PHILIPP VAN ENDERT

„Das Wichtigste ist authentisch zu bleiben“. Diesen Rat gibt der Düsseldorfer Jazzgitarrist Philipp van Endert nicht nur seinen Studierenden der Robert-Schumann-Musikhochschule mit auf den Weg, sondern er bildet auch für ihn die Grundlage für seine Musik. Sein gerade erschienenes Album „Moon Balloon“ wurde gemeinsam mit dem Filmorchester Babelsberg aufgenommen und beweist, wie ausdrucksstark, melodisch und lyrisch Jazzmusik sein kann. Im Interview erzählt Philipp van Endert von seinen Anfängen im Boston der 90er Jahre, spricht von aktuellen Herausforderungen und verrät noch weitere Tipps und Tricks, um in der Musikszene erfolgreich zu sein.

Für Leute, die Dich und Deine Musik nicht kennen, wie würdest Du Deinen Stil beschreiben? Ich glaube lyrisch-melodischer Contemporary Jazz würde es ganz gut treffen. Das neue Album „Moon Balloon“ hat durch die Zusammenarbeit mit Orchester vielleicht noch zusätzlich eine „Jazz-Crossover-Klassik“ Nuance.

Du hast in den 90er Jahren Musik in Boston studiert. Inwiefern hat Dich die Zeit in Amerika musikalisch geprägt? Die Zeit mit meinem Mentor und Freund Bret Willmott am Berklee College war sicherlich sehr prägend. Seine Soundästhetik, die er zusammen mit Gitarristen wie Mick Goodrick, John Abercrombie, John Scofield, Pat Metheny u.a. entwickelt hatte, trägt bis heute Spuren in meinem Spiel und meinen Kompositionen. Vier Jahre lang an so einem tollen Ort mit so vielen inspirierenden Musiker:innen zu arbeiten, zu spielen und zu lernen hat die Basis zu allem gelegt, was für mich danach kam. Absolut ansteckend war auch die Einstellung zur Musik mit totaler Hingabe und immer und jederzeit alles zu geben, sobald man auf der Bühne steht.

Welche Musiker:innen haben Dich in Deinen Anfängen inspiriert und tun es noch heute? Außer den oben genannten Gitarristen sicherlich Miles Davis, Bill Evans (Pianist), Joe Zawinul und noch viele andere. Ich bin nach wie vor totaler Musikfan und kaufe mir regelmäßig Platten von meinen Helden und Heldinnen und denen, die es werden könnten.

Wie hat sich Dein Sound über die Jahre verändert? Meine ersten Platten und Konzerte oder Tourneen waren noch sehr Jazz-Rock/Fusion beeinflusst. Über die letzten 20 Jahre ist mein Sound aber wesentlich jazziger, runder, lyrischer und dadurch (hoffentlich) auch ausdrucksstärker geworden.

Dein neues Album „Moon Balloon“ ist gemeinsam mit dem Filmorchester Babelsberg aufgenommen worden. Inwiefern hebt sich das Projekt von den bisherigen Alben ab? „Moon Balloon“ ist mit Sicherheit das größte und umfangreichste Projekt, was ich bisher in meiner Karriere machen durfte. Durch die Arrangements von Peter Hinderthür und die Abmischung von Florian van Volxem bekommen meine Kompositionen zusätzlich eine ganz andere Farbe, als man es vielleicht von mir gewohnt ist. Außerdem hat das Zusammenspiel mit einem Orchester natürlich auch eine ganz andere Energie. Ich hatte zwar nicht so viel Spielraum was Interaktion und Spontanität angeht, so wie ich es von meinen üblichen Projekten her gewohnt bin, dafür durfte ich aber diesen unfassbar schönen Klangkörper des Filmorchesters Babelsberg und die Arrangements um mich haben, die mich wie auf einer Welle getragen und auf andere Weise in meinem Spiel und meinen Solos beflügelt haben.

Was steckt hinter dem Titel „Moon Balloon“? Den Titel-Track habe ich nachts für meine Liebste geschrieben als Vollmond war. Am nächsten Tag habe ich dann das Stück zu Ende geschrieben und in dem Augenblick flog tatsächlich ein Fesselballon am Himmel vorbei. Ich wohne mitten in der Innenstadt Düsseldorfs in Little Tokyo und das sieht man da nicht so oft. So kam es zu dem Titel „Moon Balloon“.

Wie hast Du als Teil des Jazzschmiede-Teams die pandemiebedingten Maßnahmen in der Kulturszene wahrgenommen? Das war eine ganz schwere Zeit für uns Musiker:innen und man kann nur hoffen, dass das so oder in anderer Art nie wieder kommt. Ich hatte auf einen Schlag statt üblicherweise 50 Konzerten im Jahr nur noch drei und das waren dann Streaming Konzerte. Das ist dann schon sehr skurril, wenn Deine Musik, die ja auch sehr von der Atmosphäre und der Interaktion mit dem Publikum beeinflusst ist, plötzlich nur vor Kameraleuten stattfindet. Das fühlte sich dann eher wie eine Studiosituation an, so als ob man eine Platte aufnimmt.

