Ein Tag mit Elvir Omerbegovic

Er führt das erfolgreichste deutsche Hiphop-Label der letzten 10 Jahre „Selfmade Records“, bei dem Rapper wie Kollegah, Genetikk, Casper oder die 257ers unter Vertrag sind oder waren. Mit dem neuen Label „Division“ ist er für den Erfolg von RIN verantwortlich, der für eine neue Generation deutschsprachiger Hiphopper steht. Er trägt den Titel ‚President of Rap‘ bei Universal Music Germany, betreibt das Modelabel „Pusher Apparel“ & ist Mitgründer des Eis mit Alkohol “SUCKIT” –  privat sammelt er Sneaker und Jogginghosen. Was treibt einen wie Elvir Omerbegovic an? THE DORF traf den 37-jährigen in seinem Büro in Düsseldorf, um es herauszufinden.

THE DORF: Du bist in einem „sozialen Brennpunkt“ in Mettmann aufgewachsen, kann man das so sagen? ELVIR OMERBEGOVIC: Ich bin in einem Sozialbau in Mettmann aufgewachsen. In Mettmann gab es drei in Anführungsstrichen „Ghettos“ – also: alles Sozialwohnungen, hoher Ausländeranteil, hohe Arbeitslosigkeit – die üblichen Faktoren.

Würdest du sagen, dass Dich das geprägt hat, und wenn ja wie? Das ist nachträglich nicht so leicht zu sagen, man hat nur die eine, subjektive wahrgenommene, Kindheit. Es gab recht viel Gewalt. Ich kenne einige, die dort mit mir aufgewachsen sind, die wegen teils schwerer Straftaten ins Gefängnis gingen. Ich habe Messerstechereien miterlebt und Familiendramen, die Wohnung unter uns wurde beispielsweise einmal angezündet. Ich bin dann im ‚reichen‘ Stadtteil aufs Gymnasium gegangen. Da habe ich dann gemerkt: Das geht auch alles viel stressfreier und positiver. Das war schön zu sehen und hat mir neue Möglichkeiten aufgezeigt. Wenn die Eltern den Job verloren haben, hatte man als Kind auch mal Existenzangst. Das hat dazu beigetragen, dass ich gesagt habe: Wenn ich die Möglichkeit habe, arbeite ich hart genug, um das für mich auszuschließen. Ich habe auch früh mit Sport angefangen – das war ein guter Ausweg, auch um sich von den Problemen der Straße fernzuhalten.

Wie bist du zum Hiphop gekommen? Ich habe, glaube ich, mit 13 oder 14 angefangen, Hiphop zu hören. Vorher habe ich eher Metal & Punk gehört, Slayer oder die Ramones, auch durch die ältere Schwester beeinflusst. Dann kam eine Guns’n’Roses-Phase. Rock. Metallica, aber auch härteres Zeug. Und dann kam Rap. „Enter the Wu Tang (36 Chambers)“ war neben Notorious BIGs “Ready to Die”eine der Platten, die den stärksten Einfluss auf mich hatten. Auch N.W.A. und andere Westcoast-Künstler liefen viel bei mir. Der Wu Tang Clan war aber die erste Rap-Crew, von der ich wirklich Fan war. 2013 haben wir lustigerweise zwei Songs mit den Clan-Mitgliedern aufgenommen, mit RZA & Method Man. Die waren dann auch fast alle bei uns im Studio und Büro und wir sind abends dann irgendwie im Rudas gelandet. Mit GZA hatte ich dann auch noch länger Kontakt, weil wir uns gut verstanden haben. Das war schon funny, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt nur noch Kultfiguren waren und sind.

