Über alles vernünftige Maß hinaus. Silke Schönfeld im KIT

Mit Silke Schönfelds Ausstellung “Über alles vernünftige Maß hinaus” präsentiert das KIT nicht nur die sechste Einzelausstellung seit Eröffnung überhaupt, sondern ermöglicht gerade in Zeiten der Isolation Einblicke in andere Welten. Gezeigt werden Kurzfilme, die dokumentarisch anmuten, aber viel mehr sind als das. Bis auf Weiteres bleibt das KIT erstmal geschlossen, aber dank einer digitalen Einführung in die Ausstellung am 6. Mai kann man schon einen Blick in ihre Arbeiten erhaschen.

Mit ihren Filmen lässt die Künstlerin und ehemalige Kunstakademie-Studentin Silke Schönfeld uns eintauchen in unbekannte Lebenswelten, die nicht in der Ferne eines anderen Kontinents liegen, sondern manchmal sogar direkt um die Ecke. Der Bildschirm ist bei ihren Arbeiten nicht nur das Fenster zur großen, weiten Welt, sondern eben auch ein Zugang zur eigenen Umgebung. Ihre Filme zeigen den Betrachter*innen das, was durch die Pandemie schon seit über einem Jahr verwehrt bleibt: Gemeinschaft, Rituale, Selbstverwirklichung. 

Gleichzeitig stellt Schönfeld mit ihren nüchternen, strengen Kameraeinstellungen auch Problematiken der Identitätsfindung in den Fokus und zeigt Konflikte auf, die erst sichtbar werden, indem die Filme und Thematiken sich in der Ausstellung gegenüber stehen. 

Silke Schönfelds Arbeiten entfalten ihre Wirkung durch ihre Lautlosigkeit. Die Künstlerin zeichnet eine beharrliche Kritik an deutscher Vergangenheit und offenbart gleichzeitig ihre Faszination für individuelle Lebensentwürfe und persönliche Geschichten. “Über alles vernünftige Maß hinaus” ist eine Ausstellung über Menschlichkeit in jedem Sinne und die Frage, wie wir mit ihr umgehen sollten. 

THE DORF traf die Künstlerin zum Interview und bekam Einblicke in ihre künstlerischen Einflüsse, persönlichen Auffassungen zur deutschen Kultur und Schönfelds nächstes spannendes Projekt. 

Erzähl uns doch ein bisschen was über Dich selbst!

Ich bin in Erkelenz aufgewachsen und für mein erstes Studium nach Dortmund gezogen, wo ich Kunst und Philosophie auf Lehramt studierte, weil ich an der Kunstakademie nicht angenommen wurde. Schon während des Lehramtsstudiums habe ich immer wieder Ausstellungen gemacht und nach dem Studium beschlossen, dass ich mich unbedingt in Richtung freie Kunst bewegen möchte. 

Ich bin später erst an die Kunstakademie Münster in die Klasse von Aernout Mik gekommen und habe dann in Düsseldorf parallel in der Klasse von Marcel Odenbach studiert. Das Tolle daran war, dass meine beiden Professoren sich schon von ihrer Zeit bei der Kunsthochschule für Medien in Köln kannten und sich beide mit Videoinstallationen beschäftigen. Dadurch habe ich in meinem Studium viele unterschiedliche Einflüsse bekommen. 

Du warst für Dein Studium auch im Ausland. Welche Erkenntnisse hast Du dadurch erlangt, die jetzt eventuell in Deine Kunst einfließen?

Während meines Kunststudiums bin ich für ein Semester an die Kunstakademie Bezalel nach Jerusalem gegangen, wo mir meine eigenen Privilegien vor Augen geführt wurden, weil ich mich dort mit meinem deutschen Pass total frei bewegen konnte es ist Wahnsinn, dass man als Außenstehende*r in ein Land kommt, wo die Bewegungsfreiheit der Einwohner*innen stärker eingeschränkt war als meine.