Ich finde die meisten Kultureinrichtungen haben es, so wie die Jazz-Schmiede, trotzdem toll gemacht, indem sie auf solche Streaming-Konzerte umgestellt haben oder Konzerte wieder möglich gemacht haben, sobald es ging. Viele haben auch die ausgefallenen Konzerte nachgeholt. Von all meinen verschobenen Konzerten sind letztlich nur etwa sechs Konzerte nicht nachgeholt worden. Auf der anderen Seite ist es momentan sehr schwierig für die aktuellen Projekte eine funktionierende Konzertplanung zu machen, weil die meisten Spielorte durch die Nachholkonzerte bis Ende dieses Jahres belegt sind. Und leider sind auch ganz viele, kleinere Spielorte, die keine finanzielle Unterstützung hatten, verschwunden.

Ich muss allerdings sagen, dass wir als Musiker’innen sehr gute Möglichkeiten hatten, unsere Verluste mit Förderungen und Stipendien auszugleichen. Es hat zwar eine ganze Weile gedauert, bis das alles in Gang kam und bis wir gehört wurden, aber dann waren doch viele Möglichkeiten da. Mein Projekt „Moon Balloon“ hätte ich niemals umsetzen können, wenn es nicht durch die Initiative Musik gefördert worden wäre.

Du bist außerdem Dozent am Institut für Musik und Medien an der Robert Schumann-Hochschule, was gibst Du Deinen Studierenden nach dem Abschluss mit auf den Weg? Das Wichtigste ist authentisch zu bleiben und seine eigene Stimme zu finden und niemals aufzuhören, sich weiterzuentwickeln. Unbedingt neugierig bleiben und sich jede Musik anhören, die mit ganzem Herzen gespielt wird. Egal ob das Jazz, Klassik, Punk oder was auch immer ist.

Wenn man sich außerdem als Musiker:in für ein Projekt entscheidet, dann sollte man sich als erstes fragen „Wie gut ist die Musik?“, dann „Wie gut ist der Hang?“ (komme ich mit den Mitmusiker:innen gut klar?) und dann kommt vielleicht an dritter Stelle langsam „Was gibt es eigentlich an Gage?“. Dieser letzte Punkt ist natürlich nicht ganz unerheblich, wenn man von der Musik leben möchte. Jedoch kommt er weit hinter den anderen beiden.

Was vermisst Du an Düsseldorf, wenn Du nicht hier bist? Als gebürtiger Düsseldorfer mag ich die rheinische Mentalität mit ihrem Frohsinn schon sehr gerne. Es ist einfach schön, wenn man hier ausgeht oder einkaufen geht, ein nettes kleines Pläuschchen halten zu können und recht schnell zusammen lachen zu können.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die Dich in Deiner Musik inspirieren? Immer wenn ich Live-Musik hören kann, ist das meistens sehr inspirierend. Somit waren am Anfang meiner Karriere Läden wie das Cape Coast und Downtown sehr wichtig. Dann heutzutage natürlich die Jazz-Schmiede oder die Jazz Rally. Auch das zakk, der Robert-Schumann Saal oder die Tonhalle sind mit ihren Konzerten Inspirationsquellen für mich. Und in der ehemaligen Philipshalle, jetzt Mitsubishi Electric Halle, habe ich auch großartige Konzerte erleben dürfen.

Weiterhin gibt es in dieser schönen Stadt Orte, die ich besonders mag und die wahrscheinlich auch auf eine Art inspirierend auf mich wirken. Ich liebe z.B. den Suitbertus-Stiftsplatz in Kaiserswerth oder auch die Altstadt in der Gegend um die Zicke herum (Citadellstr., Schulstr., Hohe Str., Bilker Str.).

Was wünschst Du Dir für die Düsseldorfer Musikszene? Mehr Spielmöglichkeiten und der dazu gehörige Support. Vor allem für die kleineren Spielorte, damit dort sowohl für die Musiker:innen als auch Veranstalter:innen akzeptable Bedingungen geschaffen werden und somit der kulturelle Nährboden geboten wird, um spannende Musik entstehen zu lassen und auch den Freiraum für Experimente zu geben, ohne ständig einen wirtschaftlichen Druck dabei im Rücken zu haben. Eine Stadt wie Düsseldorf hat die Mittel und Kontakte dazu. Nur so kann weiterhin innovative Musik aus Düsseldorf kommen.

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Vielen Dank!

Interview: Franka Büddicker
Fotos: Thomas Krüsselmann
© THE DORF 2022
Das Interview wurde Mitte Februar vor dem Beginn des Kriegs in der Ukraine geführt.

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