Philipp Westerbarkei

Name: Philipp Westerbarkei
Alter: 31
Wohnort: Düsseldorf
Geburtsort: Verl (NRW)

Beruf: Regisseur
Gelernter Beruf: Studium der Theaterwissenschaft und italienischen Philologie
Webseite: www.philippwesterbarkei.de

Oper neu gedacht

Ein kalter Wind pfeift, als der Kleinbus auf das Gelände der Probebühne der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg einbiegt. Stimmen, Gelächter und reges Treiben sind zu hören. Dabei sticht einer aufgrund seiner physischen Präsenz direkt ins Auge: Philipp Westerbarkei. Mit ihm haben wir uns an diesem Samstag in Duisburg getroffen, um über seine derzeitige, in den Proben befindliche Inszenierung, „Roméo et Juliette“ von Charles Gounod zu sprechen. Ein Gespräch über die Macht der Gefühle, die Aktualität von Oper und die Simpsons. Und ein Lehrstück darüber, dass man die Oper, will man sie denn begreifen, mit allen Sinnen erfassen muss. Doch der Reihe nach.

Angefangen hatte alles während seines Geigenunterrichts. Westerbarkeis damalige Geigenlehrerin meinte eines Tages zum ihm, er sei verrückt genug für die Oper und nahm ihn mit zu einer Opernprobe im Theater Bielefeld. Was sie damit auslösen würde, ahnte sie da wohl nicht. War ihm im Vorfeld eher weniger als mehr klar, wohin seine berufliche Orientierung gehen würde, gab es für ihn von da an nur noch eine erklärte Richtung. OPER, OPER UND NOCHMAL OPER!

Und nicht irgendeine Oper. Nein, auch da hatte er konkrete Vorstellungen: „In zwei Jahren,“ eröffnete er, der Student, seinen Kommilitonen bei einem Besuch der Deutschen Oper am Rhein, „In zwei Jahren werde ich hier arbeiten.“ Und zwei Jahre später war er dann angekommen. „Es ist total absurd“, bilanziert er rückblickend.

Doch wer Philipp Westerbarkei kennt, weiß, er ist kein Traumtänzer. Mit harter Arbeit und Engagement machte er die Ochsentour durch den Opernbetrieb und erarbeitete sich sein Handwerk: Fast alle Abteilungen hat er einmal durchlaufen, was eine gute Schule für ihn war. Eine ungewöhnliche Laufbahn – möglich durch einen Rahmen, in dem er wachsen und sich weiterentwickeln konnte. Das Vertrauen, das er sich dabei erarbeitet hat, eröffnete ihm Freiräume zur eigenen Ausgestaltung. Erst im Kleinen und heute mit „Romeo und Julia“ im ganz großen Stil. So ist er in den letzten neun Jahren immer mehr an sich und durch die Erfahrungen an diesem Haus gewachsen. Stück für Stück.

Dieses Prinzip, mit Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen zum Erfolg zu kommen, zeigt sich auch in der Regietätigkeit Westerbarkeis, etwa bei den Proben. Er agiert, springt auf, durchquert den Raum im Ganzen: Innerhalb einer Minute wechselt er zwischen Spielleiter, Schauspieler, Vermittler hin zum Erzähler. Und das mit einer spürbaren physischen Intensität. Dynamik, Energie, Impulsivität sind hier die Begriffe, die seine Körperlichkeit im Wortsinn am ehesten erkennen lassen. Er ist ganz und gar präsent und mit Leib und Seele dabei. Seine Arbeit bewegt ihn, ist frei von Statik, sie gibt sich ganz der Bewegung hin. Musik wohne eine kinetische Kraft inne, die ihn in physische Bewegung treibt und innerlich bewegt. Es sei diese Bewegtheit, die den roten Faden innerhalb seiner Arbeitet ausmache. Eine Arbeit, die es sich zum Ziel gemacht hat, den Kontakt zum Publikum herzustellen. „Das Publikum müssen wir erreichen!“

