspielhaus. But then the renovations really started and it took four years, during which we were in Central, except for a few individual premieres, which took place in the Schauspielhaus despite the construction site. It was really a special achievement on the part of the management team, who were in charge of the entire management and design of the theatre and at the same time, so to speak, looked after of the construction site management. 

And then it was finally time for us to return to the Schauspielhaus at the end of 2019. At the beginning of 2020 the 50th anniversary was still being celebrated and then came the corona pandemic and the entire house suddenly stood still. I remember the 20th of April, the day of my actual opening night of the play “Gott” by Ferdinand von Schirach. I was in the city and felt as if it had been hit by an atomic bomb. The whole city was zombie-like empty, nobody was in that huge theatre building and I felt like the only survivor, really very dystopian.  

During this time, I went into a period of intense self-questioning, looking at myself as the person Cathleen, but also as an actress, and wondering what would happen if theatre acting might never be possible again. In this ghostly silence I realised that there is also something wonderful about it. There is actually nothing else that could bring me to a standstill. For me, acting is a very sporty profession, comparable to high-performance exercise. As the mother of a small daughter, it’s a real daily challenge, which is why I enjoyed the corona time to a certain extent, because I noticed how much pressure was falling off me. On the other hand, the feeling on stage, after a long and exhausting day, is so re-energising for me that I am more awake and rested after the performance than before – something that my profession gives back to me.

What do you miss most when you are not in Düsseldorf? I would miss the beautiful bridges, the view when I drive over the bridge to Oberkassel and look at the silhouette of the city. It delights me again and again.

With whom (dead or alive) would you like to go for an Altbier? I would like to go for a beer with Helge Schneider!

Your favourite travel destination is? My next destination would probably be Iceland. I am very fond of such enchanted places, which are somehow as if they were not from this world.

Thank you!

THE DORF • THE MAG is part of the #urbanana project by Tourismus NRW

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