THE DORF ON TOUR • DAAN ROOSEGAARDE WAS HERE

THE DORF ist ein Universum für sich, mannigfaltig und unerschöpflich in seinen Themen. Aber manchmal möchte man den Heimatplaneten auch verlassen und benachbarte Galaxien erkunden. Deshalb geht THE DORF ab Frühjahr 2022 auf Tour und stellt attraktive Ziele im Umland von Düsseldorf vor: für einen schnellen Halbtagestrip, für einen Tagesausflug oder auch für ein Wochenende mit Übernachtung. Für Kulturliebhaber*innen, Flaneure, Gastronomie-Tourist*innen, Architektur- und Design-Fans, Freund*innen schöner Landschaft, Wandernde und Radfahrer*innen. Ein Redaktionsteam der HSD Hochschule Düsseldorf, PBSA Peter Behrens School of Arts, hat die Ziele ausgewählt, die Touren getestet, fotografiert und die Reportagen geschrieben. 30 Studierende und zwei Professoren waren fünf Monate lang im Umland unterwegs, um den besten Mix für schöne Erlebnisse außerhalb von THE DORF zu finden. Wir stellen jede Woche einen neuen Trip vor.

An der Tür zu Daan Roosegaardes Büro türmen sich angeheftete Eintrittskarten vergangener Ausstellungen aus der ganzen Welt. Die meterhohen Fassaden aus Glas lassen daran denken, wie das Licht die weiten Räume an sonnigen Tagen durchflutet. Doch nicht heute! Über uns prasselt das für die Niederlande typische Regenwetter auf das Glasdach ein. Wir befinden uns 230 Kilometer von Düsseldorf entfernt, in einer alten Glasfabrik am Hafen von Rotterdam, in der Daan und sein Team ihr Studio aufgebaut haben. Hier arbeiten Designer und Ingenieure zusammen in einer Art sozialem Designlabor, oder wie sie selbst sagen: in einer Traumfabrik. Wir sprachen mit Daan Roosegaarde über Motivation, Träume und kreative Prozesse.

Die Innovationen, die an diesem Ort entstehen, erinnern uns tatsächlich an Gegenstände aus Träumen. An die Art von mutigen Träumen und kühnen Zukunftsfantasien, wie sie sich meistens nur Kinder trauen, die vom Ernst des Lebens noch nicht eines Besseren belehrt wurden. Ein Riesenstaubsauger für Smog, der unsere verschmutze Stadtluft einsaugt, filtert, gereinigt wieder ausstößt und damit um sich herum eine Smog-freie Blase von über 60 Metern schafft. Tragbare Schmuckstücke, die aus dem Abfall eben dieser Luft entstehen. Ein Dancefloor, der durch die tanzende Menschenmenge Elektrizität generiert. Oder eine künstliche Sonne, die mit ihrem ultravioletten Licht Außenbereiche von Viren befreit.

Das sind nur einige von den stets so fantasievollen wie praktischen Projekten, die das Studio Roosegaarde in den letzten Jahren ins Leben rief. „Landschaften der Zukunft“ nennt Daan seine Konzeptionen – was er vorschlägt, sei keine Utopie, sondern eine „Protopie“, die sich Schritt für Schritt, Prototyp für Prototyp, den Antworten zu einer besseren Zukunft nähern will. Die von internationalen Preisen überhäuften Projekte aus der Traumfabrik in Rotterdam treten mittlerweile in der ganzen Welt auf. Für seine Deutschlandpremiere reiste Daan im vergangenen Winter nach NRW, im Gepäck seine Lichtinstallation „Waterlicht“. 

