Ritus – Underground Shows

Langhaarige Space-Rocker aus Japan, psychedelische Musik aus Frankreich und Dänemark, Krautrock aus Portugal oder wunderschön 60’s inspirierter Folk aus Wiesbaden.

Seit gut zwei Jahren gibt es für internationale Musik abseits des Mainstreams wieder eine feste Anlaufstelle in Düsseldorf – und zwar im Kulturschlachthof in Derendorf. Ein unscheinbarer Hinterhof, zwischen Neubauviertel, Co-Working-Campus „Super7000“ und Hochschule. Bis 2002 wurde auf dem gesamten Gelände unter anderem mit Kühen, Schweinen und Pferden gehandelt. Seitdem hat ein großer Teil der Düsseldorfer Musikszene dort ihr Zuhause. Auf dem Gelände gibt es mehrere Proberäume und es finden immer wieder Konzerte und Partys in den Clubs im Hinterhof statt. Wie sie aktuell heißen, weiß man nie so genau: „Session Club“, „Koyote“, „Exit“ oder „Nirvana“ – die Liste ist lang. Am besten beraten ist man also, wenn man sich einfach an den Schlachthof hält.

Seit 2016 hat sich in diesem Hinterhof jedenfalls eine neue Konzertreihe niedergelassen und scheint so schnell nicht wieder verschwinden zu wollen: Ritus. Es spielen Bands, deren Namen die meisten von uns bisher nicht mal aussprechen konnten: Dsama M’Butu Arkestra, Acid Mothers Temples, 10.000 Russos oder Fooks Nihil. Ein Satz, den man daher fast nach jedem Konzertabend hört: „Auch wenn ich die Bands meistens gar nicht kenne, komme ich immer und bin jedes Mal begeistert – ich vertrau da auf Felix“.

Felix, das ist Felix Wursthorn von der Düsseldorfer Band „Love Machine“. Die gehört mit ihrem psychedelischen Sound selbst zu einer festen Größe in der alternativen Underground-Musikszene. Die Band veranstaltet die Konzertreihe gemeinsam. Ganz nach dem Motto: „Wir laden ein, wer uns gefällt!“ Ihrem musikalischen Gespür ist es zu verdanken, dass im Schlachthof regelmäßig neue Lieblingsbands entdeckt werden. Der Anspruch dabei: internationale und nationale Musik präsentieren, die anders als das Radiogedudel ist. Und vor allem: aktuell und relevant.

Das funktioniert! Jeder Abend ist anders und überraschend, nicht selten geht man mit einer Platte oder einem Band-Shirt im Gepäck nach Hause. Und nicht weniger selten ist es, dass Bands sogar häufiger kommen, weil das Publikum sie so gefeiert hat. Es läuft also. Grund genug für uns, mal mit einem der Köpfe hinter der Reihe zu sprechen. Wir haben mit Felix vor der letzten Ritus-Show gequatscht und dabei festgestellt: dass Ritus es nach Düsseldorf geschafft hat, war mehr Glück als geplant.

THE DORF: Gucken wir zwei Jahre zurück: was war der Moment, an dem du dachtest: „jetzt braucht es sowas, wie Ritus“ – gab es da einen Auslöser?
F: Jein. Eigentlich fing es damit an, dass ich 2015/16 in Köln für ein halbes, dreiviertel Jahr gemeinsam mit einem Freund eine Konzertreihe gemacht habe: „Macabra“. Das war aber eher ein Auf- und Ab. Manche Konzerte liefen sehr gut, manche so gar nicht. Zu der Zeit habe ich auch noch in Köln gewohnt und war gar nicht so viel in Düsseldorf. Dann gab es aber irgendwann die Situation, dass „10.000 Russos“ neben einer Show, die sie bei uns in Köln gespielt haben, unbedingt noch eine zweite Show in der Gegend spielen wollten. Und da habe ich meine Chance gewittert, mein Ding in Düsseldorf zu machen. Und so fing Ritus dann im Juni 2016 mit „10.000 Russos“ im Schlachthof an.

THE DORF: Wie bist du da auf den Schlachthof gekommen, war das eine bewusste Entscheidung?
F: Ja, auf jeden Fall. Das war die einzige Venue, wo ich gedacht habe, dass ich da überhaupt fragen kann. Wir kennen die Leute schon ewig und unser Proberaum ist auch da. Der Schlachthof ist für mich die letzte Insel in Düsseldorf und einfach schon immer der „Place to Be“. Ich bin da das erste Mal als 15- oder 16-jähriger mit einem Freund reingestolpert und das war dann auch so ein erleuchtender Moment. Von 16 bis 20 waren wir da ständig zum jammen. Wir haben da musikalisch und persönlich viel mitgenommen und gelernt – also von dem Ort selber. Der Ort ist das absolute Gegenteil von dem, was man außerhalb Düsseldorfs mit der Stadt verbinden würde. Es ist alles total chaotisch, anarchisch und unkompliziert. Und darum habe ich damals auch direkt dort angefragt. Ich wüsste auch bis heute nicht, wo ich sonst ohne riesigen Aufwand einfach mal spontan anklopfen könnte, um ein Konzert zu machen. Das bedarf ja schon weiter Vorausplanung. Und „10.000 Russos“ haben uns damals eben nur knapp drei Wochen vor dem Konzert gefragt – und dann haben wir’s glücklicherweise im Schlachthof gemacht.

