Hidden Portraits by Volker Hermes

Segelschiffe auf hoher See, mathematische Figuren, die aus Käfern wachsen und maskierte Könige: Volker Hermes verbindet auf der Leinwand Welten, Genres und Epochen miteinander. Immer wieder wird der Betrachter hinters Licht geführt und muss manchmal schmunzeln. Wir haben ihn in seinem Hinterhof-Atelier in Düsseldorf besucht.

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Mitten in Bilk, in einem charmanten Hinterhof, hat der Maler Volker Hermes sein Atelier. Es ist aufgeräumt, aber nicht clean. In jeder Ecke kann etwas entdeckt werden. Neben Büchern und Farbtuben stehen seine Gemälde, kleine Experimente und die berühmt gewordenen „Hidden Portraits“. Als die Pandemie begann und sich plötzlich alle maskieren mussten, trafen seine Bearbeitungen von historischen Ölgemälden den Nerv der Zeit und gingen viral. Geboren wurde er in einer kleinen Stadt im Kreis Heinsberg. Für das Studium an der Kunstakademie zog es ihn nach Düsseldorf. Seit Mitte der Neunziger lebt er hier voller Begeisterung und auch als alle nach Berlin zogen, blieb er im Dorf. „In dieser Stadt brodelt es an einer Ecke immer, man muss diese Ecken nur finden.“, stellt Volker Hermes, der heute am Worringer Platz wohnt, fest.

Die Techno-Ära hat Volker Hermes immer wieder bei Reisen in die Hauptstadt erlebt, aber ganz hinziehen wollte er nie. Zu groß war das Gefühl, sich in der Berliner Lebensart zu verlieren. Lieber arbeitet er in seinem Bilker Atelier, steht von morgens bis abends mit Acrylfarbe und Graffitimarker vor seinen Leinwänden oder sitzt am Computer, scrollt durch Bildarchive von Museen und collagiert mit Photoshop alte Kunst zu neuen Werken.

Nach dem Studium brauchte er Abstand von der Akademie und hat sie einige Jahre nicht betreten. Heute besucht er gerne die Rundgänge, macht Projekte mit Studierenden und interessiert sich sehr dafür, was in der jungen Kunstszene passiert. Er sagt: „Ich wollte nie einer der alten Düsseldorfer Künstler sein, die kopfschüttelnd durch die Akademie gehen und sagen: Früher war alles besser.“

Nach dem Studium an der Akademie hat er sich gefragt: „Was war eigentlich vor mir? Und was bedeutet das für mich?“ und begann sich mit der Malereigeschichte auseinanderzusetzen. Bei seiner Recherche hat er nicht nur Ausstellungen besucht und Bücher gelesen, sondern sich selbst zum Teil der Kunstwerke gemacht. Mit Photoshop montiert er Fotos von sich direkt in die Ölgemälde hinein. Auf den Collagen sieht es dann so aus, als ob er die Adligen und Großbürgerlichen der vergangenen Jahrhunderte umarmt. 

Er versteht die Geste als eine Huldigung und Wertschätzung der Künstler*innen vergangener Epochen: „Mir bedeuten diese Bilder sehr viel.“. Die ersten digitalen Collagen sehen noch sehr skizzenhaft aus, aber in den folgenden Jahren steigt der Maler immer tiefer in die digitale Bildbearbeitung ein. Heute produziert er Collagen, die auf den ersten Blick wie echte Gemälde aussehen. Das gelingt ihm, weil alle Formen, Farben und Pinselstriche aus dem Bild stammen. Er fügt nichts neues hinzu, dupliziert nur bereits vorhandenes und setzt es an anderer Stelle ein. 

„Ich habe die Chance, mit einem alten Kunstwerk einen neuen Gedanken aufzuwerfen.“

„Es würde mir wie ein Sakrileg vorkommen, wenn ich ein Bild von einem anderen Maler einfärbe.“, sagt Volker Hermes und findet es wichtig, dass sich seine Modifikationen glaubwürdig in das Original einfügen. Die Aura der Bilder bleibt erhalten und sie werden zu einer zweiten zeitgenössischen Version. Es sind Fotoarbeiten, die bewusst auf glattem Papier gedruckt werden und kleiner als die Originale sind. Der Wunsch verschiedene Welten miteinander zu verbinden, zieht sich durch sein gesamtes Werk. 

In seinem Atelier war er auch, als die „Hidden Portraits“ plötzlich einen internationalen Hype ausgelöst haben. Menschen, die hinter Masken verschwinden, das symbolisiert perfekt und beinahe hellseherisch die Coronazeit. Wer Volker Hermes googelt, bekommt schnell das Gefühl, die ganze Welt habe in der Folgezeit über ihn und seine Maskierten berichtet. Internationale Ausstellungsanfragen folgten und heute hat er fast 50 K Abos auf Instagram, der Plattform, auf der alles begann.

