JEEHYE SONG • ÜBER ADILETTEN & VERSTECKTE NACHRICHTEN

Zwischen Leichtigkeit und Melancholie malt Jeehye Song humorvoll Situationen aus dem Alltag. Wir haben die Malerin in ihrem charmanten Hinterhofatelier auf der Ackerstraße besucht.

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Adiletten. Das erste, was in Jeehye Songs charmanten Atelier auffällt, sind die ikonischen blauen Badelatschen mit den weißen Streifen. Song hat ein Faible für die Gummischuhe und besitzt mehrere Paare, die sie in einer Kiste deponiert. Sie trägt sie beim Arbeiten und lässt sie immer wieder in ihren Werken auftauchen. Dicht an dicht sind große und kleine Leinwände an den Wänden und auf Staffeleien verteilt. Einige sind fertig, an anderen arbeitet sie noch. Wer will, kann verwobene Geschichten zwischen den einzelnen Bildern erkennen. Immer wieder tauchen Adiletten auf. Auf einem kleinen Bild, etwas versteckt hinter einer Staffelei, ist nichts weiter zu sehen als ein solcher Schuh, in dem ein nackter Fuß steckt. Ein paar Bilder daneben stehen zwei Füße in den Badelatschen. Sie befinden sich auf einer winzigen Grünfläche. Wie eine bepflanzte Verkehrsinsel sieht der Rasen aus, der zwar irgendwie ein bisschen Grün in die Stadt bringt, aber so gar nichts mit Natur zu tun hat. 

Die Schuhe sind viel zu groß für die kleinen Füße und der rechte Schuh zerfließt nach hinten, als wäre er in der Sonne zu warm geworden. Die Schuhe befinden sich in verschiedenen Settings, mal als einziger Bildinhalt, dann wieder gemeinsam mit Menschen. Doch auch wenn in Songs Werk häufig verschlungene Personen abgebildet werden, erfahren wir nie, wer genau dargestellt ist, denn Gesichter gibt es kaum. Malt sich die Künstlerin selbst? Porträtiert sie Freunde? Das sei egal, sagt sie, denn sie male Gefühlslagen, die zwar jeder kennt, die aber dennoch nicht sofort zugeordnet werden können.

Wenn sie an der Leinwand steht und malt, dann immer in sehr dünnen Strichen. So dünn, erzählt sie lachend, dass der Pinsel über die Leinwand kratzt und es klingt, als würde sie mit einem Schleifgerät arbeiten. Vielleicht eine Reminiszenz an ihre erste Ausbildung im Kunsthandwerk? Bevor sie an die Kunstakademie gekommen ist, hat sie Metallkunstdesign studiert und als Schmuckdesignerin in Seoul gearbeitet. Schnell hat sie gemerkt, dass ihr das kreative Arbeiten mit ständiger Marktorientierung überhaupt nicht gefällt. Sie wollte Kunst schaffen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie diese verkauft werden kann. Von einer Freundin hört sie von der tausende Kilometer entfernten Kunstakademie. Die Freundin studiert dort und ist ziemlich zufrieden. 

Kurzerhand beschließt Song sich auch zu bewerben, wird angenommen und zieht nach Düsseldorf. Im Studium malt sie abwechselnd mit Acryl und Öl, experimentiert und entwickelt Installationen: „Kurz vor dem Abschluss habe ich meinen Stil gefunden und gemerkt, dass ich malen muss, dass ich das wirklich brauche.“, stellt Song fest und erzählt, wie sie in dieser Phase jeden Tag ein Bild gemalt und „richtig durchgezogen“ hat. Das war 2021, als die ganze Welt geschlossen war. „Seit Corona verstehen mehr Leute, was ich sagen will.“, stellt Song fest und erzählt von schweren Phasen in ihrem Leben. 

Eigentlich dachte sie immer, in Deutschland würde offen über Krankheiten gesprochen. Aber Depressionen, stellt sie schnell fest, sind lange ein großes Tabuthema gewesen. Während der Pandemie und dem kollektiven Erleben der nicht enden wollenden Isolation habe sich da viel verändert und ein breites gesellschaftliches Verständnis für psychische Erkrankungen sei entstanden. Auf den Bildern aus dieser Zeit sind niedergeschlagene Charaktere zu sehen. Vor einem ungemütlichen Bett mit dunklem Stahlrahmen sitzt eine Person auf dem Boden. Wie in größter Verzweiflung vergräbt sie ihren Kopf zwischen den Händen, während das Gesicht hinter langen braunen Haaren verschwindet. Ein Mann sitzt zusammengekauert in einem völlig kahlen Raum. Auch er hat wie alle anderen Figuren in Songs Bildern kein normales Gesicht. Auf seinem Hals sitzt stattdessen ein Krokodilkopf. 