THE DORF: War dir in dem Moment schon klar, dass „Ritus“ was Längeres werden soll? Hattest du schon beim ersten Konzert eine Vision, wie die Reihe aussehen soll?
F: Ja, das war mir schon klar. Allein schon wegen der Erfahrung, die wir mit Love Machine gemacht haben. Wenn du in Düsseldorf funktionieren willst, brauchst du erstmal ein geiles Artwork, das knallt und Wiedererkennungswert hat. Darum war es schon von Anfang an darauf angelegt, dass das eine eigene Identität haben soll. Dass es sich dann so weiterentwickelt – mit so vielen Konzerten und so einer Perspektive in die Zukunft, das war offen. Mir war aber schon klar, dass solche Shows in Düsseldorf zum damaligen Zeitpunkt nur unter gewissen Umständen funktionieren.

THE DORF: Und das sind welche?
F: Sehr günstiger Eintritt, also quasi geschenkt. Drei Euro waren das damals noch. Und: eben ein geiles Artwork. (Anmerkung der Redaktion: Die Plakate gestaltet Hendrik Siems. Er ist selber Teil von Love Machine und studiert Design an der HSD)

THE DORF: Was ist der Anspruch, den du dir mit Ritus selbst stellst? Was soll Ritus sein?
F: Ritus sind viele Dinge. Bei uns spielen vor allem erstmal die Bands, die wir in Düsseldorf sehen wollen, die aber sonst keiner bucht. Das geht dann damit einher, dass unser Ritus-Geschmack eine Nische trifft, die es so vielleicht in Düsseldorf vorher noch nicht gab, oder für die es zumindest keinen Ort gab.

THE DORF: Da sprichst du einen spannenden Punkt an. Ich habe nämlich das Gefühl, dass ihr mit Ritus sogar aktiv eine neue Nische innerhalb der Düsseldorfer Musikszene erschafft. Viele Leute scheinen nur zu Ritus zu kommen, weil sie auf euren Geschmack vertrauen, ohne die Bands vorher zu kennen. Wie nimmst du das wahr?
F: Ich glaube, das ist gemischt – diese Leute gibt es mit Sicherheit. Und das ist auch schön für Veranstaltungen in dieser Größenordnung. Das sind Bands, die kann man gar nicht kennen, wenn man nicht so ultra-tief in der Underground-Musik-Szene drinsteckt. Ich finde es toll, dass es Leute gibt, die der Reihe dieses große Vertrauen entgegenbringen. Leute die kommen, um die Musik zu entdecken. Ich glaube, es gibt aber auch genügend Leute, die die Bands schon kennen und sich mega den Ast abfreuen, weil die Bands endlich mal nach Düsseldorf kommen. Einfach weil es Bands sind, die sonst nur nach Köln gekommen wären – wenn überhaupt.

THE DORF: Gucken wir auf die Bands – wie wird entschieden, wer bei Ritus spielt?
F: Der Anspruch ist aktuelle Bands zu buchen, die eine gewisse Attitüde und einen gewissen Spirit bezüglich Live-Musik mitbringen. Jede Band, die bei der Reihe spielt, sollte für den Zuschauer eine eigene Experience sein. Das ist mir wichtig und das ist auch das, was eine gute Live-Band ausmacht. Und Ritus soll vor allem das sein: ein Platz für gute Live-Bands.

THE DORF: Genre-mäßig seid ihr da also auch gar nicht so festgelegt?
F: Naja, es gibt natürlich immer irgendwelche Grenzen, die man sich bewusst oder unbewusst selbst setzt. Wir sind halt alle schon ziemlich in diesem Psychedelic, Krautrock und Garage-Ding verwurzelt, das ist dann auch der grob-gesteckte Rahmen, aber da kann es auch immer mal wieder ausschlagen. Wir haben ja auch genügend analog-elektronische Acts oder Folk- und Folkrock-Acts dabei. Irgendwie hängt das ja auch alles zusammen.