In dieser Zeit ist mir durch diese Außenperspektive klar geworden, was eigentlich total selbstverständlich ist: Wir wachsen sehr stark in unseren eigenen Narrativen auf, die unser Denken und Handeln extrem beeinflussen und die man aufgrund seiner Sozialisation in sich trägt. Das hat mich zu dem Thema motiviert, das sich von Anfang an durch meine Arbeiten zieht, sehr persönlich ist und die meisten Deutschen betrifft: Die Vergangenheit der eigenen Familie während des Nationalsozialismus und die Kontinuitäten nationalsozialistischer Ideologie in Deutschland. 

Ich finde es unheimlich, wie in Deutschland durch die sogenannte Erinnerungskultur eine Art Selbstgefälligkeit und Bequemlichkeit entstanden ist, wo eigentlich ein ständiges Hinterfragen sein sollte. Als ich aus Israel zurückkam, habe ich angefangen zu den Neuen Rechten zu recherchieren. Als ich den Verein Ein Prozent gefunden und deren Internetauftritt gesehen hatte, der im YouTube-Style mit schnellen Schnitten, emotionalisierender Musik und generell einer großen Inszenierung arbeitet, kam ein starker Impuls in mir auf, diesem Verein auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was dahinter steckt. Also habe ich mich auf eine filmische Spurensuche begeben. Das Ziel war Oybin als Vereinssitz der Ein Prozent e.V. und eben auch der Ort, wo die Mönchszüge stattfinden, die ich in einem anderen Film in der Ausstellung thematisiere. Im selben Jahr habe ich auch den Film über das Maibrauchtum gedreht.

Deine Ausstellung behandelt sowohl die Neuen Rechten, als auch beispielsweise persönliche Konflikte einer Dortmunder Thaiboxerin. Wie verknüpfst Du diese verschiedenen Themen? Gibt es eine Verbindung zwischen allen Werken oder stehen die Werke eher separat voneinander für sich?

Bei der Entstehung habe ich die Filme nicht als Ganzes zusammengedacht. In einer Ausstellung stehen sie natürlich im Dialog zueinander. Gerade den Kontrast zwischen Mainacht und dem Film über Aleyna finde ich spannend, weil man in letzterem eine junge Frau sieht, die total unangepasst ist und sich in kein geschlechtsspezifisches Rollenbild hineinpressen lassen möchte. Sie geht ihren ganz eigenen Weg. 

Ich möchte die Inhalte aber gar nicht so sehr bewerten, sondern würde das gerne den Besucher*innen überlassen. Neben thematischen Zusammenhängen ist die größte Gemeinsamkeit aller Filme in der Ausstellung wohl die Erzählweise anhand von ruhigen Bildern. 

Welche Rolle nimmt die Kamera in Deinen Arbeiten ein?

Das ist sehr unterschiedlich. Im Grunde bin ich immer eine Art teilnehmende Beobachterin. Die Unterscheidung zwischen Dokumentation und Fiktion ist nicht wirklich wichtig für mich, weil ich glaube, dass in dem Moment, wo eine Kamera im Spiel ist, sich sowieso die gesamte Situation und Atmosphäre verändert und viel Inszenierung von alleine stattfindet. Die Situationen, die ich begleitet habe, sind ohnehin sehr inszeniert. Sowohl Traditionen wie das Maibrauchtum oder die Mönchszüge, als auch sportliche Aktivitäten folgen bestimmten Regeln und festgelegten Abläufen. 

Die Kamera ist für mich ein Werkzeug, das ich benutzen kann, wenn Menschen mir Einblicke in ihre Aktivitäten gewähren. Interessant ist auch: Bei allen Filmen sprechen die Leute nicht wirklich über sich privat, sondern es wird ein bestimmter Aspekt ihres Lebens gezeigt, wie eben die Vereinstätigkeit oder der Sport. Dieser Teil wird exemplarisch beleuchtet. Und trotzdem glaube ich, dass man unheimlich viel über diese Menschen lernt.