Und dann gibt es doch noch ein Bild, das wahrscheinlich eine Art Selbstporträt ist. Ein Atelier ist zu sehen und eine riesige Leinwand. Vor dem Keilrahmen liegen heruntergefallene Adiletten, ein Fuß verschwindet gerade in der Bildfläche. Eine malende Hand guckt oben heraus, doch der Rest des Körpers ist im Bild abgetaucht. Ob sie in der Malerei abgetaucht ist oder ertrinkt, erfahren wir nicht, denn Jeehye Song will die Betrachter ihrer Kunst im Ungewissen lassen, erzählt sie und beginnt mitten im Atelier, zwischen Farbtuben und Pinseln, einen Kaffee kalt zu brühen.

Wir trinken einen Schluck und ich bin ganz erstaunt. Was aussieht wie ein ganz normaler brauner Kaffee, schmeckt wie eine Blumenwiese. Sie hätte nun mal ganz besondere Bohnen, erklärt sie unaufgeregt, während sich in meinem Mund eine Geschmacksexplosion breitmacht. Wie eine Analogie zu ihrer Kunst ist dieser Kaffee, denn auch die ist nicht das, was sie auf den ersten Blick vorgibt zu sein: Aus einem Augenpaar qualmen dicke Rauchschwaden. Hinter einem kreisrunden Mund mit fülligen Lippen blitzen große weiße Zähne. Wie eine Sexpuppe, die bereit ist zuzubeißen. 

Die Werke sprechen ihre Betrachter sehr unmittelbar an, auch wegen der dargestellten Objekte: Adilette, Verkehrsinsel, Zimmerpflanze – auch wenn wir den Inhalt nicht sofort entschlüsseln, wissen wir, dass die Szenen in unserer Gegenwart spielen und können relaten. Auf den ersten Blick wirkt ihr Œuvre sehr humorvoll, was sie ganz bewusst als Stilmittel einsetzt. So will sie die Distanz zwischen Kunstwerk und Betrachter aufbrechen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich dunkle Seiten. Ganz bewusst sind ihre Bilder mehrschichtig und changieren zwischen lautem Witz und plötzlicher Melancholie, ein Ansatz mit dem sie sich auf Charlie Chaplin bezieht: „Ich will mich in meiner Malerei zeigen und gleichzeitig hinter ihr verbergen.“ 

Die Motive findet sie im Alltag, den sie als Tagebuch für ihre Kunst versteht, in dem sie Situationen zwischen Leichtigkeit und Tristesse erlebt und sammelt. Auch die Werktitel funktionieren als pointierte Witze, bei denen einem im nächsten Moment das Lachen im Hals stecken bleibt. Sie heißen „Tschüss“, „Wie soll ich nach Hause gehen?“ oder „Zu cool für dich“. Zu sehen ist eine Hand mit goldenem Ring. Aber die Finger sind blau und der Titel assoziiert kein Happy End.

In den Werken verschmilzt Leichtigkeit mit Melancholie und wir werden immer wieder dazu aufgefordert, die Geschichte hinter dem Offensichtlichen zu suchen. Jeehye Song verwebt Erfahrungen und Gefühle in einem sehr persönlichen Werk, das uns mit Humor catcht, aber in seiner Vielschichtigkeit immer kleine Geheimnisse bewahrt.

English version:

Between lightness and melancholy, Jeehye Song humorously paints situations from everyday life. We visited the painter in her charming backyard studio on Ackerstraße in Düsseldorf-Flingern.

Adilettes. The first thing you notice in Jeehye Song’s charming studio are the iconic blue slides with the white stripes. Song has a soft spot for the rubber shoes and owns several pairs, which she keeps in a box. She wears them when working and has them appear again and again in her works. Large and small canvases are spread close together on the walls and on easels. Some are finished, on others she is still working. If you want to, you can discern interwoven stories between the individual paintings.