Wir trafen Daan erstmals, als er zum Auftakt des Medienfestivals „Futur 21“ das Gelände rund um den Peter-Behrens-Bau in Oberhausen in einer virtuellen Wasserflut versenkte. Nebelmaschinen und Laserstrahlen erzeugten bei Nacht ein imposantes, waberndes Lichtmeer, durch das die Besucher spazieren konnten. So magisch der digitale Wasserspiegel über unseren Köpfen auch war, er machte gleichzeitig eine unangenehme Wahrheit sichtbar: als Folge des Steinkohlebergbaus senkte sich das Ruhrgebiet etwa 25 Meter ab, sodass wir heute nur mit beständigem Abpumpen des Grubenwassers verhindern können, dass große Teile des Ruhrgebiets unter Wasser stehen. Doch Daan ist optimistisch gestimmt: „Waterlicht macht Zahlen und Fakten erlebbar, aber es weckt auch Neugierde und gibt uns die Chance, uns mit den Herausforderungen auseinandersetzen können.“

Was motiviert Dich? Ich muss diese Projekte machen, um die Welt für mich verständlicher zu machen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, verstehe ich diese Welt nicht mehr. Ich sehe Luftverschmutzung, CO2- Probleme, einen steigenden Meeresspiegel, Verkehrsstaus, Straßenlaternen, die die ganze Nacht brennen, obwohl niemand da ist. All das ergibt für mich keinen Sinn.

Du hast Dir einen ganz besonderen Beruf geschaffen. Wie bist Du dazu gekommen, das zu tun, was Du heute tust, und warum ist es Dir wichtig? Sei der ‚Hippie mit Geschäftsplan‘. Glaube an deine Ideen und Träume, und schaffe gleichzeitig ein Umfeld, in dem du sie verwirklichen kannst. Das ist sehr wichtig. In Ideen steckt echte Kraft, und gute Ideen wachsen, denn wenn man sich etwas vorstellen kann, kann man es auch schaffen. Vielleicht solltest du einfach da rausgehen und es tun. Ich denke, wir leben in einer Welt, in der es nicht an Technologie, sondern an Vorstellungskraft mangelt. An der Fantasie, wie wir die Zukunft sehen möchten. Wenn wir uns also die Zukunft nicht vorstellen können, werden wir sie auch nicht erreichen. Das ist der Grund, warum wir jetzt feststecken, weil wir Angst vor dem Unbekannten haben.

Wenn wir alle neugierig wären und uns um die Zukunft kümmern würden, könnten wir viel mehr erreichen.

Wie sieht der kreative Prozess im Studio Roosegaarde aus, wenn so viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen beteiligt sind? Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der Lehrer für Naturwissenschaften war. Die Prinzipien der Physik haben mich schon immer fasziniert. Ich habe ihn immer gefragt: „Wie funktioniert das und warum ist das so? Was wäre, wenn wir dies und nicht jenes machen würden? Das Geheimnis liegt jedoch darin, seinen Träumen treu zu bleiben. Sei neugierig, habe keine Angst und warte nicht darauf, dass jemand anderes das Problem löst. Beobachte die Welt mit Erstaunen und dem Glauben, dass alles möglich ist. 

Die Menschen werden sich nicht aufgrund von Fakten oder Zahlen ändern, aber wenn wir die Vorstellungskraft für eine neue Welt wecken können, ist das der Weg, die Menschen zu aktivieren. Neue Designs müssen kreatives Denken nutzen, um praktische Lösungen für ein sauberes und nachhaltiges Leben zu bieten. Manchmal verwenden wir bei unseren Projekten Technologien, die wir von Grund auf neu entwickeln, manchmal nutzen wir Prinzipien, die von der Natur inspiriert sind. Wenn wir alle neugierig wären und uns um die Zukunft kümmern würden, könnten wir viel mehr erreichen. 

Als ich bei der Animationsfirma Pixar war, habe ich „Plus me“ kennengelernt. Diese Art des Denkens und Arbeitens nutzen auch wir in unserem kreativen Prozess. „Plus me“ bedeutet, dass jemand eine neue Idee für einen Film hat und mit dieser Idee zu einem Buchhalter, einem Junior-Designer oder einen CEO geht und sagt: „Hier, versuch es besser zu machen“ oder „Plus it“. Bei Pixar machen sie das fünfundachtzig Mal am Tag. Und wir versuchen dies auch, wenn wir ein neues Kunstwerk oder eine Design-Installation entwickeln.