Sprache, so wichtig und mächtig sie ist, hat starke Begrenzungen. Etwas gemeinsam zu machen oder zu handeln, schafft ganz andere Verbindungen zwischen den Menschen. Es macht immer unheimlich große Freude, anderen Menschen dabei zuzugucken, wie sie gemeinsam etwas machen gerade jetzt wirken einige der Arbeiten total entrückt, weil vieles im Moment auf furchtbare Art und Weise total eingeschränkt ist. Deswegen war es mir auch so wichtig am Anfang die Arbeit Rhetorics of the unknown zu haben, die den Lockdown so atmosphärisch einfängt. Die Arbeit funktioniert als Einordnung in die aktuelle Zeit, nach der man sich im Ausstellungsraum hinunter in die “Höhle der Vergangenheit” bewegt.

Welche Rolle hast Du bei der Kuration Deiner Ausstellung eingenommen? Welchen Einfluss hat das KIT als besondere Räumlichkeit auf Deine Ausstellung?

Ich habe die Ausstellung im Dialog mit Gertrud Peters, der Künstlerischen Leiterin des KIT, zusammen konzipiert. Obwohl oder gerade weil der Raum so eine Herausforderung darstellt, habe ich es total geliebt, die Ausstellung dort zu planen. Ich habe das große Glück, dass ich architektonische Eingriffe wie den grünen Vorhang ausarbeiten konnte. Denn ich wollte die Architektur weiterhin sichtbar lassen und gleichzeitig einzelne Displays für die Arbeiten schaffen, die sich in die Räumlichkeit einfügen, ohne sie zu verneinen. 

Wie bewertest Du die aktuell aufkommenden Bewegungen, die sehr stark auf Gruppenidentitäten ausgelegt sind?

Ich bin permanent selbst hin und her gerissen natürlich überhaupt nicht, was Rechtsradikalismus angeht, das ist eine Katastrophe. Der Film Ein Prozent – imagined communities ist der Versuch rechtsradikale Propaganda, die von diesem Verein propagiert wird, zu dekonstruieren und damit sichtbar zu machen. Aber die anderen Traditionen, die an sich nicht politisch motiviert sind, also weder das Maibrauchtum noch die Mönchszüge, haben eine konkrete politische Agenda, sie sind sehr stark im Bürgertum angesiedelt. Für die Gemeinschaften in den ländlichen Regionen sind diese Bräuche identitätsstiftend und können einen Gemeinschaftssinn vorantreiben. Das Maibrauchtum bedeutet für die Dorfgemeinschaften großen Zusammenhalt, Feierlichkeiten und Feste, woran jung und alt Freude haben. Gleichzeitig kann man sich natürlich fragen wie inklusiv bestimmte Traditionen in der Praxis sind. 

Würdest Du sagen, dass Identität in Deutschland Dein Kernthema ist?

Die Dekonstruktion von nationaler Identität und das permanente Hinterfragen liegen mir am Herzen. Identität ist etwas sehr komplexes und fluides, das sich im Laufe der Lebenszeit verändern kann. Oft werden wir aber damit konfrontiert, dass von außen nur ein Aspekt gesehen wird, beispielsweise das Geschlecht, der Migrationshintergrund, die Sexualität oder der Beruf. Ich glaube, dass in unserem Land viele Menschen nicht die Möglichkeit haben als komplexes Wesen wahrgenommen zu werden. Das möchte niemand. Deswegen hoffe ich, dass es irgendwann andere Zeiten gibt, wo Identität so komplex gedacht wird, wie sie eigentlich ist und wie jeder einzelne das auch für sich empfindet. 

Die Emanzipation von diskriminierten Gruppen ist in Deutschland relativ neu und ungewohnt. Es heißt dann oft: “Wenn Frauen immer Feminismus schreien, dann werden die Unterschiede nur sichtbarer. Wenn wir einfach so täten, als gäbe es die Probleme nicht, würde sich das Thema vielleicht von alleine erledigen.” Das empfinde ich als großes Paradox. Wenn man ein Problem benennt, stellt man es erstmal heraus das ist natürlich schmerzvoll und mag vielleicht auf den ersten Blick so wirken als würde es dadurch größer, aber wir müssen die Sachen ja erstmal benennen. Gerade in Bezug auf antirassistische Arbeit stehen wir in Deutschland noch am Anfang und wir haben alle noch viel zu lernen. 

Hast Du schon Ideen, welche Themen Du in Deinen nächsten Projekten ins Licht rücken möchtest?