Adilettes appear time and again. In one small picture, somewhat hidden behind an easel, there is nothing more than such a shoe with a bare foot in it. A few pic- tures next to it are two feet in the bathing slippers. They are on a tiny green area. The lawn looks like a planted traffic island, which somehow brings a bit of green into the city but has nothing at all to do with nature.

The shoes are far too big for the small feet and the right shoe melts backwards as if it had become too warm in the sun. The shoes are in different settings, sometimes as the only content of the picture, then again together with people. But even though Song’s work often depicts intertwined people, we never find out who exactly is depicted, for there are hardly any faces. Does the artist paint herself? Does she portray friends? It doesn’t matter, she says, because she paints emotional states that everyone knows, but which nevertheless cannot be immediately assigned.

When she stands at the canvas and paints, it is always in very thin strokes. So thin, she says with a laugh, that the brush scratches across the canvas and it sounds as if she is working with a grinder. Perhaps a reminiscence of her first training in arts and crafts? Before she came to the art academy, she studied metal art design and worked as a jewellery designer in Seoul. She quickly realised that she didn’t like creative work with a constant market orientation at all. She wanted to create art without worrying about how it could be sold. She hears from a friend about the art academy in Düsseldorf thousands of kilometres away. The friend is studying there and is quite happy.

Without further ado, Song decides to apply, is accepted, and moves to Düsseldorf. During her studies, she paints alternately with acrylics and oils, experiments, and develops installations: “Shortly before graduation, I found my style and realised that I had to paint, that I really needed to,” Song states and tells how she painted a picture every day during this phase and “really went for it”. That was in 2021, when the whole world was shut down. “Since Covid, more people understand what I want to say,” Song notes, recounting difficult phases in her life.

She always thought that in Germany people talked openly about illnesses. But depression, she quickly realises, has long been a big taboo subject. During the pandemic and the collective experience of the isolation, a lot changed, and a broad social understanding of mental illness emerged. The pictures from that time show depressed characters. A person is sitting on the floor in front of an uncomfortable bed with a dark steel frame. As if in the greatest despair, she buries her head between her hands while her face disappears behind long brown hair. A man sits huddled in a completely bare room. Like all the other figures in Song’s paintings, he too has no normal face. Instead, a crocodile’s head sits on his neck.

And then there is a picture that is probably a kind of self-portrait. A studio can be seen and a huge canvas. A fallen Adilette lies in front of the frame, one foot is just disappearing into the picture. A hand that is painting peeps out of the top, but the rest of the body is submerged in the picture. We don’t find out whether she is submerged in painting or drowning, because Jeehye Song wants to keep the viewers of her art in the dark, she tells us, and begins to brew a cold coffee in the middle of the studio, between tubes of paint and brushes.

We take a sip and I am quite amazed. What looks like a normal brown coffee tastes like a flower meadow. She has very special beans, she explains calmly, while an explosion of taste spreads through my mouth. This coffee is like an analogy to her art, for it too is not what it pretends to be at first glance: thick clouds of smoke come out of a pair of eyes. Large white teeth flash behind a circular mouth with plump lips. Like a sex doll ready to bite.

The works speak to their viewers very directly, also because of the objects depicted: Adilette, traffic island, houseplant – even if we do not immediately decipher the content, we know that the scenes are set in our present and can relate. At first glance, her oeuvre seems very humorous, which she uses quite deliberately as a stylistic device. In this way, she wants to break down the distance between the work of art and the viewer. But a closer look reveals darker sides. Her paintings are deliberately multi-layered and oscillate between loud wit and sudden melancholy, an approach with which she refers to Charlie Chaplin: “I want to show myself in my painting and hide behind it at the same time.”

She finds the motifs in everyday life, which she sees as a diary for her art, in which she experiences and collects situations between lightness and tristesse. The titles of the works also function as pointed jokes, so that the initial laughter gets stuck in the throat when you realise the meaning. They are called “Bye”, “How should I go home?” or “Too cool for you”. A hand with a golden ring can be seen. But the fingers are blue, and the title does not suggest a happy ending.

In the works, lightness merges with melancholy and we are always prompted to look for the story behind the obvious. Jeehye Song weaves experiences and feelings into a very personal body of work that catches us with humour, but always retains small secrets in its complexity.

Text: Laura Dresch
Foto: Natasha auf’m Kamp
© THE DORF 2024

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