Die Fragenstellerin: Kanade Hamawaki

Bildende Kunst kann einen Raum füllen, auch den öffentlichen. Sie ist vielfältig in Ausdruck und Aussage – sofern sie eine hat. Der Künstlerin Kanade Hamawaki reicht das allerdings nicht. Sie will die Kommunikation zwischen Werk und Publikum stärken. Ein Konzept, an dem sie seit Langem arbeitet und das sie auf dem Rundgang 2023 in ihrer Abschlussarbeit umgesetzt hat.

In der Musik oder der Literatur handelt es sich häufig um einen Dialog zwischen Produzierenden und Rezipierenden, so uns das jeweilige Werk im besten Sinne anspricht. Doch Kunst, die an der Wand hängt, schweigt uns auch schon mal hartnäckig an. Macht nichts mit uns, will nichts von uns. Ist einfach da.

„So oft habe ich mich gefragt, wieso spricht das Kunstwerk nicht mit mir“, sagt Kanade Hamawaki und schaut ihrem Gegenüber dabei direkt und fest in die Augen. Irgendwann kam sie zu dem Ergebnis, dass es zumindest nicht nur an ihr liegt: „Das Kunstwerk versucht auch nicht mit mir zu kommunizieren.“ Als sie das begriff, war für sie klar: „Ich hatte das Bedürfnis, ein Werk zu machen, das direkt mit den Menschen kommuniziert.“

Kanade Hamawaki kam 2013 aus dem japanischen Kōbe nach Deutschland. Da war sie gerade 18. In Japan hat sie sich nie so recht zu Hause gefühlt: „Das System dort macht es einem schwer, sich individuell zu entwickeln.“ Und sie wollte nicht im großen Strom mitschwimmen. Ihre Lehrer:innen und Freund:innen halfen ihr, das zu erkennen. Auch die Eltern unterstützten sie bei der Entscheidung wegzugehen.

Hamawakis erstes Ziel war Hamburg. Nach Düsseldorf verschlug es sie eher zufällig. Sie war hier, aber auch in Dresden an der Akademie angenommen worden, in Hamburg nicht. Vier Jahre hat Kanade Hamawaki gebraucht, um sich einzuleben. Mittlerweile liebt sie Düsseldorf, „weil die Normalität hier so selbstverständlich ist.“ Man sei schnell überall – egal ob mit dem Rad oder zu Fuß oder mit der Bahn. Es gibt hier einen Fluss, was der Stadt eine gewisse Offenheit gebe. Sie sei außerdem nicht zu groß und nicht zu klein.

Die Menschen in Düsseldorf seien freundlich, ehrlich und nicht voreingenommen. „Man kommt gut mit ihnen ins Gespräch. Es geht nicht darum, woher du kommst und was du machst.“ Hier werde sie so akzeptiert, wie sie sei. An der Akademie lernte Kanade Hamawaki dann viel über den Charakter von Kunstwerken und den Kunstmarkt. Und sie sollte sich Gedanken machen, was sie wollte. Dabei war ihr immer klar, dass sie hinter der Bühne sein will. Nicht auf der Bühne. „Ich glaube nicht, an die Genialität des Künstlers. Auch nicht an mein Genie“, sagt sie, ohne das Gesicht zu verziehen. „Vielmehr glaube ich an die Menschen.“

Doch in ihrem Umfeld hätte zunächst niemand eingesehen, wie wichtig die Kommunikation zwischen einem Werk und dem Publikum sei. „Was passiert, wenn die Kunst dann wirklich mit dem Publikum kommuniziert, das schien niemanden zu interessieren.“ Irgendwann dachte Kanade Hamawaki dann: „Vielleicht interessiert das ja auch nur mich.“ Sie lacht. Um Antworten zu finden, studierte sie dann auch noch „Ortsbezogene Kunst“ in Wien und „Angewandte Theaterwissenschaft“ in Gießen. Dabei interessierte sie auch immer die non-verbale Kommunikation, das Prozesshafte daran.

Bereits im August 2022 begann sie mit ihrer Recherche für ihre Abschlussarbeit an der Akademie. Sie nahm sich eine umfangreiche Fachliteraturliste vor, mit Sachbüchern aus Soziologie, Philosophie, Psychologie, Didaktik, Rhetorik, Marketing, Kulturforschung, Literatur, Theater, Kunst und Medizin, um herauszufinden, wie genau man Fragen stellt. Und was Umfragen und Befragungen genau sind.

Ich finde es wichtig, einen Ort zur Verfügung zu stellen, in dem man Fragen stellen kann.

Ihre Abschlussarbeit nannte sie dann auch folgerichtig „PUBLIKUMSBEFRAGUNG“. Hierfür konzipierte sie ein Din A3-Blatt mit drei Fragen und einer Skala zwischen zwei Antwortmöglichkeiten.

  1. „Am Ende finde ich es okay und kann damit leben, dass es auf die großen Fragen keine Antworten gibt.“ Die Antworten rangieren von „Stimme ich nicht zu“ bis „Stimme ich zu“.
  2. „Beim Ausfüllen der Kreise versuche ich wahrzunehmen, wie mein ganzes schweres Ich-sein aus mir heraus in das Papier hineinsinkt.“ Die Antwortskala liegt zwischen „klappt jetzt nicht“ und „Ich glaube, das klappt“.
  3. „Nach dem Abgeben dieses Fragebogens werde ich aufmerksam beobachten, dass sich mein Papier-Ich zum großen Ganzen vereinen wird.“ Die Antwortmöglichkeiten reichten von „Schwachsinn!“ bis „klingt viel versprechend“.

Aber: „Diese Frage-Antwort-Aktion ist keine richtige Frage-Antwort-Aktion.“ Denn Kanade Hamawaki stellt in ihrer Arbeit ja keine konkreten Fragen. Es gibt auch keine konkreten Antworten darauf. „Alles eher vage“, sagt sie. „Erst wenn man hinterfragt, was wirklich die Frage ausmacht, beginnt die Frage, auf die man eine Antwort finden muss.“

Besucher:innen konnten bis zu fünf Punkte einer Skala rot ausmalen. Rund 1700 ausgefüllte Fragebögen hielt Kanade Hamawaki schließlich in den Händen.  Gemeinsam mit einem kleinen Team und mit Hilfe eines Hubwagens tapezierten Arbeiter:innen während des Rundgangs die Wände mit den beantworteten Fragebögen. Der Dialog zwischen Kunst und Publikum materialisierte sich auf diese Weise in einem ästhetischen und energievollen Raum aus roten Punkten auf weißem Grund.

„Vielleicht können diese drei Fragen bewirken, dass man auf die Fragen kommt, die man sich stellen muss.“ Das wünscht sich Kanade Hamawaki. Denn dann hat sie erreicht, was sie sich immer gewünscht hat: Ein Kunstwerk, das mit den Menschen kommuniziert – ihr Kunstwerk. Ein Work in Progress, ein Entstehungsprozess. Mit viel Unausgesprochenem auf der Metaebene.

Website von Kanade Hamawaki: www.kanadehamawaki.com

Text: Katja Hütte
Fotos: Tina Husemann und Kanade Hamawaki
© THE DORF 2023 

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