Was bedeutet Kunst für Dich? Kunst ist keine Dekoration, sie ist eine Aktivierung. Wenn sie aufhören würden im Ruhrgebiet Wasser abzupumpen, hätten wir einen See von neunzig Kilometern! Wir können aber nicht ewig weiter pumpen. Also müssen wir uns etwas Neues einfallen lassen – und das wird nicht einfach sein. Kunst ist also ein sehr gutes Mittel, um zu aktivieren, zu visualisieren und zu fragen: „Was werden wir hier tun?“

Was war die größte Herausforderung bei dieser Ausführung der Waterlicht Installation? Dunkelheit zu schaffen, um das Licht zu sehen. Das hier ist Community-Kunst! Wir müssen alle zusammenkommen, um in einer Stadt überhaupt erst mal Dunkelheit zu erreichen. Das ist kompliziert, es braucht eine Menge Zeit, Telefonanrufe und Überzeugungskraft … Wenn ich eine Idee habe, denke ich mir manchmal: Wie schrecklich! Weil ich weiß, dass ich wieder zwei Jahre meines Lebens damit verbringen muss, sie mit Liebe, Zeit und Energie zu füttern. Und am Anfang wird jeder erst mal “nein” zu mir sagen.

Wie schaffst Du es, trotzdem dran zu bleiben? Man muss ein freiwilliger Gefangener der eigenen Ideen sein. Und das sage ich mit einem Lächeln! Außerdem darfst Du dich nie damit aufhalten, eine Erlaubnis zu erfragen.

Du erwähntest die Dunkelheit. Licht scheint in Deinen Arbeiten immer wieder eine wichtige Rolle zu spielen. Was fasziniert Dich daran? Licht ist ein großartiges Medium, das nichts mit Dekoration zu tun hat. Licht ist etwasImmaterielles, etwas, das den Betrachter für seine Existenz braucht. Licht ist nichts anderes als eine Reflexion. Wir sehen etwas in Rot, wenn dieses Objekt einen Teil des weißen Lichts reflektiert, während es den Rest der Farben absorbiert. In Wirklichkeit befinden wir uns also in einem interaktiven Prozess – anders kann es gar nicht sein – und so verstehe ich mich selbst im Verhältnis zu meinen Mitmenschen, aber auch zum Planeten. Licht ist in diesem Sinne eine Gelegenheit, mit anderen zu interagieren.

In Deiner Arbeit gelingt es Dir, Technik und Natur zu verbinden. Wie stehst Du zur Technologie, wenn es um Nachhaltigkeit und Bewusstsein geht? Ich interessiere mich sehr für die Natur, aber auch für Nachhaltigkeit, Innovation und sogar für das Wetter. Dinge wie Regen, Schnee, Sonne. Wie können wir diese natürlichen Phänomene als Aktivator für unsere Projekte nutzen? Wir machen viele Landschaftskunstwerke, aber wenn man im Freien arbeitet, in rauen, brutalen Wetterbedingungen, dann stirbt die Technik. LED’s, Sensoren, Kabel: die gehen früher oder später kaputt. Wenn man also Prinzipien aus der Natur in sein Design einfließen lässt, wird es nicht nur schön, sondern auch funktional. So wie bei unserem Projekt “Gates of Light”, das wurde von Schmetterlingsflügeln und der Reflexion von Licht inspiriert.

Also ja, das ist etwas, dass Ihr definitiv noch öfter sehen werdet! Man bekommt so viele, kleine Geschenke, wenn man mit der Natur arbeitet. Wenn man einmal angefangen hat, mit ihr zu arbeiten, will man nicht mehr zurück. Und bei der Nachhaltigkeit geht es darum, mehr zu tun, nicht weniger. Ich möchte globale Probleme angehen und kreativ versuchen, Lösungen zu finden, indem ich außerdem Innovation und Technologie nutze. Diese können uns den Weg in eine nachhaltigere Zukunft weisen.

In Zeiten einer globalen Pandemie und immer deutlicher werdenden Auswirkungen des Klimawandels ist es leicht, pessimistisch zu werden, wenn man an die Zukunft denkt. Wie schaffst Du es, nicht den Glauben zu verlieren? Nun, ich meine, es ist leicht, deprimiert zu sein, aber es erfordert Mut, positiv zu sein. Es ist immer leichter zu beweisen, dass die Welt untergehen wird, als zu beweisen, dass alles gut wird. Diese Herausforderung spornt mich an. Denn es ist möglich! In dem Buch Drawdown von Paul Hawken werden 150 Erfindungen zur Umkehrung des Klimawandels aufgezeigt. Alles ist bereits vorhanden, aber wir setzten es nicht um, warum?