THE DORF: Ihr habt jetzt insgesamt schon 26 verschiedene Bands auf der Bühne gehabt. Gibt es da eine Band, die dir besonders im Kopf hängen geblieben ist?
F: Acid Mothers Temple! Die erste Show, die ich mit denen gemacht habe, war erst die zweite Ritus-Show überhaupt. Das war darum sehr aufregend und stressig, hat am Ende aber super geklappt und war mega voll. Ich glaube das Konzert war maßgeblich für die ganze Reihe und das Weitermachen. Weil man gesehen hat: „Okay, so ein Act funktioniert in dem Club und in der Reihe und vor allem: in dieser Stadt“. Und das hat sich beim zweiten Konzert von Acid Mothers Temple Konzert fortgesetzt. Beide Konzerte waren gespickt mit denkwürdigen Momenten. Wenn dann zum Beispiel der japanische Gitarrist als Drag Queen auf unseren Verstärkertürmen Striptease tanzt und 200 Leute darauf steil gehen. Das passiert einfach nicht jeden Tag.

THE DORF: Da sagst du was. Gibt es noch einen zweiten besonderen Moment?
F: Wer mich persönlich am meisten berührt hat, sind CHICKN aus Athen. CHICKN haben mich aus Eigeninitiative angeschrieben, weil sie auf die Reihe aufmerksam geworden sind und gesehen haben, dass andere internationale Bands, die sie selber gut finden, hier spielen. Ich fand sie eigentlich schon wegen dem Namen geil und vom ersten Hören dann natürlich auch. Das hat sich dann wirklich als Glücksgriff rausgestellt. Wir waren direkt auf einer Wellenlänge. Es war ein geiler Tag mit den Jungs und ein geiles, denkwürdiges Konzert.

THE DORF: Du hast erzählt, ihr habt den Tag zusammen in Düsseldorf verbracht, euch den Rhein angeschaut und am KIT Bier getrunken. Entsteht zu den Bands durch Ritus auch eine persönliche Beziehung?
F: Ja, auf jeden Fall. Schon dadurch, dass wir Bands holen, die wir immer schon mal sehen wollten oder wo wir sofort spüren, dass sie zu Ritus passen. Teilweise sind das auch Bands, die wir selber auf Tour kennenlernen und denken: „das ist genau das, was wir in Düsseldorf haben wollen“. Da entstehen natürlich auch Verbindungen und Freundschaften. Das kommt durch den musikalischen Spirit einfach ganz schnell.

THE DORF: Das spürt man auch bei den Konzerten, die Nähe zwischen Band, Publikum und Veranstaltungsort ist was Besonderes: echt & schnörkellos.
F: Total. Wir hantieren da im Schlachthof einfach nicht mit großen Mitteln. Das ist immer noch alles total DIY, also selbstgemacht. Ich finde, dass man eine sehr gute Show auch mit rudimentären Mitteln auf die Beine stellen kann. Und zwar so, dass es für Veranstalter, Band und Publikum passt. Da kommt mir dann auch die Erfahrung durch 11 Jahre Band- und Tourleben zu Gute. Ich weiß: es muss nicht immer alles perfekt sein. Wenn ich Pizza für die Band, guten Sound und genügend Leute da hab, dann läuft das. Das sind im Endeffekt auch die wichtigen Eckpfeiler für Ritus: Pizza, guter Sound und genügend Leute.

THE DORF: Wenn Pizza, Sound und Menschen stehen – wie geht’s jetzt weiter? Welche Pläne hast du noch für und mit Ritus?
F: Generell soll es einfach weitergehen. Regelmäßig, mindestens einmal im Monat – der Rhythmus fühlt sich gerade richtig an. Auf Dauer gesehen ist es schon mein Ziel noch größere Acts nach Düsseldorf zu holen. Also Künstler oder Bands, die zum Beispiel auch einer breiteren, gitarrenmusik-zugewandten Masse bekannt sind.

THE DORF: Wer wäre das, wenn du dir was wünschen könntest?
F: Ty Segall oder Thee Oh Sees! Dann gäbe es die absolute Pizza-Eskalation.

THE DORF: Dann hoffen wir mal, dass Ty oder Thee Oh Sees sich, ähnlich wie CHICKN, auch bald bei Felix melden. Wir würden uns freuen & natürlich in der ersten Reihe tanzen. Cheers!

Nächste Termine Ritus – Underground Shows:
Ritus #17 | Chogori – LP Release Show | Support WATT!
Freitag, 5. Oktober | ab 20 h
Eintritt: 8 €

Chogori | Modularfield
Analogue Electronics (Düsseldorf)
www.chogori.org
WATT
Synth Pop (Düsseldorf / Adelaide)
soundcloud.com/watt-einheit

Ritus #18 | Boogarins & Neumatic Parlo
Dienstag, 6. November | ab 20 h
Eintritt: 8 €

Boogarins | OAR
Psychedelia (Brazil)
www.boogarins.com
Neumatic Parlo
Garage (Düsseldorf)
www.neumaticparlo.com

Adresse: R25 – Kulturschlachthof | Rather Str. 25 | 40476 Düsseldorf

Text: Meike Glass
Fotos: Kristina Fendesack
© THE DORF 2018

Mehr von MEIKE

WATT!

Mit einem Aussie auf der Rheinkirmes: Seit gut sieben Jahren lebt der...
Weiterlesen