Fil der Protagonist – der Soundtrack zum Wahnsinn

In Zeiten, in denen Abstand, Einsamkeit und Monotonie unseren Alltag bestimmen, verwandeln sich simpel scheinende Maßnahmen schnell zu belastenden Herausforderungen. Die Düsseldorfer Band “Fil der Protagonist” schafft es, diese seltsamen Gefühlswelten zu vertonen und liefert uns Klänge am Rande des Wahnsinns. Mit ihrer neuen Single “Schmerztöter” thematisiert die Band mentale Abgründe und das Monster in sich selbst. 

Fil der Protagonist vermischt Elemente aus Rap, Jazz und Rock mit einer Leichtigkeit, die einen staunen lässt. Im einen Moment trifft ihr kluger Sprechgesang auf experimentelle Instrumentalphasen, im anderen auf subtile Klangmalerei. In jedem Moment aber wissen die vier genau, was sie tun. Mit der Single-Auskopplung von “Schmerztöter” und dem dazu gehörigen, sehr aufwändig produzierten Musikvideo, das man schon fast als düsteren Kurzfilm bezeichnen könnte, heben sie ihren musikalischen Auftritt selbstbewusst auf die nächste Stufe. Zwischen zu schroffen Riffs, geschrienen Ausrufen und intensiver Ruhe beschäftigt sich der Song mit Depression und Verzweiflung. Das zugehörige Musikvideo von Yannick Benavides mit Thaimko Conteh und Leonie Huber in den Hauptrollen greift diese Ideen und Themen auf und erzählt eine Geschichte die an vorherige, nicht weniger düstere Veröffentlichungen der Band erinnert. Zur Premiere zeigen wir Euch das Video hier.

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Das Debütalbum “Weiß wie Pech” erscheint nächsten Freitag, am 27. November und hält noch einige Offenbarungen und Gedanken zum Leben bereit. Eigentlich sollte das Album wegen der aktuellen Situation nur digital erscheinen, aber das brachten die vier Musiker schlicht und ergreifend nicht übers Herz. Sie wollen nicht darauf verzichten, ihre erste Platte in der Hand zu halten und von der Plattenspielernadel streicheln zu lassen. Deshalb haben sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um die Vinylpressung zu finanzieren. 

Wir haben uns vorab ein paar Einblicke in Werdegang und Vision der vielversprechenden Band geben lassen. Happy Single Release Day, Fil der Protagonist!

Für Leute, die Euch und Eure Musik nicht kennen, wie würdet Ihr Euren Musikstil beschreiben?
Unsere Musik ist nachdenklich, atmosphärisch, abstrakt. Aber am Besten hört Ihr selbst rein. 

Wie seid Ihr zur Musik gekommen und wann habt Ihr damit angefangen?
Wir haben erstmals 2013 angefangen zusammen Musik zu machen. Am Anfang hat uns vor allem der Wunsch verbunden, musikalisch etwas anderes zu probieren. Hip-Hop-Bands waren damals noch nicht so richtig im Kommen. Wir haben aber relativ schnell gemerkt, dass wir über konventionelle Beat-Musik hinaus denken und uns sowohl textlich als auch musikalisch nicht einengen wollen. Mittlerweile ist unser Zusammenspiel einfach in Fleisch und Blut übergegangen und unsere Hip-Hop-Wurzeln hört man nur noch bedingt heraus. 

Wer ist Fil?
Fil der Protagonist ist der Avatar unserer Band. Er steht stellvertretend für das lyrische Ich in den Texten. 

Welche Musiker:innen haben Euch geprägt und inspiriert und tun es noch heute?
u.A. BadBadNotGood, Goldroger, Casper, Oddisee, Earl Sweatshirt, Jordan Rakei, Red Hot Chili Peppers, Rage Against The Machine, Nirvana, Richard Spaven. Generell lassen wir uns aber von vielerlei Genres beeinflussen. Felix (Rap) hört zum Beispiel viel Melodic Death Metal, Paul (Bass) hört Indie und Jazz, Thomas (Drums) ist viel im Disco-Funk & Country unterwegs und Niklas (Keys) hört viel abstrakten Rap/HipHop sowie auch atonale Musik. Grundsätzlich hören wir aber auch viel Musik von Freund:innen. Wir haben auf unserem Spotify-Profil eine Playlist namens ‘Weiß wie Pech & Rot wie Gold’, in der wir unsere Einflüsse und Lieblingssongs festhalten und regelmäßig aktualisieren. 