Für die Porträtreihe wählt er Gemälde aus der Renaissance, dem Barock oder dem Biedermeier aus. Sie alle zeigen die „absolute Elite“ und nicht das „einfache Volk“, wie Hermes sagt. Blumen, Kleider und Frisuren – jede Kleinigkeit auf den Bildern hat eine symbolische Bedeutung und dient einem Zweck: Repräsentation. Damit setzt sich der Künstler auseinander und verschiebt den Kontext der Machtsymbole: „Ich habe die Chance, mit einem alten Kunstwerk einen neuen Gedanken aufzuwerfen.“, was ihm gelingt, indem er humorvoll Traditionen aufbricht. 

Wenn er aus der Halskrause, die Reichtum und Modebewusstsein symbolisiert, einen flauschigen Hut formt, wird das übertriebene Machtgehabe entlarvt. Lang-gelockte Allongeperücken, damals das haarige Markenzeichen europäischer Herrscher, werden so lange Locke für Locke verdoppelt, bis sie derart pompös sind, dass die Gesichter der Mächtigen hinter ihnen verschwinden. Aus feiner Samt- und Seidekleidung werden Masken, die an die SM-Szene erinnern. Gesichter werden verhüllt und die Menschen verschwinden hinter ihren herrschaftlichen Accessoires. 

Wer sie waren oder wie sie sich fühlten, kann nicht mehr auf den ersten Blick festgestellt werden. Wer die Bilder betrachtet, ist irritiert und setzt sich umso länger mit ihnen auseinander. Alles ist perfekt in diesen alten Ölgemälden, jeder feine Pinselstrich ist zu sehen und alles ist akribisch durchgeplant. Ganz anders sehen seine eigenen Gemälde aus, die aber denselben Ansatz verfolgen. Mit schnell trocknender Acrylfarbe malt er seine Bilder und zeichnet mit einem dicken Permanentmarker. Jeder Strich muss auf Anhieb sitzen und nichts kann korrigiert werden.

In einem alten Holzrahmen neben dem Bücherregal hängt ein kleines Gemälde. Auf ihm ist ein dunkles Segelschiff zu sehen, das grade den Kampf mit tosenden Wellen verloren hat. Über das bedrohlich-schwarze Meer ist eine riesige Unterschrift gezogen. Es ist nicht die Signatur des Künstlers, sondern ein Autogramm von Tilda Swinton. Sie hat die Hauptrolle in Jim Jarmuschs Vampirfilm „Only lovers left alive“ gespielt, in dem Volker Hermes‘ Schiffsbilder zu sehen sind.

„Die Leute fanden es strange, dass sich jemand im Jahr 2000 mit Seestücken beschäftigt.“, was ihn aber nicht weiter stört. Zu groß ist die Faszination für die damals elementare Schiffsfahrt. Auf der Suche nach Motiven streift er durch Marinemuseen und malt mit Acryl, Edding und Graffitimarkern historische Motive, die sich auflösen und Betrachtende mit ihrer dunklen Macht in den Bann ziehen.

Auch in seinen „Humboldt-Hybriden“ greift er vorhandenes Bildmaterial auf. In naturhistorischen Archiven hat er Tierzeichnungen von Wissenschaftsexpeditionen gefunden und kombiniert sie mit geometrischen Körpern. Die eigenständigen Wesen verbinden Mathematik mit Natur und Kunst. Sogenannte Polyeder haben ihn derart fasziniert, dass er sich durch Mathematikbücher gequält hat, um sie besser zu verstehen. Aus Papier faltet er kleine Polyederformen, die gedreht und von allen Seiten betrachtet werden können. Sie liegen in seinen Bücherregalen, neben Erinnerungsstücken und Kunstbüchern eingerahmt von vielen bemalten Leinwänden. In die Bildwelten von Volker Hermes einzutauchen, ist wie eine Reise durch vergangene Epochen mit dem Wissen unserer Zeit.

„Ich sehe immer gleich aus. Ich habe dasselbe Hemd acht Mal. Ich ziehe dasselbe beim Umzug, wie bei einer Eröffnung an.“

Text: Laura Dresch
Fotos: Kristof Puller
© THE DORF 2021/22

English version:

Sailing ships on the high seas, mathematical figures that grow out of beetles, and masked kings: Volker Hermes combines worlds, genres, and eras on the canvas. The viewer is duped again and again, sometimes getting a chuckle out of it. We visited the artist in his backyard studio in Düsseldorf. 

The studio of painter Volker Hermes lies in a charming backyard in the middle of Bilk. It is tidy but not clean. There is something to be discovered in every corner. Next to books and paint tubes stand his paintings, small experiments, and the now famous “Hidden Portraits”. At the start of the pandemic, when suddenly everybody had to mask up, these latter adaptations of historical oil paintings tapped into the pulse of time and went viral. 

Hermes was born in a small town in the district of Heinsberg. His studies at the Art Academy brought him to Düsseldorf. Here he has lived enthusiastically since the mid-1990s. Even when everybody left for Berlin, he stayed true to the Dorf. “In this city, there is always something brewing on some corner, you just have to find that corner”, notes Hermes, who now lives at the Worringer Platz. 

Hermes experienced the techno era on many occasions when visiting Germany’s capital. But he never really wanted to move there because the feeling of losing himself in Berlin’s way of life was too great. He has and continues to prefer working in his studio in Bilk, where he stands in front of his canvases with acrylic paints and graffiti markers from morning to night-time, or sits at his computer, scrolling through museum image archives and collaging old artworks into new ones using Photoshop. 