Eine von echtem Interesse am Gegenüber, seinen Einstellungen und Gefühlen geprägte Grundhaltung ist für ihn dabei zentral. Das bedeute mitunter auch, eine neue Sprache zu finden. So lässt Westerbarkei sich etwa nur widerwillig als Regisseur betiteln, eine Abneigung, die er auf die Wortherkunft von „regieren“ zurückführt, eine Vorstellung, die ihm widerstrebt. Bei aller Stringenz in seiner Vita begreift er den künstlerischen Prozess doch als offen und dialogisch. Da ist zum einen der Austausch zwischen ihm und den Sängern, Schauspielern, Darstellern. Da ist aber auch der Dialog mit dem Publikum, der als Anspruch stets gegenwärtig ist, an dem sich der Erfolg der Oper als Kunstform messen lassen müsse. Inszenierungen bräuchten zwar eine klare Linie, eine erkennbare Handschrift. Aber auch eine, an die das Publikum anschließen könne. Gerade in der Oper.

Ich bin immer davon getrieben wahrhaftige Bilder zu schaffen.

Weshalb gerade dort? Für Philipp liegt das auf der Hand: „Oper kann alles, Oper ist alles, Oper ist Leben. Vor allem.“ Allerdings sei das vielen Menschen gar nicht klar, gelte die Oper als elitäres Projekt. Gerade jüngere Generationen hätten häufig die Einstellung, Oper sei nichts für sie. Es ist diese Entfremdung der Bühne von der Lebenswelt, die ihn stört. Ihr setzt er die Schaffung von Projektionsflächen entgegen. „Ich stelle Fragen, die jeder aus dem Alltag kennt“, beschreibt er seinen Ansatz. Und tatsächlich verrät ein Blick auf die Spielpläne, dass zeitlose Gefühle wie Liebe, Hass und Eifersucht geradezu allgegenwärtig sind. Menschen wie du und ich, so drückt Westerbarkei es aus, die Höhen und Tiefen erleben. Ihnen zu folgen, sich mit ihnen zu freuen und mit ihnen zu trauern und zu leiden, das ermögliche gut gemachte Oper. Oper sei Daily-Life und ihre 400 Jahre alten Themen damals wie heute eben zeitlos aktuell.

Hochkultur kann man nur befüttern, wenn die Basis stimmt und die Basis fängt vielleicht auch bei dem Simpson an.

Wie sieht aber das „Daily Life“ eines Mannes aus, der die Oper so drastisch popularisieren möchte? Ist er ein Workaholic, der 24/7 nur an die Arbeit denkt? Westerbarkei zwinkert. „Es gibt ab und an schon auch mal einen Betttag. So richtig mit Pizza und Eis. Oder ich gehe spazieren, raus in die Natur. So ganz ohne Ziel,“ erzählt er. Dann könne es schon auch mal vorkommen, dass er sich, Opernmusik auf den Ohren, plötzlich im Niemandsland eines Neusser Industriegebiets wiederfinde. Diese Auszeiten brauche er, um Kraft zu tanken und offen für neue Inspiration zu werden. Inspiration, die er auch aus Fotografie, Filmen oder eben Netflixserien zieht und damit aus Medien, die im Alltag vieler Menschen eine Rolle spielen. So bleibt er authentisch in seinem Bemühen um eine leichter zugängliche Oper, etwa wenn es darum gehe, ihre häufig sehr künstliche Sprache zu vereinfachen. Nur dann habe die Oper als Kunstform in seiner Generation noch eine Zukunft, ist er sich sicher.

Eine Zukunft, der auch seine Inszenierung von „Roméo et Juliette“ ihre Form gibt. Westerbarkei berichtet von den Schwierigkeiten, die die Auseinandersetzung mit einem klassischen und vermeintlich gut bekannten Stoff mit sich bringt. Es sei, als wenn Shakespeare „quasi durch den Best-Off-Supermarkt gegangen“ sei, als er „Romeo und Julia“ – diese perfekte Tragödie, diesen Mythos – geschaffen habe. Diese Überprägnanz habe eine Annäherung an den Stoff so lange erschwert, wie er in den Dimensionen einer klassischen Adaption gedacht habe. Er habe erst die bekannten Pfade verlassen müssen, um einen Zugang zu finden: „Ich merkte: Wenn ich zu nah am Balkon klebe, dann fall ich vom Balkon, sozusagen. Darum war mir sehr schnell klar, dass ich einen anderen Ansatz, Weg wählen werde, etwas Wahrhaftes zu machen.“

„Ich liebe, also bin ich. Das war mein Leitgedanke, von dem ausgehend ich die Welt aufgebaut habe.“ Es stellten sich dann unweigerlich existenzielle Fragen. Was bedeutet es, wenn man nicht liebt? Existiert man dann nicht? Was ist in dieser Tragödie Mythos und wie nah ist dieser an der Realität? Im Kern geht es um eine verbotene Liebe, um menschliche Gefühle. Solange es Menschen gebe, gebe es diese Gefühle und die sind immer universell in jeder Sprache, zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt.

