Jan Albers

Für einen Außenstehenden mag das Gebäude auf der Lierenfelder Straße eher unbedeutend erscheinen – ein schlichtes Backsteinhaus im Düsseldorfer Gewerbegebiet. Aber der Schein trügt: Hinter den Türen dieses Gebäudes verbirgt sich nicht nur eines der größten Atelierhäuser der Stadt, sondern man findet dort auch versteckte Schätze wie das VAN HORN Schaulager. Hier treffen wir Jan Albers und erhalten einen Einblick in die Gedankenwelt des faszinierenden Künstlers.

Jan Albers macht keine halben Sachen. Der 1971 in Wuppertal geborene, in Düsseldorf ansässige Künstler, bekannt für seine experimentelle Art, fordert sich seit über 20 Jahren ständig selbst heraus. Seine konzeptionellen Arbeiten stellen traditionelle Normen der Bildenden Kunst auf den Kopf und erzeugen so beim Betrachter eine starke Reaktion. Anhand seines freien Umgang mit konventionellen Disziplinen fügt Jan Albers Malerei und Skulptur nahtlos aneinander. Er kreiert fesselnde, künstlerische Kompositionen, die auf eindrucksvolle Weise zwischen geometrischer, minimaler und biomorpher Abstraktion sowie Expressionismus balancieren. Mit anderen Worten: Es ist schwierig, dem Künstler ein Etikett zu verpassen. Jan Albers hat keinen typischen Stil, aber dennoch einen hohen Wiedererkennungswert.

Nach einem Moment des Staunens hinterlässt eine großformatige Wandarbeit im VAN HORN Schaulager einen überwältigenden und nachhaltigen Eindruck. Jan Albers nennt sie liebevoll “Kettensägenmassaker”. Wie viele Arbeiten des Künstlers besteht auch sie aus einem bunten Materalmix: Polystyrol, Holz und Sprayfarbe, vervollständigt durch eine Glasbox aus Acryl. cuttingEdg Es sieht jenseitig aus, erinnert an eine Mondlandschaft in verschiedenen Grautönen. Die Oberflächentopographie ist das Ergebnis von Jan Albers Handarbeit mit einem seiner favorisierten Bildhauerwerkzeuge, der Kettensäge. In einer typisch expressionistischen Geste setzt er ihre zerstörerische Kraft bewusst ein, um Unfälle und Fehler zu provozieren. In dem Moment, in dem andere Künstler bereit sind, das Handtuch zu werfen, versucht er, die (selbstinduzierte) Frustration durch einen dekonstruktiv-rekonstruktiv Ansatz zu überwinden. Bruchpunkte werden zum künstlerschen Treibstoff, Jan Albers bringt Ordnung in das Chaos.

“Manchmal sind Katastrophen nützlich, um ein außergewöhnliches Kunstwerk zu schaffen.” Während Jan Albers auf das radikale Potenzial von Störkräften hinweist, nimmt er beiläufig einen Schluck Rhabarberschorle. Entspannt und selbstbewusst sitzt er auf einem Holztisch, der das VAN HORN Schaulager schmückt – über ihm weht ein Mobile von Markus Karstieß sanft im Wind. Das mysteriöse Auftreten von Jan Albers sowie sein aufmerksames Auge und die sanfte Stimme machen es einfach zu verstehen, wie er sein Publikum in den Bann zieht. Mit einem verschmitzten Lächeln fügt der Künstler hinzu, dass seine “gestalterischen Möglichkeiten” sich immer in “Grenzsituationen” ergeben, wenn Zweifel auftauchen. Festzustecken ist für ihn kein Anlass zur Verzweiflung, sondern Ansporn zum Weiterkommen: “Ich bin einmal in eine nicht ganz so großartige Papparbeit gesprungen, und dann wurde sie auf einmal gut”. Flexibilität und Handlungsbereitschaft geben Jan Albers in seinem kreativen Prozess den nötigen Freiraum, um eine normative, künstlerische Vision zu überschreiten. Indem der Künstler peu à peu Ideen sammelt und Techniken schichtet, durchbricht er Gedankenmuster, gewinnt neue Perspektiven und findet neue Ansätze – auch wenn die Situation aussichtslos erscheint.

Eine Anekdote am Rande zeigt: Was immer das Leben bringen mag, Jan Albers ist allem gewachsen. Vor ein paar Jahren arbeitete der Künstler an einer “apokalyptischen Landschaft”, im Zuge derer er Polystyrol unter Verwendung von Korrosionsmitteln abätzte. Stunden später blies er ein Stück Fussel weg. Daraufhin gab es eine plötzliche Explosion in seinem Atelier. Das Polystyrol, ein sehr leicht entzündliches Material, fing Feuer und erzeugte dunklen Rauch, der sich blitzschnell im Atelier ausbreitete. Von Panik ergriffen riß Jan Albers seine Maske ab, rannte ins Badezimmer und füllte einen Eimer mit Wasser, um das Feuer zu löschen. In der (buchstäblichen) Hitze des Augenblicks vergaß er, dass ein Feuerlöscher griffbereit lag. Zwei Eimer Wasser später brachte Jan Albers das Feuer unter Kontrolle – zu diesem Zeitpunkt war sein Atelier pechschwarz. Als die Feuerwehr kam, fragten sie ihn, ob er verrückt sei. “Du hättest im Rauch ersticken können”, sagten sie in dem Versuch, ihn zur Vernunft zu bringen. Nachdem Jan Albers eine Nacht im Krankenhaus mit Sauerstoffmaske verbrachte, began er, die Scherben zu kitten. Sein Atelier wurde renoviert und das beschädigte Kunstwerk mit Sprayfarbe überarbeitet. Wenige Tage später war heLLoheLL vollendet. “So viel Missgeschick hatte selbst ich nicht erwartet , aber dennoch war es mir möglich, die Arbeit zum Besseren zu wenden”, bemerkt der Künstler und fügt hinzu, dass einer seiner Sammler das Werk kaufte, “ohne es überhaupt gesehen zu haben”. Somit versteht sich von selbst, dass es eine de-facto-Eigenschaft von Jan Albers ist, aus Katastrophen künstlerischen Profit zu schlagen.