Wie habt Ihr Euren unkonventionellen Sound gefunden?
Wir experimentieren regelmäßig an unserem Sound sowie unseren Song-Strukturen und Arrangements. Unsere Songs gehen oft durch viele Phasen und werden unter Anderem auch nach Live-Konzerten neu betrachtet und angepasst, bevor sie fertiggestellt werden.  Oft kommen wir mit einer Idee in den Proberaum und arbeiten diese dann zusammen aus. Dabei treffen unsere verschiedenen Einflüsse aufeinander, welche dann auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. So ist beispielsweise auch die Single ‘Schmerztöter’ entstanden, die erst in ihrer Gänze und Vielfalt für uns ihren Ausdruck gefunden hat.

Was fasziniert Euch daran, die doch sehr unterschiedlichen Genres Spoken Word, Jazz, Hip Hop und Rock zu verbinden?
Unsere Wurzeln haben wir im Rap & Jazz, das war sozusagen der Startpunkt. Mittlerweile versuchen wir aber, uns einfach der bestmöglichen Mittel zu bedienen, um die Aussage und Stimmung eines Songs zu kommunizieren. Durch die Kombination verschiedener Stile können wir eine viel größere Bandbreite und Dynamik abbilden. Und auch spielerisch ist diese Variabilität deutlich zufriedenstellender, als immer wieder die gleichen Strukturen zu wiederholen. Wir agieren als feste Band, deswegen hat der musikalische Aspekt auch eine so hohe Bedeutung. 

Mit welchen Themen beschäftigt Ihr Euch auf Eurem Debütalbum?
Weiß wie Pech ist ein sehr affektives Album. Aber mehr als einfach Gefühle zu beschreiben, versuchen wir diese durch sprachliche Bilder und Klangwelten direkt wahrnehmbar zu machen. Ein wichtiges Motiv sind dabei Naturzustände: Sturm, Sonne, Regen, Wärme, Eis. Sie lassen die Emotionen so gewaltig erscheinen, wie sie sich für uns persönlich auch anfühlen. 

Hoffnung als Schmerztöter – könnt ihr das erläutern?
Hoffnung hält uns auf den Beinen, selbst unter den widrigsten Bedingungen. Manchmal jedoch hält sie uns auch davon ab, die radikalen Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um diese Bedingungen zu verändern. Insofern tötet sie den Schmerz, verspricht aber keine Heilung – wie ein Schmerzmittel eben. 

“Echte Veränderung, Revolution, findet nur statt, wenn die Hoffnung stirbt. Und das Leben in einer letzten, verzweifelten Anstrengung die alte Schale abwirft und sich neu zusammensetzt.” 

War 2020 mit all seiner Dramatik, den schlechten Nachrichten und der Offenlegung gesellschaftlicher Missstände vielleicht der Startpunkt einer Revolution?
Gesellschaftliche Prognosen sind schwierig. Es bleibt abzusehen, ob und welche Veränderungen durch die momentanen Krisen bedingt einsetzen. Klar ist, dass noch viel Arbeit vor uns als Gesellschaft liegt. Zumindest dahingehend sollten wir uns keine falschen Hoffnungen machen. Grundsätzlich jedoch – auch abseits von einer krisenhaften Zeit – sollte jede Person immer wieder reflektieren, wo sie in der Gesellschaft steht und welche Möglichkeiten ihr offen stehen, einen positiven Einfluss auf Mitmenschen oder gesellschaftliche Zustände auszuüben.