Was war die erste Platte, die Du Dir gekauft hast? Ich denke, das war Guns’n’Roses ‚Appetite for Destruction‘ oder irgendwas von den Ramones. Ansonsten habe ich eher Songs von Yo MTV Raps auf VHS mitgeschnitten und auf Tapes recordet. Ich hatte kein Geld, mir ständig Platten zu kaufen. Es gab damals viel gute Musik, auch weil es schwerer war, einen Plattendeal zu bekommen. Heute hat jeder die Möglichkeit, Musik öffentlich zu machen, da gibts auch qualitativ gesehen echt viel Schrott. Da versuche ich mich rauszuhalten, auch wenn sich Geld damit verdienen lässt.

Und wie kamst Du zum deutschen Hiphop? Das war deutlich später. Deutscher Hiphop hat mich nie interessiert, weil ich ja eher Hardcore-Sachen gehört habe. Ich hatte bis dahin in Sachen deutschem Hiphop immer nur Fünf Sterne Deluxe und das Bo im Fernsehen gesehen und das war mir einfach zu flach. Ich fand das langweilig – im Vergleich zum US-Rap. Dann habe ich Creutzfeld & Jakob persönlich kennengelernt und fand die Musik erstaunlich gut. Das war ein Aha-Moment für mich, wo ich gedacht habe: Man kann also auch auf Deutsch guten Hiphop oder Rap Machen. Von da an war ich mit den Jungs öfter unterwegs. Das war ein bisschen das Pendant zu dem East-Coast-Hiphop, den ich mochte. Über die beiden habe ich Bushido kennengelernt, der mit Philipp dann mal bei mir zuhause war. Das war noch vor der Labelgründung, also etwa 2003. Er hatte gerade „Vom Bordstein bis zu Skyline“ bei Aggro Berlin veröffentlicht. Die Platte war sehr gut und auch visuell krass umgesetzt.

Worauf achtest du bei deutschem Hiphop mehr: Auf Texte und Flow oder auf Beats und Produktion? Kannst Du sagen, was aus Deiner Sicht der wichtigere Part ist? Das wandelt sich gerade. Meine Acts unterscheiden sich in diesen Aspekten sehr stark. Früher war es mir bei meinen Signings viel wichtiger, dass Künstler technisch krass reimen können. Also wie bei Kollegah, mit Doppeldeutigkeiten und Co. – echte Reimkunst. Bei Favorite war das genauso. Damals habe ich technischen Rap forciert. Dabei war das in der ‚Berliner Phase‘ noch gar nicht so wichtig, das war alles ein bisschen atziger. Da ging es eher um lustige oder schockierende Inhalte. Wir sind lyrisch Ferrari gefahren, würde ich sagen. Das hat die Szene maßgeblich geprägt und die neuen Künstler haben sich dann daran orientiert und es ist alles technischer geworden. Jetzt habe ich Spaß daran, dass wir nicht mehr auf jedes Wort achten, sondern eine neue Art der Projektionsfläche bieten. Ich finde es gut, dass sich die Szene wieder auf Atmosphäre und Musik konzentriert. Es wurde mir persönlich nach 13 Jahren ein bisschen langweilig, immer technischen Rap zu hören. Ich finde es schön, dass den Jugendlichen, der neuen Generation,  gezeigt wird, es ist okay, Gefühle zu zeigen. Es ist okay, traurig zu sein. Es ist okay, sogar schön, verliebt zu sein. Diese emotionale Komponente hatten wir lange abgestellt. Bei RIN haben wir 50 Prozent Frauenanteil in der Hörerschaft, das ist mehr als das doppelte von dem, was wir früher hatten. Es macht Spaß, diese rohen Emotionen zu hören. Es hat aber beides seine Daseinsberechtigung.