Das Thema nationalsozialistischer Kontinuitäten in der deutschen Gesellschaft wird mich immer begleiten. Die zwei Künstler*innen Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah haben diesen neuen Begriff in die Debatte integriert, den ich sehr spannend und treffend finde, um die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu benennen: Person mit Nazihintergrund. Das bin ich auch. Ich glaube jeder von uns kennt die Erzählung aus der eigenen Familie, wie die Großeltern “doch nicht so involviert waren” oder die Erzählung vom Mitläufer. 

Ich glaube, es wird erst dann wirklich spannend, wenn ich akzeptiere, dass mein Großvater eben nicht bei der Weißen Rose war. Diese Akzeptanz kann ich in die heutige Zeit übertragen und überlegen: Was kann ich hier und heute tun? Wo mache ich gerade Fehler oder wo werde ich zum Mitläufer? Wo kann ich Verantwortung übernehmen? Wo kann ich strukturelle Probleme benennen?

Momentan stelle ich ein neues Projekt im Ruhrgebiet fertig, denn ich wurde eingeladen für Urbane Künste Ruhr beim Ruhrding: Klima mitzuwirken. Einmal im Jahr gibt es eine Ausstellung im öffentlichen Raum. Dieses Jahr ist die Ausstellung in Herne, Recklinghausen, Gelsenkirchen und Haltern am See. Ich hatte das große Glück in einem ehemaligen McDonalds in Herne, der seit 2011 geschlossen ist, arbeiten zu dürfen. 

Die McDonalds-Filiale liegt in der Innenstadt von Herne. Durch den Strukturwandel und das Aussterben der Innenstädte im Ruhrgebiet ist auf diesem Teil der Fußgängerzone absolut nichts los. Die Besitzer haben keinen Nachmieter für das Lokal gefunden, sodass der Ort jetzt wie eine Zeitkapsel wirkt. Für das Projekt Family Business habe ich dort drei Filme gedreht, die in drei Kapiteln die Vergangenheit, die Gegenwart und die potentielle Zukunft dieses Ladenlokals behandeln. Letzteres wird gemeinsam von Schauspieler*innen diskutiert.

Das geht auch in eine institutionskritische Richtung, weil ich glaube, dass viele Kulturschaffende im letzten Jahr auf elementare Fragen zurückgeworfen wurden. Für wen ist unsere Arbeit wichtig und warum? Mir ging es definitiv so im ersten Lockdown, die Frage nach der Systemrelevanz meiner Arbeit treibt mich schon lange um. Im Ruhrgebiet gibt es viele Leerstände und immer wieder wird Kunst und Kultur im Rahmen vom Strukturwandel benutzt oder auch instrumentalisiert. Das ist natürlich toll für die Künstler*innen, weil dadurch Fördergelder fließen. Gleichzeitig muss man sich aber immer wieder fragen: Für wen macht man das? Macht man das wirklich für die Leute vor Ort oder für ein wohlhabendes Kunstpublikum? Vielleicht ist ja beides gut, wichtig und schön. Diese Problematik wird in der Szene mit den Schauspieler*innen verhandelt. Die Ausstellung läuft vom am 8. Mai bis 28. Juni 2021.

Danke Dir!

Wir hoffen, dass das KIT bald wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist, damit man die Arbeiten für “Über alles vernünftige Maß hinaus” in Gänze genießen und die gesellschaftskritischen Anregungen weiterdenken kann.
Bis dahin lädt das KIT zur Überbrückung am 6. Mai zum Sparda-Kunst-Apéro ein. Ab 18 Uhr führen Silke Schönfeld und die Kuratorin Gertrud Peters digital via Zoom durch die Ausstellung geben Einblicke in die filmischen Inszenierungen. Eine Anmeldung unter wilke@kunst-im-tunnel.de ist erforderlich. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt. Das Angebot ist kostenlos. Alle Infos findet Ihr hier…

Silke Schönfeld. Über alles vernünftige Maß hinaus | KIT – Kunst im Tunnel
1. Mai 2021 – 18. Juli 2021
Mannesmannufer 1b | 40213 Düsseldorf

Text: Maren Schüller
Porträt: Roland Baege
© THE DORF 2021

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