Wie kamt ihr auf die Idee mit der Crowdfunding-Kampagne?
Gegeben der Umstände hatten wir uns eigentlich entschlossen, unser Debüt-Album rein digital zu veröffentlichen, da wir momentan auch wenig Live-Konzerte spielen. Aber das ist, machen wir uns nichts vor, schon eine bittere Vorstellung. Ein Crowdfunding auf der anderen Seite lebt 100% von der Community. Überzeugt hat es uns daher erst, als ein paar unserer treuesten Follower den Vorschlag wiederholt eingebracht haben. Jetzt hoffen wir, zusammen das Ding doch noch möglich zu machen. Wir haben uns auch überlegt, was wir als Band im Rahmen der Kampagne an unsere Community zurückgeben können. Die Details hierzu findet man auf unserer Startnext-Seite 

Was hilft Euch durch die Pandemie? Wie und wo schöpft Ihr Kraft?
Bevor die Wände näher kommen und der Kopf explodiert ist es ratsam, die gewohnten Pfade zu verlassen. Das kann man auch ruhig wörtlich verstehen: Neue Orte erkunden und sich absichtlich verlaufen bricht die eigene Perspektive. Wir haben uns beispielsweise öfter zum Spazierengehen im Grafenberger Wald getroffen, wo wir auch das Video zu ‘Schmerztöter’ gedreht haben. Dadurch, dass das öffentliche Leben zum großen Teil unter anderem kulturell stillgelegt wurde, haben wir außerdem wieder mehr Zeit zum bewussten Musikhören und auch Spielen für uns selbst gefunden, insgesamt also mehr Zeit zur künstlerischen Reflexion. Wo wollen wir hin? Was tut uns gut? Dazu gehören aber auch andere Kulturformen wie beispielsweise mehr Zeit für Literatur & Kochen. Abseits davon tut uns die Zeit mit unseren Familien sehr gut. 

Inwiefern beeinflusst Corona & die Einschränkungen die Arbeit an Eurer Musik? Was hat sich geändert?
Wir arbeiten noch stärker digital, asynchron und dezentral als wir das vorher getan haben, und unser Fokus hat sich natürlich von Live-Musik auf Songwriting & Produzieren verlagert. Unser Ansatz des Songwritings hat sich ebenfalls verändert. Wir schicken uns viele Entwürfe in unsere Home Studios und arbeiten jeweils alleine daran, schicken diese dann weiter und schreiben Songs so quasi digital. 

Was können wir aus der Krise mitnehmen?
Es ist wichtig anpassungsfähig zu bleiben und sich die Offenheit für Neues zu bewahren.

Eure Lieblingsroute zum Spazierengehen, Schlendern, Kopf-Frei-Kriegen:
Urdenbacher Kämpe, Grafenberger Wald (dort haben wir das Video zu ‘Schmerztöter’ gedreht), Flehe/Rhein Richtung Meerbusch, Brückerbach in Wersten (dort sind unsere Pressefotos, Artworks fürs Booklet sowie unser Startnext-Video entstanden), nachts mit Kopfhörern in der Innenstadt laufen, Flingern (Paul wohnt dort) 

Drei Plätze in Düsseldorf, die Ihr Euren Gästen unbedingt zeigen müsst:
Den alten Schlachthof und die dortigen Proberäume,  den Ehrenhof wegen der schönen Gebäude und den Weird Space. Wenn die Startnext-Kampagne funktioniert, planen wir dort einen Vinyl-Release-Day, an dem die erworbenen Platten abgeholt werden können. 

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die Euch in Eurem Job inspirieren?
Die Heinrich Heine Universität & das Institut für Musik und Medien der Robert-Schumann-Hochschule. Aber auch Venues wie das Zakk, Herr Nilsson oder die Brause (R.I.P), in der wir das Release-Konzert zu unserer ersten EP ‘Die Verwandlung’ gespielt haben.

Online: Instagram | Facebook | Youtube | Spotify

Vielen Dank!

Interview & Text: Maren Schüller
Fotos: Laurenz Ulrich
© THE DORF 2020

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