Bei RIN ist es derzeit ähnlich wie es bei Kollegah, Casper oder auch den 257ers anfangs war, es ist neuartig und in Deutschland sind die Hörer nicht sofort super offen, oder?Es muss nicht jeder unsere Musik feiern. Was wir machen, muss nicht jeder mögen. Wir müssen nicht jeden glücklich machen. Im Gegenteil. Wir machen uns glücklich. Ich habe keine Lust auf “den größten gemeinsamen Nenner” in meinem Leben. Wer das nicht geil findet, der muss es nicht konsumieren. Wenn man jeden glücklich macht, dann ist man bei Helene Fischer. Meine Mutter hört Helene Fischer. Ich war mit meiner Mutter beim Helene Fischer-Konzert. Das war echt hart für mich, das durchzusitzen. Wir hatten, supernett vom Veranstalter, eine eigene Suite. Meine Mutter fand das natürlich scheiße, weil sie nicht so nah an der Bühne war. (lacht) Ich hab also auf dem VIP-Parkplatz da geparkt und dann dachten die Fans wohl irgendwie ich sei Florian Silbereisen. (lacht) Das war der Horror. Aber hey, die Show – rein performancetechnisch ist die super. Die Musik kann ich mir natürlich keine drei Minuten anhören. Egal, Mama war happy!

Wie viele Leute seid ihr bei Selfmade Records? Das Kernteam sind vier Leute. Und dann kommen noch Mitarbeiter von Universal Music in Berlin hinzu, zum Beispiel im Vertrieb oder anderen Bereichen. Bei jedem Projekt sind aber in der Regel immer über 20 Leute beteiligt. Aber wir machen mit den Acts gemeinsam die Platten und treffen alle wichtigen Entscheidungen autark.

Division ist ein neues Label, auf dem Du auch RIN veröffentlichst. Warum hast Du das gegründet? Das liegt daran, dass es gerade so etwas wie einen Generationswechsel im Hiphop-Business gibt. Selfmade Records hat eine eigene Fanbase, ähnlich wie Def Jam in den USA. Selfmade Records ist eine eigene Marke. Ich wollte vermeiden, dass RIN direkt ein Stempel aufgedrückt wird und eine neue Grünfläche schaffen.

Was ist genau dein Job bei Universal als ‚President of Rap’?Universal und Ich haben ein JointVenture. Außerdem bin ich Consultant und werde zu größeren Deals, mit Acts abseits von Universal, nach meiner Meinung gefragt.

Kommt man sich da auch mal in die Quere? Da gilt das Recht des Schnelleren. (lacht) Aber meistens ist es ja so, dass ich Acts viel früher aufgreife. Kollegah hatte damals noch keine Platte veröffentlicht, Casper hatte, glaube ich, ein Mixtape draußen und RIN hatte ebenfalls noch kein Album veröffentlicht.

Wie kommst du denn an die Leute? Stecken dir Freunde Tapes zu, oder bekommt Ihr Einsendungen? Ganz unterschiedlich. Man hat irgendwann den Vorteil, dass die Historie für einen spricht und junge Talente deine Arbeit der vergangenen Jahre kennen und selbst Fan waren.

Woran erkennst du denn Talente?Das ist schwer zu beantworten. Es gibt keinen Fragenkatalog, den ich abarbeite. Es ist ein Gespür. Für mich ist wichtig, dass es beim ersten Hören irgendwie funkt. Man muss sich das so vorstellen, wie wenn man sich verliebt. Man trifft ja theoretisch viele potenzielle Partner. Dann gibt es ganz viele rationale Gründe, warum der Partner toll ist. Aber das Liebesgefühl kommt oder kommt eben nicht. So in etwa signe ich Acts. Mit dem Vorteil, dass ich auch selber an der Karriere mitarbeiten kann. Normale A&Rs (Anm. d. Red: Artists & Repertoire, der redaktionelle Teil eines Plattenlabels) bei einem großen Plattenlabel können das eher selten.

Was ist denn mal mit weiblichen Talents? Ich würde sehr gerne mit einer weiblichen Künstlerin zusammenarbeiten. Ich habe aber bis jetzt noch keine Rapperin gehört, die mich flasht. Die muss mich genauso abholen wie ein männlicher Künstler. Dann würde ich das sofort machen. Wobei wir mittlerweile auch Crossover-Acts arbeiten könnten, also nicht nur straighten Rap.