Es ist etwas ganz Besonderes, wie streng kontrolliert Jan Albers seine Werke zähmt. Manchmal offenbart sich sein künstlerisches Zusammenspiel von Robustheit und Zärtlichkeit erst auf den zweiten Blick, aber das “Aufeinandercrashen der Gegensätze” ist ein wiederkehrendes Merkmal, welches den Betrachtern auf dem einen oder anderen Weg ins Auge fällt. Bildlich stellt Jan Albers Harmonie als Gegenstück zur Disharmonie dar, auch wenn im Kern ihrer Assoziation nichts als Widerspruch besteht. Für den Künstler ist die Spannung zwischen Fragilität und Stärke mehr als nur ein formales Merkmal seiner Arbeiten. Sie ist auch repräsentativ für seine Sichtweise auf die Welt: “Menschen können Arschlöcher sein, aber auch ganz feine Kerle.” Die Dualität der menschlichen Existenz – nämlich, zu richtigen und falschen Handlungen fähig zu sein – ist in der Tat kein Geheimnis. Als ein aufmerksamer Beobachter des Weltgeschehens verarbeitet Jan Albers das komplexe Nebeneinander von Gut und Böse in seinen Werken. “Versteh mich nicht falsch: Ich bin kein Esoteriker”, sagt er und lacht. “Aber offen gesagt dienen meine Arbeiten als Instrument zur Selbstanalyse und zum Verständnis der Welt.” Somit veranschaulicht die Kunst von Jan Albers, manchmal subtil und manchmal rebellisch, das Wesen der menschlichen Natur.

Jan Albers, der Sohn von Missionaren, wuchs in den 1970er Jahren in Namibia auf, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Erfahrungen seiner frühen Kindheit prägen zweifellos sein Erwachsenenalter: “Wenn ich im Atelier arbeite, bekomme ich manchmal so komische Flashbacks”, sagt er und beschreibt eine Situation, in der sein Patenonkel, ein Mitglied der South West African People’s Organization (SWAPO), am hellichten Tag festgenommen wurde. Solche Erinnerungen greift Jan Albers in seinen Werken auf – verbogene Stahlarbeiten wie Black Nelson Bender erinnern an Sperrzäune. Die Serie perforierter Papierzeichnungen Black Magic huldigt Menschenrechtsabzeichen. Namibias Unabhängigkeitskrieg und die epischen Landschaften Südafrikas gehören zu den vielen biografischen Elementen, auf die der Künstler in seinen Werken Bezug nimmt. Die Kunst von Jan Albers ist intim und aufschlußreich, ruft Gefühle von Unbehagen hervor, aber auch überwältigende Freude.

Über seine Anfänge als Künstler sagt Jan Albers, dass ihn die Arbeit in der Galerie Fischer in Düsseldorf ebenso stark beeinflußt hat wie das Studium an der Kunstakademie: “Es war eine Schule für sich.” Zu sehen wie selbstbewußt und präzise Bruce Nauman, Mario Merz und Carl Andre mit ihren Arbeiten umgingen war prägend für ihn, nicht nur, weil es sein Selbstbewusstsein stärkte, sondern auch aufgrund der vorgelebten Disziplin, die zeigte, dass sich harte Arbeit auszahlt. Die Ausdauer und Hartnäckigkeit, welche Jan Albers sich aneignete, ermöglichte es ihm, die ein oder andere Durststrecke in seiner Karriere zu überwinden.

“Vor der Jahrhundertwende war Düsseldorf das Auge des Sturms”, erinnert sich der Künstler und weist darauf hin, dass Menschen aus aller Welt ins Rheinland kamen, wenn Galeristen wie Max Hetzler Künstler zum Beispiel Christopher Wool ausstellten. Aber in den frühen 2000er Jahren wurde Berlin der Ort schlechthin. Als mehr oder weniger Jeder in die Hauptstadt ging, fühlte sich Jan Albers wie “ein Vollidiot – der letzte Künstler in Düsseldorf”. Die nackte Wahrheit, dass seine Werke in Deutschland keinen starken Zuspruch fanden, veranlasste ihn, international dort auszustellen, wo seine Kunst auf Anklang stieß. Es ist zwar eine echte Binsenweisheit zu sagen, dass Erfolg nicht von alleine kommt, aber dennoch hat der Künstler auf diesem Weg eine wichtige Lektion gelernt, nämlich “immer weitermachen”. Das Tolle ist: Düsseldorf ist in der internationalen Kunstszene wieder ein Begriff.

Was zeichnet die Stadt aus? “Kunst ist hier Teil des alltäglichen Lebens, egal ob man Zahnarzt oder Anwalt ist”, sagt Jan Albers aufrichtig. “Quer durch alle sozialen Schichten hat sich diese Einstellung manifestiert.”

Vielen Dank.

Text: Merit Zimmermann 
Fotos: Robin Hartschen
Fotos Artwork: The Artist
© THE DORF 2019

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