Upon graduation, he needed distance from the Art Academy and decided not to visit it for a few years. Today, however, he enjoys attending the end-of-semester Rundgang (open house) and regularly conducts projects with students. Moreover, he is very interested in what makes the upcoming art scene tick. As he puts it, “I never wanted to be one of those old Düsseldorf artists who walk through the Art Academy, shake their heads, and say: ‘Back then, everything was better’”. 

Following his studies at the Art Academy, Hermes began to seriously engage with the history of painting, asking himself: “What came before me? And what does that mean for me?”. For his research, he not only visited exhibitions and read books but also made himself part of the artworks he was studying. Using Photoshop, he mounted photos of himself on oil paintings. His resulting collages look as if he is embracing aristocrats and the upper-middle-class of past centuries. 

Hermes understands the collaging gesture as an homage to and appreciation of the artists of past eras. “These paintings mean a lot to me”, he says. His first digital collages are sketch-like but in the following years, the painter immersed himself deeper and deeper into digital image processing. Today, he creates collages that look like real paintings at first glance. He succeeds at this because all the shapes, colours, and brushstrokes that he uses stem from the painting itself. Rather than add something new, he only duplicates what already exists and places it elsewhere. 

“I have the chance to raise a new thought with an old artwork.”

“It would seem like a sacrilege to me if I colourised a painting by another painter”, says Volker Hermes. He finds it important that his painterly modifications credibly blend with the original artwork. In this way, the originals’ aura is preserved, as they are turned into a newer and more contemporary version. These newer versions are photographic works, which are smaller than the originals and deliberately printed on smooth paper. The desire to connect different worlds is like a recurring theme in Hermes’ oeuvre. 

Hermes was in his studio when an international hype emerged around his “Hidden Portraits”. Their visual content – people disappearing behind masks – perfectly and almost clairvoyantly symbolizes the current era. Anyone who googles Volker Hermes will quickly catch the feeling that the entire world reported on him and his masked people in the aftermath of the Covid-19 outbreak. International exhibition requests followed and today, he has more than fifty thousand subscriptions on Instagram, the platform where it all began. 

For the “Hidden Portraits” series, Hermes chooses paintings from the Renaissance, Baroque, or Biedermeier periods. They all depict the “absolute elite” rather than “common people”, as he remarks. Flowers, dresses, and hairstyles – every little detail that the paintings evince has a symbolic meaning and serves a purpose, namely that of representation. The artist plays with notions of rendition and shifts the context in which pictorial symbols of power are anchored: “I have the chance to raise a new thought with an old artwork”. And indeed, this he manages to do by humorously breaking up old-established traditions. 

When Hermes forms a fluffy hat out of the ruff that symbolizes wealth and a sense of fashion, he exposes exaggerated privilege in the relations of power. Long-curled allonge wigs, the then hairy trademark of European rulers, are doubled curl for curl until they look so pompous that the faces of the powerful disappear behind them. Fine clothes made from velvet and silk are refashioned into masks reminiscent of the S&M scene. Faces are veiled and people disappear behind their stately accessories. 

At first sight, the viewer can no longer determine who the people in the pictures were or how they felt. S/he is irritated and thus engages with Hermes’ pictures all the more so. Everything seems perfect in these old oil paintings, every fine brushstroke can be seen, and every aspect is meticulously planned through. Hermes’ paintings look quite different, but they follow the same approach. 

Hermes uses quick-drying acrylic paint for his paintings and a thick permanent marker for his drawings. Every drawn line must be spot on, nothing can be corrected. A small, wooden framed painting hangs next to the bookshelf in his studio. It shows a dark sailing boat that has just lost the battle against raging waves. A large signature spans over the threatening black sea. It is not the artist’s signature, but an autograph by actress Tilda Swinton. She starred in Jim Jarmusch’s vampire film “Only lovers left alive”, which features Hermes’ ship paintings. 

“People thought it was strange that someone dealt with seascapes in the year 2000”, Hermes says. But that did and does not bother him. Too big is his fascination for the then elementary shipping industry. In search of ideas, he roams through naval museums, before using acrylics, sharpies, and graffiti markers to paint historical motives which dissolve and captivate viewers with their dark power. 

Hermes also takes up existing pictorial material in his “Humboldt Hybrids”. He encountered animal drawings from scientific expeditions in archives of natural history and subsequently blended them with geometric bodies. The resulting independent beings combine nature and art with mathematics in a unique way. The artist was so fascinated by so-called polyhedrons so he struggled through maths books to understand these geo- metrical shapes better. He folds small polyhedrons out of paper so they can be turned and viewed from every angle. They lie on his bookshelves, next to memorabilia and art books, framed by a great many painted canvases. Diving into the pictorial worlds of Volker Hermes is like a journey through past eras with the knowledge of our time. 

“I always look the same. I have the same shirt eight times. I wear it when I move, as I do when I attend an exhibition opening.”

THE DORF • THE MAG is part of the #urbanana project by Tourismus NRW

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