Bist du schon einmal mit einem Künstler auf die Schnauze gefallen? Nein. Klar, es gibt Unterschiede in den Verkaufszahlen. Wir sind ein Label, das eine außergewöhnlich hohe Trefferquote hat. So viele Gold- und Platinkünstler, wie wir hervorgebracht haben, hat noch kein anderes deutsches Hiphop-Label hervorgebracht. Das ist, glaube ich, dem Umstand geschuldet, dass ich gar kein Geld hatte, um mir Fehltritte zu leisten. Bei uns war das so: Das musste funktionieren, damit wir die nächste Platte finanzieren konnten. Das ging auch ein paar Jahre immer so: Von Platte zu Platte.

Was hörst Du privat? Ich höre tatsächlich Querbeet. A good Song is a good Song. Ich höre sehr wenig elektronische Musik. Ich kann mit House wenig anfangen, da ist mir oft zu seelenlos und ich nehme keine Drogen. Die Stimmungs-Spotify-Playlist ‚Calm Vibes‘ höre ich wahrscheinlich anteilig am meisten, beim Arbeiten. Ich geh auch gern in die Oper. Mein letzten privat besuchten  Konzerte waren Metallica & Drake.

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachttisch? Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari.

Wie würdest Du Deinen persönlichen Stil beschreiben? Sportlich Urban. Ich trage meist Jogger & Sneakers.  Eigentlich fast immer. Auch weil ich sehr viel Sport mache. Die Leute schauen einen schon etwas komisch an, ich wurde schon öfter gefragt ob ich Fußballer wäre (Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment werten soll). Aber ich habe keine Lust mich zu verbiegen, ich gehe so auch in Clubs oder zu Geschäftsmeetings.

SW: Als ich in New York war, war ich in einem fancy Sneakerstore, da gab es die teuersten Sneaker, die ich je gesehen habe. Das waren die aus ‚Zurück in die Zukunft‘, die selbstschnürenden, die kosteten 15.000 Dollar! Ja, du meinst ‚Flight Club‘ am Union Square oder Stadium Goods in Soho. Das sind Reseller-Stores. Ich hab Schuhgröße 13 – das ist eine deutsche 48. Wenn man bestimmte Schuhe sucht, ist das schon eine Herausforderung. Ich habe mir kürzlich die Adidas Futurecraft 4D Runner für 2.000 Euro gekauft, davon gibt es derzeit nur neun Paar auf der Welt als Sample. Also, die werden irgendwann erschwinglicher werden, wenn Sie auf den Markt kommen. Aber bisher steht noch nicht fest, wann das passiert.

Aber ziehst du die dann auch an? Klar zieh ich die an. Alles, was ich kaufe, benutze ich auch. Ich konserviere nichts. Was hab ich davon, das aufzuheben? Ich will sie allerdings auch nicht weiterverkaufen.

Wie viele Paar Sneaker hast Du zuhause und was ist Dein Lieblingssneaker? Ich habe über hundert Paar zuhause. Die meisten sind Adidas Ultraboost 1.0. Die hatten die besten Kollabos und Designs, viele sind jetzt im Nachhinein super selten. Davon gibt es dann weltweit 700 Stück und in meiner Schuhgröße wahrscheinlich nur 200. Das ist schon nerdy, weil das auf der Straße so gut wie niemand checkt und man es am Ende nur für sich macht. Aber es ist definitiv Culture. Adidas disruptiert den Sneakermarkt gerade durch technische Innovationen. Ich ärgere mich ein bisschen, eigentlich hätte ich mit dem Wissen in die Adidas-Aktie investieren sollen. Die hat letztes Jahr einen 30-prozentigen Sprung gemacht. Da war ich ein bisschen betriebsblind und hatte nur die Fan-Perspektive.

Aktuell läuft auf deiner Playlist/deinem Plattenspieler? Seit zwei Tagen läuft Sheck Wes rauf & runter.

Danke!

Interview: Tina Husemann
Text:
 Barbara Russ
Photography:
Sabrina Weniger
© THE DORF 2018

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