Was hinter Wildpalms steckt: zur Ausstellung “Wrong Dress In Plumes Of Smoke” by Mauricio Limon

Wer den Roman “The Wild Palms” von William Faulkner kennt, fragt sich womöglich gebannt, was sich hinter den Türen der gleichnamigen Galerie auf der Gerresheimer Straße befindet. Denn dieses literarische Werk aus dem Jahr 1939 ist eine Art strukturelles Experiment, das zwei eigenständige Geschichten auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet. Mag die Kopplung zunächst willkürlich wirken, so offenbaren sich sukzessiv thematische Kontraste und Kontinuitäten. Ein vereinter Gegensatz ist beispielsweise die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft; genauer gesagt, dem Konflikt zwischen persönlicher Freiheit und humanistischer Moral. Es geht also um Rebellion und darum, konventionellen Mustern zu entkommen sowie – natürlich – den Blickwinkel zu wechseln.

Ähnlich wie Faulkners Roman stellt auch die Galerie “wildpalms” ein alternatives Format zur herkömmlichen Praxis dar, nur geht es hier um das Ausstellungswesen. Die beiden Galerie-Gründer Jorge Sanguino und Alexandra Meffert verfolgen ein fünfstufiges Credo, dessen ultimatives Ziel die Freude an Kunst ist. Da ihre Mission in erster Linie sozialer Natur ist, liegt der geschäftliche Schwerpunkt dementsprechend nicht auf kommerzieller, sondern auf kultureller Arbeit – sei es im Bezug auf das künstlerische Schaffen, die kuratorische Ausstellungsproduktion oder die lokal-globale Zusammenarbeit mit Akteuren in der Kunstwelt.

Fließend und uneingeschränkt sollen die wildpalms-Ausstellungen sein, denn im diskursorientierten Ansatz werden Besucher nicht völlig passiv der Rezeption ausgeliefert. Die derzeitige Show des mexikanischen Künstlers Mauricio Limon (*1979) mit dem Titel “Wrong Dress In Plumes Of Smoke” bildet keine Ausnahme: Wie ein work in progress ist sie konzipiert, belebt durch einen ständigen Briefwechsel mit dem derzeit in Paris lebenden Künstler. Er ist Rijksakademie-Stipendiat, bekannt in Lateinamerika seit über 10 Jahren, wurde für den ‘Future Generation Art Prize’ der Pinchuk Foundation nominiert und stellt aktuell im Universitätsmuseum Del Chopo in Mexico City aus. Sein interdisziplinärer Ansatz umfasst Gattungen wie Malerei, Zeichnung, Video und Performance – von denen einige bei wildpalms vertreten sind. Im Zentrum der großzügigen Räumlichkeiten stehen jedoch 26 menschenähnliche Holzmasken, die in einer kreisförmigen Anordnung auf Moniereisen ruhen. Sie sind das Produkt eines mehrjährigen Entwicklungs- und Schöpfungsprozesses zum Thema ‘weiße Haut’, daher auch der Name “Performing White Skin”. Vor einem postkolonialen Hintergrund provoziert Limón Assoziationen und Stereotypen, um auf diese Weise seine implizite Kritik an Rollenbildern und –klischees zu äußern.

Durch Ironie, Parodie und Mehrdeutigkeit ermöglicht Limón, Besuchern einen neuen Zugang zu zeitgenössischen Machtstrukturen in Kultur, Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft. Wie sich Ausgrenzungsmechanismen manifestieren, zeigt der Künstler beispielsweise anhand eines Videos, in dem das Spiel mit der Maske zur intellektuellen Selbstbehauptung wird. Im hinteren Teil der Ausstellung verleiht Limón der Debatte einen weiteren Horizont, indem er eine malerische Inszenierung weißer Haut und eine afrikanische anmutende Raumgestaltung einander gegenüberstellt.

Wer zusätzlich zum Geist auch den Körper nähren möchte, kann einen Ausstellungsbesuch bei wildpalms mit einer Yoga-Stunde verbinden, denn praktischerweise befindet sich Alexandra Mefferts Studio direkt über den Galerieräumen. “Light Space Movement” verdankt seine Benennung einer Künstlerbewegung aus den 1960er Jahren – was auch sonst, schließlich hat der Name “wildpalms” ebenfalls seine Wurzeln in der amerikanischen Kulturgeschichte.

Ausstellung: “Wrong Dress In Plumes Of Smoke” by Mauricio Limon
Ausstellungsdauer: noch bis zum 23. November 2019
Adresse: Gerresheimer Str. 33 | 40211 Düsseldorf
www.wild-palms.com | www.mauriciolimon.com

Text: Merit Zimmermann
Fotos: Achim Kukulies
© THE DORF 2019

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