Wie können wir als Gesellschaft unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen oder zumindest etwas dazu beitragen? In der heutigen Welt werden wir vor allem als Konsumenten behandelt, anstatt als Macher. Wenn wir es schaffen können, unser Selbstverständnis dahingehend zu verändern, dass wir uns als Macher verstehen, würden wir alle zusammen davon profitieren. Dann wird es grüne Energie, saubere Luft und noch vieles mehr geben. Ich denke, der Wandel sollte mit unserer Einstellung beginnen: Wir sollten immer darüber nachdenken, wie wir mit der Welt um uns herum interagieren wollen. Es ist eine einfache Frage mit einer sehr einfachen Antwort, aber zu oft konzentrieren wir uns nur darauf, die Probleme zu lösen, anstatt zu ändern, was sie verursacht.

Was denkst Du ist der beste Weg für eine Großstadt wie Düsseldorf zu einer nachhaltigeren Zukunft? Kreativität ist in meinen Augen unser stärkstes Potenzial. Kreatives Denken sollte in allen Prozessen verankert werden. Außerdem braucht eine Stadt Orte, an denen man experimentieren kann. Um zu scheitern, um zu lernen. Wisst Ihr, Menschen verändern sich aus Liebe oder aus Angst. Manche Städte verändern sich, weil sie die Zukunft lieben, andere wiederum kriegen richtig Angst und denken: „Wir müssen uns verändern!“ Beides ist in Ordnung. Ich weiß es nicht wirklich. Ich bin kein Politiker, ich versuche nur, das vorzuschlagen, was ich tun kann. Denn das ist es, was ich dazu beitragen kann.

Mit welchem Künstler (im weitesten Sinne), tot oder lebendig, würdest du gerne zusammenarbeiten? Wim Pijbes, ein niederländischer Kunsthistoriker, ehemaliger Direktor der Kunsthal in Rotterdam, des Rijksmuseums in Amsterdam und des Museums Voorlinden in Wassenaar. Schließlich wurde er Direktor der Stichting Droom en Daad. Wim ist sehr willensstark und investiert sowohl mit der Stichting Droom en Daad als auch aus eigenem Antrieb in die Stadt Rotterdam. Er gibt der Stadt immer wieder Anreize! Er ist eine Inspiration für mich.

Was ist der Ort, der dich im Umkreis von Düsseldorf am meisten inspiriert hat? Die Insel Hombroich in Neuss. Ich finde sie unglaublich gut gemacht, die Verbindung von Kunst und Natur. Die Ausstellung kommt einem so nackt und fragil vor. Und es funktioniert einfach! Super cool!

Vielen Dank!

In Mettingen besuchten wir außerdem die eigens für die Draiflessen Collection konzipierte Installation TOUCH, Daan Roosegaardes zweite Ausstellung in Deutschland. Eingeleitet wurde hier mit einem Kurzfilm, in dem Raumfahrer von der Erfahrung erzählen, die Erde mit eigenen Augen aus dem Weltall zu sehen: ein Perspektivwechsel und Moment der Ehrfurcht, der ein tieferes Verständnis für die Verbundenheit allen Lebens auf der Erde bei ihnen weckte. Einen Raum weiter gingen wir dann in völlige Dunkelheit hinein. Wir reichten uns die Hände und ein elektronisches Sensorfeld reagierte. Auf die Berührung hin hüllte sich der Raum um uns herum in eine Lichtexplosion, die uns zum Zentrum einer Galaxie aus Tausenden von Sternen werden ließ. Mit seinen interaktiven Installationen lädt Daan Roosegaarde uns dazu ein, nicht das Staunen zu verlernen und erinnert uns daran, unseren einzigartigen Planeten zu achten.

DAAN ROSEGARDE 
Studio Roosegaarde
Vierhavensstraat 52-54
3029 BG Rotterdam
The Netherlands
www.studioroosegaarde.net

Text & Interview: Juliette Blot & Sabrina Zimmermann
Fotos: Sabrina Zimmermann | Portraits of Daan Roosegaarde by Patrick Andersson / Studio Roosegaarde
(c) THE DORF, 2022

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