Was genau die Zuschauer dabei erwartet, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Sie dürfen sich auf ein visuelles, akustisches und emotionales Feuerwerk freuen. „Es wird knallen. Und so manche Böller gehen auch nach hinten los…“, prophezeit Westerbarkei mit einem viel sagenden Lächeln. Ich habe mittlerweile verstanden: Es geht dem jungen Spielleiter nicht um Provokation. Was ihn antreibt, ist vielmehr der Versuch, für eine Jahrhunderte alte Kunstform eine zeitgemäße Sprache zu finden, die Verbindung zwischen der Oper und ihrem Publikum nicht einreißen zulassen. Scheinbar ist es so, dass jede Generation einen eigenen Geschmack, eine andere Sehgewohnheit entwickelt, sich im besten Fall eine sichtbare Hörerschaft verschafft, den Zahn der Zeit fühlt und diesen mit eigener würziger Note auf die Bühne bringt. Die jungen Wilden. Es wird Zeit – für sie.

„Roméo et Juliette“ von Charles Gounod, Premiere am 30.März 2019
Vom 30.März – 26. Mai 2019 an der Deutschen Oper am Rhein
Inszenierung: Philipp Westerbarkei
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

MORGENS

Guten Morgen – wo trinkst du morgens Deinen Espresso in der Stadt, um wach zu werden? Daheim – ohne den ersten Espresso am Morgen geht gar nichts!

NACHMITTAGS

Deine Lieblingsroute zum Spazierengehen, Schlendern, Kopf-Frei-Kriegen: Entlang des Rheins aus der Stadt heraus. Und in den Grafenberg Wald.

Drei Plätze in Düsseldorf, die du deinen Gästen unbedingt zeigen musst:
Natürlich das Opernhaus, die Kö und den Rhein, aber auch alles andere dazwischen und drum herum!

Zum Kaffeeklatsch mit Küchlein & Co. trifft man dich hier: Poccino im Kö-Bogen. Da kann man schnell zwischen Proben hin!

ABENDS

Wo verbringst du am allerliebsten einen gemütlichen Abend mit Freunden oder der Familie? …in einem der vielen Restaurants in Düsseldorf!

NACHTS

Deine Lieblingsbar oder Dein Lieblingsbartender sind: Die Melody Bar gehört auf jeden Fall dazu…

IMMER

Was vermisst du an der Stadt, wenn du nicht in Düsseldorf bist? Die kurzen Wege und die vielen Möglichkeiten!

Was liebst du am meisten an Düsseldorf? Schnell mal vom Altbier nach Little Tokyo mit einem Zwischenstop für Paella, Pizza und Döner… Zwischen Trivial- und Hochkultur – es ist alles da!

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich in deinem Job inspirieren? Einfach loslaufen und die Augen offen halten – es gibt immer etwas Neues zu
entdecken!

STIL

Der beste Ort, um Leute zu beobachten?
Bestimmt die Kö… reines Theater!

ALLGEMEIN

Was ist dein Lieblingsessen? Pizza!!!

Wo oder wobei kannst du am besten entspannen? Essen und Fernsehen – ganz trivial! Aber auch raus in die Natur!

Dein Lieblingsreiseziel ist? Leider ein Klischee, aber ja …Bella Italia!

Welches Buch liegt aktuell auf dem Nachttisch? Zu viele, die gelesen werden möchten! U.a. „Paris – ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway

Welchen Kinofilm hast du zuletzt gesehen? „The Favourite“

Aktuell läuft auf deiner Playlist/deinem Plattenspieler? Meistens die Oper, an der ich gerade arbeite – daher zur Zeit „Roméo et Juliette“ von Charles Gounod

Vielen Dank!

Text & Interview: Theresa Naomi Hund
Fotos:
 Kristina Fendesack

Produktion: David Holtkamp
© THE DORF 2019

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